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Herbert George Wells


Der Krieg der Welten (The war of the worlds)


Neu übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Horst Deinert



„Wer aber soll hausen in jenen Welten, wenn sie bewohnt sein soll-

ten? ...

Sind wir oder sie die Herren des Alls? ...

Und ist dies alles dem Menschen gemacht?“

Kepler, zitiert in Burtons „Anatomie der Melancholie“, 1621 2



Erstes Buch 3

Die Ankunft der Marsianer 3 1. Am Vorabend des Krieges 3

2. Der fallende Stern 8 3. Auf der Horsell-Weide 11

4. Der Zylinder öffnet sich 13 5. Der Hitzestrahl 16

6. Der Hitzestrahl in der Chobham Road 19 7. Wie ich nach Hause kam 21

8. Freitag nacht 24 9. Der Kampf beginnt 26

10. Im Sturm 32 11. Am Fenster 36

12. Was ich von der Zerstörung von Weybridge und Shepperton gesehen habe 41

13. Wie ich mit dem Kuraten zusammentraf 50

14. In London 55 15. Was in Surrey geschah 64

16. Der Exodus aus London 71 17. Die „Thunder Child“ 80

Zweites Buch 88 Die Erde unter den Marsianern 88

1. Unterwegs 88 2. Was wir von dem zerstörten Haus aus sehen konnten 94

3. Die Tage der Gefangenschaft 101 4. Der Tod des Kuraten 106

5. Die Stille 109 6. Das Werk von fünfzehn Tagen 112

7. Der Mann auf dem Purney Hill 114 8. Das tote London 128

9. Die Verwüstung 135 Schlusswort 139

Nachwort: 143

Der Krieg der Welten von H.G. Wells und seine Folgen 143 Die Bedrohung von Außen als Schema 143

Hat Herbert George Wells das gewollt? 143 Die wissenschaftliche Situation vor 100 Jahren 144

Leben auf dem Mars? 145 Wollte Wells den Menschen einen Spiegel vorhalten? 145

Der Krieg der Welten in Nacherzählungen (sog. Pastiches) 147 Der Krieg der Welten als Hörspiel 147

Der Krieg der Welten im Film 148

Der Krieg der Welten als Musical 149 Die Ursachen der Sensationsmache 149

Daten zu den Büchern: 151 Zeittafel: 151 3




Erstes Buch. Die Ankunft der MarsianerEdit

1. Am Vorabend des KriegesEdit

Keiner hätte in diesen letzten Jahren des 19. Jahrhunderts geglaubt, dass die menschlichen Angelegenheiten beobachtet würden; dass andere intelli-gente Wesen, größer als die menschlichen und doch ebenso sterblich, uns bei unserem täglichen Tun fast ebenso eifrig belauschen und erforschen könnten, wie jemand mit dem Mikroskop jene kurzlebigen Lebewesen er-forscht, die in einem Wassertropfen umherschwärmen und sich darin ver-mehren. Mit einem unendlichen Behagen schlenderte die Menschheit mit ihren kleinen Sorgen kreuz und quer auf dem Erdball umher, in gelassenem Vertrauen auf ihre Herrschaft über die Materie. Es ist möglich, dass die mik-roskopischen Lebewesen unter dem Brennglas dasselbe tun. Niemand gab einen Gedanken auf die alten Worte von der Quelle des Weltraums als Ge-fahr für das menschliche Leben. Jede Vorstellung, dass Leben auf anderen Planeten existieren könnte, wurde als unwahrscheinlich oder unmöglich ab-getan. Es ist seltsam, sich heute der menschlichen Vorstellungen jener ver-gangenen Tage zu entsinnen. Es kam allenfalls vor, dass Erdbewohner sich einbildeten, es könnten Wesen auf dem Mars leben, minderwertige besten-falls, zumindest aber solche, die eine irdische Expedition freudig begrüßen würden. Aber jenseits des leeren Ozeans des Weltraums blickten Geister, uns gegenüber so überlegen wie wir den Tieren, ungeheure, kalte und un-heimliche Geister, mit neidischen Augen auf unsere Erde und langsam und sicher schmiedeten sie ihre Pläne gegen uns. Und am Beginn des 20. Jahr-hunderts kam die große Ernüchterung.

Der Planet Mars, ich muss den Leser wohl kaum daran erinnern, umkreist die Sonne in einer mittleren Entfernung von 140.000.000 Meilen (eine engli-sche Meile = 1,61 km, also 225.400.000 KM; der Übers.). Und er erhält von ihr kaum halb soviel Licht und Wärme wie wir. Der Mars muss, wenn die Nebu-larhypothese nur einen Kern von Wahrheit hat, älter sein als unsere Erde, und lange, ehe unser Planet zu schmelzen aufgehört hatte, muss das Leben auf seiner Oberfläche bereits begonnen haben. Weil er kaum ein Siebtel des Volumens unserer Erde ausmacht, muss seine Abkühlung bis zu der Tempe-ratur, bei der Leben beginnen konnte, sich beschleunigt haben. Er besitzt Luft und Wasser und alles Nötige zur Erhaltung von Lebewesen.

Jedoch ist der Mensch so eitel, und so verblendet durch seine Eitelkeit, dass bis zum letzten Ende des 19. Jahrhunderts nicht ein einziger Schriftsteller 4


jemals den Gedanken äußerte, dass dort geistiges Leben überhaupt oder so-gar weit über das irdische Maß hinaus entstehen könnte. Auch wurde aus den Tatsachen, dass der Mars älter ist als unsere Erde, dass er nur ein Vier-tel ihrer Oberfläche besitzt, und dass er weiter von der Sonne entfernt ist, nie der zwingende Schluss gezogen, dass er nicht nur von den Anfängen des Lebens entfernter, sondern auch dessen Ende näher ist.

Die allmähliche Abkühlung, die auch unserem Planeten bevorsteht, ist bei unserem Nachbarplaneten schon weiter fortgeschritten. Seine physikalische Beschaffenheit ist zum größten Teil noch ein Geheimnis. Doch wissen wir jetzt, dass selbst in seinen äquatorialen Regionen die Mittagstemperatur kaum die unserer kältesten Winter erreicht. Seine Atmosphäre ist viel dün-ner als die der Erde, seine Meere sind so weit zurückgetreten, dass sie kaum mehr ein Drittel seiner Oberfläche bedecken, und während des langsamen Wechsels seiner Jahreszeiten bilden sich ungeheure Schneekappen, die an jedem Pole schmelzen und seine gemäßigten Zonen periodisch überfluten. Jenes letzte Erschöpfungsstadium, für uns noch so unglaublich entfernt, ist für die Marsbewohner zu einem Tagesproblem geworden. Der unmittelbare Druck der Not hat ihren Verstand geschärft, ihre Kräfte verstärkt, ihre Her-zen verhärtet. Und während sie den Weltraum überblickten, sahen sie, aus-gerüstet mit Werkzeugen und geistigen Gaben, die wir uns kaum träumen lassen, in nächster Entfernung, nur 35.000.000 Meilen (56.350.000 KM, der Übers.) sonnenwärts, einen Morgenstern der Hoffnung: unseren eigenen, wärmeren Planeten, grün mit Vegetation, grau mit Wasser, mit einer bewölk-ten Atmosphäre, die Fruchtbarkeit andeutet und bei klarer Sicht den Blick auf breite Streifen bevölkerten Landes und schmale, dicht befahrene Seen freigibt.

Und wir Menschen, die diesen Stern bewohnen, müssen den anderen min-destens so fremdartig und niedrig erscheinen wie die Affen und Lemuren uns. Der intellektuelle Teil der Menschheit gibt bereits zu, dass das Leben ein unaufhörlicher Kampf ums Dasein ist, und es scheint, dass dieser Glau-be auch von den Marsbewohnern geteilt wird. Auf ihrem Stern ist die Abküh-lung bereits weit vorangeschritten. Diese Welt ist noch voller Leben, aber in ihren Augen ist es nur minderwertiges, tierisches. Den Krieg Richtung Sonne zu tragen, ist wirklich ihre einzige Rettung vor der Vernichtung, die von Ge-schlecht zu Geschlecht immer näher an sie herannaht.

Und bevor wir sie zu hart beurteilen, müssen wir uns erinnern, mit welcher schonungslosen und grausamen Vernichtung unsere eigene Gattung nicht nur gegen Tiere wie den verschwundenen Bison und den Dodo, sondern ge-gen unsere eigenen eingeborenen Rassen wütete. Die Tasmanier wurden trotz ihrer Menschenähnlichkeit in einem von europäischen Einwanderern geführten Vernichtungskrieg innerhalb von fünfzig Jahren vollkommen aus-gerottet. Sind wir solche Apostel der Gnade, dass wir uns beklagen dürfen, wenn die Marsleute uns in demselben Geist bekriegen?

Die Marsianer scheinen ihren Angriff mit erstaunlicher Präzision berechnet zu haben - ihre Kenntnisse in Mathematik sind den unseren offenbar weit 5


überlegen - und ihre Vorbereitungen trafen sie mit fast vollkommener Ein-mütigkeit. Hätten unsere Instrumente es erlaubt, wir hätten die drohende Gefahr schon früh im 19. Jahrhundert bemerken können. Männer wie Schi-aparelli beobachteten den roten Planeten - nebenbei bemerkt, ist es nicht seltsam, dass seit ungezählten Jahrhunderten der Mars der Stern des Krie-ges war? - aber sie waren nicht in der Lage, die schwankenden Erscheinun-gen zu erklären, die sie auf ihren Karten so genau verzeichneten. Während dieser ganzen Zeit müssen die Marsbewohner sich vorbereitet haben.

Während der Opposition von 1894 wurde auf dem erhellten Teil der Scheibe des Mars ein großes Licht wahrgenommen, zuerst im Lick-Observatorium, dann von Perrotin in Nizza, später auch von anderen Beobachtern. Englische Leser hörten zuerst davon in einer Nummer der Zeitschrift „Nature“ vom 2. August. Ich vermute, dass die Erscheinung der Reflex des in einer ungeheu-ren Vertiefung ihres Planeten angebrachten Geschützes war, aus dem ihre Geschosse auf uns abgefeuert wurden. Merkwürdige, noch unaufgeklärte Zeichen wurden in der Nähe dieses Ausbruchs im Laufe der nächsten zwei Oppositionen beobachtet.

Vor sechs Jahren brach der Sturm über uns los. Als sich der Mars der Op-position näherte, verbreitete Lavelle in Java über die Telegraphendrähte der astronomischen Mitteilungsstation die seltsame Nachricht von einem im-mensen Ausbruch weißglühenden Gases auf dem Planeten. Dies hatte am 12. gegen Mitternacht stattgefunden. Das Spektroskop, zu dem er sich sofort begab, zeigte eine Masse flammenden Gases an, überwiegend Wasserstoff, das sich mit enormer Geschwindigkeit auf die Erde zu bewegte. Dieser Feu-erstrahl war ungefähr ein Viertel nach zwölf unsichtbar geworden. Er ver-glich ihn mit einem ungeheuren flammenden Gebläse, das plötzlich und ge-waltsam aus dem Planeten hervorschoss "wie flammendes Gas aus einer Ka-none".

Das erwies sich als ein selten zutreffender Ausdruck. Am nächsten Tag je-doch stand davon nichts in den Zeitungen, ausgenommen eine kleine Notiz im „Daily Telegraph“. Die Welt verharrte in Ignoranz über eine der größten Gefahren, die jemals die menschliche Rasse bedroht hat. Ich hätte von dem Ausbruch überhaupt nichts erfahren, wäre mir nicht der bekannte Astronom Ogilvy in Ottershaw begegnet. Ihn hatte die Nachricht ungemein erregt, und im Übermaß seiner Gefühle lud er mich ein, in jener Nacht mit ihm zusam-men eine Prüfung des roten Planeten vorzunehmen.

Trotz allem, was ich seither erlebt habe, erinnere ich mich noch ganz genau an jene Nachtwache; das schwarze und stille Observatorium, die abgedun-kelte Laterne, die einen schwachen Lichtschimmer auf den Boden in der E-cke warf, das unausgesetzte Ticken des Uhrwerks am Teleskop, den längli-chen Spalt im Dach, der den Blick auf das Sternenmeer offenbarte. Ogilvy schritt auf und nieder, nicht sichtbar, aber hörbar. Blickte man durch das Teleskop, dann gewahrte man einen tiefblauen Kreis und darin schwimmend den kleinen runden Planeten. 6


Es schien so ein kleines Ding, so strahlend und klein und ruhig, undeutlich versehen mit quer verlaufenden Streifen und leicht abgeflacht gegenüber dem perfekten Rund. Aber es war so klein, so silbern schimmernd, ein stecknadelgroßer Lichtpunkt. Es schien zu zittern, aber tatsächlich war es das Teleskop, das vibrierte, während sein Uhrwerk den Planeten im Blick hielt.

Wie ich beobachtete, schien der Planet größer und wieder kleiner zu werden, sich zu nähern und wieder zu entfernen, aber es lag einfach daran, dass meine Augen zu übermüdet waren. Vierzig Millionen Meilen entfernt von uns, mehr als vierzig Millionen Meilen Leere. Nur wenige Menschen realisier-ten die immense Leere, in welcher der Staub des Universums schwimmt.

Dicht neben ihm im Gesichtsfeld, erinnere ich mich, waren drei kleine Licht-punkte, drei teleskopische Sterne, unendlich fern, und um sie herum brüte-te die unergründliche Finsternis des leeren Weltraums. Man weiß, wie diese Finsternis in einer frostigen, sternhellen Nacht aussieht. Durch das Teleskop beobachtet scheint sie noch weit tiefer. Und unsichtbar für mich, weil es so fern und klein war, legte jenes Etwas eine unglaubliche Strecke zurück; schnell und stetig flog es auf mich zu, kam in jeder Minute um so viele Tau-sende von Meilen näher heran - jenes Etwas, das sie uns schickten und das so viel Kampf und Unheil und Tod über unsere Erde bringen sollte. Als ich so spähte, träumte ich nicht einmal davon; kein Mensch auf Erden träumte damals von jenem unfehlbaren Geschoss.

In dieser Nacht aber erfolgte ein zweiter Ausbruch von Gas auf dem fernen Planeten. Ich sah ihn. Ein rötlicher Blitz an der Kante, die Umrisse nur sehr schwach erkennbar, just, als der Chronometer Mitternacht schlug. Ich sagte es Ogilvy, und er nahm meinen Platz ein. Die Nacht war warm und ich war durstig. Mit ungeschickt ausgestreckten Beinen tastete ich in der Dunkelheit nach dem Weg zu dem kleinen Tisch, auf dem die Siphonflasche stand. Ogil-vy geriet unterdessen über die Gasflammen, die auf uns zukamen, in laute Erregung.

In dieser Nacht startete ein weiteres unsichtbares Geschoss auf seinem Weg vom Mars hin zur Erde, bis auf ein oder zwei Sekunden genau vierundzwan-zig Stunden nach dem ersten. Ich erinnere mich, wie ich dort am Tisch saß; grüne und rote Kreise flimmerten vor meinen Augen. Ich ärgerte mich dar-über, dass ich keine Streichhölzer hatte, um rauchen zu können, und dachte wenig über die Bedeutung des winzigen Lichtes nach, das ich gesehen hatte, und darüber, was es mir so bald bringen sollte. Ogilvy blieb bis ein Uhr auf der Sternwarte, dann gab er es auf. Wir zündeten die Laterne an und gingen zu seinem Haus hinüber. Unten in der Dunkelheit lagen Ottershaw und Chertsey mit ihren vielen hundert friedlich schlafenden Menschen.

Ogilvy äußerte in jener Nacht Spekulationen über die Beschaffenheit des Planeten Mars, und er amüsierte sich über die landläufige Ansicht, er könne Bewohner haben, die uns Zeichen geben. Er glaubte, dass ein heftiger Mete-orschauer über dem Planeten niedergehe oder dass ein ungeheurer vulkani- 7


scher Ausbruch vonstatten gehe. Er wies mich auch darauf hin, wie unwahr-scheinlich es sei, dass auf zwei benachbarten Planeten die organische Ent-wicklung denselben Verlauf genommen habe.

"Die Chancen gegen irgend etwas Menschenähnliches auf dem Mars stehen eine Million zu eins", sagte er.

Hunderte von Beobachtern sahen die Flamme in jener Nacht und in der Nacht darauf, um Mitternacht, und wieder in der Nacht darauf, und so fort zehn Nächte, eine Flamme in jeder Nacht. Warum die Schüsse nach der zehnten Nacht aufhörten, hat niemand zu erklären versucht. Vielleicht wur-den die Gase, die sich beim Abfeuern bildeten, den Marsleuten unangenehm. Dichte Wolken von Rauch oder Dunst, durch ein mächtiges Teleskop für die Erde als kleine graue, fluktuierende Flecken sichtbar, breiteten sich in der klaren Atmosphäre des Planeten aus und verdunkelten seine bekannteren Linien.

Selbst die Tageszeitungen nahmen schließlich von diesen Störungen Kennt-nis. Populäre Aufsätze über die Vulkane des Mars tauchten auf; erst hier und da, dann überall. Ich entsinne mich, wie die satirische Zeitschrift „Punch“ in einer politischen Zeichnung glücklichen Gebrauch von ihnen machte. Aber unmerklich zogen die Geschosse, welche die Marsleute auf uns abgefeuert hatten, Richtung Erde und sausten jetzt mit einer Schnelligkeit von vielen Meilen durch den leeren Weltraum, Stunde um Stunde und Tag für Tag, näher und näher. Es scheint mir heute fast unglaublich seltsam, dass wir von dieser rasenden Gefahr bedroht unseren winzigen Geschäften nachgehen konnten, wie wir es damals taten. Ich erinnere mich noch, wie Markham jubelte, als er sich für die Illustrierte, die er in jenen Tagen he-rausgab, eine neue Fotographie des Planeten gesichert hatte. Menschen von heutzutage können sich kaum die Unternehmungslust vorstellen, die im Zei-tungswesen des 19. Jahrhunderts herrschte. Was mich betraf, so war ich damals sehr damit beschäftigt, Radfahren zu lernen; überdies war ich für eine Anzahl von Zeitschriften tätig, in denen ich Untersuchungen über die wahrscheinliche Entwicklung moralischer Ideen bei fortschreitender Zivilisa-tion veröffentlichte.

Eines Nachts (das erste Geschoss kann damals kaum 1o.ooo.ooo Meilen ent-fernt gewesen sein) machte ich mit meiner Frau einen Spaziergang. Es war sternenhell, und ich erklärte ihr die Zeichen des Tierkreises; ich zeigte ihr den Mars, einen kleinen Lichtpunkt, der sich zum Zenit hin bewegte und auf den so viele Teleskope gerichtet waren.

Die Nacht war warm. Auf unserem Heimweg zog eine Gruppe von Ausflüg-lern aus Chertsey oder Isleworth singend und musizierend an uns vorbei. Die Fenster in den oberen Stockwerken der Häuser wurden hell, als die Leu-te zu Bett gingen. Vom fernen Bahnhof kam das Geräusch rangierender Zü-ge, ein Klirren und Poltern, von der Entfernung fast zur Melodie gesänftigt. Meine Frau machte mich auf den Glanz der roten, grünen und gelben Sig- 8


nallichter aufmerksam, die wie in einem Netzwerk gegen den Horizont hin-gen. So sicher erschien alles, so ruhig.


2. Der fallende SternEdit

Dann kam die Nacht des ersten fallenden Sterns. Er war am frühen Morgen gesehen worden, wie er über Winchester hin nach Osten schoss, eine Flam-menlinie hoch in der Atmosphäre. Hunderte müssen ihn gesehen und für eine gewöhnliche Sternschnuppe gehalten haben. Albin machte auf einen grünlichen Strich hinter ihm aufmerksam, der einige Sekunden lang geglüht habe. Denning, unsere größte Autorität für Meteoriten, stellte fest, dass die Höhe seiner ersten Erscheinung ungefähr 90 oder 100 Meilen betrug. Er glaubte, dass er ungefähr 100 Meilen östlich von ihm auf die Erde gefallen sei.

Ich war zu dieser Stunde zu Hause und schrieb in meinem Arbeitszimmer. Und obwohl meine Flügelfenster gegen Ottershaw blickten und die Vorhänge aufgezogen waren (in jenen Tagen liebte ich es, den nächtlichen Himmel zu betrachten), sah ich jedoch nichts von alledem. Und doch muss dieses selt-samste aller Dinge, das je aus fremden Sphären auf die Erde fiel, gerade nie-dergegangen sein, während ich dort saß. Und hätte ich nur aufgeblickt, ich hätte es vorbeifliegen sehen können. Manche, die es sahen, behaupten, dass sein Flug von einem zischenden Geräusch begleitet war. Ich selbst bemerkte nichts. Viele Leute in Berkshire, Surrey und Middlesex müssen es fallen ge-sehen haben, und sie werden es allenfalls für einen Meteoriten gehalten ha-ben. Niemand scheint sich in jener Nacht die Mühe genommen zu haben, nach der gefallenen Masse zu suchen.

Sehr früh am Morgen des nächsten Tages jedoch erhob sich der arme Ogilvy, der die Sternschnuppe gesehen hatte. Er war überzeugt, dass irgendwo auf der Gemeindeweide zwischen Horsell, Ottershaw und Woking ein Meteorit liegen musste, und verlies mich in der Absicht, ihn zu suchen. Tatsächlich fand er ihn bald nach der Dämmerung nicht weit entfernt von den Sandgru-ben. Durch den Einschlag des Projektils hatte sich ein enormes Loch gebil-det. Sand und Kieselsteine waren mit großer Wucht in alle Richtungen über die Heide geschleudert und hatten Haufen aufgetürmt, die anderthalb Meilen weit zu sehen waren. Östlich brannte das Heidekraut, und ein dünner blau-er Rauch stieg in der Dämmerung auf.

Das Ding selbst lag fast ganz in Sand begraben zwischen den verstreuten Splittern einer Tanne, die es im Niedersausen zerschmettert hatte. Der frei-liegende Teil sah wie ein riesiger Zylinder aus, der vollständig von einer di-cken, schuppigen, dunkelbraunen Kruste bedeckt war, die seine Konturen verwischte. Er hatte einen Durchmesser von ungefähr dreißig Yards* (1 Y-ard= 91 cm, der Übers.). Ogilvy trat an die Masse heran, überrascht von ihrer Größe und mehr noch von ihrer Gestalt, da die meisten Meteoriten mehr o-der weniger abgerundet sind. Von seinem Fluge durch die Luft war der Kör- 9


per allerdings noch so heiß, dass es nicht möglich war, näher an ihn heran-zukommen. Ein surrendes Geräusch im Inneren des Zylinders schrieb er der ungleichmäßigen Abkühlung der Oberfläche zu; denn er kam noch nicht auf die Idee, dass der Zylinder hohl sein könnte.

Er verweilte am Kraterrand, den der Körper sich gegraben hatte und starrte die seltsame Erscheinung an, vor allem verblüfft über die ungewöhnliche Form und Farbgebung. Leise kam ihm der Gedanke, dass diese Erscheinung vielleicht kein Zufall sei. Der frühe Morgen war wunderbar ruhig, und die Sonne, die gerade auf die Fichten vor Weybridge schien, war schon warm. Er erinnerte sich nicht, an jenem Morgen Vögel gehört zu haben. Kein Lüftchen regte sich. Der einzige Laut kam von den schwachen Bewegungen aus dem Inneren des glimmenden Zylinders. Er war ganz allein auf der Heide.

Da plötzlich bemerkte er, unwillkürlich zurückschreckend, wie ein Stück der grauen, aschenartigen Kruste, die den Meteoriten bedeckte, sich von der kreisrunden Kante des Endes ablöste. Sie fiel in flockenweise ab und rieselte auf den Sand. Plötzlich sprang ein großes Stück ab und fiel mit einem so scharfen Klang zur Erde, dass ihm fast das Herz stockte.

Eine Minute lang konnte er kaum erfassen, was das zu bedeuten hatte. Und obwohl die Hitze übermäßig groß war, kletterte er in den Krater hinab dicht an den Klumpen heran, um ihn näher zu betrachten. Selbst dann glaubte er noch, dass auch dies mit der Abkühlung des Körpers erklärbar sei. Aber mit dieser Annahme war es nicht zu vereinbaren, dass die Asche nur von dem Ende des Zylinders abfiel.

Da bemerkte er, dass der kreisförmige Schlussteil des Zylinders sich sehr langsam um seine Achse drehte. Die Bewegung war so allmählich, dass er sie nur dadurch erkannte, weil ein schwarzer Strich, der noch vor fünf Mi-nuten in seiner Nähe sichtbar war, jetzt auf der anderen Seite der Scheibe stand. Selbst jetzt verstand er kaum, was das zu bedeuten hatte, als er einen gedämpften, kratzenden Laut hörte und zugleich sah, wie der schwarze Strich sich um etwa einen Zoll voran bewegte. Da überkam es ihn wie ein Blitz. Der Zylinder war künstlich - hohl - mit einem Ende, das sich ab-schraubte! Etwas im Inneren des Zylinders schraubte den Schlussteil ab!

"Großer Gott!" rief Ogilvy, "da innen ist ein Mensch - da innen sind Men-schen! Halb zu Tode geröstet! Die zu entkommen suchen!"

Und auf einmal, mit einem raschen Gedankensprung, verband er die Er-scheinung mit dem Lichtblitz auf dem Mars.

Der Gedanke an das eingeschlossene Geschöpf war für ihn so schrecklich, dass er nicht an die Hitze dachte und an den Zylinder heranstürzte, um die Drehung zu beschleunigen. Zum Glück aber hielt ihn die langsame Aus-strahlung davon ab, sich an dem noch glühenden Metall die Hände zu verbrennen. Einen Augenblick lang stand er unschlüssig da, dann wandte er sich ab, stieg aus dem Krater heraus und lief Hals über Kopf nach Woking. 10


Es mochte damals etwa gegen sechs Uhr gewesen sein. Er begegnete einem Fuhrmann und versuchte, ihm sein Erlebnis begreiflich zu machen. Aber was er berichtete, dazu sein Aufzug, das war alles so wüst - seinen Hut hatte er in dem Krater verloren -, dass der Mann ihn ignorierte und einfach weiter-fuhr. Genau denselben Misserfolg hatte er bei einem Wirt in der Nähe der Brücke über den Horsell, der eben die Tür seiner Schenke aufsperrte. Der Mann hielt ihn für einen entsprungenen Verrückten und machte einen er-folglosen Versuch, ihn in der Schankstube einzuschließen. Das ernüchterte ihn ein wenig, und als er Henderson, den Londoner Journalisten, in seinem Garten sah, rief er ihn an den Gartenzaun heran und versuchte nun, sich verständlich zu machen.

"Henderson", rief er, "Sie haben wohl die Sternschnuppe vorige Nacht gese-hen?"

"Nun?" sagte Henderson.

"Sie liegt jetzt draußen auf der Horsell-Weide."

"Donnerwetter!" rief Henderson. "Ein gefallener Meteorstein! Nicht übel!"

"Aber es ist etwas mehr als ein Meteorstein. Es ist ein Zylinder - ein künstli-cher Zylinder, Mann. Und es ist etwas innen im Zylinder.“

Henderson, den Spaten in der Hand, neigte sich etwas vor.

"Was erzählen Sie da?" fragte er. Er war auf einem Ohr taub.

Ogilvy erzählte ihm nun alles, was er gesehen hatte. Henderson brauchte zu seinem Verständnis etwa eine Minute,. Dann ließ er seinen Spaten fallen, griff nach seinem Rock und kam auf die Straße hinaus.Sofort liefen beide zur Weide zurück und fanden den Zylinder noch in derselben Lage. Das Ge-räusch in seinem Innern jedoch hatte aufgehört und ein schmaler Reif aus glänzendem Metall zeigte sich zwischen dem Schlussteil und dem Körper des Zylinders. An dieser Stelle drang die Luft mit einem schwach zischenden Laut entweder hinein oder heraus.

Die Männer lauschten, dann schlugen sie mit dem Stock auf die Kruste. Aus der fehlenden Antwort schlossen sie beide, dass der Mensch oder die Leute im Innern bewusstlos oder tot seien.

Beide waren natürlich nicht imstande, etwas zu tun. Sie schrieen den Einge-schlossenen einige Worte des Trostes und Versprechungen zu und kehrten zur Stadt zurück, um Hilfe zu holen. Man kann sich vorstellen, wie sie aus-sahen, bedeckt mit Staub, verstört und unordentlich, wie sie im hellen Son-nenlicht die kleine Straße entlang eilten, gerade als die Ladenbesitzer ihre Türen aufschlossen und die Leute ihre Schlafzimmerfenster öffneten. Hen-derson eilte sofort ins Stationsgebäude, um die Nachricht nach London zu 11


telegrafieren. Die Zeitungsartikel hatten die Leute schon vorbereitet und sie für eine solche Nachricht empfänglich gemacht.

Um acht Uhr war schon eine Anzahl Jungen und unbeschäftigter Leute nach der Weide aufgebrochen, um "die toten Männer vom Mars" zu besichtigen. Das war die Form, in der die Nachricht sich verbreitete. Ich hörte zuerst da-von durch meinen Zeitungsjungen“ als ich ausging, um mir meinen „Daily Chronicle“ zu holen. Ich war natürlich völlig überrascht und verlor keinen Moment, um mich über die Brücke von Ottershaw zu dem Sandhügel zu be-geben.


3. Auf der Horsell-WeideEdit

Ich fand eine kleine Ansammlung von etwa zwanzig Personen vor, die sich um den Krater scharrten, in dem der Zylinder lag. Die Gestalt des ungeheu-ren im Boden vergrabenen Körpers habe ich bereits beschrieben. Die Erde und die Sandmassen um ihn herum waren verkohlt wie durch eine plötzliche Explosion. Zweifellos hatte der Einschlag des Körpers eine Stichflamme ver-ursacht. Henderson und Ogilvy waren nicht dort. Ich nahm an, sie wussten, dass sich im Augenblick nichts tun ließ, und waren zu Henderson gegangen, um zu frühstücken.

Vier oder fünf Jungen hatten sich an den Rand des Kraters gesetzt, schun-kelten mit den Beinen und unterhielten sich damit, den riesigen Bau mit Steinen zu bewerfen, bis ich ihnen das Handwerk legte. Nachdem ich mit ihnen darüber gesprochen hatte, begannen sie um die Gruppe der Umste-henden herum ein Fangspiel.

Unter den Leuten registrierte ich zwei Radfahrer, einen Gartenarbeiter, den ich zuweilen beschäftigte, den Fleischer Gregg und seinen kleinen Sohn, ein Mädchen, das ein Kind trug, und zwei oder drei Müßiggänger und Eckenste-her, die gewöhnlich in der Nähe des Bahnhofs umherlungerten. Es wurde sehr wenig gesprochen. In den niederen Ständen Englands hatten nur weni-ge Menschen in diesen Tagen mehr als sehr schwache astronomische Vor-stellungen. Die meisten starrten nur schweigend das große, tischartige Ende des Zylinders an, das noch genauso aussah, wie es Henderson und Ogilvy verlassen hatten. Ich glaube, dass die allgemeine Erwartung der Leute, einen Haufen verkohlter Leichen zu finden, beim Anblick dieser unbelebten Masse enttäuscht wurde. Einige Personen verließen den Ort, während ich dort war, andere kamen. Ich kletterte in die Grube, und es war mir, als hörte ich unter meinen Füßen eine schwache Bewegung. Der Verschluss hatte jedenfalls aufgehört, sich zu drehen.

Erst als ich so nahe an den Körper herangetreten war, sprang mir die Fremdartigkeit seiner Erscheinung in die Augen. Auf den ersten Blick hatte er wirklich nichts Auffallenderes an sich als ein umgeworfener Wagen oder ein gefällter Baum, der den Weg versperrt. Allerdings nicht ganz so. Mehr als 12


irgend etwas anderem glich er einem rostigen, halbvergrabenen Gasrohr. Es bedurfte schon einer gewissen wissenschaftlichen Bildung, um zu bemerken, dass die graue Kruste auf dem Körper kein gewöhnliches Oxyd war, dass das gelblichweiße Metall, das auf der Spalte zwischen dem Deckel und dem Zy-linder glänzte, einen fremdartigen Farbton hatte. Der Begriff „außerirdisch“ war für die meisten Zuschauer ohne jede Bedeutung.

Damals war ich schon fest davon überzeugt, dass der Gegenstand vom Pla-neten Mars gekommen war. Aber ich hielt es für unwahrscheinlich, dass er lebende Wesen enthielt. Ich hielt die Schraubenbewegung für automatisch. Trotz Ogilvys Ansicht glaubte ich aber immer noch, dass es Lebewesen auf dem Mars gebe. Schon kam mir der Gedanke, dass der Körper Handschriften enthalten könne; ich malte mir die Schwierigkeiten aus, die sich bei ihrer Übersetzung ergeben würden, ich hoffte auf Münzen und Modelle und so fort. Aber das Ding war doch ein wenig zu groß, um mir die Richtigkeit mei-ner Vorstellungen zu verbürgen. Ich empfand eine lebhafte Ungeduld, es ge-öffnet zu sehen. Um elf Uhr etwa, als sich nichts weiter ereignete, kehrte ich, voll von solchen Gedanken, zu meinem Haus in Maybury zurück. Aber es fiel mir schwer, mit meinen abstrakten Untersuchungen voranzukommen.

Am Nachmittag hatte sich das Aussehen der Weide sehr verändert. Die frü-hen Ausgaben der Abendblätter hatten mit riesigen Schlagzeilen wie

„Eine Botschaft vom Mars“ „Merkwürdiger Bericht aus Woking“

und so weiter ganz London aufgeschreckt. Dazu noch Ogilvys Telegramme an die astronomische Mitteilungsstation, die alle Sternwarten in den drei Königreichen in Aufregung versetzt hatten.

Ein halbes Dutzend oder mehr Fiys (kleine einspännige Mietdroschken) vom Wokinger Bahnhof standen auf der Straße bei den Sandhügeln, dazu ein Korbwagen von Chobham und eine ziemlich vornehm aussehende Privatkut-sche. Zudem sah man Unmengen von Fahrrädern. Eine große Menschen-menge musste außerdem trotz der Hitze jenes Tages von Woking und Chert-sey zu Fuß hergewandert sein. Alles in allem eine beträchtliche Ansammlung - darunter auch einige Damen in hellen Kleidern.

Es war glühend heiß, kein Wölkchen am Himmel, kein Lüftchen wehte, nur einige Fichten spendeten den einzigen Schatten. Das brennende Heidekraut war gelöscht worden, aber die Ebene bis Ottershaw war geschwärzt, soweit das Auge reichte, und senkrechte Rauchsäulen stiegen noch immer auf. Ein unternehmender Obsthändler in der Chobham Road hatte seinen Sohn mit einer Wagenladung grüner Apfel und Ingwerbier heraufgeschickt.

Als ich zum Rand der Grube kam, fand ich sie von einer Gruppe von Män-nern, etwa einem halben Dutzend, besetzt - Henderson, Ogilvy und ein gro-ßer blondhaariger Mann (wie ich später hörte, war es Mr. Stent von der Kö-niglichen Astronomischen Gesellschaft) sowie einige Arbeiter, die Spaten und Beile schwangen. Stent gab seine Befehle in einer klaren hohen Stimme. Er 13


stand auf dem Zylinder, der jetzt offensichtlich viel kühler war. Sein Gesicht war dunkelrot und der Schweiß floss ihm in Strömen herab. Er schien über etwas irritiert zu sein.

Ein großer Teil des Zylinders war nun freigelegt, obwohl das untere Ende noch eingebettet lag. Sobald Ogilvy mich unter dem gaffenden Haufen am Rand der Grube bemerkte, rief er mir zu, hinabzukommen und fragte mich, ob ich zum Gutsherrn Lord Hilton hinübergehen wolle.

Die wachsende Menschenmenge, sagte er, sei ein ernstes Hindernis, das sich ihren Ausgrabungen entgegenstelle, besonders die Knaben. Es müsse ein leichtes Geländer aufgestellt werden, um die Leute zurückzudrängen. Er er-zählte mir, dass im Innern des Körpers gelegentlich noch eine leise Bewe-gung zu hören sei, es jedoch den Arbeitern nicht gelungen sei, den Schluss-teil abzuschrauben, da kein Griff angebracht sei. Der Körper schien unge-heuer dicke Wände zu haben, und es war möglich, dass die schwachen Lau-te, die wir vernahmen, von einem lärmenden Tumult im Innern herrührten.

Ich war mit Freuden bereit, seinem Wunsche nachzukommen und dadurch einer der bevorzugten Zuschauer innerhalb der geplanten Umzäunung zu werden. Leider traf ich Lord Hilton nicht zu Hause an, man teilte mir jedoch mit, dass man ihn mit dem Sechsuhrzug aus London erwarte. Da es erst un-gefähr Viertel nach fünf war, ging ich noch nach Hause, trank Tee und ging dann zum Bahnhof, um ihn unterwegs aufzuhalten.


4. Der Zylinder öffnet sichEdit

Als ich auf die Weide zurückkehrte, ging die Sonne gerade unter. Zerstreute Gruppen Neugieriger eilten aus der Richtung von Woking heran, und einige Leute kehrten zurück. Die Menge um die Grube war angewachsen und hob sich schwarz von dem Zitronengelb des Himmels ab. Es waren ungefähr zweihundert Personen. Einige laute Stimmen waren zu hören und eine Art Kampf schien bei der Grube entbrannt zu haben. Die seltsamsten Vorstel-lungen kreuzten sich in meinem Kopf. Als ich mich näherte, hörte ich Stents Stimme:

"Zurück! Zurück!"

Ein Junge kam auf mich zugelaufen.

"Es bewegt sich!" rief er mir im Vorübereilen zu, "es dreht sich, und dreht sich auf. Das gefällt mir nicht. Da gehe ich lieber nach Hause!"

Ich kam näher zur Menge heran. Es mochten tatsächlich zwei- bis dreihun-dert Leute sein, die sich gegenseitig pufften und stießen. Jeder versuchte sich vorzuschieben und die anderen zurückzudrängen. Die wenigen Damen, die zugegen waren, blieben dabei nicht am wenigsten zurück. 14



"Er ist in die Grube gefallen!" rief einer.

"Zurück!" schrieen andere.

Der Haufen schwankte ein wenig, und ich arbeitete mich mit den Ellbogen durch. Alle schienen in höchster Aufregung zu sein. Aus der Grube heraus hörte man ein eigentümlich summendes Geräusch.

"Ich bitte Sie!" rief Ogilvy, "helfen Sie mir, diese Narren zurückzudrängen. Wir wissen ja noch nicht, was in diesem verwünschten Ding steckt!"

Ich sah einen jungen Mann (ich glaube, es war ein Kommis aus Woking) auf dem Zylinder stehen und sich bemühen, wieder aus dem Krater herauszu-kriechen. Die Menge hatte ihn hineingestoßen.

Der Schlussteil des Zylinders wurde von innen heraus aufgeschraubt. Schon waren beinahe zwei Fuß der glänzenden Schraube sichtbar. Jemand stieß mich unversehens von rückwärts, und ich entging nur mit genauer Not der Gefahr, auf das Schraubenende zu stürzen. Ich wandte mich um, und in diesem Augenblick muss die Schraube herausgekommen sein. Der Deckel des Zylinders schlug mit Dröhnen auf den Kieselboden auf. Ich stieß meine Ellbogen gegen jemand hinter mir und wandte mich wieder dem Koloss zu. Einen Augenblick lang schien die kreisrunde Öffnung völlig schwarz. Der Glanz der sinkenden Sonne blendete meine Augen.

Ich glaube, jeder erwartete einen Menschen auftauchen zu sehen - wahr-scheinlich ein wenig von uns irdischen Menschen unterschieden, aber im wesentlichen doch einen Menschen. Ich jedenfalls erwartete es. Aber als ich genauer hinblickte, bemerkte ich plötzlich, wie sich im Schatten etwas be-wegte, grau, in wellenförmigen Bewegungen, eines über dem andern. Und dann sah ich zwei glühende Scheiben wie Augen. Dann löste sich etwas, das einer kleinen grauen Schlange glich, etwa in der Stärke eines Spazierstockes, aus der sich windenden Masse los und schlängelte sich in der Luft gegen mich - und dann ein zweites.

Mich fröstelte es plötzlich. Hinter mir hörte ich eine Frau laut kreischen. Ich drehte mich halb um, meine Blicke unverwandt auf den Zylinder geheftet, aus dem immer neue Fühler sich herauswanden. Dann begann ich, mir ei-nen Weg vom Rand der Grube zurückzubahnen. Ich sah, wie sich das Er-staunen in den Gesichtern der Leute in Entsetzen verwandelte. Von allen Seiten hörte ich wilde Schreie und Ausrufe. Ein allgemeines Zurückdrängen begann. Ich sah, wie der Kommis sich noch immer abmühte, aus der Grube herauszukommen. Dann sah ich mich allein und bemerkte, wie die Leute auf der anderen Seite der Grube flüchteten, unter ihnen Mr. Stent. Ich wandte mich wieder dem Zylinder zu, und ein unbändiger Schrecken ergriff mich. Wie versteinert stand ich da und starrte. 15


Ein großer, grauer und gedrungener Körper, ungefähr von der Größe eines Bären, erhob sich langsam und schwerfällig aus dem Zylinder. Als er sich aufrichtete und vom Licht beschienen wurde, glitzerte er wie nasses Leder. Mit seinen zwei großen, dunkelgefärbten Augen blickte das Geschöpf mich unverwandt an. Es hatte unter den Augen einen Mund, dessen Rand ständig zitterte und aus dem Speichel troff. Der Rumpf hob und senkte sich unter heftigem Keuchen. Ein schlankes fühlerartiges Anhängsel hielt den Rand des Zylinders umklammert, ein anderes schlängelte sich in der Luft.

Wer nie einen lebenden Marsbewohner gesehen hat, wird sich kaum die grauenvolle Hässlichkeit seiner Erscheinung vorstellen können. Der seltsa-me V-förmige Mund mit seiner zugespitzten Oberlippe, die fehlenden Augen-brauen, das fehlende Kinn unter der keilförmigen Unterlippe, das unaufhör-liche Zittern des Mundes, die gorgonenartige Gruppe der Fühler, das ge-räuschvolle Atmen der Lungen in der fremden Atmosphäre, die augenfällige Schwerfälligkeit und Mühseligkeit der Bewegungen (ohne Zweifel eine Folge der größeren Gravitation der Erde), vor allem aber die außergewöhnliche In-tensität ihrer ungeheuren Augen - das alles zusammen verursachte eine Ü-belkeit, als ob man seekrank würde. Etwas Schwammiges war in ihrer öligen braunen Haut, und in der plumpen Bedächtigkeit ihrer schwerfälligen Bewe-gungen lag etwas unbeschreiblich Erschreckendes. Schon bei dieser ersten Begegnung, bei diesem ersten Anblick wurde ich von Ekel und Entsetzen überwältigt.

Plötzlich verschwand das Monstrum. Es war über den Rand des Zylinders getaumelt und in die Grube gefallen, wo es aufschlug, als fiele eine große Menge Leders zur Erde. Ich hörte es einen seltsamen, dumpfen Schrei aus-stoßen, und in demselben Augenblick erschien ein zweites dieser Wesen in dem tiefen Schauen der Öffnung.

Bei diesem Anblick verließ mich die Erstarrung, die der erste Schreck her-vorgerufen hatte. Ich drehte mich um und rannte wie besessen bis zur nächsten Baumgruppe, die etwa hundert Yards entfernt war. Aber ich lief kreuz und quer und stolperte alle Augenblicke, denn ich brachte es nicht über mich, meine Augen von jenen Vorgängen abzuwenden.

Zwischen einigen jungen Fichten und Ginsterbüschen machte ich keuchend halt, um die weitere Entwicklung der Dinge abzuwarten. Die Weide rings um die Sandhügel war mit Leuten besät, die wie ich trotz des Grauens fasziniert dastanden und auf jene Geschöpfe oder vielmehr auf die Steinhaufen am Kraterrand starrten. Dann sah ich mit erneutem Entsetzen einen runden schwarzen Gegenstand, der an diesem Rand bald auftauchte, bald ver-schwand. Es war der Kopf jenes Kommis', der in die Grube gefallen war; er hob sich wie ein kleiner schwarzer Gegenstand vom glühenden Abendhim-mel ab. Jetzt brachte er Schultern und Knie herauf und wieder schien er zu-rückzugleiten, bis nur noch sein Kopf sichtbar war. Plötzlich verschwand auch dieser, und mir war, als hätte mich ein schwacher Schrei erreicht. 16


Ich hatte einen Augenblick die Eingebung, zurückzugehen und ihm zu hel-fen. Aber meine Furcht behielt die Oberhand. Jetzt war nichts mehr zu se-hen, da alles von der tiefen Grube und den Sandhaufen, die der Zylinder beim Aufprall gebildet hatte, verdeckt war. Wer jetzt die Straße entlang von Chobham oder Woking gekommen wäre, den hätte das Schauspiel, das sich ihm bot, in Erstaunen gesetzt: eine verstreute Menge von rund hundert oder mehr Leuten, in einem großen unregelmäßigen Kreis in Mulden, hinter Bü-schen, hinter Zäunen und Hecken stehend, kaum miteinander redend, und dann nur in kurzen erregten Rufen, und ohne Auslass auf einige Sandhau-fen starrend. Der Karren mit dem Ingwerbier, ein seltsames Überbleibsel, stach schwarz von dem glühenden Abendhimmel ab Bei den Sandgruben stand eine Reihe verlassener Fuhrwerke, deren Pferde aus Hafersäcken fra-ßen oder ungeduldig den Boden aufscharrten.

5. Der HitzestrahlEdit

Nach dem Blick auf die Marsleute, wie sie aus dem Zylinder, in dem sie von ihrem Planeten auf die Erde gekommen waren, hervorkrochen, war ich wie von einem Zauber gelähmt. Ich verharrte knietief im Heidekraut und starrte auf die Sandhügel, die sie verbargen. In mir tobte ein Kampf zwischen Angst und Neugierde.

Ich wagte es nicht, zur Grube zurückzugehen; aber ich wünschte leiden-schaftlich, einen Blick hineinwerfen zu können. Ich begann deshalb, in ei-nem weiten Bogen herumzugehen, um einen geeigneten Aussichtspunkt zu finden, dabei behielt ich aber ständig die Sandhaufen im Auge, die jene merkwürdigen Ankömmlinge auf unserer Erde meinen Blicken entzogen. Auf einmal zuckte ein Gewirr dünner schwarzer Peitschen, wie Arme eines Poly-pen, vor dem Sonnenuntergang auf, um sofort wieder zu verschwinden. Dann kam schubweise ein dünner Stab hoch, an seiner Spitze eine kreis-runde Scheibe, die sich in schwerfälliger Bewegung drehte. Was mochte dort vorgehen?

Die meisten Zuschauer hatten sich in zwei Gruppen gesammelt - ein kleiner Menschenhaufen stand Richtung Woking und ein Knäuel von Leuten in der Richtung nach Chobham. Offenbar waren die Leute in demselben seelischen Zwiespalt wie ich. Nur wenige waren direkt in meiner Nähe. In einem der Männer erkannte ich einen meiner Nachbarn, obwohl ich seinen Namen nicht kannte. Ich trat auf ihn zu und redete ihn an. Es war aber kaum ein günstiger Augenblick für eine vernünftige Unterhaltung.

"Was für scheußliche Tiere!" sagte er. "Herrgott! was für scheußliche Tiere!" Er wiederholte das immer wieder.

"Haben Sie einen Menschen in der Grube gesehen?" fragte ich ihn; aber er gab mir keine Antwort. Wir schwiegen und standen eine Zeitlang beobach-tend nebeneinander und empfingen, glaube ich, einen gewissen Trost aus 17


unserer Gesellschaft. Dann verlegte ich meinen Aussichtspunkt auf einen kleinen, etwas höheren Erdhügel. Als ich mich nach meinem Nachbarn um-wandte, sah ich ihn schon nach Woking zurückkehren.

Der Sonnenuntergang verblich allmählich zum Zwielicht, und noch ereignete sich nichts. Die Menge in der Ferne links gegen Woking schien zu wachsen, und ich vernahm ein schwaches Gemurmel. Der kleine Menschenknäuel vor Chobham zerstreute sich. Bei der Grube war kaum ein Anzeichen einer Be-wegung wahrzunehmen.

Mehr als alles andere gab das den Leuten ihren Mut zurück. Und ich denke, dass auch die Neuankömmlinge aus Woking dazu beitrugen, wieder eine zu-versichtlichere Stimmung zu wecken. Jedenfalls machte sich, als die Dun-kelheit hereinbrach, eine langsame, bisweilen unterbrochene Bewegung auf den Sandhaufen zu bemerkbar, die um so mehr an Kraft zu gewinnen schien, als die Stille des Abends rings um den Zylinder ungebrochen blieb. Aufrechte schwarze Gestalten in Zweier- und Dreiergruppen wagten sich vor, machten halt, spähten vorsichtig aus und schoben sich wieder vor. In einem sehr gelichteten, unregelmäßigen Halbkreis suchten die Leute den Krater zu umzingeln. Auch ich begann langsam darauf zuzugehen.

Dann sah ich, wie einige Fuhrleute und andere sich forsch in die Sandgru-ben vorwagten. Ich hörte das Hufklappern und das Knirschen der Räder. Ich sah, wie ein junger Bursche den Karren mit Äpfeln fortzog. Und dann be-merkte ich etwa dreißig Yards von der Grube, aus der Richtung von Horsell kommend, eine kleine schwarze Gruppe von Männern, deren vorderster eine weiße Fahne schwang.

Das war die Deputation. Es hatte eine hastige Beratung stattgefunden; und da die Marsleute trotz ihrer abstoßenden Gestalt intelligente Geschöpfe zu sein schienen, war beschlossen worden, durch Zeichen, mit denen man sich ihnen näherte, ihnen zu zeigen, dass auch wir intelligent seien.

Ich sah die Fahne hin- und herflattern, erst nach rechts, dann nach links. Ich stand zu weit entfernt, um jemand zu erkennen. Doch später erfuhr ich, dass Ogilvy, Stent und Henderson unter andern diesen Verständigungsver-such unternehmen wollten. Diese kleine Gruppe hatte den nun fast voll-ständigen Kreis von Leuten in eine sozusagen schleifenartige Linie verwan-delt. Eine Anzahl dünner schwarzer Gestalten folgte ihr in angemessener Entfernung.

Plötzlich flammte ein Lichtstrahl auf, und eine Menge leuchtenden, grünli-chen Rauches schoss in drei deutlich sichtbaren Stößen aus der Grube; eine Rauchsäule nach der andern fuhr kerzengerade in die windstille Luft empor.

Dieser Rauch - Flamme wäre vielleicht die zutreffendere Bezeichnung - war so strahlend hell, dass der tiefblaue Himmel und die undeutlichen Strecken braunen Heidelandes vor Chertsey, die mit schwarzen Fichten bepflanzt wa-ren, sich plötzlich zu verdüstern schienen, als die Stöße sich erhoben, und 18


nur noch düsterer wurden, als sich der Rauch verzogen hatte. Gleichzeitig hörte man einen schwachen zischenden Laut.

Jenseits der Grube stand der kleine Menschenhaufen mit der weißen Fahne an der Spitze bei diesem Anblick still - ein kleiner Knäuel aufrechter, schwarzer Gestalten auf dem schwarzen Boden. Als der grüne Rauch auf-stieg, flammten ihre Gesichter in einem fahlen Grün, das verblasste, sobald jener verschwand.

Da ging das Zischen allmählich in ein Summen über, in ein langes, lautes, surrendes Geräusch. Langsam erhob sich eine unförmige Gestalt aus der Grube, und ein winziger Lichtstrahl schien aus ihr hervorzuflackern.

Plötzlich fuhren wirkliche Flammen aus der zersprengten Menschengruppe hervor. In glänzenden Schwaden sprang es von einem zum andern. Es war, wie wenn ein unsichtbarer Feuerstrahl in sie gefahren sei und nun in einer weißen Flamme ausbräche. Es war, als ob jeder einzelne plötzlich in Feuer verwandelt worden wäre. Dann sah ich beim Lichte ihrer eigenen Vernich-tung, wie sie taumelten und fielen und wie die, welche sie stützten, sich zur Flucht wandten.

Ich stand da und starrte und fasste es noch nicht, dass das der Tod war, der in jener fernen kleinen Menschenmenge von Mann zu Mann raste. Dass dort etwas Seltsames vorging, war alles, was ich empfand. Ein fast lautloser und blendender Blitz - und ein Mann stürzte der Länge nach hin und blieb re-gungslos liegen. Wie das unsichtbare Hitzegeschoss über sie fuhr, gingen die Fichten in Flammen auf, und jeder dürre Ginsterbusch verwandelte sich knisternd in einen Feuerherd. In weiter Ferne gegen Knaphill zu sah ich Bäume und Hecken in Flammen und bemerkte, wie die Holzbauten plötzlich lichterloh brannten.

Er fuhr pfeilschnell und stetig ringsherum, dieser flammende Tod, dieses unsichtbare und unerbittliche Feuerschwert. An den glühenden Büschen sah ich ihn auch an mich herankommen; aber ich war zu verwirrt und zu betäubt, um mich von der Stelle zu rühren. Ich hörte das Knistern des Feu-ers in den Sandgruben und den plötzlichen Schrei eines Pferdes, der aber ebenso plötzlich verstummte. Dann war es mir, als ob ein unsichtbarer, aber glühend heißer Finger auf der Heide zwischen mir und den Marsleuten eine Linie zöge; überall in gekrümmter Linie um die Sandgruben herum rauchte und knisterte der tiefschwarze Boden. In weiter Ferne, wo die Straße von der Station Woking links ins Heideland führte, stürzte etwas mit lautem Krach zusammen. Sofort verstummte das Zischen und Summen, und der schwar-ze, kesselförmige Gegenstand sank, den Blicken entschwindend, langsam in die Grube.

Alles das war mit einer solchen Schnelligkeit vor sich gegangen, dass ich re-gungslos stehen blieb, erstarrt und geblendet von den Flammenblitzen. Hät-te der Tod in vollem Umkreis die Runde gemacht, ich wäre rettungslos mit-ten in meiner Betäubung getötet worden. Aber er ging vorüber und schonte 19


mich und ließ mich plötzlich in der dunklen und unheimlichen Nacht zu-rück.

Es war auf einmal völlig menschenleer. Über meinem Haupte tauchten nach und nach die Sterne auf, und am westlichen Himmel stand noch ein blasser, schimmernder, fast grünlichblauer Streifen. Die Wipfel der Fichten und die Dächer von Horsell kamen scharf und schwarz im westlichen Widerschein heraus. Die Marsleute und ihre Gerätschaften waren vollkommen unsicht-bar. Nur die dünne Stange, an deren Spitze die rastlose Spiegelscheibe sich drehte, blieb stehen. Ein paar Büsche und einzeln stehende Bäume glühten und rauchten noch immer. Und von den Häusern vor Woking stiegen noch Feuersäulen in die Stille der Abendluft auf.

Sonst hatte sich nichts geändert. Nur diese furchtbare Erschütterung! Die kleine Gruppe schwarzer Punkte mit der weißen Flagge war wie vom Erdbo-den weggefegt, und die Stille des Abends, so schien es mir, war kaum gebro-chen worden. Da überkam es mich, dass ich auf dieser düsteren Heide hilf-los, unbeschützt und allein dastand. Und plötzlich, wie ein Wesen, das mich von außen überfiel, kam - die Angst. Mühsam drehte ich mich um und be-gann stolpernd durch das Heidekraut zu laufen.

Die Angst, die mich beschlich, war keine vernünftige Angst, sondern pani-scher Schrecken, nicht nur vor den Marsleuten, sondern vor dem Dunkel und der Stille rings um mich. Sie nahmen mir den Mut so sehr, dass ich lei-se weinend wie ein Kind dahinlief. Und jetzt, nachdem ich mich umgekehrt hatte, wagte ich nicht mehr zurückzublicken.

Ich erinnere mich, dass ich fest davon überzeugt war, dass man mit mir spiele, dass jeden Augenblick, schon als ich fast in Sicherheit war, dieser geheimnisvolle Tod - schnell wie das Licht - aus dem Krater heraus mir nachrasen und mich niederschlagen werde.


6. Der Hitzestrahl in der Chobham RoadEdit

Es ist noch immer ein ungelöstes Rätsel, wie die Marsleute imstande sind, Menschen so rasch und lautlos zu töten. Viele meinen, dass sie fähig sind, eine ungeheure Hitze in einem Behälter zu erzeugen, der absolut nicht leitet. Diese ungeheure Hitze übertragen sie in parallelen Strahlen auf jedes belie-bige Objekt vermittels eines geschliffenen parabolischen Spiegels von unbe-kannter Zusammensetzung - ähnlich dem Lichtstrahl, den der parabolische Spiegel eines Leuchtturms versendet. Aber noch niemand vermochte diese Einzelheiten zu beweisen. Wie immer es sich verhalten mag, gewiss ist, dass ein starker Wärmestrahl das Wesentliche ist. Hitze und unsichtbares statt sichtbaren Lichtes. Alles irgendwie Brennbare geht bei der Berührung dieses 20


Strahles in Flammen auf; Blei zerfließt wie Wasser; er erweicht Eisen, bricht und schmilzt Glas; wenn er auf Wasser fällt, wird es unverzüglich zu Dampf.

In jener Nacht lagen wohl vierzig Menschen unter dem Sternenlicht um den Krater herum, verkohlt und bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die ganze Nacht blieb das Weideland von Horsell bis Maybury verödet. Nur allmählich brannten die Feuer nieder.

Die Nachricht von dem Gemetzel erreichte Chobham, Woking und Ottershaw wahrscheinlich zur selben Zeit. In Woking waren die Läden schon geschlos-sen, als das Unglück sich ereignete, und viele Menschen, Geschäftsleute und andere, gingen erregt von den Geschichten, die sie gehört hatten, über die Horsell-Brücke die Straße entlang zwischen den Hecken, die zur Weide führ-ten. Man kann sich vorstellen, wie das junge Volk nach der Arbeit des Tages zusammenströmte und jene Nachricht, So wie jede andere, zum Vorwand für gemeinsame Spaziergänge und landläufiges Liebesgeplänkel benützte. Und man kann sich vorstellen, von wie viel Stimmen die abendliche Straße erfüllt war.

Bis jetzt wussten es freilich nur wenig Leute in Woking, dass der Zylinder bereits geöffnet war, obwohl der arme Henderson einen Boten auf dem Fahr-rad zum Postamt geschickt hatte, um einen besonderen Bericht an ein A-bendblatt zu senden. Als jene Leute in Gruppen zu zweien und dreien aufs offene Feld kamen, fanden sie kleine Menschenansammlungen in erregter Unterhaltung. Alles blickte auf den wirbelnden Spiegel über den Sandgru-ben. Und bald hatte sich der Neuangekommenen dieselbe Erregung bemäch-tigt.

Um halb neun Uhr, als die Deputation vernichtet wurde, hatte sich schät-zungsweise eine Menge von dreihundert Leuten an jener Stelle befunden, außer denjenigen, die die Straße verlassen hatten, um sich näher an die Marsleute heranzuschleichen. Auch drei Polizisten, darunter einer zu Pferde, waren zugegen, die, Mr. Stents Weisungen folgend, ihr möglichstes taten, die Leute zurückzudrängen und sie abzuhalten, sich dem Zylinder zu nähern. Pfiffe und Hohngelächter wurden gehört. Sie kamen von jenen Gedankenlo-sen und Aufgeregten, denen jedes Gedränge Anlass zu Lärm und rohen Scherzen bietet.

Stent und Ogilvy, die beide die Möglichkeit eines Zusammenstoßes ahnten, hatten von Horsell nach der Kaserne telegraphiert, als die Wesen vom Mars auftauchten. Sie hatten um die Unterstützung einer Kompanie Soldaten ge-beten, welche jene fremdartigen Geschöpfe vor Gewalttätigkeiten schützen sollten. Dann waren sie sofort wieder zurückgekehrt, um jenen unglückseli-gen Vorstoß zu leiten. Die Beschreibung ihrer Ermordung, wie sie von der Menge beobachtet wurde, deckte sich genau mit meinen eigenen Eindrü-cken: die drei Stöße grünen Rauches, das tiefe summende Geräusch und die aufflammenden Blitze. 21


Aber die Gefahr, in der jene Volksmenge schwebte, war noch größer als die meine. Nur der Umstand, dass ein Sandhügel den unteren Teil des Hitze-strahls aufhielt, rettete sie. Wäre die Stange mit dem parabolischen Spiegel nur einige Yards höher gewesen, es wäre niemand übriggeblieben, um den Vorgang zu berichten. Sie sahen die Blitze, beobachteten, wie die Männer hinstürzten, wie gleichsam eine unsichtbare Hand das Gebüsch in Brand steckte, wie die Flamme im Zwielicht auf sie zuraste. Dann sauste mit einem pfeifenden Laut, der das Surren in der Grube übertönte, der Strahl dicht ü-ber ihre Köpfe hinweg, entzündete die Wipfel der Buchen, welche die Straße säumten, zersplitterte die Ziegel, zerschmetterte die Fenster, verbrannte die Fensterrahmen und zertrümmerte einen Teil des Giebels eines Eckhauses.

Bei diesem plötzlichen Aufschlag, dem Zischen und dem blendenden Licht-schein der brennenden Bäume schien die Menge einige Augenblicke zögernd hin- und herzuschwanken. Funken und brennende Zweige und einzelne Blätter fielen wie flammende Geschosse auf die Straße. Hüte und Kleider fin-gen Feuer. Von der Weide hörte man erschreckte Rufe. Kreischende Schreie gellten von allen Seiten. Plötzlich kam ein berittener Schutzmann gegen die Menge herangesprengt. Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schrie aus Leibeskräften.

"Sie kommen!" kreischte eine Frau, und sofort kehrten sich alle um und drängten die Rückwärtsstehenden, um den Weg nach Woking frei zu ma-chen. Wie eine Herde erschreckter Schafe stob die Menge blindlings ausein-ander. Zwischen den hohen Böschungen, wo die Straße eng und dunkel wurde, staute sich die Masse und ein verzweifelter Kampf begann. Nicht alle konnten sich retten; drei Personen, zwei Frauen und ein kleiner Junge, wur-den erdrückt und niedergetreten. Man ließ sie liegen und in dem Schrecken der Finsternis sterben.


7. Wie ich nach Hause kamEdit

Was mich betrifft, so erinnere ich mich an keine Einzelheiten meiner Flucht, außer dass ich an Baumstämme stieß und im Heidekraut strauchelte. Alles um mich herum unterlag der unsichtbaren Gewalt der Marsleute; jenes er-barmungslose Schwert aus Feuer schien auf und nieder zu sausen, funkelnd mir zu Haupte, bevor es niederfuhr, mir das Leben zu nehmen. Ich erreichte die Straße zwischen Horsell und den Kreuzwegen und lief darauf bis zu den Kreuzwegen.

Endlich konnte ich nicht weiter; ich war von der Heftigkeit meiner Erregung und meiner Flucht erschöpft. Ich taumelte und stürzte nieder. Das war nahe der Brücke, welche bei den Gaswerken den Kanal kreuzt. Ich fiel und blieb still liegen. Ich muss eine ganze Weile dort gelegen haben. 22


Seltsam verwirrt richtete ich mich endlich auf. Einen Augenblick vielleicht war mir nicht klar, wie ich hierher gekommen war. Wie ein Kleidungsstück war mein Schrecken von mir gefallen. Mein Hut war verschwunden, und mein Kragen war vom Hemdenknopf gerissen. Einige Minuten vorher stan-den nur drei Dinge greifbar vor mir - die Unermesslichkeit der Nacht, des Raumes und der Natur, meine eigene Schwäche und Angst und das Nahen des Todes. Nun aber war es mir, als hätte sich alles gewendet, und sofort verschob sich mein Gesichtspunkt. Ich konnte keinen merklichen Übergang von einem Gemütszustand in den andern wahrnehmen. Ganz unvermittelt war ich wieder mein eigenes alltägliches Selbst, ein gewöhnlicher, ehrbarer Bürger. Die schweigende Heide, meine gehetzte Flucht, die aufschießenden Flammen, alles erschien mir jetzt wie ein Traum. Ich fragte mich, ob sich alle diese Dinge wirklich zugetragen hätten. Ich konnte es nicht glauben.

Ich erhob mich und stieg unsicher die steile Brücke hoch. In mir war nichts als eine große Verblüffung. Muskeln und Nerven schienen alle Kraft verloren zu haben. Ich kann wohl sagen, dass ich wie ein Betrunkener taumelte. Über dem Brückenbogen tauchte ein Kopf auf, und die Gestalt eines Arbeiters, der einen Korb trug, erschien. Ein kleiner Junge lief neben ihm her. Er ging an mir vorüber und wünschte mir gute Nacht. Ich wollte mit ihm sprechen, konnte es aber nicht. Ich erwiderte seinen Gruß mit einem bedeutungslosen Gemurmel und ging weiter über die Brücke.

Über den Maybury-Viadukt brauste südwärts ein Zug, ein wogendes Wallen weißen, feurigen Rauches, eine lange Raupe erleuchteter Fenster: ein Poltern und Rasseln und Klirren, und fort war er. Eine spärliche Gruppe von Leuten stand plaudernd im Flur eines hübschen Giebelhauses. Das alles war so wirklich und vertraut. Und alles, was hinter mir lag, wie unsinnig und phan-tastisch! Solche Dinge, sagte ich mir, konnte es ja gar nicht geben.

Ich bin vielleicht ein Mann von ganz besonderen Stimmungen. Ich weiß nicht, wieweit meine Erfahrungen allgemeiner Natur sind. Ich habe Zeiten, in denen ich von den seltsamsten Empfindungen heimgesucht werde, als sei ich von mir selbst und meiner Umgebung losgelöst. Mir ist, als beobachtete ich alles von außen her, aus einer unfasslich großen Entfernung, außerhalb der Zeit, außerhalb des Raumes, jenseits von allem, was bedrückt und trau-rig macht. Diese Empfindung war in jener Nacht sehr stark. Das war ein ari-derer Teil meines Traumes.

Aber was mich verwirrte, war der schreiende Widerspruch zwischen der Hei-terkeit, die meine Augen sahen, und dem pfeilschnellen Tod, der dort drü-ben, nicht zwei Meilen entfernt, umherraste. Von den Gaswerken her scholl geschäftiger Lärm, und die elektrischen Lampen strahlten hell. Als ich zu der plaudernden Menschengruppe kam, machte ich halt.

"Was gibt's Neues auf der Weide?" fragte ich.

Zwei Männer und eine Frau standen beim Tor. 23


"Was?" rief einer der Männer, sich mir zuwendend.

"Was es Neues auf der Weide gibt?" wiederholte ich.

"Ja, sind Sie denn nicht gerade dort gewesen?" fragten die Männer.

"Die Leute scheinen ja ganz verrückt zu sein wegen der Weide", ließ sich jetzt die Frau vom Flur her vernehmen. "Was ist denn eigentlich los?"

"Haben Sie denn nichts von den Marsleuten gehört?" fragte ich. "Von den Geschöpfen vom Mars?"

"Mehr als genug", sagte die Frau. "Danke", und alle drei lachten.

Ich fühlte mich beschämt und verärgert. Ich versuchte, ihnen mitzuteilen, was ich gesehen hatte, und konnte es nicht. Sie lachten immer nur über meine gebrochenen Sätze.

"Ihr werdet noch mehr davon hören", sagte ich und ging fort zu meinem Haus.

Schon im Hausflur erschreckte ich meine Frau durch meine eingefallenen Züge. Ich ging in das Speisezimmer, setzte mich, trank etwas Wein, und so-wie ich mich etwas gesammelt hatte, erzählte ich ihr, was ich gesehen hatte. Das Essen, das aus kalten Gerichten bestand, war schon aufgetragen, blieb aber unberührt auf dem Tisch, während ich alles erzählte.

"In einem kann ich dich beruhigen", sagte ich, um die Furcht, die ich in ihr geweckt hatte, wieder abzuschwächen. "Es sind die plumpsten Geschöpfe, die ich je kriechen sah. Sie mögen die Grube besetzt halten und alle Leute, die ihnen nahe kommen, umbringen; aber sie können nicht aus ihr heraus

... Aber scheußlich sind sie!"

"Bitte, nicht!" sagte meine Frau. Sie zog ihre Brauen zusammen und legte ihre Hand auf die meine.

"Der arme Ogilvy!" sagte ich. "Zu denken, dass er da draußen tot liegt!"

Meine Frau wenigstens fand meine Erlebnisse nicht unglaubwürdig. Als ich sah, wie die Totenblässe ihr Gesicht bedeckte, brach ich plötzlich ab.

"Sie könnten hierher kommen", sagte sie immer wieder.

Ich bat sie, Wein zu trinken, und bemühte mich, sie zu beruhigen.

"Sie können sich ja kaum bewegen", sagte ich.

Ich begann nun sie und mich selbst dadurch zu trösten, dass ich alles wie-derholte, was Ogilvy mir über die Unmöglichkeit eines dauernden Aufenthal- 24


tes der Marsbewohner auf der Erde gesagt hatte. Besonderes Gewicht legte ich auf die Schwierigkeiten der Gravitation. Auf der Oberfläche der Erde ist die Schwerkraft dreimal so groß wie auf der des Mars. Ein Marsbewohner würde daher hier dreimal soviel wiegen, seine Muskelkraft aber würde gleich bleiben. Sein eigener Körper würde ihn daher drücken wie ein Bleigewicht. Wirklich war das die allgemeine Ansicht. Sowohl die „Times“ wie der „Daily Telegraph“ unter anderen Blättern übersahen, genauso wie ich, zwei diese Tatsachen offenbar umstoßende Erscheinungen.

Wie wir inzwischen wissen, enthält die Atmosphäre der Erde weit mehr Sau-erstoff oder, anders ausgedrückt, weit weniger Argon als die des Mars. Der kräftigende Einfluss von so viel Sauerstoff auf die Marsleute trug unstreitig viel dazu bei, der erhöhten Schwere ihrer Körper das Gleichgewicht zu hal-ten. Und zum Zweiten übersahen wir die Tatsache, dass die technische Intel-ligenz der Marsleute sie vollkommen befähigen würde, sich im Notfall ohne jede Muskelkraft zu behelfen.

Zu jener Zeit aber erwog ich diese Punkte nicht und übersah so die gefährli-chen Möglichkeiten jener Eindringlinge. Durch Wein und Speise und die Notwendigkeit, meine Frau zu beruhigen, wurde ich selbst nach und nach beherzter und sorgloser.

"Sie haben eine große Dummheit begangen", sagte ich, während ich mein Weinglas ergriff; "sie sind gefährlich, weil sie zweifelsohne selbst aus Furcht ganz toll geworden sind. Vielleicht erwarteten sie nicht, hier lebende Wesen zu finden, gewiss aber nicht intelligente Lebewesen. Schlimmstenfalls bom-bardiert man die Grube. Dadurch werden sie alle zu Tode kommen."

Die immense Aufregung über die letzten Ereignisse hatte meine Auffas-sungskraft ohne Zweifel in einen Zustand großer Reizbarkeit versetzt. Ich erinnere mich jener Mahlzeit noch jetzt mit großer Deutlichkeit. Das liebliche Gesicht meiner Frau unter dem rosafarbenen Lampenschirm, wie sie mich voller Angst ansah, das weiße Tischtuch mit den silbernen und gläsernen Gerätschaften - denn in jenen Tagen erlaubten sich selbst philosophische Schriftsteller so manch kleinen Luxus -, der purpurne Wein in meinem Glas, das alles sehe ich fotografisch genau vor mir. Ich selbst saß am Ende des Tisches, spielte mit meiner Zigarette, beklagte den Übereifer Ogilvys und verwünschte die kurzsichtige Furchtsamkeit der Marsianer. Ich ahnt nicht, dass dies die letzte normale Mahlzeit vor vielen seltsamen und schrecklichen Tagen sein sollte.


8. Freitag nachtEdit

Von all den merkwürdigen und erstaunlichen Dingen, die sich an jenem Freitag ereigneten, war für mich am seltsamsten das Verhältnis der Alltags-gewohnheiten unserer gesellschaftlichen Ordnung zu den ersten Anzeichen 25


jener Ereignisse, welche diese gesellschaftliche Ordnung über den Haufen werfen sollten. Hätte man am Freitag nacht mit einem Zirkel einen Kreis von fünf Meilen im Halbmesser rund um die Wokinger Sandgruben gezogen, man hätte nach meiner Überzeugung - außer etwa den Angehörigen Mr. Stents oder der paar Radfahrer aus London, die tot auf der Weide lagen - kein menschliches Wesen außerhalb dieses Kreises gefunden, dessen Emp-findungen oder Gewohnheiten nur im geringsten von den Neuankömmlingen berührt wurden. Viele Leute hatten natürlich von dem Zylinder gehört; wenn sie Zeit hatten, sprachen sie wohl auch darüber; sicherlich aber machte die Geschichte längst nicht die Sensation aus, die etwa ein Ultimatum an Deutschland gemacht haben würde.

In London wurde in jener Nacht das Telegramm des armen Henderson, das die allmähliche Aufschraubung des Geschosses beschrieb, allgemein für eine Ente gehalten, und sein Abendblatt telegrafierte an ihn um eine aufklärende Bestätigung; da aber keine Antwort von ihm eintraf - der Mann war ja tot - beschloss man, keine Sonderausgabe zu veranstalten.

Selbst innerhalb des Fünf-Meilen-Kreises blieb die große Mehrheit der Leute gleichmütig. Das Betragen der Männer und der Frauen, mit denen ich sprach, beschrieb ich bereits. Im gesamten Umkreis gingen die Leute mittags und abends zu Tisch; Arbeiter besorgten nach dem Tagwerk ihren Garten, Kinder wurden zu Bett gebracht; junge Leute und Liebespaare lustwandelten in den Heckenwegen; Gelehrte saßen über ihren Büchern.

Es mag sein, dass in den Dorfstraßen Gerüchte umgingen und in den Gast-stätten ein neuer Gesprächsstoff auftauchte, dass ab und zu ein Bote, oder sogar ein Augenzeuge der jüngsten Ereignisse, einen Sturm von Aufregung, wildes Geschrei und erschreckte Zusammenläufe verursachte. Aber im gro-ßen und ganzen ging das alltägliche Treiben - Arbeiten, Essen, Trinken, Schlafen weiter wie seit ungezählten Jahren - als ob es keinen Planeten Mars am Himmel gäbe. Selbst auf der Bahnstation von Woking, in Horsell und in Chobham war das der Fall.

Am Knotenpunkt von Woking sah man noch in später Stunde Züge halten und abfahren, andere wurden verschoben, Reisende stiegen aus und warte-ten, und alles ging in der gewohnten Weise vor sich. Ein Zeitungsjunge von der Stadt verkaufte, unbekümmert um Mr. Smiths Monopol, die Blätter mit den Neuigkeiten des Nachmittags. Das Klirren und Stoßen der Wagen und die gellenden Pfiffe der Lokomotiven vermischten sich mit seinem Geschrei: "Menschen vom Mars!" Gegen neun Uhr kamen ein paar erregte Leute mit unglaubwürdigen Berichten auf den Bahnhof, riefen aber keine größere Ver-wirrung hervor als etwa Betrunkene. Menschen, die in der Richtung London fuhren und durch die Wagenfenster in die Dunkelheit hinausbückten, sahen nur einen seltsamen flackernden, immer wieder erlöschenden und erneut auftauchenden Lichtschein vor Horsell schimmern, sahen eine rote Glut und einen dünnen Rauchschleier zum Himmel treiben; und sie hielten es höchs-tens für einen Heidebrand. Nur am letzten Stück des Weidelandes konnte man etwas Aufregung wahrnehmen. An der Gemeindegrenze von Woking 26


brannten etwa sechs Landhäuser. In allen Häusern der drei Dörfer auf der Weideseite brannte Licht und die Leute wachten bis Tagesanbruch.

Neugierige Menschenhaufen hielten sich hartnäckig auf den Brücken in Chobham und in Horsell; Leute kamen und gingen, aber die Menge blieb. Einige waghalsige Gesellen schlichen sich, wie man später hörte, in die Dunkelheit hinaus und krochen ganz nahe an die Marsleute heran, aber sie kehrten nie wieder zurück; denn von Zeit zu Zeit strich ein Lichtstrahl wie der Scheinwerfer eines Kriegsschiffes über die Weide, und der Hitzestrahl folgte unmittelbar darauf. Von diesen Unterbrechungen abgesehen schien jene große Fläche schweigend und verlassen; und die verkohlten Leichname lagen hier die ganze Nacht unter den Sternen und blieben dort den ganzen nächsten Tag. Ein hämmerndes Geräusch aus dem Krater wurde von vielen Leuten gehört.

Das war der Stand der Dinge Freitagnacht. Im Mittelpunkt der Zylinder, der in der Rinde unseres alten Planeten wie ein vergifteter Wurfspeer steckte. Doch das Gift war bisher kaum wirksam. In der übrigen Welt floss der Strom des Lebens weiter wie schon seit undenklichen Jahren. Das Fieber des Krie-ges, das in kurzem das Blut in den Adern gerinnen lassen, Nerven erröten und das Hirn zerstören sollte, musste erst aufkommen.

Eine ganze, schlaflose Nacht hindurch hämmerten die Marsleute offenbar unermüdlich an Maschinen, die sie instand setzten. Immer wieder fuhr eine Masse grünlichweißen Rauches zum sternenhellen Himmel auf.

Ungefähr gegen elf Uhr kam ein Zug Soldaten durch Horsell und verteilte sich am Rand der Weide, um eine Kette zu bilden. Später marschierte ein zweiter Zug durch Chobham, um sich auf der Nordseite zu verteilen. Einige Offiziere von der Inkerman-Kaserne waren schon früh am Morgen bei der Weide angekommen, und einer, Major Eden, wurde als vermisst gemeldet. Der Oberst des Regiments kam um Mitternacht zur Brücke von Chobham und fragte die Menge eifrig aus. Die militärischen Behörden waren sich des Ernstes der Lage zweifellos vollkommen bewusst. Am nächsten Morgen konnten die Zeitungen vermelden, dass um elf Uhr eine Schwadron Husa-ren, zwei Maximgeschütze und rund vierhundert Mann des Cardigan-Regiments von Aldershot aufbrachen.

Einige Sekunden nach Mitternacht sah die Menge in der Chertsey Road in Woking einen Stern in nordwestlicher Richtung in den Fichtenhain einfallen. Er fiel unter grünlichen Lichterscheinungen und blendete wie ein Blitz im Sommer. Dies war der zweite Zylinder.


9. Der Kampf beginntEdit

Der Samstag verbleibt in meiner Erinnerung als ein Tag Gnadenfrist. Er war auch ein Tag der Abspannung, heiß und schwül; wie man mir mitteilte, 27


wechselte das Barometer unaufhörlich. Meiner Frau gelang es, bald einzu-schlafen; ich jedoch hatte nur wenig Schlaf gefunden und stand schon früh auf. Vor dem Frühstück ging ich in den Garten und blieb dort lauschend stehen. Aber in der Richtung gegen die Weide regte sich nichts als eine Ler-che.

Der Milchmann kam wie gewohnt. Ich hörte das Rasseln seines Karrens und ging ums Haus herum zur Seitenpforte, um mir von ihm die letzten Neuig-keiten anzuhören. Er erzählte mir, dass im Laufe der Nacht die Marsleute von den Truppen umzingelt wurden und dass man die Geschütze erwarte. Ich hörte (ein vertrautes, beruhigendes Geräusch!) einen Zug nach Woking fahren.

"Man will sie nicht toten", sagte der Milchmann, "wenn man es nur irgendwie vermeiden kann."

Ich sah einen Nachbarn in seinem Garten arbeiten, unterhielt mich eine Weile mit ihm und schlenderte langsam ins Haus zurück, um zu frühstü-cken. Es war ein ganz normaler Morgen. Mein Nachbar war der Ansicht, dass es den Truppen gelingen würde, die Marsleute während des Tages ent-weder gefangen zu nehmen oder zu vernichten.

"Es ist wirklich bedauerlich, dass sie sich so unzugänglich machen", sagte er. „Es wäre doch interessant zu erfahren, wie man auf einem anderen Pla-neten lebt; und wir könnten das eine oder andere von ihnen lernen."

Er kam an den Zaun heran und hielt mir eine Hand voll Erdbeeren hin; denn er gärtnerte ebenso freigebig wie leidenschaftlich. Währenddessen teilte er mir mit, dass das Fichtengehölz bei den Byfleet Golf Links in Flammen stehe.

"Man sagt", erzählte er, "dass dort noch so ein verdammtes Ding eingefallen sei - Nummer zwei. Aber eines ist wirklich genug. Diese Bescherung wird die Versicherungsleute ein schönes Stück Geld kosten, bis alles wieder in Ord-nung ist." Er lachte mit der Miene eines überaus gutgelaunten Mannes, als er das sagte. Das Gehölz, erzählte er weiter, brenne noch immer, und er zeig-te mir eine dunstige Rauchwolke. "Sie werden es noch tagelang heiß unter den Füßen spüren wegen des Torfes und der dichten Schicht glühender Fichtennadeln", sagte er. Dann wurde er ernst und sprach von dem armen Ogilvy.

Nach dem Frühstück entschloss ich mich, statt zu arbeiten, einen Gang zur Weide zu machen. Unter der Eisenbahnbrücke traf ich eine Gruppe von Sol-daten - Pioniere, wie ich glaube, Leute mit kleinen runden Mützen, schmut-zigen offenen roten Jacken, unter denen man ihre blauen Hemden sah, in dunklen Hosen und Stiefeln, die bis zur Wade reichten. Sie sagten mir, dass niemand über den Kanal dürfe; und als ich meine Blicke die Straße entlang auf die Brücke richtete, sah ich dort einen Mann des Cardigan-Regiments Wache schieben. Mit diesen Soldaten unterhielt ich mich eine Zeitlang; ich 28


erzählte ihnen von meiner Begegnung mit den Marsleuten am vorigen A-bend. Keiner von ihnen hatte die Marsleute gesehen, und sie hatten nur ganz unklare Vorstellungen von ihnen. So bestürmten sie mich mit Fragen. Sie sagten, dass sie nicht wussten, wer das Eingreifen der Truppen veran-lasst hätte; sie vermuteten, dass bei der berittenen Garde eine Auseinander-setzung stattgefunden habe. Der gewöhnliche Pionier ist bei weitem gebilde-ter als der gemeine Soldat, und sie besprachen die sonderbaren Bedingun-gen des voraussichtlichen Kampfes mit ziemlich viel Scharfsinn. Ich schil-derte ihnen den Hitzestrahl, und sie fingen an, sich darüber zu streiten.

"Sich unter Bedeckung herankriechen und dann erst auf sie losstürzen, sage ich", meinte einer.

"Hör auf!" wandte ein anderer ein, wozu denn eine Bedeckung bei dieser Hit-ze? Höchstens um dich besser zu braten. Nein, wir müssen so nahe heran-rücken, wie das Terrain es erlaubt, und dann einen Graben ziehen."

"Zum Kuckuck mit deinen Gräben! Du brauchst immer Gräben. Du hättest als Kaninchen zur Welt kommen sollen, Snippy."

"Haben sie also wirklich keinen Nacken?" fragte mich plötzlich ein dritter, ein kleiner dunkler nachdenklicher Mann, der eine Pfeife rauchte.

Ich wiederholte meine Beschreibung.

"Oktopoden", sagte er, "sind das für mich. Da spricht man von Menschenfi-schern - diesmal heißt es Fische bekämpfen!"

"Es ist kein Mord, solche Bestien zu töten", sagte der erste Sprecher.

"Warum diese verfluchten Dinger nicht zusammenschießen und ein Ende mit ihnen machen?" meinte der kleine Dunkelhaarige. "Ihr könnt nicht wis-sen, was sie sonst noch alles anstellen."

"Wo sind denn deine Bomben?" höhnte der erste. "Dazu ist nicht mehr Zeit. Macht einen Überfall, das ist mein Plan, und macht ihn sofort."

In dieser Weise besprachen sie den Fall. Nach einer Weile verließ ich sie und ging zum Bahnhof, um mir soviel Morgenzeitungen wie möglich zu beschaf-fen.

Doch will ich den Leser mit einer Beschreibung dieses langen Morgens und des noch längeren Nachmittags nicht ermüden. Es glückte mir nicht, auch nur einen Blick auf die Weide zu werfen, denn selbst die Kirchtürme von Horsell und Chobham waren in den Händen des Militärs. Die Soldaten, an die ich mich wendete, wussten nicht das geringste. Die Offiziere waren eben-so geheimnisvoll wie geschäftig. Die Leute in der Stadt fühlten sich vollkom-men sicher bei der Anwesenheit des Militärs, so meinte ich. Damals erst hör-te ich von Marshall, dem Tabakskrämer, dass sich sein Sohn unter den To- 29


ten auf der Weide befand. Die Bewohner am Rand von Horsell waren von den Soldaten genötigt worden, ihre Häuser abzuschließen und zu verlassen.

Sehr müde kehrte ich ungefähr gegen zwei Uhr zum Mittagessen nach Hause zurück, denn, wie schon erwähnt, war der Tag drückend heiß; und um mich etwas zu erfrischen, nahm ich nachmittags ein kaltes Bad. Um halb fünf ging ich zum Bahnhof, um mir eine Abendzeitung zu kaufen, denn die Mor-genblätter hatten nur sehr dürftige Berichte vom Tode Stents, Hendersons, Ogilvys und der andern enthalten. Auch sonst stand wenig darin, das ich nicht schon wusste. Die Marsleute ließen nicht einen Zoll von sich sehen. Sie schienen in ihrer Grube sehr geschäftig zu sein; man vernahm ein un-ausgesetztes Hämmern und sah ständig Rauchsäulen aufsteigen. Sie waren offensichtlich beschäftigt, sich für einen Kampf vorzubereiten. "Neue Versu-che, eine Verständigung zu erzielen, wurden gemacht, jedoch ohne Erfolg", das war eine stereotype Wendung der Zeitungen. Ein Pionier erzählte mir, der Annäherungsversuch habe darin bestanden, dass ein Mann in einer Grube an einer langen Stange eine Fahne schwenkte. Die Marsleute schenk-ten solchen Maßnahmen ebenso große Beachtung, wie wir etwa dem Brüllen einer Kuh.

Ich muss zugeben, dass mich der Anblick aller dieser Ausrüstungen und Vorbereitungen aufs äußerste erregte. Meine Einbildungskraft wurde kriege-risch und besiegte die Eindringlinge auf dutzendfache hervorragende Weise. Ein Rest meiner Schuljungenfantasien von Schlacht und Heldentum erwach-te wieder in mir. Diesmal aber schien es mir kein ehrlicher Kampf zu sein. So hilflos erschienen mir jene in ihrer Grube.

Um drei Uhr etwa hörte man von Chertsey oder Addlestone her in abgemes-senen Zwischenräumen die ersten Kanonenschüsse. Ich erfuhr, dass man das glühende Fichtengehölz, in welches der zweite Zylinder gefallen war, be-schoss; man hoffte, dadurch das Rohr zu zerstören, bevor es sich öffnete. Derweil dauerte es bis gegen fünf Uhr, ehe eines der Feldgeschütze Chob-ham erreichte, um gegen die erste Abteilung der Marsleute gerichtet zu wer-den.

Gegen sechs Uhr abends, als ich mit meiner Frau im Gartenhaus beim Tee saß und eifrig den bevorstehenden Kampf besprach, hörte ich gedämpften Donner von der Weide her dröhnen, und direkt danach ein überaus heftiges Geschützfeuer. In blitzartiger Folge vernahm ich ein furchtbares prasselndes Krachen, das den Boden erschütterte. Ich stürzte auf den Rasenplatz hin-aus, da sah ich, wie die Wipfel der Bäume beim Oriental College in rauchen-den roten Flammen standen und der Turm der kleinen Kirche daneben ein-stürzte. Die Kuppel der Moschee war verschwunden, und der Dachstuhl der Schule sah aus, als hätte ihn ein Hundertpfünder beschossen. Einer der Schornsteine unseres Hauses zerbarst, wie von einer Bombe getroffen; seine Hauptmasse kam über die Dachziegel herabgepoltert und bildete einen Hau-fen roter Trümmer auf dem Blumenbeet vor dem Fenster meines Studier-zimmers. 30


Ich und meine Frau blieben wie betäubt stehen. Mir wurde jetzt klar, dass der Kamm des Maybury Hill im Bereich des Hitzestrahls der Marsleute liegen müsse, jetzt, da das Schulgebäude aus dem Weg geräumt war.

Da fasste ich meine Frau am Arm, und ohne weitere Überlegung stürzte ich mich auf die Straße hinaus. Dann holte ich das Dienstmädchen und ver-sprach ihr, den Koffer, nach dem sie jammerte, selbst herabzubringen.

„Wir können unmöglich hier bleiben", sagte ich, und während ich sprach, hörte man einen Augenblick später erneutes Geschützfeuer auf der Weide.

"Aber wohin sollen wir gehen?" fragte meine Frau entsetzt. Verwirrt überlegte ich. Dann erinnerte ich mich an ihre Verwandten in Leatherhead.

"Leatherhead!" schrie ich, den plötzlichen Lärm übertönend.

Sie blickte den Hügel hinunter. Die Leute stürzten erschrocken aus ihren Häusern.

"Wie sollen wir nach Leatherhead kommen?" fragte sie.

Am Fuße des Hügels sah ich einen Trupp Husaren unter der Eisenbahnbrü-cke hinreiten; sie sprengten durch die offenen Tore des Oriental College. Zwei stiegen vom Pferd und liefen von Haus zu Haus.

Die Sonne leuchtete durch den Rauch, der von den Wipfeln der Bäume auf-stieg. Sie schien blutrot und warf auf alles einen ungewohnten, düsteren Schein.

"Bleib hier stehen", sagte ich, "hier bist du sicher"; dann eilte ich sofort zu dem „Gefleckten Hund“, denn ich wusste, dass der Wirt ein Pferd und einen Dogcart besaß. Ich eilte, denn ich sah voraus, dass in kürzester Zeit jeder diese Seite des Hügels verlassen würde.

Ich fand den Wirt in seinem Schankzimmer, völlig unwissend über alles, was hinter seinem Hause vorging. Ein Mann, der mir den Rücken zuwandte, sprach mit ihm.

"Ich will ein Pfund", sagte der Wirt, "und außerdem habe ich keinen Kut-scher.”

"Ich gebe Ihnen zwei Pfund", sagte ich über die Schulter des Fremden hin-weg.

"Wofür?"

"Und ich bringe Ihnen den Wagen um Mitternacht zurück", sagte ich. 31


"Herrgott!" rief der Wirt, "wozu denn die Eile? Da bleibt einem ja der Verstand stehen. Zwei Pfund, und Sie wollen ihn zurückbringen? Was ist denn los?"

Ich erklärte ihm hastig, dass ich mein Haus verlassen müsse, und sicherte mir so das Gefährt. Es erschien mir damals längst nicht so dringend, dass auch der Wirt sein Haus verlassen müsse. Ich sorgte dafür, den Wagen auf der Stelle zu bekommen, fuhr mit ihm die Straße hinunter und ließ ihn un-ter der Obhut meiner Frau und meines Dienstmädchens. Dann rannte ich ins Haus zurück und raffte einige Dinge von Wert zusammen.

Die Buchen unterhalb des Hauses brannten lichterloh und das Gitter zur Straße hin glühte. Noch während ich meine Sachen packte, kam einer der Husaren herbeigelaufen. Er eilte von Haus zu Haus, um die Leute zur Flucht zu mahnen. Er lief schon wieder fort, als ich aus der Haustür trat, meine Schätze, in ein Tischtuch gebunden, mit mir schleppend. Ich schrie ihm nach: “Was gibt's Neues?"

Er wandte sich um, starrte mich an und brüllte etwas von "rauskriechen in einem Ding, das wie ein Schüsseldeckel aussieht." Damit lief er weiter zu dem Tor des Hauses auf der Spitze des Kammes. Ein jäher Wirbel schwarzen Rauches, der die Straße entlangzog, verbarg ihn einen Augenblick. Ich lief zur Tür meines Nachbars, klopfte an und überzeugte mich von dem, was ich bereits wusste: er war mit seiner Frau nach London gefahren und hatte sein Haus abgeschlossen. Ich eilte meinem Versprechen getreu ins Haus zurück, holte den Koffer meines Dienstmädchens, schleifte ihn heraus und befestigte ihn neben ihr auf dem Rücksitz des Wagens. Dann ergriff ich die Zügel und schwang mich auf den Kutschbock neben meine Frau. Im nächsten Augen-blick waren wir Rauch und Lärm entkommen und jagten den Abhang gegen-über dem Maybury Hill hinunter nach Old Woking.

Vor uns lag eine stille, sonnige Landschaft. Weizenfelder, die von jeder Seite der Straße aufstiegen, und das Wirtshaus von Maybury mit seinem hin- und herschwankenden Schild. Vorne sah ich das Gefährt des Doktors. Am Fuß des Hügels drehte ich mich um, um die Hügelseite, die wir jetzt verließen, noch einmal zu sehen. Dichte Säulen schwarzen Rauches, durchzuckt von Zungen roten Feuers, ragten in die stille Luft hinauf und warfen dunkle Schatten auf die grünen Baumwipfel im Osten. Der Rauch breitete sich schon weit aus, gegen den Fichtenhain von Byfleet im Osten und gegen Wo-king im Westen. Die Straße war voll von Leuten, die uns entgegenliefen. Und jetzt hörte man sehr leise, aber sehr deutlich durch die heiße, stille Luft das Knattern eines Maschinengeschützes, das aber rasch wieder verstummte, zwischendurch das Krachen von Gewehren. Die Marsleute steckten offenbar alles in Brand, was in der Reichweite ihres Hitzestrahls lag.

Ich bin kein erfahrener Kutscher und musste sofort meine Aufmerksamkeit auf das Pferd konzentrieren. Als ich mich wieder umschaute, hatte der zwei-te Hügel den schwarzen Rauch verborgen. Ich hieb mit der Peitsche auf das Pferd und hielt die Zügel lose, bis Woking und Send zwischen uns und je- 32


nem rasenden Tumult lagen. Den Doktor überholte ich zwischen Woking und Send.


10. Im SturmEdit

Leatherhead liegt etwa zwölf Meilen von Maybury Hill entfernt. Ein Duft von frischem Heu war in der Luft, als wir zu den üppigen Wiesen jenseits von Pyrford kamen, und die Hecken auf beiden Seiten des Weges standen im fröhlichen Schmuck wilder Rosen. Das heftige Schießen, das begann, als wir den Maybury Hill hinabfuhren, hörte ebenso plötzlich auf, als es eingesetzt hatte. Der Abend war wieder friedlich und still. Wir kamen ohne jeden Unfall ungefähr um neun Uhr nach Leatherhead. Das Pferd rastete eine Stunde, während ich mit meinen Verwandten das Abendbrot einnahm und meine Frau ihrer Obhut empfahl.

Meine Frau war während der Fahrt auffallend schweigsam gewesen und of-fenbar bedrückten böse Vorahnungen sie auch jetzt. Ich versuchte sie in je-der Weise aufzuheitern, bewies ihr, dass die Marsleute durch ihr Schwerge-wicht an die Grube gebunden seien und dass sie höchstens ein wenig aus ihr herauskriechen könnten. Aber sie gab mir nur einsilbige Antworten. Hät-te sie nicht das Versprechen, das ich dem Wirt gegeben hatte, abgehalten, so hätte sie mich wohl gedrungen, jene Nacht in Leatherhead zu verbringen. Wollte Gott, dass ich es getan hätte! Ich erinnere mich noch, wie weiß ihr Gesicht war, als wir Abschied nahmen.

Ich selbst war den ganzen Tag fieberhaft erregt gewesen. Etwas von dem Kriegsfieber, das gelegentlich jede zivilisierte Gemeinschaft erfaßt, war in mein Blut gefahren. Und in meinem Herzen war ich nicht sehr bekümmert, dass ich in dieser Nacht noch nach Maybury zurück musste. Ich fürchtete sogar, dass jenes letzte Gewehrfeuer, das ich gehört hatte, die Vertilgung unserer Eindringlinge vom Mars bedeutet hatte. Genauer gesagt wollte ich bei ihrem Tod dabei sein.

Es war fast elf Uhr, als ich mich zur Rückfahrt anschickte. Die Nacht war unerwartet dunkel. Als ich aus dem erleuchteten Hausflur trat, schien sie mir geradezu schwarz; und es war heiß und schwül wie am Tag. Zu unsern Köpfen jagten die Wolken, obwohl kein Lufthauch das Buschwerk um uns bewegte. Der Diener zündete beide Wagenlampen an. Zum Glück kannte ich die Straße ganz genau. Meine Frau stand im Licht der Einfahrt und sah mir zu, bis ich mich auf den Wagen schwang. Dann wandte sie sich plötzlich um und ging hinein. Sie überließ es unsern Verwandten, mir eine glückliche Fahrt zu wünschen.

Zuerst war ich ein wenig gedrückter Stimmung, weil die ängstliche Stim-mung meiner Frau mich angesteckt hatte. Schon bald aber kehrten meine Gedanken zu den Marsleuten zurück. Ich war damals noch völlig im unkla- 33


ren, wie der Kampf am Abend verlaufen war. Ich kannte nicht einmal die Umstände, die den Zusammenstoß beschleunigt hatten. Als ich durch Och-ham kam (denn zurück fuhr ich nicht wieder über Send und Woking), sah ich am westlichen Himmel einen blutroten Schein, der, als ich näher kam, langsam am Himmel hochstieg. Die treibenden Wolken eines drohenden Ge-witters vermengten sich mit Schwaden schwarzen und roten Rauches.

Die Ripley Street war verlassen, und außer einigen beleuchteten Fenstern gab es im Dorf kein Lebenszeichen. Aber ich entging nur mit knapper Not einem Unfall an der Ecke der Straße, die nach Pyrford führt. Dort stand eine Gruppe von Leuten, die mir alle den Rücken kehrten. Sie riefen mir nichts zu, als ich an ihnen vorbeifuhr. Ich weiß nicht, wie viel sie von den Vor-gängen jenseits des Hügels wussten. Ich weiß auch nicht, ob die schweigen-den Häuser, an denen mein Weg vorbeiführte, in sorglosen Schlaf versunken oder verlassen und öde waren, oder verwüstet und der Schrecken harrend, die die Nacht noch bringen sollte.

Von Ripley bis Pyrford fuhr ich im Tale des Wey, und der rote Feuerschein blieb unsichtbar, bis ich den kleinen Hügel jenseits der Kirche von Pyrford hinauffuhr. Die Bäume um mich herum bebten unter den ersten Anzeichen des Sturmes, der sich über mir zusammenbraute. Dann hörte ich von der Pyrforder Kirche hinter mir Mitternacht schlagen, und dann kam die Sil-houette des Maybury Hill heraus, mit seinen Baumwipfeln und seinen Dä-chern, die sich schwarz und scharf von der Röte abhoben. In diesem Augen-blick erhellte ein fahler grüner Schein die Straße vor mir und beleuchtete den fernen Wald vor Addlestone. Ich spürte einen Ruck an den Zügeln. Ich sah, wie die jagenden Wolken wie von einer grünen Feuerlanze durchstochen wurden, die ihre wilden Formen erhellte und auf das Feld zu meiner Linken einschlug. Es war die dritte „Sternschnuppe“!

Unmittelbar nach ihrem Erscheinen zuckte, durch den Gegensatz blendend violett, der erste Blitz, und ein Donnerschlag folgte wie der Knall einer Rake-te. Das Pferd verbiss sich in die Trense und ging durch.

Zum Fuße des Maybury Hill führte ein sanft ansteigender Weg, und hier ras-ten wir entlang. Jetzt, da das Gewitter losgebrochen war, schossen die Blitze von allen Seiten, wie ich es kaum jemals erlebt hatte. Die Donnerschläge, die mit seltsamen krachenden Nebengeräuschen dicht aufeinander folgten, äh-nelten eher den Explosionen einer riesigen elektrischen Maschine als den gewöhnlichen widerhallenden Detonationen. Das flackernde Licht wirkte blendend und verwirrte mich, und ein dünner Hagel peitschte mein Gesicht, als ich den Hügel herunterraste.

Anfangs achtete ich nur auf die Straße vor mir; plötzlich aber wurde meine Aufmerksamkeit durch etwas erregt, das sich mit rasender Schnelligkeit auf dem gegenüberliegenden Abhang des Maybury Hill abwärts bewegte. Zuerst hielt ich es für das nasse Dach eines Hauses; aber ein Blitz, der einem ande-ren unmittelbar folgte, zeigte es mir in rascher, rollender Bewegung. Es war eine flüchtige Erscheinung - ein Augenblick verwirrender Dunkelheit, gefolgt 34


von einem taghellen Blitz, dann traten die roten Mauern des Waisenhauses nahe dem Hügelkamm, die grünen Wipfel der Fichtenbäume und dieser zweifelhafte Gegenstand deutlich, scharf und glänzend heraus.

Und ich sah ihn wirklich! Wie soll ich ihn beschreiben? Ein ungeheurer Drei-fuß, höher als viele Häuser, fuhr über die jungen Fichten und schmetterte sie in seinem Lauf beiseite; eine wandelnde Maschine aus glitzerndem Me-tall, die jetzt über die Heide fuhr; gegliederte Stricke aus Stahl hingen von ihr herab, und der rasselnde Lärm ihrer Fahrt vermischte sich mit dem To-sen des Donners. Ein Blitz, und sie kam deutlich zum Vorschein, wie sie mit zwei Füßen in der Luft über einen Weg setzte, um zu verschwinden und, so hatte es den Anschein, beim nächsten Blitz etwa hundert Yards näher wie-der aufzutauchen. Man mag sich etwa einen schräg gestellten, heftig den Boden entlang geschleuderten Melkschemel vorstellen. Das war der Ein-druck, den jene kurzen Blitze zu gewinnen erlaubten. Aber statt eines Melk-schemels denke man sich den gewaltigen Körper einer Maschine auf einem dreifüßigen Gestell.

Da teilten sich plötzlich die Bäume des Fichtenghaines auf der Anhöhe vor mir, so wie sich brüchige Schilfrohre teilen, wenn ein Mann durch sie hin-durchbricht. Sie brachen einfach ab, fielen der Länge nach hin, und ein zweiter ungeheurer Dreifuß tauchte auf, der, wie es mir schien, geradenwegs auf mich zuraste. Und ich fuhr ihm mit Eile entgegen! Aber beim Anblick des zweiten Ungetüms wurde ich kopflos. Ohne lange zu überlegen, riss ich das Pferd herum, und im nächsten Augenblick lag der Wagen über dem gestürz-ten Tier; die Deichsel zerbrach mit Krachen, ich wurde zur Seite geschleu-dert und fiel mit aller Wucht in eine seichte Wasserpfütze.

Ich kroch sofort hinaus und duckte mich, meine Füße noch immer im Was-ser, hinter einem Ginsterbusch. Das Pferd lag regungslos da (das arme Tier hatte sich das Genick gebrochen), und bei den flammenden Blitzen sah ich die schwarze Masse des umgestürzten Wagens und die Umrisse des Rades, das sich noch langsam drehte. Im nächsten Augenblick kam die riesige Ma-schine an mir vorbei und wandte sich bergauf gegen Pyrford.

Von nahem sah der Gegenstand unglaublich merkwürdig aus, denn es war nicht eine bloße, sinnlose Maschine. Eine Maschine war es durchaus, mit metallisch klingendem Schritt und langen, biegsamen, glitzernden Fühlern (von denen einer eine junge Fichte erfasste), die schwingend und rasselnd von dem seltsamen Körper herabhingen. Das Ding bahnte sich mit langen Schritten seinen Weg, und das eherne, kappenartige Gehäuse obenauf be-wegte sich hin und her und erweckte den zwangsläufigen Eindruck, als sei es ein Kopf, der umherblickte. Hinter dem Hauptteil der Maschine befand sich ein ungeheurer Gegenstand aus weißem Metall, wie ein riesiger Fisch-korb.

Massen grünen Rauches entwichen stoßweise aus den Gelenken seiner Glie-der, als das Ungetüm an mir vorbeiraste. Und im Nu war es wieder fort. So viel sah ich damals, wenn auch undeutlich beim Flackern des Blitzes. 35



Als es an mir vorbeikam, entfuhr ihm ein frohlockendes und betäubendes Heulen, das den Donner übertönte: "Mu-u, Alu-u!" In der nächsten Minute hatte es mit seinem Gefährten vereinigt und bückte sich, eine halbe Meile entfernt, über einen Gegenstand, der auf dem Feld lag. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass dieser Gegenstand der dritte jener zehn Zylinder war, die vom Mars auf uns abgefeuert worden waren.

Einige Minuten lang lag ich da und hielt trotz Regen und Dunkelheit beim Schein gelegentlicher Blitze Ausschau nach jenen riesenhaften metallenen Geschöpfen, die sich in der Ferne auf und ab bewegten. Ein dünner Hagelre-gen fiel herab, und wie die Blitze kamen und gingen, wurden die Gestalten eher nebelhaft oder strahlten in hellem Schein wieder auf. Hier und da trat eine längere Pause ein, und dann verschlang die Nacht alles.

Ich war oben vom Hagel und unten vom Wasser der Pfützen völlig durch-nässt. Erst nach einiger Zeit erlaubte meine lähmende Verblüffung es mir, mich in eine trockene Lage durchzukämpfen und überhaupt über die Ge-fahr, die mir drohte, nachzudenken.

Unweit von mir entfernt stand die kleine Holzhütte eines Waldbauers, die aus einem Zimmer bestand und von einem kleinen Kartoffelgarten umgeben war. Ich brachte mich endlich wieder auf die Füße, und lief auf die Hütte zu, mich duckend und jede Gelegenheit eines Verstecks benützend. Ich häm-merte an die Türe, fand aber bei den Leuten kein Gehör (falls Leute da wa-ren). Nach einiger Zeit gab ich es auf und gelangte, von jenen riesigen Ma-schinen unbemerkt, in das Fichtengehölz von Maybury, wobei ich weite Strecken durch einen feuchten Graben kroch.

Unter dem Schutz der Bäume tastete ich mich, nass und durchgefroren, zu meinem Hause durch. Ich versuchte, im Wald den Fußweg zu finden. Es war völlig finster, die Blitze wurden weniger, und der Hagel fiel in Säulen durch die Lücken des dichten Gebüsches.

Hätte ich die Bedeutung all dieser Erscheinungen, die ich gesehen hatte, klar erfaßt, dann hätte ich wohl unverzüglich den Weg über Byfleet nach Street Cobham eingeschlagen und wäre auf diese Weise zurückgekehrt, um meine Frau in Leatherhead wieder zu treffen. Aber in jener Nacht hinderten mich die seltsamen Erlebnisse und mein elendes körperliches Befinden dar-an; denn ich war zerschunden, ermattet, bis auf die Haut durchnässt und durch den Sturm betäubt und geblendet.

Der einzige Gedanke, der mich erfüllte, war der unbestimmte Plan, zu mir nach Hause zu gelangen. Ich stolperte über die Baumstrünke, fiel in eine Pfütze, verletzte meine Knie an einer Planke und watete zuletzt auf dem Weg, der vom Gasthaus „Zum College-Wappen“ hinunterführt. Ich sage watete, denn das stürmische Wasser schwemmte den Sand in schmutzigen Wildbä-chen den Hügel hinab. In dieser Dunkelheit taumelte plötzlich ein Mann ge-gen mich und stieß mich fast zu Boden. 36



Er stieß einen Schreckensschrei aus, sprang zur Seite und rannte wie beses-sen davon, bevor ich meine Gedanken so weit sammeln konnte, um mit ihm zu sprechen. Aber die Wut des Sturmes war gerade an dieser Stelle so heftig, dass ich nur mit dem Aufgebot meiner ganzen Kräfte den Weg bergauf vo-rankam. Ich ging dicht an dem Geländer zu meiner Linken entlang und tas-tete mich an den Planken weiter.

Nahe der Spitze des Hügels stolperte ich über etwas Weiches, und beim Zu-cken eines Blitzes sah ich zu meinen Füßen eine Masse schwarzen Tuches und ein Paar Stiefel. Bevor ich deutlich sehen konnte, in welchem Zustand der Mann dalag, war das Flackern des Lichtes wieder verschwunden. Ich blieb über ihn gebeugt stehen und wartete auf den nächsten Blitz. Als er kam, sah ich, dass es ein kräftiger Mann war, einfach, aber nicht schäbig gekleidet; sein Kopf war unter seinem Körper verborgen, und er lag zusam-mengekrümmt hart am Geländer, so als wäre er heftig gegen den Zaun ge-schleudert worden.

Ich überwand meinen Widerwillen, welcher bei einem Menschen, der noch nie zuvor einen toten Körper berührt hat, natürlich ist, bückte ich mich zu ihm nieder und drehte ihn um, um nach seinem Herzen zu tasten. Er war tot. Wahrscheinlich war sein Genick gebrochen. Ein dritter Blitz zuckte, und das Gesicht des Mannes leuchtete auf. Ich sprang auf meine Füße. Es war der Wirt des „Gefleckten Hundes“, dessen Wagen ich gemietet hatte.

Ich stieg mit Vorsicht über ihn und eilte den Hügel weiter hinauf. Ich nahm meinen Weg an der Polizeiwache und dem „College-Wappen“ vorbei zu mei-nem Haus. Auf der Hügelseite brannte nichts, aber auf der Weide sah man einen roten Schein, und ein wilder Qualm rotgelben Rauches kämpfte mit dem niederströmenden Hagel. Soweit ich es beim Licht der Blitze unter-scheiden konnte, waren die meisten Häuser in meiner Umgebung unbe-schädigt. Vor dem Gasthaus lag eine dunkle Masse auf der Straße.

Von der Straße, abwärts gegen die Maybury -Brücke zu, hörte ich Stimmen und das Geräusch von Füßen. Aber ich hatte nicht den Mut, zu rufen oder hinzugehen. Ich öffnete die Tür mit meinem Hausschlüssel, trat ein, ver-schloss und verriegelte das Tor, stolperte bis zum Fuß der Treppe und setzte mich nieder. Meine Einbildungskraft war erfüllt von jenen sausenden metal-lischen Ungetümen und von dem toten Körper, der gegen das Geländer ge-schleudert worden war.

Ich verkroch mich am Fuß der Treppe, den Rücken an der Mauer, und zitter-te heftig.

11. Am FensterEdit

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Ich erwähnte bereits, dass meine Erregung sich irgendwie von selbst er-schöpfte. Einige Zeit darauf entdeckte ich, dass ich kalt und durchnässt war, und ich bemerkte einige kleine Wasserpfützen, die sich auf dem Trep-penläufer gebildet hatten. Ich stand fast mechanisch auf, ging ins Speise-zimmer und trank etwas Whisky. Dann trieb mich etwas, meine Kleider zu wechseln.

Nachdem ich es getan hatte, ging ich die Treppe hinauf in mein Studierzim-mer; warum, weiß ich nicht. Das Fenster meines Studierzimmers schaute über die Bäume und die Eisenbahn hinweg auf die Horsell-Weide.

In der Hast unserer Abreise war dieses Fenster offen geblieben. Der Weg war dunkel, und im Gegensatz zu dem Bild, das der Fensterrahmen einschloss, schien diese Seite des Zimmers undurchdringlich finster zu sein. Ich blieb auf der Türschwelle stehen.

Das Gewitter war vorüber. Die Türme des Oriental College und die Fichten-bäume, die sie umgeben hatten, waren verschwunden. In weiter Ferne war, von einem lebhaften roten Schein erhellt, die Weide um die Sandgruben her-um sichtbar. Jenseits des Lichtes bewegten sich riesige, schwarze Gestalten, grotesk und seltsam, und liefen geschäftig hin und her.


Es schien tatsächlich so, als stünde das ganze Land in Flammen. Eine breite Hügelseite war übersät mit winzigen Feuerzungen, die sich in den Windstö-ßen des sterbenden Sturmes wanden und drehten und einen roten Wider-schein auf die Wolkenzüge über ihnen warfen. Von Zeit zu Zeit trieb ein Rauchschleier, der von einer näheren Feuersbrunst kam, am Fenster vorbei und verhüllte die Gestalten der Marsleute. Ich sah weder, was sie taten, noch vermochte ich ihre Formen deutlich auszumachen; am allerwenigsten war ich imstande, die schwarzen Gegenstände zu er kennen, mit denen sie sich so eifrig befassten.

Auch konnte ich das nähere Feuer nicht entdecken, obwohl sein Wider-schein an den Wänden meines Studierzimmers tanzte. Ein scharfer, harziger Geruch von Feuer war in der Luft. Leise schloss ich die Tür und schlich auf das Fenster zu. Je näher ich kam, desto mehr weitete sich mein Ausblick, bis er auf der einen Seite die Häuser beim Wokinger Bahnhof, auf der an-dern das verkohlte und geschwärzte Fichtengehölz von Byfleet erreichte. Am Fuße des Hügels, bei der Eisenbahn nahe dem Viadukt, war ein Licht zu bemerken, und mehrere Häuser an der Straße nach Maybury und in den Gassen beim Bahnhof waren nur noch glühende Trümmer. Das Licht auf der Bahnstrecke erstaunte mich zuerst; ich sah eine schwarze Masse und einen lebhaften Schein und rechts davon eine Reihe gelber Rechtecke. Da bemerk-te ich, dass es ein zerstörter Zug war, die vorderen Teile zerschmettert und in Flammen, die hinteren Wagen noch auf den Schienen.

Zwischen diese drei Hauptfeuerherde, die Häuser, den Zug und das bren-nende Land bei Chobham, schoben sich unregelmäßig Strecken dunklen 38


Bodens, hier und da durchbrochen von Streifen schwach glimmenden und rauchenden Erdreichs. Es war ein überaus seltsames Schauspiel, diese weithin ausgedehnte, mit feurigen Flecken übersäte Fläche. Leute konnte ich zuerst nicht entdecken, obwohl ich eifrig nach ihnen Ausschau hielt. Später sah ich in der Richtung des Lichtes auf dem Wokinger Bahnhof eine Anzahl schwarzer Gestalten, die eine nach der anderen über die Lichtlinie eilten.

Und dies war die kleine Welt, in der ich jahrelang so sorglos gelebt hatte, dieses feurige Chaos! Ich wusste noch immer nicht, was eigentlich in den letzten sieben Stunden geschehen war. Ich erkannte noch nicht den Zu-sammenhang zwischen jenen mechanischen Ungeheuern und den schwerfäl-ligen Klumpen, die der Zylinder ausgespieen hatte, obwohl ich es allmählich zu erraten begann. In einem eigentümlichen Gefühl unpersönlichen Interes-ses schob ich meinen Stuhl meines Schreibtisches ans Fenster, setzte mich nieder und starrte hinaus in die geschwärzte Landschaft und besonders auf jene drei riesigen schwarzen Ungetüme, die im Lichtschein bei den Sandgru-ben auf- und niedereilten.

Sie schienen erstaunlich geschäftig. Ich begann mich zu fragen, was sie wohl sein könnten. Waren sie vernunftbegabte Mechanismen? Doch ich fühl-te, dass so etwas unmöglich sein könnte. Oder saß in jedem ein Mars-mensch, der es beherrschte, bewegte und leitete, so wie das Gehirn des Menschen in seinem Körper sitzt und herrscht? Ich fing an, diese Dinge mit menschlichen Maschinen zu vergleichen, mich zum erstenmal in meinem Leben zu fragen, was wohl ein vernünftiges, aber tieferstehendes Wesen über ein Panzerschiff, eine Dampfmaschine denken würde.

Der Sturm hatte den Himmel geklärt, und über dem Rauch des brennenden Landes versank der kleine verblassende Stecknadelkopf des Planeten Mars im Westen, als ein Soldat zu meinem Garten kam. Beim Gartenzaun hörte ich ein leises Scharren. Ich raffte mich aus meiner Erstarrung auf und er-kannte deutlich, wie er über die Planken kletterte. Beim Anblick eines ande-ren menschlichen Wesens verließ mich meine Betäubung, und ich lehnte mich eifrig aus dem Fenster.

"Pst!" rief ich leise. Er blieb, wie im Zweifel, auf dem Geländer rittlings sitzen. Dann überstieg er es und kam über den Rasen zur Ecke des Hauses. Er ging vornübergebeugt und trat nur leise auf.

"Wer ist da?" rief er im gleichen Flüsterton. Er stand unter dem Fenster und spähte herauf.

"Wohin gehen Sie?" fragte ich. "Gott weiß es."

"Wollen Sie sich verstecken?" "Jawohl."

"Kommen Sie ins Haus", sagte ich. 39


Ich ging hinunter, öffnete ihm die Tür und ließ ihn eintreten. Danach schloss ich die Tür wieder ab. Sein Gesicht konnte ich nicht sehen. Er war ohne Hut, und sein Rock stand offen.

"Mein Gott!" sagte er, als ich ihn hereinzog.

"Was ist denn geschehen?" fragte ich.

"Was ist nicht geschehen?" Selbst in der Dunkelheit konnte ich sehen, wie er eine Gebärde der Verzweiflung machte. "Sie haben uns weggewischt - ein-fach weggewischt", wiederholte er immer wieder.

Er folgte mir fast mechanisch ins Esszimmer.

"Nehmen Sie etwas Whisky", sagte ich und schenkte ihm ein tüchtiges Glas voll ein.

Er trank es aus. Dann setzte er sich plötzlich an den Tisch, legte seinen Kopf auf seine Arme und begann zu weinen und zu schluchzen wie ein kleines Kind, in einer geradezu leidenschaftlichen Erregung. Ich stand in einer merkwürdigen Vergesslichkeit für meine eigene, eben empfundene Verzweif-lung neben ihm und bestaunte ihn.

Nach einer Weile, wurde er seiner Nerven so weit Herr, um meine Fragen zu beantworten, aber auch dann konnte er nur verworren und gebrochen spre-chen. Er war Kutscher in der Artillerie und war erst um sieben Uhr ins Ge-fecht gekommen. Zu dieser Zeit war das Geschützfeuer auf der Weide bereits in vollem Gange. Man sagte, dass die erste Abteilung der Marsleute langsam zum zweiten Zylinder hinüberkroch, unter dem Schutz eines Metallschildes.

Später erhob sich dieser Schild auf ein dreifüßiges Gestell und wurde die erste jener Kampfmaschinen, die ich gesehen hatte. Das Geschütz, das er lenkte, war bei Horsell abgeprotzt worden, mit dem Befehl, die Sandgruben zu bestreichen, und seine Ankunft hatte den Kampf beschleunigt. Als die Protzwagenkanoniere sich zur Nachhut begaben, trat sein Pferd in ein Ka-ninchenloch, kam zu Fall und schleuderte ihn in eine eingesunkene Erdstel-le. Im selben Augenblick explodierte die Kanone hinter ihm, die Munition flog in die Luft, alles um ihn herum stand in Flammen und er fand sich unter einem Haufen verkohlter Leichen und toter Pferde liegen.

"Ich lag ganz still", erzählte er, "sinnlos vor Schrecken, das Vorderteil eines Pferdes auf mir. Wir waren weggewischt worden. Und der Geruch - guter Gott! Wie verbranntes Fleisch! Mein ganzer Rücken war wund durch den Sturz des Pferdes, und ich musste dort liegen bleiben, bis es mir etwas bes-ser ging. Eine Minute vorher war es noch wie bei einer Parade gewesen - dann ein Stolpern, ein Krachen, ein Zischen!" "Weggewischt!" sagte er. 40


Eine lange Zeit lag er unter dem toten Pferd verborgen; nur verstohlen späh-te er auf die Weide hinaus. Die Cardigan-Leute hatten einen Sturm versucht, in Plänkelordnung, auf die Grube los, um einfach aus dem Leben hinausge-fegt zu werden. Dann hatte sich das Ungetüm auf seine Füße erhoben und wanderte gemächlich zwischen den wenigen Flüchtigen die Weide entlang auf und ab. Dabei drehte sich seine kopfartige Bedachung nach allen Seiten genauso wie der Kopf eines mit einer Kapuze bekleideten Menschen. Eine Art Arm trug einen komplizierten metallischen Behälter, aus dem grüne Blitze sprühten, und aus einem daran befestigten Trichter fuhr der Hitzestrahl.

Soweit der Soldat sehen konnte, befand sich auf der Weide nach wenigen Minuten kein lebendes Wesen mehr, und jeder Busch, jeder Baum, der nicht schon ein schwarzes Gerippe war, stand in Flammen. Jenseits der Boden-erhebung hatten die Husaren auf der Straße gestanden, aber er sah keine Spur mehr von ihnen. Er hörte noch einige Zeit die Maximgeschütze rasseln, aber dann wurde alles still. Das Ungeheuer schonte den Wokinger Bahnhof und die Häusergruppe um ihn bis zuletzt; dann aber wurde plötzlich der Hit-zestrahl dorthin hingelenkt, und die Stadt wurde ein Haufen brennender Trümmer. Darauf schloss die Maschine den Hitzestrahl und begann, indem sie dem Artilleristen den Rücken wandte, gegen das glühende Fichtengehölz zu watscheln, das den zweiten Zylinder barg. Im selben Augenblick erhob sich ein zweiter glitzernder Titan aus der Grube.

Das zweite Ungetüm folgte dem ersten, und dann erst begann der Artillerist sehr vorsichtig über die heiße Heidenasche hin nach Horsell zu kriechen. Er schaffte es, lebend in einen feuchten Straßengraben zu gelangen, und so entkam er nach Woking. Von da an bestand sein Bericht nur noch aus wir-ren Ausrufen. Es war unmöglich, durch den Ort zu gelangen. Nur wenige Leute schienen noch zu leben, die meisten davon waren wahnsinnig, viele mit Brandwunden oder halbverbrüht Er umging das Feuer und verbarg sich unter einigen, fast versengend heißen Trümmern zerborstenen Mauerwerks. Da kehrte eines der Marsungeheuer zurück. Er sah, wie es einen Mann ver-folgte, ihn mit einem seiner stählernen Fühler ergriff und seinen Kopf gegen den Stamm einer Fichte schmetterte. Endlich, nach dem Einbruch der Nacht, lief der Artillerist in eiliger Hast zum Bahndamm und gelangte glück-lich hinüber.

Seitdem hatte er sich weiter nach Maybury zu fortgeschlichen, in der Hoff-nung, weiteren Gefahren zu entrinnen, wenn er die Richtung nach London einschlug. Die Leute hielten sich in Gräben und Kellern verborgen, und viele der Überlebenden hatten sich nach Woking Village und Send auf- und da-vongemacht. Der Mann war fast verschmachtet vor Durst, bis er endlich in der Nähe des Brückenbogens der Eisenbahn ein geborstenes Wasserrohr entdeckte, aus dem sich das Wasser wie aus einer Quelle auf die Straße er-goss.

Das war der Bericht, den ich Stück für Stück aus ihm herausbekam. Wäh-rend des Erzählens wurde er ruhiger und versuchte, mir die Dinge so an-schaulich zu machen, wie er sie gesehen hatte. Seit Mittag, sagte er mir 41


gleich zu Beginn, hatte er keinen Bissen mehr zu sich genommen. Ich fand etwas Hammelfleisch und Brot in der Speisekammer und brachte es zu ihm ins Zimmer. Wir zündeten keine Lampen an, aus Angst, dadurch die Auf-merksamkeit der Marsleute auf uns zu lenken. Und immer wieder stießen unsere Hände zusammen, wenn wir nach Brot oder Fleisch langten. Wäh-rend er sprach, traten die Gegenstände um uns etwas aus der Dunkelheit heraus, und die niedergetretenen Büsche und Rosensträucher draußen wurden sichtbar. Es sah aus, als hätte eine Schar Menschen oder Tiere den Rasen zerstampft. Allmählich nahm ich auch das Gesicht meines Gastes wahr; es war geschwärzt und eingefallen, wie ohne Zweifel auch das meine.

Nachdem wir unsere Mahlzeit beendigt hatten, schlichen wir leise in mein Studierzimmer hinauf, und ich schaute wieder durch das offene Fenster. In einer einzigen Nacht war aus dem Tal eine Aschenstätte geworden. Die Feuer waren jetzt herunter gebrannt. Wo Flammen waren, sah man jetzt nur noch Rauchsäulen. Aber die zahllosen Trümmer eingestürzter und verwüsteter Häuser, die geborstenen und geschwärzten Bäume, die die Nacht verhüllt hatte, erhoben sich nun unheimlich und furchtbar in dem unbarmherzigen Schein der Morgendämmerung. Hier und da aber war ein Gegenstand glück-lich dem Verderben entronnen - hier ein weißes Eisenbahnsignal, dort das Ende eines Glashauses, weiß und heil inmitten der Verheerung. Nie vorher in der Geschichte der Kriegsführung war eine Zerstörung so wahllos und all-gemein vor sich gegangen. Und beleuchtet von dem aufsteigenden Licht im Osten, standen drei jener metallischen Riesen bei der Grube. Ihre Dachkap-pen drehten sich im Kreise herum, so als überblickten sie die Verwüstung, die sie angerichtet.

Mir schien, als hätte der Krater sich erweitert. Und immer wieder fuhren Stöße lebhaft grünen Dampfes gegen den heller werdenden Himmel auffuh-ren auf, drehten sich wirbelnd, verteilten sich und verschwanden.

Jenseits erblickte man die Feuersäulen von Chobham. Beim ersten Strahl des Tages wurden sie zu Säulen blutroten Rauches.


12. Was ich von der Zerstörung von Weybridge und Shepper-ton gesehen habe


Als es heller wurde, zogen wir uns vom Fenster zurück und gingen leise die Treppe hinab.

Der Artillerist teilte meine Ansicht, dass das Haus nicht der geeignete Ort sei, zu verweilen. Er sagte mir, er wollte die Richtung nach London einschla-gen, um dort mit seiner Batterie - Nr.12 von der reitenden Artillerie - zu-sammenzutreffen. Meine Absicht war es, sofort nach Leatherhead zurück-zukehren; so sehr hatte mich die Kraft der Marsleute beeindruckt, dass ich 42


fest entschlossen war, meine Frau nach Newhaven zu bringen, um von dort mit ihr unverzüglich das Land zu verlassen. Denn ich hatte klar begriffen, dass die Gegend um London unvermeidlich der Schauplatz verhängnisvoller Kämpfe werden würde, ehe Geschöpfe wie diese vernichtet werden konnten.

Zwischen uns und Leatherhead lag jedoch der dritte Zylinder bei den wach-samen Riesen. Wenn ich allein gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich alles in den Wind geschlagen und wäre querfeldein gegangen. Aber der Artillerist riet mir davon ab: "Einer guten Frau", sagte er mir, "tut man keinen Gefal-len, wenn man sie zur Witwe macht." Und schließlich überredete er mich, unter dem Schutz der Wälder mit ihm nördlich bis Street Cobham zu gehen. Dort wollten wir uns trennen. Danach wollte ich einen großen Umweg über Epsom machen, um Leatherhead zu erreichen.

Ich wäre sofort aufgebrochen, aber mein Gefährte hatte im aktiven Dienst gestanden und verstand es besser. Er veranlaßte mich, das ganze Haus nach einer Feldflasche zu durchsuchen, die er mit Whisky füllte; und jede mögli-che Tasche stopften wir uns mit Zwieback und Fleischschnitten voll. Dann schlichen wir uns aus dem Hause und liefen, so schnell wir konnten, die schlechte Straße hinunter, auf der ich der Nacht vorher gekommen war. Die Häuser schienen verlassen. Auf der Straße lagen dicht nebeneinander drei vom Hitzestrahl getroffene Leichen; hier und da sah man Gegenstände, die die Leute auf ihrer Flucht verloren hatten - eine Uhr, einen Pantoffel, einen Silberlöffel und ähnliche armselige Kostbarkeiten. An der Ecke vor dem Postamt stand ein kleiner Karren, mit Koffern und Hausgerät bepackt, ohne Pferd, halb umgestürzt, mit einem gebrochenen Rad. Eine Geldkassette war in Eile aufgebrochen und in den Wirrwarr zurück geschleudert worden.

Außer dem Pförtnerhäuschen beim Waisenhaus, das immer noch in Flam-men stand, hatte keines der Häuser hier sehr gelitten. Der Hitzestrahl hatte die Schornsteine abgeschlagen und war weitergefahren. Dennoch schien es außer uns keine lebende Seele am Maybury Hill zu geben. Die Mehrheit der Bewohner hatte ihr Heil in der Flucht auf der Straße nach Old Woking ge-sucht - derselben Straße, auf der ich nach Leatherhead gefahren war -, oder sie hielt sich verborgen.

Wir gingen den kleinen Feldweg hinab, vorbei an der Leiche des schwarzge-kleideten Mannes, die jetzt vom nächtlichen Hagelschlag vollkommen durchnässt war und schlugen uns am Fuße des Hügels in das Gehölz. Wir arbeiteten uns bis zur Eisenbahn durch, ohne einer lebenden Seele zu be-gegnen. Der Wald jenseits des Eisenbahndammes war nur noch die gebors-tene und verkohlte Ruine eines Waldes; zum größten Teil waren die Bäume umgestürzt, aber eine kleine Anzahl stand noch da, trostlose graue Stämme mit dunkelbraunen statt grünen Nadeln.

Auf unserer Seite hatte das Feuer nur einige der näher stehenden Bäume versengt; jedoch nicht genügend, um einen Brand zu entfachen. An einer Stelle hatten die Holzfäller noch am Samstag gearbeitet; gefällte und frisch-geschnittene Baumstämme lagen mit ganzen Hügeln von Sägespänen neben 43


der Sägemaschine und ihrem Motor in einer Lichtung. Dicht daneben sah man eine nur für den vorübergehenden Gebrauch gezimmerte Hütte, die ver-lassen dastand. Nicht ein Lüftchen regte sich an diesem Morgen, und alles war seltsam still. Selbst die Vögel waren verstummt, und als wir so entlang eilten, flüsterten der Artillerist und ich nur, wobei wir von Zeit zu Zeit über die Schulter zurückschauten. Ein- oder zweimal stoppten wir, um zu lau-schen.

Einige Zeit danach näherten wir uns der Straße, und als wir ihr ganz nahe kamen, hörten wir das Klappern von Hufen und erblickten durch die Baum-stämme drei Kavalleristen, die langsam auf Woking zuritten. Wir riefen sie an, und sie machten halt, während wir auf sie zueilten. Es waren ein Leut-nant und zwei Mann von den 8. Husaren. Sie trugen ein Gestell, das wie ein Theodolit aussah, das aber der Artillerist mir als Heliographen erklärte.

"Sie sind die ersten Menschen, die ich auf dieser Straße heute morgen gese-hen haben", sagte der Leutnant; "was ist denn eigentlich los?"

Seine Stimme und sein Gesicht waren erfüllt von Wissbegierde. Auch die Soldaten hinter ihm starrten uns mit Neugier an. Der Artillerist sprang über den Graben auf die Straße hinab und salutierte.

"Kanonen zerstört vorige Nacht, Herr Leutnant. Habe mich versteckt. Versu-che. zur Batterie zurückzukommen, Herr Leutnant. Sie werden, wenn Sie noch eine halbe Meile auf dieser Straße reiten, die Marsleute zu Gesicht be-kommen, glaube ich.

"Wie zum Kuckuck sehen die denn aus?" fragte der Leutnant.

"Riesen in Rüstung, Herr Leutnant. Hundert Fuß hoch. Drei Beine und ein Rumpf wie Aluminium, mit einem ungeheuren Kopf in einer Kappe, Herr Leutnant."

"Hören Sie doch auf!" rief der Leutnant. "Was für ein verfluchter Unsinn!"

"Sie werden schon sehen, Herr Leutnant. Sie führen eine Art Kasten mit sich, der Feuer ausspeit und Sie totschlägt."

"Was meinen Sie eigentlich - ein Geschütz?"

"Nein, Herr Leutnant", und der Artillerist gab nun eine lebhafte Beschrei-bung des Hitzestrahls. Mitten in seiner Schilderung unterbrach ihn der Leutnant und blickte nach mir. Ich stand noch immer auf dem Damm neben der Straße.

"Haben Sie es gesehen?" fragte der Leutnant.

"Es ist vollkommen wahr", erwiderte ich. 44


"So", sagte der Leutnant, "dann glaube ich, ist es wohl auch meine Pflicht, es anzusehen. Passen Sie auf" - er wandte sich an den Artilleristen - "wir sind hier verteilt, um die Leute aus ihren Häusern zu schaffen. Sie tun am bes-ten, wenn Sie sich beim Brigadegeneral Marvin melden und ihm alles berich-ten, was Sie wissen. Er ist in Weybridge. Weg bekannt?"

"Ich kenne ihn", sagte ich. Er wandte sein Pferd wieder südwärts.

"Eine halbe Meile, sagen Sie?" fragte er.

"Höchstens", entgegnete ich und wies über die Baumwipfel nach Süden. Er dankte mir und ritt weiter. Wir haben sie nie wieder gesehen.

Etwas weiter begegneten wir einer Gruppe von drei Frauen und zwei Kin-dern. Sie waren eifrig damit beschäftigt, die Hütte eines Tagelöhners auszu-räumen. Sie hatten sich einen kleinen Handwagen beschafft und luden ihn mit unsauber aussehenden Bündeln und schäbigem Hausgerät voll. Sie wa-ren viel zu eifrig am Werk, um uns anzusprechen, als wir an ihnen vorüber-gingen.

Beim Bahnhof von Byfleet kamen wir aus den Fichtenbäumen heraus und fanden im Licht der Morgensonne das Land ruhig und friedlich vor. Wir be-fanden uns jetzt weit außerhalb des Bereiches des Hitzestrahls; wären nicht die große Stille und Verlassenheit in manchen Häusern gewesen und das geschäftige Treiben und Packen in andern, hätten wir nicht die kleine Grup-pe von Soldaten gesehen, die bei der Eisenbahnbrücke stand und fortwäh-rend nach Woking hinüberstarrte - dieser Tag wäre jedem anderen Sonntag sehr ähnlich gewesen.

Einige Bauernwagen und Karren bewegten sich ächzend auf der Straße, die nach Oddlestone führt. Plötzlich bemerkten wir durch die Zauntüre eines Feldes, jenseits eines Streifens ebenen Wiesengrundes, sechs Zwölfpfünder, in gleichmäßigen Zwischenräumen aufgestellt und gegen Woking gerichtet. Die Kanoniere standen bei den Geschützen in Bereitschaft, und die Muniti-onswagen befanden sich in gefechtsmäßiger Entfernung. Die Leute standen da, als warteten sie auf einen sofortigen Befehl.

"Sehr gut!" sagte ich. "Einen Schuss werden sie auf alle Fälle abbekommen."

Der Artillerist zögerte an der Türe des Zauns. "Ich gehe weiter!" sagte er.

Weiter hin gegen Weybridge zu, gerade bei der Brücke, stand eine Anzahl Soldaten in weißen Arbeitskitteln und warf eine lange Schanze auf. Dahinter standen einige weitere Geschütze.

"Egal, das nenne ich Pfeil und Bogen gegen den Blitz", sagte der Artillerist. "Die haben den Hitzestrahl noch nicht gesehen." 45


Die Offiziere, die nicht beschäftigt waren, standen da und blickten unver-wandt über die Baumwipfel in südwestlicher Richtung. Und die Mannschaft hielt alle Augenblicke mit dem Graben ein, um auch dorthin zu starren.

Byfleet war in wilder Bewegung. Die Leute packten, und ein Trupp Husaren, einige zu Fuß, wieder andere beritten, jagte sie durcheinander. Drei oder vier schwarze, stattliche Wagen mit dem Kreuz in weißem Feld und ein alter Stellwagen wurden neben andern Gefährten in der Dorfstraße beladen. Scharen von Leuten waren in den Straßen, die meisten von ihnen sonntäg-lich genug gestimmt, um mit ihren besten Gewändern bekleidet zu sein. Die Soldaten hatten die größte Mühe, ihnen den Ernst ihrer Lage verständlich zu machen. Wir sahen einen runzligen alten Gesellen mit einer riesigen Kiste und etwa zwanzig oder mehr Blumentöpfen mit Orchideen, wie er wütend einen Korporal anfuhr, der die Blumen zurücklassen wollte. Ich blieb stehen und fasste ihn beim Arm.

"Wissen Sie, was dort drüben ist?" fragte ich ihn und wies auf die Fichten-wipfel, welche die Marsleute verbargen.

"Was?" sagte er und wandte sich um, "ich habe eben erklärt, wie kostbar diese Blumen sind."

"Der Tod!" schrie ich. "Der Tod kommt! Der Tod!" Und indem ich es ihm ü-berließ, das hinunterzuwürgen, so gut er konnte, rannte ich dem Artilleris-ten nach. An der Ecke blickte ich zurück. Der Soldat hatte ihn stehen gelas-sen; er aber stand noch bei seiner Kiste und den Orchideentöpfen und starr-te verständnislos über die Bäume hinweg.

Kein Mensch in Weybridge konnte uns sagen, wo das Hauptquartier aufge-schlagen war. Der ganze Ort befand sich in einem Zustand geräuschvoller Verwirrung, den ich in noch keiner Stadt vorher gesehen hatte. Überall Kar-ren und Wagen, die erstaunlichsten Zusammensetzungen von Fahrgelegen-heiten und Pferdematerial. Die angesehenen Einwohner des Ortes, Männer in Golf- und Ruderkostümen, adrett gekleidete Frauen, alle packten ein, von den Flussbummlern kräftig unterstützt. Die Kinder aufgeregt und zum größ-ten Teil begeistert über diese erstaunliche Änderung ihrer Sonntagserfah-rungen. Und inmitten dieses Chaos stand der würdige Prediger, der mit an-erkennenswertem Mut einen Frühgottesdienst veranstaltete. Seine Glocke schrillte in die Aufregung hinein.

Der Artillerist und ich saßen auf der Sockelstufe des Trinkbrunnens und hielten mit den mitgenommenen Essvorräten eine leidliche Mahlzeit. Pa-trouillen von Soldaten, in diesem Falle nicht Husaren, sondern weiße Gre-nadiere, ermahnten die Leute, nicht länger zu zögern, sondern zu fliehen o-der in den Kellern ihre Zuflucht zu nehmen, sobald die Schießerei beginnen werde. Beim Überschreiten der Eisenbahnbrücke sahen wir, dass ein ständig anwachsender Menschenhaufen sich in und vor dem Bahnhof angesammelt hatte, und der Bahnsteig mit Koffern und Paketen überhäuft war. 46


Wir hielten uns eine Weile in Weybridge auf. Um die Mittagszeit befanden wir uns nahe der Sheppertonschleuse, an der Wey und Themse sich vereinigen. Der Wey hat eine dreiteilige Mündung, und an dieser Stelle kann man Boote mieten, oder man benutzt die Fähre, die den Fluss überquert. Auf der Shep-pertoner Seite befand sich ein Gasthaus mit einem Rasenplatz, und dahinter erhob sich der Turm der Kirche von Shepperton über den Bäumen.

Hier fanden wir einen aufgeregten und lärmenden Haufen Flüchtender ver-sammelt. Bisher war die Flucht noch nicht zur Panik angewachsen; doch waren schon jetzt viel mehr Menschen da, als die Boote, die hin- und her-fuhren, aufzunehmen in der Lage waren. Immer mehr Menschen kamen, die unter ihren schweren Lasten keuchten. Ein Ehepaar schleppte sogar eine kleine Haustüre mit sich, auf die es seine Gerätschaften getürmt hatte. Ein Mann gab an, er würde versuchen, vom Sheppertoner Bahnhof abzufahren.

Es wurde viel hin- und hergeschrieen, und jemand machte sogar Witze. Die Leute stellten sich offenbar vor, dass die Marsleute einfach furchtbare menschliche Wesen seien, die wohl eine Stadt angreifen und plündern könn-ten, aber die man schließlich doch ganz sicher vernichten werde. Jeden Au-genblick spähten die Leute über den Weg hinweg zu den Wiesen vor Chert-sey. Dort jedoch war alles ruhig.

Jenseits der Themse, außer gerade dort, wo die Boote landeten, lag alles still, in grellem Gegensatz zur Surreyseite. Die Leute, die dort landeten, trab-ten alle den Feldweg hinab. Das große Fährboot hatte eben eine Fahrt zu-rückgelegt. Drei oder vier Soldaten standen auf dem Rasenplatz des Gast-hauses, gafften und machten sich über die Flüchtenden lustig, ohne Anstal-ten zu machen, ihnen zu helfen. Das Gasthaus war vorschriftsmäßig ge-schlossen.

"Was ist das?" rief ein Bootsmann, und "Kusch dich, du Narr!" fuhr ein Mann neben mir seinen kläffenden Hund an. Da war der Ton wieder, dieses Mal aus der Gegend von Chertsey, ein dumpfer Schlag - das Feuern eines Geschützes.

Die Schlacht begann. Fast unmittelbar darauf fielen unsichtbare Batterien - unsichtbar wegen der Bäume - jenseits des Flusses zu unserer Rechten in den Chor ein, heftig feuernd - eine nach der andern. Eine Frau schrie. Jeder stand bei dem plötzlichen Beginn der Schlacht wie gebannt da; sie tobte ne-ben uns und doch für uns unsichtbar. Nichts war zu sehen als ebene Wiesen und unbekümmert weitergrasende Kühe und beschnittene Silberweiden, die ohne Regung im warmen Sonnenlicht standen.

"Die Soldaten werden sie schon stoppen", meinte eine Frau neben mir etwas unsicher. Ein feiner Rauch erhob sich über den Baumkronen.

Plötzlich sahen wir eine Rauchwolke weiter oben am Fluss, ein Rauchstoß, der in die Luft schoss und dort hängen blieb. Im gleichen Augenblick hob sich der Boden unter unsern Füßen, und ein heftiger Zündschlag erschütterte die Luft; einige Fenster in den näher gelegenen Häusern 47


terte die Luft; einige Fenster in den näher gelegenen Häusern zerbrachen. Betäubt blieben wir stehen.

"Da sind sie!" schrie ein Mann in blauem Jersey. "Da drüben! Seht ihr's nicht? Da drüben!"

Blitzschnell, einer nach dem andern, tauchten ein, zwei, drei, vier gepanzerte Marsleute in weiter Ferne bei den kleinen Bäumen jenseits der ebenen Wie-sen auf, die sich nach Chertsey erstrecken. Sie näherten sich eilig dem Flus-se. Wie kleine kapuzinerartige Gestalten schienen sie zuerst, die sich rollend fortbewegten, schnell wie fliegende Vögel.

Dann kam ein fünfter in schräger Richtung auf uns zu. Ihre gepanzerten Leiber glitzerten im Sonnenschein, als sie auf die Geschütze zueilten, und im Näherkommen wuchsen sie mit reißender Schnelligkeit. Der, der am weites-ten entfernt, ganz links war, schwang einen riesigen Behälter in der Luft, und der geisterhafte, furchtbare Hitzestrahl, den ich schon Freitag nachts gesehen hatte, fuhr gegen Chertsey und traf die Stadt.

Beim Anblick dieser seltsamen, schnellen, schrecklichen Geschöpfe schien die Menschenmenge am Ufer vor Schreck zu erstarren. Man vernahm weder Schreien noch Jammern. Alles blieb still. Dann ein heiseres Gemurmel, eine Bewegung von Füßen - ein Aufspritzen von Wasser. Ein Mann, der zu er-schrocken war, um seine Reisetasche von der Schulter fallen zu lassen, warf sich herum und stieß mich mit seiner Last fast zu Boden. Eine Frau stieß mit ihrer Hand nach mir und stürzte an mir vorbei. Gleichzeitig mit der Menge wandte ich mich um; aber mein Entsetzen war nicht stark genug, um mich am Denken zu hindern. Der furchtbare Hitzestrahl beschäftigte meine Gedanken. Unter das Wasser flüchten! Das war das Richtige!

"Unters Wasser!" schrie ich, ohne gehört zu werden.

Ich wandte mich wieder um und stürzte dem herankommenden Marswesen entgegen - rannte schnurstracks die kiesige Böschung hinab und warf mich kopfüber ins Wasser. Andere folgten mir. Ein Boot kam zurück, und die Leu-te sprangen heraus, als ich an ihnen vorbeistürmte. Die Steine unter meinen Füßen waren lehmig und schlüpfrig, und der Fluss war so seicht, dass ich wahrscheinlich zwanzig Fuß weit lief und das Wasser mir dennoch nur bis zur Hüfte reichte. Dann, als der Marsianer kaum zweihundert Yards entfernt zu meinem Kopfe auftauchte, warf ich mich nieder und tauchte unter. So oft die Leute aus den Booten in den Fluss sprangen, schall es wie Donnerschlä-ge in meinen Ohren. Auf beiden Seiten des Flusses stiegen Menschen ans Land.

Aber die Marsmaschine beachtete diese hin- und herlaufende Menschen-menge nicht mehr, als etwa ein Mensch, dessen Fuß einen Ameisenhaufen zerstört hat, diese Verwirrung beachtet. Als ich, halb erstickt, meinen Kopf über das Wasser erhob, war die Dachhaube des Marsmannes gegen die Bat-terien gerichtet, die noch immer über den Fluss schossen; und als er heran- 48


kam, schwang er frei in der Luft jenes Ding, welches der Generator des Hit-zestrahls sein musste.

Im nächsten Augenblick erreichte die Maschine das Ufer, und weit aus-schreitend watete sie halb durch. Die Knie der Vorderbeine waren schon auf dem andern Ufer, und gleich darauf erhob es sich schon zu seiner vollen Höhe, ganz in der Nähe von Shepperton. Sofort begannen die sechs Geschüt-ze, welche für jeden unsichtbar am rechten Ufer hinter den Ausläufern des Dorfes verborgen waren, gleichzeitig zu feuern. Die unerwartete Nähe der Er-schütterung, die Schnelligkeit, mit der der letzte Schuss dem ersten folgte, ließen meinen Puls flattern. Das Ungeheuer erhob schon den Hitzestrahlge-nerator, als die erste Bombe sechs Yards über der Dachgaube detonierte.

Ich stieß einen Schrei des Erstaunens aus. Ich sah und hörte nichts von den vier andern Marsungetümen, meine Aufmerksamkeit galt einzig und allein dem naheliegendsten Ereignis. Zugleich barsten zwei weitere Bomben in der Luft dicht neben dem Körper des Riesen; er drehte die Dachhaube, gerade zur rechten Zeit, um die vierte Bombe zu erhalten, aber nicht rasch genug, um ihr auszuweichen.

Die Bombe fuhr mitten in das Gesicht des Marsungetüms. Die Haube blähte sich, blitzte auf und zersprang in ein Dutzend zerschellter Stücke roten Flei-sches und glitzernden Metalls.

"Getroffen!" schrie ich; meine Stimme klang halb kreischend, halb jubelnd. Ich hörte die antwortenden Schreie von den Leuten, die um mich herum im Wasser standen. In der augenblicklichen freudigen Stimmung hätte ich aus dem Wasser springen können.

Der enthauptete Koloss wankte wie ein betrunkener Riese. Aber er stürzte nicht. Wie durch ein Wunder gewann er sein Gleichgewicht wieder. Nichts war mehr da, das seinen Lauf zügelte, und der Generator, der den Hitze-strahl abfeuerte, blieb hoch erhoben. So raste er mit Gepolter auf Shepper-ton los. Die lebende Intelligenz, der Marsianer in der Dachhaube, war er-schlagen und seine Reste waren in die vier Winde zerstoben; das Ding war jetzt bloß noch ein wildes Metallgewirr, das seiner Vernichtung entgegeneilte. Ohne jeder Leitung, fuhr es in gerader Richtung weiter. Es traf den Turm der Sheppertoner Kirche, zerschmetterte ihn, so wie ein Rammbock ihn zer-schmettert hätte, bog seitwärts ab, polterte weiter, stürzte endlich unter lau-testem Getöse in den Fluss und entschwand meinen Blicken.

Ein heftiger Zündschlag erschütterte die Luft. Ein Strahl von Wasser, Dampf, Schmutz und zersplittertem Metall schoss hoch auf. Als der Genera-tor mit dem Hitzestrahl das Wasser berührte, verwandelte sich dieses unmit-telbar in Dampf. Im nächsten Augenblick wälzte sich eine ungeheure Woge wie eine schlammige Springflutwelle, aber fast kochend heiß, den gekrümm-ten oberen Teil des Flusses entlang. Ich sah, wie Leute dem Ufer zustrebten, und hörte ihre jammernden Schreie nur undeutlich neben dem Zischen und Brüllen, das den Zusammenbruch des Marsungetüms begleitete. 49



Im Augenblick beachtete ich die Hitze nicht und vergaß dabei das dringende Gebot der Selbsterhaltung. Ich watete durch das tosende Wasser, stieß einen schwarz gekleideten Mann zur Seite, um vorwärts zu kommen, bis ich end-lich um die Biegung des Flusses sehen konnte. Ein halbes Dutzend verlas-sener Boote trieb ziellos auf dem Wellengewirr umher. Weiter unten sah ich das umgestürzte Marsungetüm quer über dem Flusse liegen; der größte Teil von ihm befand sich unter Wasser.

Dichte Dampfwolken strömten aus dem Wrack, und durch die wie toll wir-belnden Wellen konnte ich die riesenhaften Glieder sehen, wie sie das Was-ser bewegten und einen Schauer von Schlamm und Schaum aufpeitschten. Die Fühler griffen und schlugen um sich wie lebende Arme, und abgesehen von der hilflosen Zwecklosigkeit dieser Bewegungen, sah das Ganze aus, als führe ein verwundetes Geschöpf mit den Wellen einen verzweifelten Kampf um sein Leben. Ungeheure Mengen einer rötlichbraunen Flüssigkeit quollen zischend aus der Maschine.

Meine Aufmerksamkeit wurde in diesem Anblick durch ein wütendes Heulen abgelenkt, wie man es in unseren Fabrikstädten von Sirenen her kennt. Ein Mann, der knietief im Wasser neben dem Leinpfad stand, rief mich laut flüs-ternd an und machte mir ein Zeichen. Zurückblickend sah ich die andern Marsungetüme mit Riesenschritten das Flussufer aus der Richtung von Chertsey herabeilen. Diesmal sprachen die Geschütze von Shepperton ver-geblich.

Ich tauchte sofort unter, hielt den Atem an, bis jede Bewegung in mir er-starrte, und trieb mich von Schmerz gequält unter dem Wasser weiter, so-lange es mir möglich war. Das Wasser um mich war in wildem Aufruhr und wurde unaufhörlich heißer. Als ich einen Augenblick meinen Kopf aus dem Wasser steckte, um Atem zu schöpfen und um Haare und Wasser aus den Augen zu wischen, stieg der Dampf wie ein wirbelnder weißer Nebel auf, der die Marsleute zunächst meinen Blicken entzog.

Der Lärm war ohrenbetäubend. Dann aber sah ich sie, riesige graue Gestal-ten, durch den Nebel noch größer erscheinend. Sie waren bereits an mir vor-bei geschritten, und zwei von ihnen beugten sich gerade über die schäu-menden und tobenden Trümmer ihres Kameraden.

Der dritte und der vierte standen neben ihnen im Wasser, einer vielleicht 200 Yards von mir entfernt, der andere nach Laleham blickend. Sie hielten die Hitzestrahlgeneratoren hoch in die Luft, und die zischenden Strahlen fuhren in alle Richtungen.

Die Luft war von Lärm erfüllt, von einem betäubenden und verwirrenden Gemisch von Geräuschen, von dem klirrenden Getöse der Marsmaschinen, dem Krachen einstürzender Häuser, dem dumpfen Aufschlagen der Bäume, Gitter und flammenumzüngelten Scheunen und dem Knattern und Prasseln der Feuerbrunst. Dichter schwarzer Rauch fuhr auf und vermischte sich mit 50


dem Dampf des Flusswassers; und wo der Hitzestrahl über Weybridge hin-fuhr, loderte ein weißglühendes Licht auf, das sich sofort in einen rauchigen Tanz gelblicher Flammen verwandelte. Die näher liegenden Häuser waren noch unbeschädigt; beschattet, durch den Qualm undeutlich und düster, erwarteten sie ihr Schicksal, während das Feuer hinter ihnen auf- und nie-der raste.

Nur einen Moment stand ich in dem brusthohen, nahezu kochenden Wasser, betäubt von meiner Lage, ohne eine Hoffnung zu entkommen. Durch den Qualm hindurch konnte ich die Leute sehen, die mit mir im Fluss gewesen waren; wie kleine Frösche, die durchs Gras fliehen, wenn ein Mensch sie aufschreckt, arbeiteten sie sich durch das Schilf aus dem Wasser oder rann-ten in wildem Entsetzen am Leinpfad auf und ab.

Plötzlich kamen die weißen Blitze des Hitzestrahls auf mich zugeschossen. Die Häuser sanken bei ihrer Berührung zusammen und spieen Flammen aus; die Bäume verwandelten sich mit Tosen in Feuersäulen. Die Blitze fla-ckerten auf dem Leinpfad auf und ab und verzehrten die Leute, die dort planlos auf- und nieder liefen. Dann näherten sie sich dem Rande des Was-sers, nicht fünfzig Yards von der Stelle entfernt, an der ich stand. Nun fuhr der Strahl über den Fluss hinüber nach Shepperton, und wo er das Wasser berührte, da schwoll es in einer kochenden, dampferfüllten Blase auf. Ich wandte mich dem Ufer zu.

Im nächsten Augenblick hatte sich die riesige, dem Siedepunkt nahe Welle über mich gestürzt. Ich schrie laut auf, und halb verbrüht, halb geblendet, taumelte ich, sinnlos vor Schmerz, durch das aufschießende, zischende Wasser dem Ufer zu. Wäre mein Fuß ausgeglitten, es wäre das Ende gewe-sen. Hilflos fiel ich vor den Augen der Marsleute auf die breite, nackte, kiesi-ge Sandbank, die sich dort beim Zusammenfluss von Wey und Themse hin-zieht. Ich erwartete nichts als den Tod.

Ich entsinne mich dunkel, wie ein Marsianer den Fuß seiner Maschine etwa zwanzig Yards von meinem Kopf entfernt niederstellte, wie dieser tief in den lockeren Kiessand einsank, wie der Kies hier- und dorthin stob, als jener Fuß wieder erhoben wurde. Ich erinnere mich der Augenblicke banger Er-wartung, und dann, wie die vier die Überbleibsel ihres Kameraden forttru-gen, erst ganz deutlich sichtbar, gleich darauf verschwommen in einem Rauchschleier, endlich, wie es mir schien, auf einer unermesslichen Fläche von Fluss und Wiese in unendlicher Entfernung gänzlich verschwindend. Und nun kam es mir ganz allmählich zum Bewusstsein, dass ich wie durch ein Wunder entkommen war.


13. Wie ich mit dem Kuraten zusammentrafEdit

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Nach diesem plötzlichen Unterricht über die Fähigkeiten auch der irdischen Waffen, zogen sich die Marsleute wieder in ihr ursprüngliches Hauptquartier auf der Horsell-Weide zurück. In ihrer Hast und überdies mit den Resten ihres zerschmetterten Gefährten beladen, übersahen sie ohne Zweifel viele solcher verstreut liegenden und unnötigen Opfer, wie ich es war. Hätten sie ihren Kameraden im Stich gelassen und sich sofort aufgemacht, so hätte es zu jener Zeit zwischen ihnen und London nichts gegeben als Batterien zwölf-pfundiger Geschütze; und ohne Zweifel hätten sie die Hauptstadt schneller erreicht als die Kunde ihres Herannahens. Ihre Ankunft wäre ebenso plötz-lich, erschreckend und vernichtend gewesen wie das Erdbeben, das ein Jahrhundert zuvor Lissabon dem Erdboden gleich gemacht hatte.

Doch sie waren nicht in Eile. Ein Zylinder folgte dem andern auf seiner Bahn von Planet zu Planet; alle vierundzwanzig Stunden erhielten sie Verstärkung. Währenddessen gingen die Militär- und Marinebehörden, die sich der unge-heuren Gewalt ihrer Gegner jetzt völlig bewusst waren, mit fieberhaftem Ei-fer ans Werk. Jede Minute wurde ein neues Geschütz aufgepflanzt; bevor noch die Dämmerung hereinbrach, barg jedes Gehölz, jede Reihe vorstädti-scher Landhäuser an dem hügeligen Abhang um Kingston und Richmond eine kampflustige schwarze Mündung. Durch die verkohlte und verödete Fläche - in einem Ausmaß von etwa zwanzig Quadratmeilen -, die das Feld-lager der Marsleute auf der Horsell-Weide umschloss, durch die ausgebrann-ten und in Trümmern liegenden Dörfer mit ihren grünen Bäumen, durch die schwarzen und rauchenden Säulengänge, die noch einen Tag vorher Fich-tenanpflanzungen gewesen waren, krochen die treuen Kundschafter mit den Heliographen, welche den Kanonieren das Herannahen der Marsleute anzei-gen sollten. Die Marsleute aber waren jetzt von der Bedeutung unserer Artil-lerie unterrichtet, sie kannten die Gefahren menschlicher Nähe, und nicht einer von ihnen wagte sich außerhalb des Bereiches einer Meile von jedem Zylinder, außer um den Preis seines Lebens.

Es schien, als verbrachten diese Riesen den frühen Nachmittag damit, hin-und herzuwandern und den gesamten Inhalt des zweiten und des dritten Zylinders - er lag bei den Addlestone Golf Links, dieser bei Pyrford - in ihre ursprüngliche Grube auf der Horsell-Weide zu schaffen. Weiter drüben, bei dem geschwärzten Heidekraut und den zertrümmerten Gebäuden, die sich weit und breit erstreckten, stand einer als Wache, während die anderen ihre riesigen Kriegsmaschinen verließen und in die Grube hinunterstiegen. Sie arbeiteten bis spät in die Nacht mit vollen Kräften, und die hochgetürmte Säule dichten grünen Rauches, die sich aus der Grube erhob, konnte von den Hügeln bei Merrow gesehen werden und soll selbst von Banstead und Epsom Downes aus bemerkt worden sein.

Während so die Marsleute hinter mir sich für ihren nächsten Ausfall rüste-ten, während vor mir die Menschheit sich zum Kampf vorbereitete, bahnte ich mir unter unsäglichen Schmerzen und Mühen meinen Weg durch Feuer und Rauch des brennenden Weybridge nach London. 52


Ich sah ein sehr kleines verlassenes Boot in weiter Entfernung flussabwärts treiben. Und nachdem ich den größten Teil meiner durchnässten Kleidungs-stücke abgeworfen hatte, eilte ich ihm nach, erreichte es und entkam so der Verwüstung. Es waren keine Ruder im Boot, aber ich paddelte, soweit es meine verbrühten Hände mir erlaubten. So gelangte ich nur sehr mühselig weitertreibend den Fluss hinab nach Halliford und Walton; dabei sah ich mich unaufhörlich um, was man wohl begreifen wird. Ich folgte dem Fluss, indem ich mir sagte, dass das Wasser mir die beste Gelegenheit zum Ent-kommen bieten werde, wenn jene Riesen wiederkehrten.

Das dampfende Wasser, das sich bei dem Sturz der Marsmaschine gebildet hatte, floss mit mir stromabwärts, und so konnte ich fast während einer Meile nur wenig von beiden Ufern erblicken. Einmal jedoch gewahrte ich eine Reihe schwarzer Gestalten, die aus der Richtung von Weybridge über die Wiesen eilten. Halliford schien gänzlich verödet zu sein, und einige Häuser am Fluss standen in Flammen. Es berührte mich seltsam, den Ort so fried-lich daliegen zu sehen, so verlassen unter dem heißen blauen Himmel, wäh-rend der Rauch und kleine Feuerfäden kerzengerade in die schwüle Luft des Nachmittags aufstiegen. Ich hatte noch nie vorher Häuser ohne den Zulauf einer störenden Menschenmenge brennen sehen. Ein wenig weiter rauchte und glühte das ausgedorrte Schilf am Ufer, und eine Feuerlinie, die landein-wärts führte, kroch gierig über ein verspätetes Heufeld.

Eine lange Zeit trieb ich so dahin; ich war von Schmerzen gepeinigt und er-schöpft nach all dem Furchtbaren, das ich erlebt; und die Hitze auf dem Wasser war fast unerträglich. Dann überfiel mich wieder die Furcht, und ich paddelte weiter. Die Sonne brannte auf meinen nackten Rücken. Endlich, als nach der Krümmung die Brücke von Walton mir entgegenkam, besiegten Fieber und Schwäche meine Furcht; ich landete am Middlesex-Ufer und leg-te mich, fast zu Tode erschöpft, im hohen Gras nieder. Es war, so vermute ich, etwa vier oder fünf Uhr. Bald danach erhob ich mich wieder, ging eine halbe Meile weiter, ohne einer lebenden Seele zu begegnen, und legte mich dann wieder in den Schatten einer Hecke. Ich erinnere mich dunkel, wäh-rend dieses letzten anstrengenden Marsches Selbstgespräche geführt zu ha-ben. Ich war auch sehr durstig und bereute es bitter, nicht mehr Wasser ge-trunken zu haben. Es ist auch eigentümlich, dass ich etwas wie Ärger über meine Frau empfand, ich kann es mir nicht erklären; aber mein ohnmächti-ges Verlangen, Leatherhead zu erreichen, brachte mich über die Maßen auf.

Ich entsinne mich nicht mehr deutlich der Ankunft des Kuraten. Ich schlief also wahrscheinlich. Erst allmählich nahm ich ihn wahr, wie er mit rußbe-deckten Hemdsärmeln dasaß und mit seinem aufwärts gerichteten, glattra-sierten Gesicht auf ein schwach flackerndes Licht starrte, das am Himmel tanzte. Es war ein Himmel, den man bei uns einen „Makrelen-Himmel“ nennt, über und über besät mit feinen, daunenfedergleichen Wölkchen, die von der sinkenden Hochsommersonne rosig angehaucht waren.

Ich setzte mich auf, und beim Geräusch meiner Bewegung blickte er rasch nach mir. 53



Er schüttelte den Kopf. "Haben Sie etwas Wasser?" fragte ich ohne Begrü-ßung.

"Sie haben schon seit einer ganzen Stunde um Wasser gebeten", sagte er.

Einen Augenblick lang schwiegen wir und maßen uns gegenseitig mit den Blicken. Ich muss gestehen, dass er eine recht wunderliche Gestalt in mir fand, nackt bis auf meine durchnässten Beinkleider und Socken, halbver-brüht, Gesicht und Schultern von Rauch geschwärzt. Sein Gesicht war das eines blonden Schwächlings, sein Kinn trat stark zurück, und sein Haar lag in krausen, fast flachsfarbenen Wellen auf seiner niedrigen Stirn. Seine Au-gen waren ziemlich groß, blaßblau und ins Leere starrend. Er sprach ab-gebrochen und blickte von mir weg irgendwohin.

"Was bedeutet das?" sagte er, "was sollen alle diese Dinge bedeuten?"

Ich starrte ihn an und gab keine Antwort. Er streckte eine dünne weiße Hand aus und fuhr in fast klagendem Tone fort:

"Warum werden solche Dinge zugelassen? Was für Sünden haben wir began-gen? Die Morgenandacht war zu Ende, ich wandelte durch die Straßen, um meine Gedanken für den Nachmittag zu klären - da - Feuer, Erdbeben, Tod! Als ob es Sodom und Gomorrha wäre! Die ganze Arbeit zerstört, die ganze Arbeit

„Wer sind diese Marsleute?"

"Wer sind wir?" antwortete ich und räusperte mich.

Er umklammerte seine Knie und wandte sich wieder zu mir. Eine halbe Mi-nute vielleicht brütete er schweigend vor sich hin.

"Ich wandelte durch die Straßen, um meine Gedanken zu klären", sagte er. "Und plötzlich war Feuer, Erdbeben, Tod!"

Er verfiel wieder in Schweigen; sein Kinn sank beinahe auf seine Knie.

Bald darauf begann er wieder und fuhr mit der Hand umher.

"Die ganze Arbeit - alle die Sonntagsmessen. Was haben wir denn getan - was hat Weybridge getan? Alles verschwunden -alles zerstört. Die Kirche! Wir haben sie erst vor drei Jahren wieder aufgebaut. Verschwunden! - Vom Erdboden weggefegt! Warum?"

Abermals eine Pause; dann brach er wieder los wie ein Rasender.

"Der Rauch Seines Feuers gehet auf für ewig und immerdar!" schrie er. Seine Augen flammten, und sein magerer Finger wies gegen Weybridge. 54



Ich war jetzt soweit, um mir über ihn klar zu werden. Das entsetzliche Trau-erspiel, in das er verflochten war - er war offenbar ein Flüchtling aus Weybridge -, hatte ihn an den Rand des Wahnsinns getrieben.

"Sind wir weit von Sunbury?" fragte ich in einem gleichgültigen Ton.

"Was sollen wir tun?" fragte er. "Sind denn diese Geschöpfe überall? Ist ih-nen denn die Erde übergeben worden?"

"Sind wir weit von Sunbury?"

"Diesen Morgen erst hielt ich den Frühgottesdienst ab."

"Die Dinge haben sich seither verändert", sagte ich ruhig. "Sie müssen Ihren Kopf oben behalten. Es gibt noch Hoffnung."

"Hoffnung?" "Ja; Hoffnung in Menge - trotz aller Zerstörung!

Ich fing an, meine Ansicht über unsere Lage darzulegen. Er hörte anfangs zu, aber während ich weitersprach, verwandelte sich das Interesse in seinen Augen wieder in das leere Starren von früher, und seine Blicke schweiften von mir weg in die Ferne.

"Das muss der Anfang vom Ende sein", sagte er, mich unterbrechend, "das Ende! Der große und schreckliche Tag des Herrn! Wenn die Menschen wer-den anrufen die Berge und die Felsen, dass sie mögen fallen auf sie und sie verbergen - verbergen vor Seinem Angesicht, vor dem Antlitz dessen, der da sitzet auf dem Throne!"

Ich begann die Sachlage zu verstehen. Ich gab meine anstrengenden Ver-nunftpredigten auf, richtete mich mühsam auf und legte meine Hand auf seine Schulter.

"Seien Sie ein Mann", sagte ich. "Der Schrecken hat Sie um Ihren Verstand gebracht. Wozu ist denn die Religion gut, wenn sie beim ersten Unglück zu-sammenbricht? Bedenken Sie doch, was Erdbeben und Wasserfluten, Kriege und Vulkane schon früher der Menschheit angetan haben. Dachten Sie denn, dass Gott mit Weybridge eine Ausnahme machen wollte? ... Er ist kein Versicherungsagent, Herr."

Eine Zeitlang saß er in Schweigen verloren da.

"Aber wie sollen wir entfliehen?" fragte er plötzlich. "Sie sind unverwundbar, sie sind erbarmungslos."

"Weder das eine, noch vielleicht das andere”, antwortete ich. "Und je mächti-ger sie sind, um so vernünftiger und behutsamer sollten wir sein. Keine drei Stunden sind es her, dass einer von ihnen da drüben getötet wurde." 55



"Getötet!" sagte er und starrte mich an. "Wie können die Gesandten des Herrn getötet werden?"

"Ich sah es", fuhr ich in meiner Erzählung fort. "Der Zufall will es eben, dass wir ins Ärgste hineingeraten sind", sagte ich, "das ist alles."

"Was bedeutet denn jenes Flackern am Himmel?" fragte er unvermittelt.

Ich sagte ihm, dass es die Signale der Heliographen seien - das Zeichen menschlicher Hilfe und Bemühungen am Himmel.

"Wir sind gerade mitten drinnen", sagte ich, "so ruhig alles auch ist. Das Flackern am Himmel deutet auf nahenden Sturm. Dort drüben, glaube ich, sind die Marsleute, und gegen London zu, dort, wo die Hügel um Richmond und Kingston sich erheben und die Bäume Schutz gewähren, werden Schan-zen aufgeworfen und Geschütze aufgepflanzt. Bald werden die Marsleute wieder hierher kommen... "

Während ich noch sprach, sprang er auf und unterbrach mich mit einer Ge-bärde.

"Hören Sie", sagte er.

Von jenseits der niedrigen Hügel über dem Wasser ertönten der dumpfe Wi-derhall fernen Geschützfeuers und in weiter Ferne ein unheimliches Schrei-en. Dann war alles still. Ein Maikäfer schwirrte über die Hecke an uns vor-bei. Hoch im Westen hing, bleich und kaum zu sehen, die Sichel des Mondes über dem Rauch von Weybridge und Shepperton und der heißen, stillen Pracht der sinkenden Sonne.

"Am besten", sagte ich, "gehen wir nach Norden."


14. In LondonEdit

Mein jüngerer Bruder war in London, als die Marsleute über Woking herfie-len. Er war Medizinstudent, bereitete sich gerade auf eine bevorstehende Prüfung vor und hörte von ihrer Ankunft erst am Samstag morgen. Die Mor-genzeitungen am Samstag enthielten als Ergänzung ziemlich ausführliche Fachartikel über den Planeten Mars, das Leben auf dem Planeten und so weiter und nur ein kurzes, in unbestimmten Wendungen gehaltenes Tele-gramm, das durch seine Kürze um so auffälliger wirkte.

Die Marsleute, durch die Annäherung einer Menschenmenge erschreckt, hätten eine Anzahl Menschen mit einem Schnellfeuergeschütz getötet, so etwa lautete der Bericht. Das Telegramm schloss mit den Worten: "So 56


furchtbar sie auch scheinen mögen, haben sich die Marsleute noch nicht aus der Grube, in die sie gefallen sind, gerührt und scheinen auch ganz un-fähig dazu zu sein. Dies ist wahrscheinlich eine Folge der relativ ungleich stärkeren Anziehungskraft der Erde." Über diesen letzten Punkt verbreitete sich der Autor des Artikels überaus beruhigend.

In dem biologischen Kurs der Vorbereitungsschule, die mein Bruder zu jener Zeit besuchte, waren natürlich alle Studenten von dem lebhaftesten Anteil an diesen Vorgängen erfüllt. Aber auf den Straßen waren keine Zeichen einer ungewöhnlichen Erregung wahrzunehmen. Die Nachmittagszeitungen brach-ten einige Neuigkeiten unter riesigen Schlagzeilen. Aber außer der Bewegung der Truppen auf der Weide und dem Brand des Fichtenhaines zwischen Wo-king und Weybridge gegen 8 Uhr wussten sie nichts zu berichten. Später teilte die „St. James Gazette“ die bloße Tatsache von der Unterbrechung der Telegraphenleitungen in einer Sonderausgabe mit. Man vermutete, dass dies auf den Sturz einiger brennender Fichtenstämme auf die Drähte zurückzu-führen sei. Über das Gefecht in jener Nacht, der Nacht meiner Fahrt nach Leatherhead und zurück, wurde nichts weiter bekannt.

Mein Bruder war nicht im mindesten um uns besorgt, als er aus der Be-schreibung der Zeitungen erfuhr, dass der Zylinder gute zwei Meilen von un-serem Haus entfernt war. Er beabsichtigte, in der Nacht zu mir zu fahren, um sich die Geschöpfe anzusehen, bevor sie getötet würden, sagte er. Er te-legrafierte mir, das Telegramm erreichte mich jedoch nie. Das war um vier Uhr. Den Abend verbrachte er in einem Konzertsaal.

Auch über London brach Samstag nacht eine starkes Unwetter herein, und mein Bruder fuhr in einer Droschke zum Bahnhof Waterloo Station. Auf dem Bahnsteig, von dem der Mitternachtszug den Bahnhof gewöhnlich verlässt, erfuhr er nach einigem Warten, dass ein Unfall die Züge verhindere, in dieser Nacht Woking zu erreichen. Über das Nähere dieses Unfalls konnte er nichts Genaueres erfahren; selbst die Bahnbeamten wussten damals noch nichts Bestimmtes. Auf dem Bahnhof herrschte nur eine geringe Aufregung, und die Bahnbeamten, weit entfernt, etwas anderes anzunehmen als eine geringe Störung zwischen Byfleet und Woking Junction, leiteten die Theaterzüge, welche gewöhnlich über Woking fuhren, auf einen Umweg über Virginia Wa-ter oder Guildford. Ebenso emsig waren sie damit beschäftigt, die Linien der Sonntags-Vergnügungszüge nach Southampton und Portsmouth zu ändern. Der Nachtberichterstatter einer Zeitung, der meinen Bruder irrtümlich für den Betriebsleiter hielt, mit dem er eine entfernte Ähnlichkeit besitzt, stellte sich ihm in den Weg und versuchte einiges aus ihm herauszubekommen. Außer einigen Bahnbeamten brachten nur wenige Leute den Unfall mit den Marsinvasoren in Zusammenhang.

In einem anderen Bericht dieser Ereignisse las ich, dass am Sonntag morgen "ganz London durch die Nachrichten aus Woking elektrisiert war". In Wahr-heit aber gab es nichts, das diesen übertriebenen Ausdruck rechtfertigte. Viele Menschen in London hatten bis zur Panik am Montag morgen nichts von den Marsleuten gehört. Nur diejenigen, die davon gehört hatten, nahmen 57


sich die Zeit, um sich aus den hastig entworfenen Telegrammen der Sonn-tagszeitungen ein Bild zu machen. Aber die Mehrheit der Leute in London liest keine Sonntagszeitungen.

Außerdem wurzelt das gewohnte Gefühl persönlicher Sicherheit so tief in der Seele des Londoners, und aufregende Zeitungsnachrichten sind eine so all-tägliche Sache in London, dass die Leute ohne besondere Furcht Dinge wie diese lesen konnten. "Vorige Nacht kamen die Marsleute um sieben Uhr aus ihrem Zylinder heraus. Sie wagten sich in Panzerungen aus Metallplatten hervor, zerstörten das Bahnhofsgebäude von Woking samt den umliegenden Häusern vollständig und vernichteten ein ganzes Bataillon des Cardigan-Regimentes. Einzelheiten sind nicht bekannt. Maximgeschütze erwiesen sich als völlig nutzlos gegen ihre Panzerungen; Feldgeschütze wurden von ihnen zerstört. Fliehende Husaren sprengten nach Chertsey. Die Marsleute schei-nen langsam nach Chertsey oder Windsor vorzurücken. In West Surrey herrscht große Angst, und Schanzen werden aufgeworfen, um einem Einrü-cken in London vorzubeugen." In dieser Weise drückte sich die „Sunday Sun“ aus; und ein geschickter und mit bemerkenswerter Schnelligkeit ge-schriebener Fachaufsatz im „Referee“ verglich die Sache mit einer plötzlich auf ein Dorf losgelassenen Manegerie.

Niemand war in London über die Beschaffenheit der gepanzerten Marsleute genau unterrichtet, und noch immer herrschte die fixe Idee, dass diese Un-geheuer nur schwerfällig „krabbelten“, „mühselig krochen“. Solche Ausdrü-cke fanden sich in beinahe jedem dieser ersten Berichte. Keines jener Tele-gramme konnte von einem Augenzeugen herrühren. Die Sonntagszeitungen druckten Sonderausgaben, als weitere Nachrichten bekannt wurden, und manche druckten sie auch ohne das. Aber es gab tatsächlich keine Neuig-keiten bis zum späten Nachmittag, als die Behörden den Presseagenturen bekannt gaben, was sie wussten. Es wurde die Mitteilung gemacht, dass die Bewohner von Walton und Weybridge, und überhaupt aus diesem ganzen Bezirk, auf den Straßen London zuströmten. Das war alles.

Am Morgen ging mein Bruder in die Kirche des Foundling Hospital, noch immer ohne zu wissen, was sich am vorigen Abend ereignet hatte. Er hörte dort Anspielungen auf den Einfall der Marsbewohner und ein besonderes Gebet um Frieden. Nach dem Gottesdienst kaufte er eine Nummer des „Refe-ree“. Die darin enthaltenen Nachrichten machten ihn doch besorgt, und er ging erneut zum Bahnhof Waterloo Station, um dort in Erfahrung zu brin-gen, ob die Verbindung schon hergestellt sei. Die Stellwagen, die Droschken, die Radfahrer und die zahllosen Menschen, die in ihren besten Kleidern um-herspazierten, schienen von den merkwürdigen Nachrichten, welche die Zei-tungsjungen ausriefen, kaum berührt zu werden. Die Leute interessierten sich zwar, aber wenn sie besorgt waren, so nur wegen ihrer dort wohnenden Angehörigen. Auf dem Bahnhof hörte er zum erstenmal, dass die Linien nach Windsor und Chertsey schon unterbrochen waren. Die Träger erzählten ihm, dass am Morgen einige wichtige Telegramme von den Bahnhöfen Byfleet und Chertsey eingetroffen seien. Plötzlich aber wäre nichts mehr gekommen. Mein Bruder konnte keine genaueren Einzelheiten aus den Männern he- 58


rausbekommen. "Der Kampf vor Weybridge geht weiter", darauf liefen alle ihre Mitteilungen hinaus.

Der Bahndienst war jetzt in große Unordnung geraten. Eine erhebliche Men-ge Menschen, die aus den Ortschaften des südwestlichen Bahnnetzes Freunde erwartet hatten, stand unschlüssig herum. Ein grauhaariger alter Herr kam an meinen Bruder heran und ließ sich in heftigen Worten über die South-Western Company aus. "Die sollte mal tüchtig herangenommen wer-den", sagte er.

Einige Züge kamen aus Richmond, Putney und Kingston an. Sie brachten Leute, die ausgezogen waren, um einen Tagesausflug zu Wasser zu machen, aber sie hatten die Schleusen geschlossen gefunden und glaubten etwas wie ein Gefühl von Angst, das in der Luft lag, zu bemerken. Ein Mann in blau-weiß gestreiftem Flanell wandte sich an meinen Bruder, um seine seltsamen Neuigkeiten an den Mann zu bringen:

"Scharen von Leuten fahren auf Karren und Wagen und allen erdenklichen Fuhrwerken nach Kingston und schleppen dabei Koffer mit ihren Habselig-keiten mit", sagte er, "sie kommen aus Molesey und Weybridge und Walton und behaupten, in Chertsey ein heftiges Geschützfeuer gehört zu haben; be-rittene Soldaten sollen ihnen geraten haben, schleunigst die Flucht zu ergreifen, da die Marsleute kämen. Auch wir hörten Geschützfeuer an der Hampton Court Station, aber wir hielten es für Donner. Was zum Teufel soll denn das alles bedeuten? Die Marsleute können doch nicht aus ihrer Grube heraus? Oder etwa doch?"

Mein Bruder konnte ihm keine Auskunft geben.

Später bemerkte er, dass ein unbestimmtes Gefühl der Furcht sich auch der Benutzer der Untergrundbahn bemächtigt hatte und dass die Sonntagsaus-flügler aus den südwestlichen Sommerfrische - Barnes, Wimbledon, Rich-mond Park, Kew und so weiter - ungewöhnlich früh zurückzukehren began-nen. Aber nicht einer von ihnen wusste außer leeren Gerüchten etwas Nen-nenswertes zu berichten. Jeder, der im Bahnhof zu tun hatte, schien schlechter Laune zu sein.

Um fünf Uhr etwa geriet der anschwellende Menschenhaufen am Bahnhof in ungeheure Aufregung, weil die fast beständig geschlossene Verbindungslinie zwischen den südöstlichen und südwestlichen Haltestellen geöffnet wurde.

Die Aufregung wuchs beim Anblick einfahrender Güterwagen, die mit riesi-gen Geschützen beladen, und Wagenabteilen, die von Soldaten dicht besetzt waren. Es waren die Geschütze, die von Woolich und Chatham heraufge-bracht worden waren, um Kingston zu decken.

Sofort begann ein Austausch von Scherzworten: "Ihr werdet gefressen wer-den!" - "Wir sind die Tierbändiger!“ und ähnlichem. Kurz darauf kam ein Zug Wachleute, welche die Bahnsteige freimachten. Auch mein Bruder ging wie-der auf die Straße. 59



Die Kirchenglocken läuteten zum Abendgottesdienst, und eine Abteilung von Mädchen der Heilsarmee kam singend die Waterloo Street herab. Bei der Brücke beobachteten ein paar Müßiggänger einen sonderbaren braunen Schaum, der in großen Flocken den Fluss herabtrieb. Die Sonne versank ge-rade, und der Clock Tower und die Parlamentsgebäude erhoben sich gegen einen Abendhimmel, den man sich kaum friedlicher vorstellen konnte, einen goldenen Himmel, unterbrochen von langen Querstreifen purpurroter Wol-ken. Es ging die Rede von einem schwimmenden Leichnam. Einer der Män-ner, ein Reservist, wie er sagte, erzählte meinem Bruder, er habe im Westen den Heliographen aufblitzen gesehen.

In der Wellington Street begegnete mein Bruder einem Paar stämmiger Ben-gel, die eben mit noch feuchten Zeitungsblättern und auffallenden Plakaten aus der Fleet Street stürmten. "Furchtbare Katastrophe!" brüllten sie einer den andern überschreiend. "Kämpfe in Weybridge! Ausführliche Beschrei-bung! Flucht der Marsleute! London in Gefahr!" Mein Bruder musste ihnen drei Pence für eine Ausgabe der Zeitung geben.

Jetzt, und erst jetzt machte er sich einen Begriff von der vollen Gewalt und der Furchtbarkeit jener Ungeheuer. Er erfuhr, dass sie nicht bloß eine Handvoll kleiner, plumper Geschöpfe waren, sondern Wesen, die riesige me-chanische Körper lenkten, die sich blitzschnell bewegen und mit solcher Kraft ihre Opfer treffen konnten, dass selbst die mächtigsten Geschütze ih-nen nicht standzuhalten vermochten.

Sie wurden geschildert als "ungeheure spinnenartige Maschinen, fast hun-dert Fuß hoch, fähig, sich mit der Schnelligkeit von Eilzügen vorwärts zu bewegen, und in der Lage, Strahlen von unermesslicher Hitze abzufeuern". Verborgene Batterien, hauptsächlich aus Feldgeschützen bestehend, seien in der Umgebung der Horsell-Weide aufgepflanzt worden, besonders zwischen dem Wokinger Bezirk und London. Man habe fünf Maschinen gesehen, wie sie sich der Themse näherten, und eine sei durch eine Laune des Zufalls zerstört worden. In allen andern Fällen seien die Geschosse fehlgegangen und die Geschützbatterien von den Hitzestrahlen sofort vernichtet worden.

Schwere Verluste von Soldaten wurden gemeldet, aber der Ton des Berichtes war hoffnungsvoll. Die Marsleute seien zurückgeschlagen worden; sie seien nicht unverwundbar. Sie hätten sich wieder in ihr Zylinderdreieck im Kreise von Woking zurückgezogen. Leute mit Heliographen näherten sich ihnen un-ausgesetzt von allen Seiten. Mit größter Schnelligkeit würden von Windsor, Portsmouth, Aldershot, Woolwich, selbst aus dem Norden Geschütze an Ort und Stelle geschafft; unter anderem lange gezogene Geschütze von fünfund-neunzig Tonnen aus Woolwich.

Alles in allem würden hundertsechzehn aufgestellt oder hastig vorbereitet werden, hauptsächlich zum Schutze Londons. Niemals vorher habe in Eng-land ein so ungeheures oder schleuniges Aufgebot von kriegerischer Macht stattgefunden. Jeder in Zukunft niederfallende Zylinder würde, so hoffte 60


man, durch starke Sprenggeschosse sofort zerstört werden, die schleunigst hergestellt und verteilt werden sollten. Ohne Zweifel, fuhr der Bericht fort, könne die Lage nicht sonderbarer und ernster sein, aber die Öffentlichkeit sei hiermit ermahnt, Paniken zu vermeiden und unterdrücken.

Ohne Zweifel seien die Marsleute äußerst seltsame und erschreckende Ge-schöpfe, aber im schlimmsten Fall gäbe es nicht mehr als zwanzig gegen un-sere Millionen. Die Behörden hätten guten Grund, aus dem Umfang der Zy-linder zu schließen, dass im äußersten Fall nicht mehr als fünf in jedem Zy-linder stecken könnten - zusammen also fünfzehn. Und wenigstens einer sei bereits zerstört - vielleicht schon mehr. Die Öffentlichkeit sei schon genü-gend vor der drohenden Gefahr gewarnt worden; und die umfangreichsten Vorsichtsmaßregeln seien getroffen worden, um die Bevölkerung der bedroh-ten südwestlichen Vororte zu schützen.

Und mit wiederholten Beteuerungen in bezug auf die Sicherheit Londons und in festem Vertrauen darauf, dass die Behörden ihrer schweren Aufgabe gewachsen seien, schloss diese Quasi-Proklamation. Das alles war in riesi-gen Buchstaben gedruckt, so frisch, dass das Papier noch feucht war, und es war keine Zeit gewesen, ein Wort der Erklärung hinzuzufügen. Es sei merkwürdig gewesen, erzählte mein Bruder, wie rücksichtslos der übrige In-halt der Zeitung verstümmelt und beseitigt wurde, um diesen Mitteilungen Raum zu verschaffen.

Die ganze Wellington Street entlang konnte man die Leute sehen, wie sie die-se hassroten Blätter auseinander falteten und lasen; und der Strand war plötzlich erfüllt von den lärmenden Stimmen eines Heeres von Zeitungsver-käufern, die jenen Pionieren auf dem Fuße folgten.

Die Leute kletterten von den Bussen herab, um sich Blätter zu sichern. Die-se Nachrichten erregten die Menge natürlich aufs äußerste, so groß ihr frü-herer Gleichmut auch war. Die Türe eines Landkartenladens am Strand wurde aufgeschlossen, erzählte mein Bruder, und hinter dem Fenster wurde ein Mann in seinem Sonntagsstaat mit zitronengelben Handschuhen sicht-bar, wie er Karten von Surrey hastig an das Glas befestigte.

Als er, den Strand entlang zum Trafalgar Square kam, die Zeitung in seiner Hand, sah mein Bruder ein paar Flüchtlinge aus West Surrey. Ein Mann kam mit seiner Frau, zwei Jungen und einigen Einrichtungsgegenständen in einem Karren, wie ihn Gemüsehändler benutzen. Er kam aus der Richtung der Westminster - Brücke und dicht hinter ihm ein Heuwagen mit fünf oder sechs anständig aussehenden Leuten mit einigen Koffern und Bündeln. Die Gesichter dieser Leute waren eingefallen, und ihre ganze Erscheinung stand in auffallendem Gegensatz zu dem sonntäglich geschmückten Äußern der Leute in den Omnibussen. Modisch gekleidete Menschen blickten neugierig aus ihren Mietwagen auf die Flüchtlinge.

Sie machten auf dem Platze halt, unschlüssig darüber, welchen Weg sie ein-schlagen sollten. Schließlich wandten sie sich in Richtung Osten und zogen 61


den Strand entlang. Einige Zeit nachher kam ein Mann in Werktagskleidern auf einem jener altfränkischen Dreiräder mit einem kleinen Vorderrad. Er hatte ein kreideweißes Gesicht und war über und über von Schmutz be-deckt.

Mein Bruder wandte sich abwärts nach der Victoria Station und begegnete einer ganzen Anzahl solcher Leute. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dabei auch auf mich zu stoßen. Er bemerkte eine ungewöhnlich große Menge von Polizisten, die den Verkehr regelten. Einige der Flüchtlinge besprachen die Ereignisse mit den Leuten in den Omnibussen. Einer behauptete, die Mars-leute gesehen zu haben "Kessel auf Stelzen sage ich Ihnen, die laufen wie Menschen " Die meisten erschienen durch ihre seltsamen Erfahrungen be-lebt und aufgeregt

Hinter der Victoria Station machten die Wirtshäuser mit diesen Ankömmlin-gen ein gutes Geschäft. An allen Straßenecken sammelten sich Leute, lasen Zeitungen, sprachen erregt miteinander oder starrten diese ungewohnten Sonntagsgäste an. Diese schienen sich mit der allmählich anbrechenden Nacht nur noch zu vermehren, und schließlich wirkten die Straßen nach dem Bericht meines Bruders wie die Epsom High Street an einem Derbytag. Mein Bruder sprach mehrere dieser Flüchtlinge an, erhielt aber von den meisten nur unzulängliche Antworten.

Keiner von ihnen konnte ihm irgendwelche Nachrichten von Woking mittei-len, außer einem Mann, der ihm versicherte, dass Woking in der vorigen Nacht gänzlich zerstört worden sei.

"Ich komme aus Byfleet", erzählte er; "ein Mann auf einem Fahrrad kam am frühen Morgen durch unseren Ort; er lief von Tür zu Tür und ermahnte uns zur Flucht. Dann kamen Soldaten. Wir gingen hinaus, um zu sehen, was los sei, und sahen dichte Rauchwolken gegen Süden - nichts als Rauch; keine lebende Seele kam des Weges. Dann hörten wir die Geschütze in Chertsey, und die Leute kamen aus Weybridge. So schloss ich denn mein Haus ab und ging fort."

Zu jener Zeit herrschte ein starkes Gefühl der Erbitterung auf den Straßen. Man tadelte die Behörden wegen ihrer Unfähigkeit, der fremden Eindringlin-ge ohne all diese Umstände Herr zu werden. Gegen acht Uhr ertönte im gan-zen Londoner Süden heftiges Geschützfeuer. Bei dem großen Lärm auf den Hauptstraßen konnte es mein Bruder nicht hören, aber als er sich durch die stillen Nebengassen zum Fluss durchschlug, hörte er es ganz deutlich.

Es war zehn Uhr geworden, als er von Westminster zu seiner Wohnung am Regent's Park zurückkehrte. Er war jetzt schon sehr besorgt um mich und durch die sichtliche Tragweite dieser Ereignisse ganz verstört. Es drängte ihn plötzlich, sich in Gedanken mit kriegerischen Einzelheiten zu beschäfti-gen, genauso wie auch ich mich am Samstag damit beschäftigt hatte. Er dachte an alle jene in erwartungsvoller Ruhe harrenden Geschütze, an jenen 62


plötzlich in einen Nomadenbezirk verwandelten Landstrich. Er bemühte sich, hundert Fuß hohe „Kessel auf Stelzen“ vorzustellen.

Einige Karren, besetzt von Flüchtlingen, fuhren die Oxford Street entlang, manche auch in der Marylebone Road. Aber so langsam verbreiteten sich die Nachrichten, dass die Regent Street und die Portland Road von jenen Leuten voll waren, die auch sonst Sonntag nachts dort lustwandelten. Zwar standen auch Gruppen lebhaft diskutierender Menschen umher. Aber am Rande des Regent's Park ergingen sich so viele stille Pärchen im Licht der spärlichen Gaslaternen, wie man dort immer zu sehen pflegte. Die Nacht war still und warm, fast ein wenig drückend; gelegentlich klang der Lärm der Geschütze herüber, und nach Mitternacht bemerkte man ein Wetterleuchten im Süden.

Mein Bruder las immer wieder das Zeitungsblatt und fürchtete schon, dass mir das Schlimmste zugestoßen sei. Er war rastlos, und nach dem Abend-brot ging er wieder aus und trieb sich ziellos umher. Dann kehrte er zurück und versuchte, seine nagenden Gedanken durch seine Prüfungsschriften zu verscheuchen. Bald nach Mitternacht ging er zu Bett, wurde aber in den ers-ten Morgenstunden des Montags durch Türklopfer, Fußgetrappel auf den Straßen, Getrommel und Glockenläuten aus einem düsteren Traum aufge-schreckt. Ein roter Widerschein spielte auf der Decke. Einen Augenblick lang blieb er betäubt liegen und fragte sich, ob der Tag schon angebrochen oder die Welt verrückt geworden sei. Dann sprang er aus dem Bett und eilte ans Fenster.

Sein Zimmer war eine Dachkammer; und als er den Kopf zum Fenster hin-aus steckte, vernahm er die Straße hinauf und hinab einen dutzendfachen Widerhall des Lärmes, den das öffnen seiner Fenster hervorrief; und Köpfe in allen Spielarten nächtlicher Verstörtheit tauchten auf. Überall wurden fra-gende Rufe laut:

"Sie kommen!" brüllte ein Polizist, indem er auf das Tor loshämmerte. "Die Marsleute kommen!" Dann eilte er weiter zum nächsten Tor.

Der Lärm von Trommeln und Trompeten scholl von der Kaserne in der Alba-ny Street herüber; und in jeder Kirche in Hörweite war man damit beschäf-tigt, den Schlaf durch regelloses Sturmläuten zu töten. Man vernahm das Geräusch sich öffnender Tore, und in den gegenüberliegenden Häusern flammte ein Fenster nach dem andern in gelbem Licht auf.

Eine geschlossene Kutsche kam die Straße heraufgesprengt. Dicht danach folgten zwei Mietwagen, die Vorhut einer langen Reihe rasender Wagen, die zum größten Teil nach der Chalk Farm Station eilten, wo die North-Western in Sonderzügen die Reisenden aufnahm, und wo man die Steigung zur Euston Station vermeiden konnte.

Lange Zeit starrte mein Bruder in dumpfer Betäubung aus dem Fenster; er sah dem Schutzmann nach, wie er auf ein Haustor nach dem andern häm-merte und sich seiner unverständlichen Botschaft entledigte. Da öffnete sich 63


die Zimmertüre meines Bruders, und der Mann, der jenseits der Treppe wohnte, kam herein. Er war noch in Hemd, Beinkleidern und Pantoffeln, die Hosenträger hingen lose herab, und sein Haar war noch wirr vom Schlaf.

"Was zum Teufel ist denn los?" fragte er. "Ein Feuer? Der Teufel hole diesen Radau!"

Beide steckten ihren Kopf weit aus dem Fenster, eifrig bemüht, zu verstehen, was eigentlich der Schutzmann rief. Aus den Seitenstraßen kamen Leute heraus, die in eifrig debattierenden Gruppen umherstanden.

"Was zum Teufel soll denn das alles bedeuten?" fragte der Nachbar meines Bruders.

Mein Bruder antwortete nur ausweichend und begann, sich anzukleiden. Mit jedem Kleidungsstück eilte er ans Fenster, um nur ja nichts von der wach-senden Erregung der Straßen zu verpassen. Auf einmal tauchten Leute auf, die ganz frühe Zeitungsblätter verkauften und mit ihrem Gebrüll die Straße erfüllten.

"London in Erstickungsgefahr! Die Schanzen von Kingston und Richmond erstürmt! Furchtbare Massaker im Themsetal!"

Und rings um ihn herum - in den Zimmern unten, in den Häusern nebenan und gegenüber, und hinten in den Park Terraces und in den hundert Stra-ßen jenes Teiles von Marylebone, und im Westbourne Park Bezirk und in St. Pancras, und westlich und nördlich in Kilburn und St. John's Wood und Hampstead, und östlich in Shoreditch und Highbury und Haggerston und Haxton und mehr noch, durch das ganze Riesengewirr Londons hin von Ea-ling bis East Ham - neben sich die Leute die Augen und öffneten ihre Fens-ter, um hinauszustarren und zwecklose Fragen zu stellen, und kleideten sich eilig an, als der erste Windstoß, der dem kommenden Sturm der Angst voranging, durch die Straßen fuhr. Es war der Anfang einer großen Panik. London, das Sonntag nachts schlaff und stumpf schlafen gegangen war, er-wachte nun in den ersten Stunden des Montagmorgens mit einer starken Empfindung der Gefahr.

Außerstande, von seinem Fenster aus zu erfahren, was eigentlich vorgefallen sei, ging mein Bruder hinab und trat auf die Straße hinaus, gerade als die Morgendämmerung die Wolken zwischen den Firsten der Häuser rosig färb-te. Die fliehende Menschenmenge zu Fuß und im Wagen wurde jeden Au-genblick zahlreicher. "Schwarzer Rauch!" hörte er die Leute rufen, immer wieder "Schwarzer Rauch!" Die Ansteckung durch eine so einmütig gefühlte Furcht war unvermeidlich. Als mein Bruder an der Torschwelle zögerte, sah er einen anderen Zeitungsverkäufer herankommen und kaufte ihm ein Blatt ab. Der Mann eilte mit seiner Ware wieder weiter und verkaufte die Blätter zu einem Shilling das Stück - ein groteskes Gemisch von Habgier und Angst. 64


Und in dieser Zeitung las mein Bruder jene verhängnisvolle Meldung des Oberkommandanten:

"Die Marsleute sind imstande, mittels einer Art von Raketen ungeheure Wol-ken eines schwarzen und giftigen Dampfes auszuschicken. Sie haben unsere Batterien erstickt, Richmond, Kingston und Wimbledon zerstört und rücken nun langsam gegen London vor, währenddessen sie unterwegs alles vernich-ten. Es ist unmöglich, sie aufzuhalten. Es gibt keine andere Rettung vor dem schwarzen Rauch als sofortige Flucht."

Das war alles, aber es war genug. Die ganze Bevölkerung der Sechsmillio-nenstadt schreckte auf, lief und stürzte in tollem Wirrwarr durcheinander; in kurzem würde sie sich wohl in Massen nordwärts ergießen.

"Schwarzer Rauch!" hallte es von allen Seiten. "Feuer!"

Die Glocken der benachbarten Kirche läuteten schrill, ein achtlos gelenkter Karren zerschellte unter Schreien und Fluchen an einem Wassertrog auf der Straße. Matte Lichter tanzten auf und ab in den Häusern, und auf manchen der vorübereilenden Kutschen schienen noch die unausgelöschten Laternen. Und zu Häupten hellte sich die Dämmerung auf, klar und ruhig und mild.

Mein Bruder hörte in den Stuben und hinter ihm treppauf und treppab eilige Schritte. Seine Vermieterin, nur in einen Schlafrock und in einen Schal ge-hüllt, kam ans Tor; ihr Mann folgte ihr fluchend.

Als mein Bruder anfing, sich die Bedeutung all dieser Dinge klarzumachen, ging er hastig auf sein Zimmer zurück, steckte alles vorrätige Geld - alles in allem etwa zehn Pfund - in seine Tasche und trat wieder hinaus auf die Straße.



15. Was in Surrey geschahEdit

Während der Kurat dasaß und an der Hecke auf der flachen Wiese bei Halli-ford verwirrte Reden hielt, während mein Bruder den Flüchtlingen zuschau-te, wie sie über die Westminster - Brücke strömten, hatten sich die Marsleu-te zum Angriff entschlossen. Soweit man aus den widersprechenden Berich-ten, die darüber abgefasst wurden, klug werden kann, blieb die Mehrheit eifrig mit Vorbereitungen beschäftigt bis neun Uhr abends in der Horsell-Grube. Sie arbeiteten mit großer Hast und produzierten riesige Mengen grü-nen Rauches.

Bestätigt aber ist, dass drei Marsleute etwa gegen acht Uhr aus der Grube herauskamen und langsam und behutsam vorrückend, sich ihren Weg durch Byfleet und Pyrford nach Ripley und Weybridge bahnten. So kamen 65


sie, die sinkende Sonne im Rücken, in den Bereich der Batterien. Diese Marsleute rückten nicht geschlossen vor, sondern in einer Linie, jeder etwa anderthalb Meilen vom andern entfernt. Sie setzten sich durch ein sirenen-artiges Geheul miteinander in Verbindung, das auf- und niedersteigend alle Noten der Tonleiter umfasste.

Dieses Geheul und das Feuern der Geschütze in Ripley und St. George's Hill waren es, was wir in Upper Halliford gehört hatten. Die Kanoniere in Ripley, unerfahrene Artillerie-Freiwillige, denen man diese Aufgabe nie hätte über-tragen dürfen, flohen dann zu Pferd und zu Fuß kopflos durch das verödete Dorf. Der Marsianer stieg ganz gemächlich über ihre Geschütze hinweg, oh-ne von seinem Hitzestrahl Gebrauch zu machen, fuhr sachte zwischen ihnen hindurch, überholte sie und kam so ganz unvermutet zu den Geschützen in Painshill Park, die er vernichtete.

Die Leute von St. George's Hill aber standen unter besserer Führung oder waren kaltblütiger. Da sie hinter einem Fichtengehölz verborgen waren, schienen sie von dem Marsianer, der ihnen am nächsten war, gar nicht be-merkt worden zu sein. Sie richteten ihre Geschütze mit soviel Überlegung aus, als ob sie sich bei einer Truppenschau befänden, und gaben auf etwa tausend Yards Schussweite Feuer.

Die Geschosse blitzten alle um den Marsianer herum; man sah ihn einige Schritte vorwärts machen, taumeln und stürzen. Ein allgemeines gellendes Geschrei, und die Geschütze wurden in wilder Hast von neuem geladen. Der niedergeworfene Marsianer stimmte ein langgedehntes Klagegeheul an, und im Nu tauchte ein zweiter blinkender Riese, der ihm antwortete, bei den Bäumen im Süden auf. Es hatte den Anschein, als sei ein Bein des Dreifu-ßes von einem der Geschosse zerschmettert worden. Die volle Ladung der zweiten Salve fiel weit vor dem Marsianer zur Erde, und im selben Augenbli-cke richteten seine beiden Gefährten ihre Hitzestrahlen auf die Batterie. Die Munition flog auf, die Fichtenbäume um die Geschütze herum standen in Flammen, und nur einer oder zwei von der Mannschaft, die bereits über den Kamm des Hügels liefen, entkamen.

Dann schien es, als ob die drei eine eingehende Beratung abhielten; die Späher, die sie beobachteten, berichten, dass sie, ohne sich zu rühren, die nächste halbe Stunde dort geblieben seien. Der niedergestürzte Marsianer kroch vorsichtig aus seinem Gehäuse heraus. Eine kleine braune Gestalt, die wunderlich genug bei dieser Entfernung wie ein Rostfleck aussah. Er war augenscheinlich damit beschäftigt, seine Stütze wieder auszubessern. Um neun Uhr war er damit zu Ende, denn seine Kappe tauchte wieder über den Bäumen auf.

Einige Minuten nach neun Uhr kamen zu diesen drei Wachtposten vier an-dere Marsleute, von denen jeder ein dickes schwarzes Rohr trug. Ein ähnli-ches Rohr wurde jedem der drei anderen eingehändigt, und alle sieben rück-ten nun vor, um sich in gleichen Zwischenräumen in einer gekrümmten Li- 66


nie zwischen St. George's Hill, Weybridge und dem Dorfe Send südwestlich von Ripley zu verteilen.

Ein Dutzend Raketen fuhren von den Hügeln vor ihnen auf, sobald sie sich in Bewegung setzten, und warnten die wartenden Batterien um Ditton und Esher. Zur selben Zeit setzten vier ihrer Kriegsmaschinen, mit ähnlichen Rohren bewaffnet, über den Fluss; zwei von ihnen kamen, sich schwarz vom westlichen Himmel abhebend, dem Kuraten und mir ins Gesichtsfeld, als wir erschöpft und von Schmerzen geplagt die Straße entlang eilten, die von Halliford nach Norden führt. Es sah aus, als ob sie auf einer Wolke fuhren, denn ein milchartiger Nebel bedeckte die Felder und reichte bis zu einem Drittel ihrer Höhe.

Bei diesem Anblick verfiel der Kurat in leises Schluchzen und begann zu lau-fen; ich aber wusste, dass es nicht gut tat, vor einem Marsianer zu fliehen, wandte mich seitwärts und kroch durch taubedeckte Nesseln und Dornen-gestrüpp in den breiten Graben, der neben der Straße verlief. Der Kurat blickte sich um, sah, was ich vorhatte, und wandte sich nun, um mir zu fol-gen.

Die zwei Marsmänner hatten haltgemacht; der eine, der näher bei uns stand, blickte nach Sunbury, der andere, wie eine graue Nebelmasse vor dem A-bendstern, stand abseits in der Richtung nach Staines.

Das zeitweilige Geheul der Marsleute hatte aufgehört; in jenem riesigen Halbkreis mit ihren Zylindern als Mittelpunkt, bezogen sie in vollkommenem Schweigen ihre Stellungen. Es war ein Halbmond, dessen Hornspitzen zwölf Meilen voneinander entfernt waren. Wohl niemals seit der Erfindung des Schießpulvers hat eine Schlacht in solcher Stille begonnen. Wir ebenso wie ein möglicher Beobachter bei Ripley hätten eben denselben Eindruck ge-wonnen - die Marsleute schienen im unbestrittenen Besitz der hereinbre-chenden Nacht, beleuchtet nur von einem milden Mondlicht, den Sternen, dem Abglanz des scheidenden Tages und dem rötlichen Schein auf St. George's Hill und im Gehölz von Painshill.

Aber gegen diesen Halbmond gerichtet, in Staines, Hounslow, Ditton, Esher, Ochham, hinter Hügeln und Gehölz südlich des Flusses, entlang den ebe-nen, nordwärts gelagerten Wiesen - wo immer nur eine Gruppe von Bäumen oder Dorfhäusern genügend Deckung bot, standen Geschütze in stummer Erwartung. Signalraketen fuhren auf, ergossen ihre Funkenregen in die Nacht und verschwanden. Die Spannung bei den schweigenden Batterien er-reichte ihren Höhepunkt. Die Marsleute brauchten nur bis in die Feuerlinie vorzurücken, und sofort würden jene regungslosen Menschenmassen, jene Geschütze, die dunkel durch die frühe Nacht schimmerten, in die Wut eines wilden Kampfes ausbrechen.

Kein Zweifel, der Gedanke, der in Tausenden jener wachenden Köpfe alle anderen Gedanken beherrschte, der auch in meinem Kopf jeden anderen Gedanken zurückdrängte, war die ungelöste Frage, wie weit jene uns wohl 67


zu beurteilen verstanden. Erfassten sie, dass unsere Millionen ein geschlos-senes, durch Arbeit geeintes Ganzes waren? Oder legten sie unsere Feuerzei-chen, unser Bombenschleudern, unser hartnäckiges Bedrängen ihres Lagers etwa so aus, wie wir die wütende Einmütigkeit im Angriff eines gestörten Bienenschwarmes auslegen? Träumten sie davon, uns ausrotten zu können? (Damals wusste noch niemand, welcher Art Nahrung sie bedurften.) Hunder-te solcher Fragen kreuzten sich in meinem Geist, als ich die riesigen Formen jener Wachtposten beobachtete. Aber zugleich dachte ich an all jene unbe-kannten und verborgenen Streitkräfte, die sich in der Richtung nach London zu befinden mochten. Hatte man Grubenfallen angelegt? Hatte man die Pul-vermühlen in Hounshaw gewissermaßen als Schlingen fertig gemacht? Wer-den die Londoner Herz und Mut genug besitzen, um aus ihrem mächtigen Häusermeer ein größeres Moskau zu machen?

Da klang nach einer scheinbar unermesslich langen Zeit, als wir durch das Buschwerk krochen und vorsichtig hinausspähen, ein Schall wie der ferne Donner eines Geschützes zu uns herüber. Da hob der Marsianer, der neben uns stand, sein Rohr hoch in die Luft und feuerte es ab wie ein Geschütz mit einem heftigen Knall, der die Erde erschüttern ließ. Der Marsianer, der bei Staines stand, antwortete ihm. Kein Aufblitzen war zu sehen, kein Rauch, nichts als jenes schussartige Getöse.

Durch diesen Notschüssen vergleichbaren Lärm wurde ich derart erregt, dass ich meine persönliche Sicherheit und den Zustand meiner verbrühten Hände vergaß und mich mühsam in dem Gestrüpp aufrichtete, um nach Sunbury blicken zu können. Während ich mich noch durchkämpfte, folgte noch ein zweiter Knall in meiner Nähe, und ein großes Geschoss sauste über mir gegen Hounslow hin. Ich erwartete wenigstens Rauch oder Feuer oder eine andere ähnliche Folge zu sehen. Aber alles, was ich sah, war der tief-blaue Himmel, auf dem ein einziger Stern schimmerte, und der weiße Nebel, der sich unten weit und tief ausbreitete. Auch kein Geschützdonner war zu hören gewesen, kein die Herausforderung beantwortendes Getöse. Die Ruhe war wiederhergestellt; aus einer Minute wurden drei.

"Was ist geschehen?" fragte der Kurat, der sich neben mir erhoben hatte. "Gott weiß!" erwiderte ich.

Eine Fledermaus huschte an uns vorbei und verschwand. Ein Geräusch wie von fernem Geschrei erhob sich und verstummte. Ich blickte wieder nach dem Marsianer und sah, wie er sich nun pfeilschnell in östlicher Richtung das Flussufer entlang bewegte.

Jeden Augenblick erwartete ich, das Feuer einer verborgenen Batterie auf ihn losbrechen zu sehen. Doch die Ruhe des Abends blieb ungestört. Die Gestalt des Marsmannes wurde immer kleiner in der Entfernung, und bald hatten ihn der Nebel und die hereinbrechende Nacht verschlungen. Von ei-ner gemeinsamen Eingebung bestimmt, kletterten wir höher hinauf. Vor Sunbury erhob sich ein dunkler Gegenstand, so etwa, als hätte sich ein ke-gelförmiger Hügel plötzlich dort eingeschoben, der das weitere Land unseren 68


Blicken verbarg. Jenseits des Flusses oberhalb Waltons sahen wir in der Ferne eine zweite solche Erhebung. Noch während wir sie anstarrten, schie-nen diese hügelartigen Körper sich zu senken und auszubreiten.

Von einem plötzlichen Gedanken bewegt, blickte ich nach Norden und sah, dass dort ein dritter dieser wolkigen schwarzen Kegel aufgetaucht war.

Alles war mit einem Male ganz still geworden. Fern im Südosten hörten wir die eulenartigen Schreie der Marsleute, durch die sie sich miteinander ver-ständigten und diese unheimliche Stille nur noch mehr zum Bewusstsein brachten. Dann wieder erbebte die Luft unter dem Donner ihrer Geschütze; aber keine irdische Artillerie gab Antwort.

Zu jener Zeit konnten wir alle diese Vorgänge nicht begreifen; später aber sollte ich die Bedeutung dieser unheimlichen Hügel, die sich in der Dämme-rung bildeten, noch verstehen. Jeder einzelne der Marsleute, die sich in jener halbmondartigen Linie aufgestellt hatten, hatte auf ein unbekanntes Zeichen hin mit Hilfe jenes geschützartigen Rohres, das er trug, einen ungeheuren Behälter überall dorthin abgefeuert, wo ein Hügel, eine Anhöhe, eine Häu-sergruppe oder irgendein Schutzwehr, hinter der er eine Batterie vermuten konnte, ihm ein Ziel geboten hatte. Manche feuerten nur eine jener Büchsen ab, manche, wie in dem Fall, den wir gesehen hatten, auch zwei; der Marsi-aner vor Ripley soll nicht weniger als fünf Schüsse nacheinander abgegeben haben. Diese Büchsen barsten, wenn sie zur Erde fielen, explodierten aber nicht. Unverzüglich aber strömte aus ihnen eine ungeheure Menge schwe-ren, tintenschwarzen Dampfes, der hochstieg und sich zu einer riesigen, e-benholzschwarzen, geballten Wolke verdichtete; zu einem gasförmigen Hügel, der sich hob und senkte und sich langsam über die ihn umgebende Boden-fläche hin ausbreitete. Und die Berührung dieses Dampfes, das Einatmen des geringsten seiner beißenden Teilchen, bedeutete für alles, das atmete, den Tod.

Er war schwer, dieser Dampf, schwerer als der dichteste Rauch. So kam es, dass nach dem ersten heftigen Ausströmen und Aufschießen, das dem Bers-ten der Büchse folgte, er wieder zu sinken begann und sich, mehr in der Art eines flüssigen als eines gasförmigen Körpers, über das Erdreich ergoss. Er verließ die Hügel und strömte in die Täler und Gräben und Wasserrinnen, ähnlich wie es bei der Kohlensäure, die aus vulkanischen Klüften hervor-strömt, der Fall sein soll. Und wo er das Wasser berührte, trat ein seltsamer chemischer Vorgang ein: die Oberfläche bedeckte sich sofort mit einem pul-verartigen Schaum, der langsam sank und weiteren Raum schuf. Dieser Schaum war gänzlich unauflöslich, und es war eine sonderbare Erschei-nung, verglichen mit der augenblicklichen Wirkung des Gases, dass man das Wasser, wenn jener Schaum durch Siebe entfernt wurde, ohne Schaden trinken konnte. Der Dampf verteilte sich nicht wie echtes Gas. Er hing klumpig zusammen, ergoss sich klebrig über abschüssiges Erdreich, ließ sich zögernd vom Winde treiben, vermengte sich nur allmählich mit dem Ne-bel und der Feuchtigkeit der Luft und fiel in der Gestalt von Staub zur Erde. Wir können nur schließen, dass bei diesem Dampf ein uns unbekanntes E- 69


lement wirksam sein muss, das im Blau der Spektralanalyse eine Gruppe von vier Linien hervorruft. In allem übrigen tappen wir in bezug auf die Art seiner Zusammensetzung völlig im dunkeln.

Jetzt, da der heftige Schwall nach der Detonation vorüber war, haftete der schwarze Rauch so fest auf dem Boden, dass es noch vor seinem Abfließen, in einer Höhe von fünfzig Fuß in der Luft, auf Dächern und oberen Stock-werken hoher Häuser und auf großen Bäumen, eine Möglichkeit gab, sich seiner giftigen Wirkung völlig zu entziehen; das bewährte sich noch in jener Nacht in Street Cobham und Ditton.

Ein Mann, der an jenem Ort dem Tode entrann, überliefert einen merkwür-digen Bericht von diesen Vorgängen: wie er das seltsame, schlangenartige Verteilen des Rauches beobachtet hätte, wie er vom Kirchturm aus herun-tergeblickt und die Häuser des Dorfes wie Geister aus dem pechschwarzen Nichts sich erheben gesehen habe. Einen Tag und einen halben blieb er o-ben, erschöpft, halbverhungert und von der Sonne versengt; die Erde hob sich unter dem blauen Himmel und vor dem Bilde der fernen Hügel wie eine schwarzsamtene, weite Fläche ab; allmählich tauchten dann die roten Dä-cher, die grünen Bäume und später schwarz umschleierte Büsche und Zäu-ne, Tennen, Hütten und Mauern hier und dort wieder zum Sonnenlicht em-por.

Aber das geschah nur in Street Cobham, wo der schwarze Dampf liegen blieb, bis er von selbst in die Erde sank. In der Regel reinigten die Marsleute, wenn der Rauch ihren Absichten entsprochen hatte, die Luft, indem sie in den Qualm hineinwateten und einen Dampfstrahl auf ihn richteten.

In dieser Weise verfuhren sie mit den Qualmmassen in unserer Nähe, wie wir es von den Fenstern eines verlassenen Hauses in Upper Halliford, wohin wir zurückgekehrt waren, beobachten konnten. Von dort konnten wir auch die Scheinwerfer auf den Hügeln von Richmond und Kingston hin- und her-leuchten sehen. Um elf Uhr klirrten unsere Fenster, und wir hörten den Donner der riesigen Belagerungsgeschütze, die dort aufgepflanzt worden wa-ren. In bestimmten Zwischenräumen dauerte das Feuer ungefähr eine Vier-telstunde lang. Das konnten nur blinde Schüsse auf die unsichtbaren Mars-leute in Hampton und Ditton sein. Dann verschwanden die bleichen Strah-len des elektrischen Lichtes, um einem glühendroten Schein zu weichen.

Damals ging der vierte Zylinder - ein glänzender grüner Meteor - in Bushey Park nieder, wie ich später erfuhr. Ehe noch die Geschütze auf der Hügelket-te von Richmond und Kingston ihr Feuer eröffneten, fand fern im Südwesten noch eine unregelmäßige Kanonade statt, die, wie ich vermute, den ins Blaue hinein abgefeuerten Schüssen der dort aufgepflanzten Geschütze zu-zuschreiben ist; sie wurden noch abgegeben, bevor der schwarze Dampf die Mannschaft überwältigte.

So nach einem wohlerwogenen Plan vorgehend, wie Menschen etwa ein Wes-pennest ausräuchern, versandten die Marsleute diesen seltsamen ersticken- 70


den Qualm über das Land in der Richtung nach London zu. Die Enden der halbmondartigen Linie erweiterten sich langsam, bis sie endlich das Land von Hanwell bis Coombe und Malden umklammerten. Die ganze Nacht hin-durch rückten die Marsleute mit ihren vernichtenden Rohren vor. Nicht ein einziges Mal, nachdem der Marsianer bei St. George's Hill zu Fall gebracht worden war, gaben sie der Artillerie auch nur den Schatten einer Gelegenheit zu einem wirksamem Angriff. Wo immer eine Möglichkeit vorhanden war, dass, ihnen unsichtbar, Geschütze aufgestellt sein konnten, wurde eine fri-sche Büchse jenes schwarzen Qualmes abgefeuert; und dort, wo die Ge-schütze ungedeckt dastanden, wurde der Hitzestrahl eingesetzt.

Um Mitternacht warfen die glühenden Bäume an den Abhängen des Rich-mond Parkes und der Feuerschein auf dem Hügel von Kingston ihr Licht auf ein Netzwerk schwarzen Rauches, der das ganze Themsetal überzog und ver-schwinden ließ und sich soweit erstreckte, als das Auge reichte. Und hin-durch wateten langsam zwei Marsleute, die ihre zischenden Dampfstrahlen hierhin und dorthin versandten.

Die Marsleute setzten in dieser Nacht den Hitzestrahl nur sehr selten ein, sei es, dass sie nur einen beschränkten Vorrat an den Stoffen besaßen, mit de-nen sie ihn herstellten, sei es, dass es in ihrer Absicht lag, das Land nicht zu verwüsten, sondern nur den Widerstand, den sie vorgefunden hatten, zu brechen oder einzuschüchtern. Darin erreichten sie zweifellos ihr Ziel. Sonn-tag nachts brach der organisierte Widerstand gegen ihre Bewegungen zu-sammen. Von da an konnte keine wie immer geartete Vereinigung von Men-schen ihnen standhalten, so hoffnungslos war das Unternehmen gescheitert. Selbst die Mannschaften der Torpedoboote und der Torpedozerstörer, die ih-re Schnellfeuergeschütze die Themse heraufgebracht hatte, weigerten sich zu bleiben, meuterten und kehrten wieder um. Das einzige Angriffsunterneh-men, an das sich die Leute nach jener Nacht noch heranwagten, war die An-lage von Minen und Fallgruben; aber selbst diese Arbeiten erfolgten unter einem teils unsinnigen, teils krampfhaft überhasteten Kräfteaufwand.


Man muss sich nur das Schicksal jener Batterien vor Esher vorstellen, die in fast übermenschlich gespannter Erwartung im Zwielicht der Ereignisse harr-ten. Überlebende gab es nicht. Man kann sich von allem nur ein Bild ma-chen: alles in bester Ordnung voll Erwartung, die Offiziere eifrig und wach-sam, die Mannschaft bereit, der Munitionsvorrat aufgehäuft zur Hand, die Abprotzer bei ihren Pferden und Wagen, die Menge bürgerlicher Zuschauer so nahe, als es ihnen gestattet wurde, die milde Ruhe des Abends; die Ambulanzen und die Feldzelte mit den Verbrannten und Verwundeten von Weybridge; dann plötzlich der dumpfe Widerhall der Schüsse, welche die Marsleute abfeuerten, und die unförmigen Geschosse, die über Bäume und Häuser sausten und auf den benachbarten Feldern zerschellten.

Man mag sich ferner ausmalen, wie die allgemeine Aufmerksamkeit plötzlich erregt wurde, als diese schwarze Masse in blitzschnellen Windungen und Aufblähungen nach vorwärts schoss, sich himmelwärts türmte und das 71


Zwielicht in völlige Finsternis verwandelte; wie ein seltsamer und schreckli-cher Gegner in der Gestalt eines Dampfes sich auf seine Opfer stürzte, wie Menschen und Pferde immer mehr in der Dunkelheit verschwanden, wie al-les durcheinander flüchtete, wilde Rufe ausstieß und kopfüber niederstürzte; man mag sich die Entsetzensschreie ausmalen, vorstellen, wie die Geschütze im Stich gelassen wurden, wie die Menschen sich röchelnd am Boden wan-den, wie der dichte Rauchkegel sich nach allen Seiten hin ausbreitete. Und dann Nacht und Vernichtung - nichts als die schweigende Masse undurch-dringlichen Qualmes, der seine Toten umhüllte.

Vor dem Morgengrauen ergoss sich der schwarze Rauch durch die Straßen Richmond, und der in Auflösung begriffene Organismus der Regierung raffte sich vor seinem Ende noch zu einer letzten Pflicht auf: die Bevölkerung Lon-dons zur augenblicklichen Flucht aufzurufen.



16. Der Exodus aus LondonEdit

So begreift man wohl die brüllende Woge der Angst, die durch die größte Stadt der Welt jagte, gerade als der Montag andämmerte - der Strom der Flucht, der mit reißender Schnelligkeit zu einem wilden Gewässer anschwoll, in schäumender Wut um die Bahnhöfe brandete, sich bei den Schiffswerften der Themse zu einem entsetzlichen Wirbel aufbäumte und auf jedem mögli-chen Strombett, das nach Norden oder Osten führte, durchzubrechen such-te. Gegen zehn Uhr verlor die Organisation der Polizei, gegen Mittag selbst die Organisation der Eisenbahnbeamten jeden Zusammenhang, ohne innere Ordnung und Autorität verschmolzen sie erst zögernd, dann um so rascher mit der großen gleichartigen Masse des sozialen Körpers.

Alle Eisenbahnlinien nördlich von der Themse und die Leute von der South-Eastern in der Cannon Street waren schon Sonntag Mitternacht von der drohenden Gefahr verständigt worden; und schon um zwei Uhr waren die Züge überfüllt; die Leute kämpften wie Wilde um Stehplätze in den Wagen. Gegen drei Uhr wurden selbst in der Bishopsgate Street Leute niedergetreten und erdrückt; etwa zweihundert oder mehr Yards von der Liverpool Street Station entfernt wurden schon Pistolenschüsse abgegeben und Leute ersto-chen; und die Polizisten, die hingeschickt wurden, um die Ordnung auf-rechtzuerhalten, zerschlugen erschöpft und wütend den Leuten die Köpfe, die sie beschützen sollten.

Als der Tag vorschritt und die Zugführer und die Heizer sich weigerten, nach London zurückzukehren, trieb der drückende Zwang der Flucht die Leute in immer dichteren Massen von den Bahnhöfen weg auf die Straßen, die nach Norden führten. Um die Mittagsstunde war ein Marsianer in Barnes gesehen worden, und eine Wolke mächtig sinkenden schwarzen Qualmes trieb die Themse entlang über die Ebene von Lambeth und schnitt in ihrem trägen 72


Herannahen jede Möglichkeit der Flucht über die Brücken ab. Eine zweite Wolkenschicht trieb über Ealing hinweg und umzingelte eine kleine Insel von Überlebenden auf Castle Hill, die wohl ihr Leben fristen, aber auf keinen Ausweg hoffen konnten.

Nach fruchtlosem Kampf, bei Chalk Farm in einen Zug der North-Western zu gelangen - die Maschinen der Züge, welche am Güterbahnhof Reisende auf-genommen hatten, pflügten förmlich durch einen schreienden Menschen-haufen hindurch, und ein Dutzend handfester Männer kämpfte, um die Menge daran zu hindern, den Zugführer gegen seinen Heizkessel zu schleu-dern -, schlug sich mein Bruder zur Chalk Farm Road durch, wand sich durch einen Schwarm dahineilender Fahrzeuge vorwärts und hatte das Glück, bei der Erstürmung eines Fahrradladens als erster anzukommen.

Das Vorderrad der Maschine, die er an sich riss, wurde durchgeschnitten, als er sie durch das Fenster zerrte; gleichwohl saß er auf und fuhr mit keiner ernsteren Verletzung als einem Schnitt im Handgelenk ab. Der steile Anstieg des Haverstock Hill war wegen einiger gestürzter Pferde nicht passierbar, und mein Bruder lenkte in die Belsize Road ein.

So entkam er schließlich der wütenden Panik und dem Saum der Edgware Road folgend, erreichte er, hungrig und erschöpft, doch der Menge weit vor-an, um sieben Uhr Edgware. Die ganze Straße entlang standen die Leute neugierig und staunend. Mein Bruder wurde von Radfahrern, einigen Reitern und zwei Automobilen überholt. Eine Meile vor Edgware brachen die Räder, und die Maschine wurde unbrauchbar. Er ließ sie auf der Straße liegen und schleppte sich ins Dorf. In der Hauptstraße des Ortes waren die Läden halb geöffnet, und auf den Bürgersteigen und in den Fenstern sammelten sich Leute, die verwundert auf jenen außergewöhnlichen Zug von Flüchtlingen starrten, der jetzt heranzunahen begannen. Meinem Bruder gelang es, in ei-nem Wirtshaus etwas zu essen zu bekommen.

Er blieb einige Zeit in Edgware, ratlos, was er anfangen solle. Die Zahl der Flüchtlinge nahm immer mehr zu. Viele von ihnen schienen wie mein Bruder geneigt zu sein, im Orte zu bleiben. Von den Eindringlingen des Mars wusste niemand Neues zu berichten. Die Straße war jetzt schon voll von Leuten, a-ber noch lange nicht überfüllt. Die meisten Flüchtlinge waren mit Fahrrä-dern ausgerüstet, bald aber tauchten auch Automobile, Hansoms und Kut-schen auf, die rasch vorübereilten und in den dichten Staubwolken ver-schwanden, die auf der Straße nach St. Albans aufwirbelten.

Es war vielleicht nur ein ganz unklares Vorhaben, den Weg nach Chelmsford zu wählen, wo einige seiner Freunde wohnten, was meinen Bruder schließ-lich bewog, einen stillen Feldweg, der Ostwärts führte, einzuschlagen. Nach kurzer Zeit gelangte er zu einem Zaunsteig, kletterte hinüber und folgte ei-nem Fußweg in nordöstlicher Richtung. Er kam an einigen Bauernhäusern und mehreren kleinen Ortschaften vorbei, deren Namen er nicht kannte. Er sah nur wenige Flüchtlinge, erst auf einem Grasweg in der Nähe von High 73


Barnet stieß er auf die zwei Frauen, die seine Reisegefährtinnen werden soll-ten. Er kam gerade zur rechten Zeit, um sie zu retten.

Er hörte ihre Schreie und, um die Ecke eilend, sah er zwei Männer, die sie aus dem kleinen Ponywagen, den sie lenkten, mit Gewalt herauszuzerren suchten, während ein dritter sich damit abmühte, den Kopf des erschreckten Ponys zu halten. Die eine der Damen, eine kleine in Weiß gekleidete Frau, kreischte nur immerzu; die andere, eine dunkle, schlanke Erscheinung, schlug nach dem Mann, der ihren Arm gepackt hatte, mit der Peitsche, die sie in ihrer freien Hand hielt.

Mein Bruder erfasste die Situation sofort, er rief laut und eilte auf den Kampfplatz. Einer der Männer ließ sofort von den Damen ab und wandte sich ihm zu. Mein Bruder, der aus dem Gesicht seines Gegners sofort er-kannte, dass ein Kampf unvermeidlich sei, stürzte sich als der erfahrene Bo-xer, der er war, sofort auf ihn und schlug ihn gegen das Wagenrad nieder.

Es war nicht die Zeit, um die Ritterlichkeit von Boxern zu praktizieren, und mein Bruder machte ihn durch einen Fußtritt kampfunfähig. Dann packte er den Mann, der die schlanke Dame am Arm gefasst hatte, beim Rockkragen. Er hörte das Klappern von Hufen, die Peitsche schlug ihm ins Gesicht, ein dritter Gegner versetzte ihm einen wuchtigen Schlag zwischen die Augen, und der Mann, den er festhielt, riss sich los und rannte den Feldweg hinab in der Richtung, aus der er gekommen war.

Halb betäubt sah mein Bruder sich jetzt dem Manne gegenüber, der den Kopf des Pferdes gehalten hatte. Er bemerkte dann, wie der Wagen mit den stets zurückblickenden Frauen, heftig nach beiden Seiten schwankend, den Feldweg entlang davonfuhr. Der Mann vor ihm, ein plumper Lümmel, mach-te Miene, sich auf ihn zu stürzen, aber mein Bruder schleuderte ihn mit ei-nem Faustschlag ins Gesicht zurück. Als er sich so endlich frei sah, warf er sich herum und lief so schnell er konnte den Feldweg entlang dem Wagen nach; der Plumpe war dicht an seinen Fersen, und der Flüchtige, der sich jetzt umgewandt hatte, folgte in einiger Entfernung.

Plötzlich taumelte mein Bruder und stürzte zu Boden; sein nächster Verfol-ger stürmte auf ihn los, und als er sich wieder aufgerichtet hatte, sah er sich neuerdings zwei Angreifern gegenüber. Wenig fehlte und es wäre um ihn ge-schehen gewesen, hätte nicht die schlanke Dame mutig den Wagen angehal-ten. Sie stieg aus und kam ihm zu Hilfe. Sie hatte von Anfang an einen Re-volver mit sich geführt, aber er war unter den Sitzen verborgen, als sie und ihre Gefährtin angegriffen wurden. Sie feuerte ihn nun auf eine Entfernung von sechs Yards ab und hätte um ein Haar meinen Bruder getroffen. Der weniger mutige Räuber machte sich davon, und sein Spießgeselle folgte ihm, seine Feigheit verwünschend. Sie machten beide noch in Sicht halt und blie-ben auf dem Feldweg stehen, wo der dritte Mann besinnungslos lag.

"Nehmen Sie ihn!" rief die schlanke Dame und reichte meinem Bruder den Revolver. 74



"Gehen Sie zum Wagen zurück", bat mein Bruder, indem er sich das Blut aus seiner gespaltenen Lippe wischte.

Sie wandte sich wortlos ab - beide keuchten heftig -, und dann gingen sie zum Wagen, in dem die Dame in Weiß mit krampfhafter Anstrengung das erschreckte Pony zu halten bemüht war.

Die Räuber hatten offenbar genug. Als mein Bruder sich wieder nach ihnen umblickte, zogen sie sich zurück.

"Ich setze mich hierher", sagte mein Bruder, "wenn ich darf"; und er stieg ein und ließ sich auf dem leeren Vordersitz nieder. Die Dame blickte über ihre Schulter.

"Geben Sie mir die Zügel", sagte sie und strich mit der Peitsche über die Flanke des Ponys. Im nächsten Augenblick verbarg eine Krümmung des We-ges die drei Männer den Blicken meines Bruders. So kam es, dass mein Bruder keuchend, mit zerschnittenem Mund, verletztem Kiefer und blutbe-fleckten Fingerknöcheln ganz unvermutet auf einer unbekannten Straße mit zwei unbekannten Frauen dahinfuhr.

Er erfuhr, dass sie die Gattin und die jüngere Schwester eines in Stanmore lebenden Chirurgen waren, der in den frühen Morgenstunden von einem ge-fährlichen Fall in Pinner zurückgekehrt war und auf einem Bahnhof, an den ihn sein Weg vorbeiführte, von dem Heranrücken der Marsianer gehört hat-te.

Er war nach Hause geeilt, hatte die Frauen geweckt - das Dienstmädchen hatte sie schon vor zwei Tagen verlassen -, hatte etwas Mundvorrat zusam-mengerafft, zum Glück für meinen Bruder einen Revolver unter die Sitze ge-legt und ihnen aufgetragen, nach Edgware zu fahren, wo es ihnen gelingen würde, einen Zug zu erreichen. Er selbst blieb zurück, um die Nachbarn zu informieren. Er hatte ihnen versprochen, sie etwa um halb fünf Uhr morgens einzuholen, und jetzt war es beinahe neun Uhr, und sie hatten seitdem nichts von ihm gesehen. Sie konnten wegen des fast beängstigend anwach-senden Gedränges nicht in Edgware bleiben, und so waren sie auf diesen Seitenweg gekommen.

Das war die Geschichte, die sie in abgebrochenen Sätzen meinem Bruder erzählten. Dann machten sie in der Nähe von New Barnet wieder halt. Mein Bruder aber versprach ihnen, so lange wenigstens bei ihnen zu bleiben, bis sie einen endgültigen Beschluss über ihre nächsten Schritte gefasst hätten oder bis der vermisste Arzt sie getroffen hätte. Er versicherte ihnen, ein er-fahrener Revolverschütze zu sein - er war alles eher als vertraut mit dieser Waffe -, um ihnen Vertrauen zu vermitteln.

Neben der Straße schlugen sie eine Art Lager auf, und das Pony tat sich bei der Hecke gütlich. Mein Bruder erzählte ihnen die Einzelheiten seiner Flucht 75


aus London und überdies alles, was er von den Marsleuten und ihrem Trei-ben wusste. Die Sonne stieg höher am Himmel, und nach einiger Zeit stockte das Gespräch und wich einem unbehaglichen Zustand banger Erwartung. Einige Fußgänger kamen des Weges entlang, und aus ihnen brachte mein Bruder heraus, soviel er konnte. Jede gebrochene Antwort, die er erhielt, vertiefte seinen Eindruck von der schweren Heimsuchung, die über die Menschheit gekommen war, vertiefte auch seine Überzeugung von der zwin-genden Notwendigkeit, die Flucht fortzusetzen. In dringenden Worten mach-te er das den Damen begreiflich.

"Wir haben Geld bei uns", sagte das Mädchen, und dann zögerte sie, fortzu-fahren.

Ihre Augen begegneten denen meines Bruders, und ihr Vertrauen kehrte wieder.

"Auch ich habe Geld mit", sagte mein Bruder.

Sie erklärte nun, außer einer Fünfpfundnote ungefähr dreißig Pfund in Gold bei sich zu führen, und schlug vor, damit zu einem Zug bei St. Albans oder New Barnet zu gehen. Mein Bruder, der die Wut der Londoner, als sie die Züge stürmten, mit angesehen

hatte, hielt dieses Vorhaben für hoffnungslos und setzte nun seinen Plan auseinander: Essex zu durchqueren und so nach Harwich zu gelangen, um von dort das Land überhaupt zu verlassen.

Mrs. Elphinstone - so hieß die Dame in Weiß - wollte auf keine Ratschläge hören und rief unaufhörlich nach ihrem „George“; ihre Schwägerin aber war erstaunlich ruhig und vernünftig und schließlich bereit, dem Vorschlag mei-nes Bruders zu folgen.

So schlugen sie also die Richtung nach Barnet ein, in der Absicht, die Great North Road zu kreuzen; mein Bruder lenkte das Pony, um es soviel als mög-lich zu schonen.

Als die Sonne höher stieg, wurde es unglaublich heiß, und unter den Füßen brannte ein dichter weißlicher Sand, so dass sie nur sehr langsam vorwärts kamen. Die Hecken waren grau vor Staub. Und als sie in die Nähe von Bar-net kamen, vernahmen sie ein immer lauter anschwellendes Gemurmel.

Es begegneten ihnen immer mehr Leute. Die meisten starrten vor sich hin, murmelten unbestimmte Fragen und sahen erschöpft, abgemagert und schmutzig aus. Ein Mann im Frack ging zu Fuß an ihnen vorüber, seine Au-gen auf den Boden geheftet. Sie hörten seine Stimme, und als sie nach ihm blickten, sahen sie, wie er mit der einen Hand sein Haar raufte und mit der anderen nach unsichtbaren Dingen schlug. Als sein Wutanfall vorüber war, ging er seine Straße weiter, ohne sich ein einziges mal umzuschauen. 76


Als die Gesellschaft meines Bruders sich dem Kreuzweg im Süden von Bar-net näherte, sahen sie eine Frau über ein Feld zur Linken auf die Straße zu kommen. Ein Kind trug sie auf dem Arm und zwei andere führte sie; dann ging ein Mann in einem schmutzigen schwarzen Anzug vorbei, einen dicken Rock in der einen Hand, eine kleine Reisetasche in der anderen. Als sie um die Ecke des Feldweges fuhren, dort, wo bei seiner Einmündung in die Land-straße einige Landhäuser stehen, kam ein kleines Gefährt, von einem schweißbedeckten schwarzen Pony gezogen, angefahren; ein blasser Bursche mit einem Sporthut lenkte es. Drei Mädchen, die wie Fabrikmädchen des Londoner Eastend aussahen und zwei kleine Kinder saßen zusammenge-kauert in dem kleinen Wagen.

"Hier kommen wir doch nach Edgware?" fragte der mit wilden Augen drein-blickende totenblasse Lenker des Gefährtes in unverkennbarer Londoner Mundart. Und als mein Bruder ihm bedeutete, die Richtung zu seiner Linken einzuschlagen, hieb er auf das Pony ein, ohne ihm ein Danke zu sagen.

Jetzt bemerkte mein Bruder, dass aus den Häusern vor ihnen ein dünner grauer Rauch oder Nebel aufstieg, der die weiße Vorderseite einer Terrasse hinter der Straße, die zwischen den Landhäusern zum Vorschein kam, ver-schleierte. Mrs. Elphinstone schrie beim Anblick einiger züngelnder rauchi-ger Feuerflammen, die aus den Häusern vor ihnen in den blauen Himmel aufschossen, plötzlich auf. Der wilde Lärm löste sich jetzt in ein wirres Ge-menge vieler Stimmen, das Knirschen vieler Räder, das Ächzen von Wagen und das Geklapper von Hufen auf. Keine fünfzig Yards von der Kreuzung entfernt, machte der Feldweg eine scharfe Biegung.

"Gott im Himmel!" rief Mrs. Elphinstone.

"Wohin führen Sie uns denn?"

Mein Bruder hielt an. Denn die Hauptstraße war ein kochender Strom von Leuten, ein reißender Wildbach menschlicher Wesen, die nach Norden stürmten, einer hinter dem andern drängend. Ein langer Wolkenzug von Staub, weiß und leuchtend im Sonnenglanz, ließ alles innerhalb von zwanzig Fuß über dem Boden grau und undeutlich erscheinen. Er entstand immer von neuem durch die dahineilenden Füße einer dichten Menge von Pferden und Männern und Frauen zu Fuß und durch die Räder von Gefährten aller erdenklichen Art. "Macht Platz!" hörte mein Bruder Stimmen schreien.

"Platz da!" Zum Kreuzungspunkt des Feldweges und der Straße zu gelan-gen, bedeutete soviel wie in den Rauch eines Feuers hineinfahren; die Menge brüllte wie ein Feuer, und der Staub war heiß und prickelnd. Und tatsäch-lich stand etwas weiter oben an der Straße ein Landhaus in Flammen und wälzte dichte Mengen schwarzen Rauches über die Straße, um so die Verwir-rung zu erhöhen. Zwei Männer kamen dem Wagen nach. Dann eine schmutzige alte Frau, das ein schweres Bündel trug und heftig schluchzte. Ein verlaufener Jagdhund, heruntergekommen und bedeckt mit Schram-men, lief schnüffelnd um sie herum und floh, als mein Bruder ihm drohte. 77


Soviel man von der Straße, die nach London führte, zwischen den Häusern zur Rechten sehen konnte, war sie ein einziger, großer Strom verschmutzter, fliehender Menschen, die zwischen die Landhäuser zu beiden Seiten des We-ges eingeklemmt waren; die schwarzen Köpfe, die dicht aneinander gedräng-ten Gestalten traten deutlicher hervor, als sie auf die Straßenecke zustürz-ten und vorübereilten; dann verloren sie sich wieder in der fliehenden Men-ge, die endlich von einer Staubwolke in der Ferne verschlungen wurde.

"Vorwärts! Vorwärts!" riefen die Stimmen.

"Platz da, macht Platz!"

Mein Bruder stand bei dem Kopf des Ponys. Unwiderstehlich angezogen, ging er Schritt für Schritt vorwärts den Feldweg hinab.

Edgware war ein Schauplatz der Verwirrung, Chalk Farm ein aufrühreri-scher Tumult gewesen, hier aber war eine ganze Bevölkerung in Bewegung. Die Karren und die Wagen drängten sich dicht einer hinter dem andern und ließen nur wenig Platz für jene rascheren und ungeduldigeren Fahrzeuge, die jeden Augenblick vorwärts schossen, so oft sich eine Gelegenheit dazu bot, dabei schleuderten sie die Leute ohne Rücksicht gegen die Zäune und die Gitter der Landhäuser.

"Nur drauflos!" war der allgemeine Schrei. "Nur drauflos! Sie kommen!“

Auf einem Karren stand ein blinder Mann in der Uniform der Heilsarmee. Er schlenkerte mit seinen gekrümmten Fingern herum und brüllte unaufhör-lich: "0 Ewigkeit! 0 Ewigkeit!" Seine Stimme war heiser und überaus laut, in dass mein Bruder ihn noch lange hören konnte, als er im südwestlichen Staub schon den Blicken entschwunden war. Einige Karren waren vollge-stopft von Leuten, die wie blöde auf ihre Pferde einhieben und sich mit an-dern Kutschern zankten; einige Leute wiederum saßen regungslos da, mit trostlosen Augen ins Leere starrend; andere nagten vor Durst an ihren Fin-gern oder lagen auf dem Boden ihres Fuhrwerks lang ausgestreckt. Die Zäume der Pferde waren mit Schaum bedeckt, ihre Augen blutunterlaufen.

Man sah Mietwagen, Kutschen, Geschäftswagen, Fuhrwerke ohne Zahl, eine Postkutsche, einen Straßeneinigungswagen mit der Aufschrift „Gemeindebe-zirk St. Pancras“, einen riesigen Bauholzwagen mit roh aussehenden Gesel-len beladen. Der Geschäftskarren einer Brauerei rasselte vorüber; seine bei-den Räder waren mit frischem Blut bespritzt.

"Aus dem Weg!" riefen die Stimmen. "Aus dem Weg!"

"Ewigkeit! Ewigkeit!" hallte es von der Straße wider.

Traurige, abgemagerte, gut gekleidete Frauen schleppten sich weiter mit ih-ren Kindern, die weinten und immer stolperten; ihre zarten Kleider starrten vor Staub, und ihre müden Gesichter waren von Tränen entstellt. Viele von 78


ihnen waren von teils hilfreichen, teils mürrischen und rohen Männern be-gleitet. Seite an Seite mit ihnen drängte sich mit roher Gewalt ein Haufen Londoner Gesindels vorwärts, in schwarze Lumpen gekleidet, mit lauter Stimme unflätige Reden im Munde führend. Dann sah man stämmige Arbei-ter, die kraftvoll vorwärts drängten, elend aussehende, ungekämmte Bur-schen, offenbar Ladenschwengel oder Tagschreiber, nach ihrer Kleidung zu schließen, die gelegentliche Raufhändel veranstalteten; bisweilen sah man noch einen verwundeten Soldaten, weiterhin Leute, die wie die Gepäckträger der Bahnhöfe gekleidet waren, und ein trostlos aussehendes Geschöpf in ei-nem Nachthemd, über das ein Rock geworfen war.

Aber so verschieden auch ihre Zusammensetzung war, gewisse Züge hatte diese Menge gemein. Angst und Schmerz standen auf den Gesichtern und Angst saß ihnen im Nacken. Ein Lärm auf der Straße, ein Streit um einen Wagenplatz genügten, und jeder beschleunigte seine Schritte; selbst ein Mann, der so elend und gebrochen war, dass die Knie unter ihm wankten, wurde für einen Augenblick wieder hochgerissen. Hitze und Durst hatten bei dieser Menge schon ihr Werk getan. Die Haut war trocken, die Lippen schwarz und aufgesprungen. Sie waren durstig und erschöpft und ihre Füße wund. Und aus den vielen Schreien hörte man Gezänk und Vorwürfe und stöhnende Ermattung heraus. Die meisten Stimmen waren schon heiser und schwach. Und zwischendurch der immer gleiche Refrain:

"Platz! Platz! Die Marsleute kommen!"

Nur wenige rasteten oder trennten sich von der Flut. Der Feldweg mündete ziemlich abschüssig in einer engen Öffnung in die Hauptstraße und machte den trügerischen Eindruck, als käme er aus der Richtung von London. Den-noch drängte ein geringer Bruchteil der Leute in die Mündung hinein; Schwächlinge arbeiteten sich mit den Ellbogen aus dem Strom heraus; doch ruhten sie zum größten Teil nur einen Moment aus, um wieder in ihn einzu-tauchen. Ein wenig abseits vom Feldweg lag von zwei Freunden betreut ein Mann, eines seiner Beine war bloß mit ein paar blutigen Lumpen umwickelt. Der Glückliche hatte wenigstens Freunde.

Ein altes Männchen mit einem kriegerisch aussehenden Schnurrbart, mit einem fadenscheinigen schwarzen Gehrock bekleidet, hinkte aus dem Hau-fen, zog seine Stiefel aus - seine Socken waren mit Blut befleckt - schüttelte einen Kieselstein heraus und humpelte weiter. Ein kleines Mädchen, acht oder neun Jahre alt, ganz allein, warf sich neben die Hecke dicht neben meinen Bruder und weinte bitterlich.

"Ich kann nicht weiter! Ich kann nicht weiter."

Mein Bruder erwachte aus der Erstarrung; er hob sie auf, sprach ein paar freundliche Worte zu ihr und trug sie zu Miss Elphinstone. Sobald mein Bruder sie berührte, wurde sie ganz still, wie erschreckt. 79


"Ellen!" schrie eine Frau im Haufen mit weinender Stimme. "Ellen!" Und das Kind machte sich von meinem Bruder los und schoss, nach der Mutter ru-fend, davon.

"Sie kommen", sagte ein Mann zu Pferd, der den Feldweg entlang ritt.

"Aus dem Weg da!" schrie ein Kutscher und richtete sich hoch auf, und mein Bruder sah einen geschlossenen Wagen in den Feldweg hereinfahren.

Die Leute drängten, einer den anderen pressend, zurück, um dem Pferd aus-zuweichen. Mein Bruder schob das Pony und den Wagen an die Hecke zu-rück, und der Mann fuhr vorbei, um an der Wegbiegung zu halten. Es war eine Kutsche mit einer Deichsel für zwei Pferde, aber nur eines war in den Strängen.

Mein Bruder sah undeutlich durch den Staub hindurch, wie zwei Männer einen Gegenstand auf einer weißen Tragbahre heraushoben und ihn behut-sam auf das Gras zwischen die Ligusterhecken legten.

Einer der Männer eilte auf meinen Bruder zu.

"Wo bekommt man hier etwas Wasser?" fragte er. "Er geht rasch seinem En-de entgegen und leidet heftigen Durst. Es ist Lord Garrick."

"Lord Garrick!" rief mein Bruder, "der Präsident des Obersten Gerichtes?

"Das Wasser!" rief der andere.

"Vielleicht finden Sie in einem dieser Häuser eine Wasserleitung", sagte mein Bruder. "Wir haben kein Wasser. Und ich darf meine Begleiterinnen nicht verlassen."

Der Mann drängte sich durch die Menge zu dem Tor des Eckhauses.

"Vorwärts!" riefen die Leute, ihn zur Seite schiebend. "Sie kommen! Vor-wärts!

Mein Bruder war entsetzt und verwirrt. Sobald sie sich zurückgezogen hat-ten, kam es ihm wieder zum Bewusstsein, wie dringend und unvermeidlich es war, den Menschenstrom zu durchqueren. Ohne Verzug wandte er sich entschlossen an Miss Elphinstone.

"Wir müssen diesen Weg einschlagen", sagte er und lenkte das Pony wieder herum.

Zum zweiten Mal an diesem Tag legte das Mädchen eine Probe seiner Uner-schrockenheit ab. Um eine Furt durch diesen Menschenstrom zu erzwingen, stürzte sich mein Bruder in das Getriebe hinein und hielt ein Droschken-pferd zurück, während sie das Pony an dessen Kopf vorbeilenkte. In diesem 80


Augenblick hemmte ein Fuhrwerk sein Rad und riss einen langen Span von dem Ponywagen ab. Gleich darauf wurden sie von dem Strom erfaßt und vorwärtsgetrieben. Mein Bruder, auf dessen Gesicht und Händen die Peit-sche des Kutschers rote Striemen hinterlassen hatte, kletterte in den Wagen zurück und nahm seiner Begleiterin die Zügel ab.

"Richten Sie den Revolver auf den Mann hinter uns, wenn er zu heftig drängt", sagte er, ihr die Waffe reichend. "Nein! -Richten Sie ihn auf sein Pferd."

Dann suchte er nach einer Gelegenheit, über die Straße hinweg nach rechts zu fahren. Aber einmal im Strom, schien er seine Willenskraft zu verlieren und ein Glied dieses staubigen Menschenrudels zu werden. Sie wurden von dem wilden Strom durch Chipping Barnet geschwemmt; sie befanden sich schon wieder eine Meile jenseits des Mittelpunktes der Stadt, bevor sie sich auf die andere Seite des Weges durchgekämpft hatten. Der Lärm und die Verwirrung waren unbeschreiblich. Aber in der Stadt und hinter ihr ver-zweigte sich die Straße wiederholt und spaltete so wenigstens den Andrang der Massen.

Sie wandten sich nun östlich durch Hadley, und dort, wie auch später, stie-ßen sie beiderseits der Straße auf eine beträchtliche Menge von Leuten, die aus dem Fluss tranken; manche mussten kämpfen, um bis zum Wasser zu gelangen. Etwas weiter auf einer Anhöhe nahe East Barnet vielen ihnen zwei Eisenbahnzüge auf, die langsam einer hinter dem andern ohne Signal, ohne Aufsicht dahinfuhren. Die Züge wimmelten von Leuten, selbst zwischen den Kohlen hinter der Maschine kauerten Menschen, die auf der Great Northern Railway nordwärts zu entkommen suchten. Mein Bruder vermutete, dass diese Züge sich erst außerhalb Londons mit Flüchtlingen gefüllt haben müssten, denn zu jener Zeit hatte der wütende Ansturm der Leute die Be-nutzung der Londoner Bahnhöfe unmöglich gemacht.

In der Nähe von Hadley machte die Gesellschaft meines Bruders für den Rest des Nachmittags halt; die Schrecken des Tages hatten alle drei fast völlig er-schöpft. Schon regte sich der erste Hunger; die Nacht begann kalt, und kei-ner von ihnen wagte zu schlafen. Am Abend eilten viele Leute die Straße an ihrem Rastplatz entlang, vor ungekannten Gefahren fliehend, die in Wahr-heit noch vor ihnen lagen. Denn sie liefen in die Richtung, aus der mein Bruder gekommen war.


17. Die „Thunder Child“Edit

Hätten die Marsleute nur blindlings zerstören wollen, so wäre ihnen am Montag die gesamte Bevölkerung Londons zum Opfer gefallen, wie sie sich langsam über die nächsten Grafschaften hin ausbreitete. Nicht nur durch Barnet, sondern auch durch Edgware und Waltham Abbey, und die ostwärts 81


laufenden Straßen entlang nach Southend und Shoeburyness, und südlich von der Themse nach Deal und Broadstairs ergoss sich derselbe tobende Haufen. Wenn einer an jenem Morgen im Juni in einem Ballon in dem strah-lenden Blau über London geschwebt hätte, dann hätte er jede Straße, die aus dem unendlichen Straßenknäuel nach Norden oder Osten führte, von dahinströmenden Flüchtlingen schwarz übersät erblickt, jeder Punkt eine menschliche Agonie von Schrecken und körperlichem Leid. Nie zuvor in der Geschichte der Welt hatte sich eine solche Masse menschlicher Wesen in Bewegung gesetzt, noch nie so gemeinsam dieselben Qualen ertragen. Die sagenhaften Scharen von Goten und Hunnen, die riesigsten Heere, die Asien je erblickt hatte, was wären sie anderes gewesen als Wellen dieses Stromes. Und das war kein disziplinierter Marsch; es war eine wilde Jagd, riesenhaft und schreckensvoll, ohne Ordnung, ohne Ziel, sechs Millionen Menschen, die unbewaffnet und ohne Lebensmittel blindlings weitertrieben. Es war der Anfang vom Ende der Zivilisation, das Massaker des Menschengeschlechtes.

Gerade unter sich hätte der Luftschiffer ein weithingesponnenes Netzwerk von Straßen gesehen, Häuser, Kirchen, Plätze, Gassen, Gärten, die, schon verödet, sich verteilten wie über eine ungeheure Landkarte, die im Süden verwischt und zerstört war.

Es sah aus, als ob eine Riesenfeder über Ealing, Richmond und Wimbledon Tinte über die Karte gespritzt hätte. Stetig und unaufhaltsam wuchs jeder dieser Flecken; er breitete sich aus, sandte Rinnsale hierhin und dorthin, staute sich gegen Erhebungen des Bodens, ergoss sich dann wieder über abschüssiges Erdreich in neuentdeckte Täler, genauso, wie ein Strom von Tinte sich über Löschpapier verteilt. Und drüben, bei den blauen Hügeln, die sich südlich vom Fluss erheben, eilten die glitzernden Marsleute hin und her und legten ruhig und überlegen einmal über diesen, dann über jenen Landstrich ihre Giftwolken, die sie, sobald sie ihren Zweck erfüllt hatten, wieder mit ihren Dampfstrahlen erstickten. So ergriffen sie Besitz von dem besiegten Land.

Ihr Ziel schien jedoch nicht so sehr die Ausrottung als die völlige Unterwer-fung und Erstickung jeden Widerstandes. Sie sprengten jede Pulveransamm-lung in die Luft, schnitten jede Telegrafenlinie ab und zerstörten, wo sie konnten, jede Eisenbahn. Sie durchschnitten die Sehnen der Menschheit. Sie schienen keine besondere Eile zu haben, ihr Arbeitsfeld auszudehnen, und gelangten an diesem Tag nicht über den Mittelpunkt von London hin-aus. Es ist möglich, dass eine beträchtliche Anzahl Leute in London am Montag morgen in ihren Häusern blieb. Dass viele am schwarzen Rauch zu Hause erstickten, ist sicher.

Um die Mittagszeit bot die Londoner Werft ein erstaunliches Schauspiel. Dampfboote und Schiffe aller Art, deren Eigentümer von den Flüchtlingen mit ungeheuren Geldsummen bestochen wurden, lagen in Bereitschaft; viele Menschen, welche an diese Fahrzeuge heranschwammen, sollen mit Boots-haken zurückgestoßen und ertränkt worden sein. Um ein Uhr nachmittags 82


etwa wurde der verblassende Rest einer Wolke schwarzen Qualmes zwischen den Bogen der Blackfriars - Brücke gesehen.

Und nun wurde die Werft der Schauplatz einer wahnsinnigen Verwirrung, heißer Kämpfe und Zusammenstöße; eine Zeitlang waren zahllose Boote und Barken im nördlichen Bogen der Tower - Brücke eingeklemmt; Seeleute und Löscharbeiter mussten wie Wilde gegen die Menge ankämpfen, die in hellen Haufen vom Ufer her andrängte. Die Leute kletterten tatsächlich die Brü-ckenpfeiler hinab Als eine Stunde später ein Marsianer jenseits des Clock Tower auftauchte und den Fluss hinabwatete, trieben nur Schiffstrümmer an Limehouse vorüber.

Über die Landung des fünften Zylinders werde ich später berichten. Der sechste ging bei Wimbledon nieder. Mein Bruder hielt neben den im Wagen schlafenden Frauen auf einer Wiese Wache und sah seinen grünen Blitz weit drüben jenseits der Hügel. Am Dienstag strebte die kleine Gesellschaft, noch immer entschlossen, über das Meer zu fahren, durch das von Menschen wimmelnde Land nach Colchester vorwärts. Die Nachricht dass die Marsleu-te nun im Besitz von ganz London seien, wurde bestätigt. Sie waren in High-gate gesehen worden; und wie man erzählte, sogar schon bei Neasdon. Aber sie kamen bis zum nächsten Morgen meinem Bruder nicht zu Gesicht.

Am Dienstag nun überfiel die versprengten Massen die Angst vor dem Hun-ger. Und sobald sie hungrig wurden, hörten sie auf, das Eigentumsrecht zu beachten. Mit den Waffen in der Hand rückten die Bauern aus, ihre Viehställe, ihre Scheunen, ihre reifenden Feldfrüchte zu verteidigen. Eine Anzahl von Leuten gingen wie mein Bruder nun in östlicher Richtung, und ein paar ganz Verzweifelte gingen sogar nach London zurück, um sich Lebensmittel zu besorgen. Das waren hauptsächlich Leute aus den nörd-lichen Vororten, deren Kenntnisse über den schwarzen Rauch nur vom Hörensagen stammten. Mein Bruder erfuhr, dass etwa die Hälfte der Mitglie-der der Regierung sich in Birmingham versammelt hatte und dass ungeheure Mengen starker Sprengstoffe vorbereitet wurden, um für automatische Minen in den Midland Grafschaften verwendet zu werden.

Zur gleichen Zeit hörte mein Bruder, dass die Midland Railway Company die im ersten Schrecken aufgegebene Strecke wieder dem Verkehr übergeben hatte und von St. Albans Züge nach Norden abgehen ließ, um in den be-ängstigend überfüllten Nachbargrafschaften Londons etwas Luft zu schaffen. Ferner wurde in Chipping Ongar bekannt gegeben, dass in den Nordstädten große Mehlvorräte zur Verfügung stünden und dass binnen 24 Stunden un-ter der hungernden Bevölkerung der Nachbarschaft Brot verteilt werden würde. Diese Nachricht aber hielt meinen Bruder nicht von der Ausführung seines Fluchtplanes ab, und die drei Leute flohen den ganzen Tag lang un-aufhaltsam in östlicher Richtung vorwärts und erlebten von jener Brotver-teilung nicht mehr als eben ihre Verheißung. Tatsache ist, dass auch nie-mand sonst mehr davon erlebte. In dieser Nacht ging die siebte „Stern-schnuppe“ nieder und fiel auf den Primrose Hill. Sie ging nieder, während 83


Miss Elphinstone Wache hielt; denn sie unterzog sich abwechselnd mit mei-nem Bruder dieser Pflicht. Auch sie sah den Stern.

Am Mittwoch erreichten die drei Flüchtlinge, die die Nacht auf einem Felde mit unreifem Weizen verbracht hatten, Chelmsford; hier beschlagnahmte eine Gruppe von Bewohnern, die sich ”Öffentlicher Unterstützungsaus-schuss“ nannte, das Pony als Nahrungsmittel und wollte nichts als Entgelt dafür geben als das Versprechen, die Besitzer am nächsten Tag an seiner Verzehrung teilnehmen zu lassen. Hier waren Gerüchte im Umlauf, dass die Marsleute in Epping seien; auch erfuhr man, dass die Pulvermühlen von Waltham Abbey während des fruchtlosen Versuches, einen der Eindringlinge in die Luft zu sprengen, zerstört worden seien.

Die Leute spähten hier von den Kirchtürmen nach den Marsianern aus. Mein Bruder zog es vor - wie es sich später herausstellte, zu seinem Glück - sofort nach der Küste aufzubrechen, statt auf Nahrung zu warten, obwohl sie alle drei sehr hungrig waren. Um die Mittagsstunde kamen sie durch Til-lingham, das seltsam genug ganz still und verödet schien, bis auf einige die-bische Plünderer, die nach Lebensmitteln suchten. In der Nähe von Tilling-ham erblickten sie plötzlich das Meer und zugleich die erstaunlichste An-sammlung von Fahrzeugen aller Art, die man sich nur vorstellen konnte.

Denn nachdem die Schiffer nicht mehr die Themse hinauffahren konnten, begaben sie sich an die Küste von Essex, nach Harwich, Walton, Clacton und später nach Forness und Shoebury, um Leute aufzunehmen. Die Schiffe waren in einer ungeheuren, sichelförmigen Linie aufgestellt, die sich gegen das Vorgebirge, die Nase, im Nebel verlor. Dicht am Ufer hatten eine Menge Fischerboote Anker geworfen, englische, schottische, französische, holländi-sche und schwedische; dann sah man kleine Dampfboote von der Themse, Yachten und Elektroboote; darüber hinaus sah man Schiffe größerer Art, eine große Menge schmutziger Kohlenschiffe, gepflegte Handelsschiffe, Vieh-transporter, Passagierdampfer, Petroleumtanker, Ozeanbummler, selbst ei-nen alten weißen Transportsegler, zierliche weiße und graue Linienschiffe von Southampton und Hamburg; und die ganze blaue Küste am Blackwater entlang konnte mein Bruder dichte Schwärme von Booten wahrnehmen, von. denen aus mit den Leuten auf dem Ufer gefeilscht wurde. Diese Boot-massen erstreckten sich auch das Blackwater hinauf beinahe bis nach Mal-don.

Ungefähr zwei Meilen draußen lag ein Panzerschiff so tief im Wasser, dass es den Augen meines Bruders fast wie ein halbversenktes Schiff schien. Das war das Rammboot „Thunder Child“. Es war das einzige Kriegsschiff in Sicht; aber in weiter Ferne lag auf dem glatten Spiegel der See - an jenem Tage herrschte Totenstille - eine Schlange schwarzen Rauches, welche die nächsten Panzerschiffe der Kanalflotte anzeigte, die in einer weit gezogenen Linie auf- und abkreuzten; sie fuhren während des Einfalles der Marsleute mit vollem Dampf und klar zum Gefecht längs der Themsemündung, kampf-bereit und doch machtlos. 84


Beim Anblick des Meeres wurde Mrs. Elphinstone trotz guter Zureden von heillosem Schrecken überwältigt. Sie war noch nie aus England hinausge-kommen und erklärte, lieber sterben zu wollen, als sich ohne Freunde einem fremden Land anzuvertrauen, und so fort. Die Arme schien sich die Franzo-sen und die Marsleute sehr ähnlich vorzustellen. Sie war während der zwei Reisetage immer hysterischer, erschreckter und niedergeschlagener gewor-den. Ihre fixe Idee war, nach Stanmore zurückzukehren. In Stanmore sei immer alles gut und sicher verlaufen. In Stanmore würden sie George wie-derfinden.

Nur unter größten Schwierigkeiten gelang es ihnen, sie zum Ufer hinabzu-bringen, wo es meinem Bruder glückte, die Aufmerksamkeit einiger Leute auf einem Raddampfer, der aus der Themse fuhr, auf sich zu lenken. Der Dampfer schickte ein Boot, und bald wurde man handelseinig: sechsund-dreißig Pfund für alle drei. Das Schiff ging, wie die Leute ihnen mitteilten, nach Ostende.

Es war etwa zwei Uhr geworden, als mein Bruder das Fahrgeld bezahlt hatte und sich mit seinen Schützlingen sicher an Bord des Dampfers befand. Im Schiff gab es Esswaren genug, wenn auch zu ganz abenteuerlichen Preisen. Und so gelang es den drei Personen, auf den Vordersitzen eine Mahlzeit ein-zunehmen.

Es waren bereits etwa vierzig Personen an Bord, von denen einige ihren letz-ten Groschen weggegeben hatten, um sich die Passage zu sichern. Aber der Kapitän blieb beim Blackwater bis fünf Uhr nachmittags stehen und nahm unausgesetzt Passagiere auf, bis das Verdeck beängstigend voll war. Er hätte wohl noch länger gezögert, hätte man nicht um jene Stunde vom Süden her Geschützfeuer vernommen. Gleichsam zur Antwort feuerte das seewärts lie-gende Panzerschiff ein kleines Geschütz ab und hisste seine Flagge. Ein Rauchstrahl schoss aus seinem Schornstein.

Einige Reisende waren der Meinung, dass der Geschützlärm aus der Gegend von Shoeburyness komme, bis man bemerkte, dass er immer stärker wurde. Gleichzeitig tauchten südöstlich in weiter Ferne die Masten und das Takel-werk dreier Panzerschiffe, eines nach dem andern, aus dem Meere auf, unter Wolken schwarzen Qualmes. Aber die Aufmerksamkeit meines Bruders kehrte rasch wieder zu dem fernen Geschützfeuer im Süden zurück. Er glaubte eine Rauchsäule aus den fernen grauen Nebelschleiern aufsteigen zu sehen.

Der kleine Dampfer nahm aus der großen Halbmondlinie von Schiffen her-aus schon klappernd seinen Weg ostwärts. Die flache Küste von Essex schien schon blau und neblig, als plötzlich, winzig und undeutlich in der großen Entfernung, ein Marsianer auftauchte, der die lehmige Küste entlang aus der Richtung von Foulness herankam. Bei diesem Anblick fluchte der Kapitän auf der Schiffsbrücke so laut er konnte vor Angst und Zorn über seine eigene Saumseligkeit, und die Räder schienen von seinem Schrecken angesteckt zu werden. An Bord des Schiffes stand jetzt jeder am Geländer 85


oder auf den Stühlen und starrte nach jener fernen Erscheinung, die, jetzt schon höher als die Bäume und die Kirchtürme landeinwärts, immer näher kam und den menschlichen Gang gleichsam lässig parodierte.

Es war der erste Marsianer, den mein Bruder sah, und so stand er eher er-staunt als erschreckt da und beobachtete den Titan, wie er sich entschlos-sen den Fahrzeugen näherte, und wie die Küste zurückwich, ins Wasser wa-tete. Jetzt tauchte jenseits des Dünenkamms in weiter Ferne ein zweiter Marsianer auf, der über die verkümmerten Bäume hinwegfuhr; und noch weiter zurück zeigte sich ein dritter, der tief durch eine glitzernde Sumpfflä-che watete, die halb zwischen Himmel und Erde zu hängen schien. Sie alle stapften auf das Meer zu, als ob sie die Flucht jener Menge von Fahrzeugen verhindern wollten, die in dichten Haufen zwischen Foulness und dem Vor-gebirge Naze ankerten. Trotz der keuchenden Anstrengung des kleinen Rad-dampfers, trotz der Wolken von Schaum, die seine Räder zurückließen, ent-fernte sich das Schiff nur erschreckend langsam aus dem Bereich jener un-heilvollen Ankömmlinge.

Im Nordwesten sah mein Bruder, wie der riesige Halbkreis von Schiffen sich schon unter dem nahenden Entsetzen zu winden begann. Jedes Schiff ver-suchte am andern vorbeizukommen, um sich hinter der Breitseite der größe-ren Schiffe zu verbergen, die Dampfer pfiffen unaufhörlich und stießen un-geheure Qualmmengen aus, Segel wurden gehisst, und Landungsboote schossen hin und her. Mein Bruder wurde von diesem Bild und von der he-ranschleichenden Gefahr so in Anspruch genommen, dass er für alles, was auf hoher See vorging, keine Augen hatte. So schleuderte ihn eine rasche Bewegung des Dampfers (er hatte plötzlich gewendet, um nicht in den Grund gefahren zu werden) kopfüber von dem Sessel, auf dem er stand. Rings um ihn herum hörte er Geschrei, das Trappeln von Füßen und freudige Rufe, die schwach erwidert zu werden schienen. Der Dampfer schoss vorwärts, und mein Bruder rollte über den Boden.

Er sprang auf seine Füße und sah nach Steuerbord. Nicht hundert Yards von ihrem stoßenden, schwankenden Boot entfernt, sah er eine riesige eiser-ne Masse, die wie eine ungeheure Pflugschar das Wasser teilte und nach beiden Seiten gewaltige Schaumwogen schleuderte, die auf den Dampfer stürzten, bis seine Räder hilflos in der Luft hingen, um gleich darauf das Verdeck fast bis auf die Wasserfläche zu drücken.

Eine Flut von Gischt blendete meinen Bruder einen Augenblick lang. Als er seine Augen wieder öffnete, sah er, dass das Ungetüm schon vorbei war und dem Lande zuraste. Mächtige Eisenwerke tauchten aus dem Riesenkörper auf; ein Doppelschornstein erhob sich und spie einen zweifachen Schwall feurigen Rauches in die Luft. Es war das Torpedo-Rammschiff „Thunder Child“, das in rasender Schnelligkeit den bedrohten Schiffen zu Hilfe kam.

Indem er seine Füße in das Netzwerk des Geländers einhakte und sich so einen sicheren Halt verschaffte, blickte mein Bruder über den dahinschie-ßenden Leviathan hinweg wieder nach den Marsianern. Er sah nun alle drei 86


dicht beieinander; sie standen so weit draußen im Meer, dass ihre dreifüßi-gen Stützen fast ganz unter Wasser waren. So halb versenkt und in so gro-ßer Entfernung sahen sie weit weniger furchtbar aus als die riesenhafte Ei-senmasse in deren Kielwasser der Dampfer hilflos hin und her schwankte Es schien als betrachteten die Marsleute diesen neuen Gegner in hellem Stau-nen. Es mag sein dass nach ihren Begriffen dieser Riese ein ihrer Gattung ähnliches Wesen war. Die „Thunder Child feuerte keinen Schuss ab, sie stieß nur in voller Wucht gegen sie vor. Vermutlich verdankte sie nur dem Umstand, dass sie nicht feuerte, die Möglichkeit, jenen so nahe zu kommen. Sie wussten nicht, was sie aus ihr machen sollten. Nur eine Bombe, und sie hätten sie mit dem Hitzestrahl sofort in den Grund gebohrt.

Das Schiff dampfte mit einer derartigen Schnelligkeit vorwärts, dass es in einer Minute den halben Weg zwischen dem Dampfboot und den Marsleuten zurückzulegen schien - eine sich immer mehr verringernde Masse, die sich schwarz von der zurücktretenden horizontalen Küstenlinie von Essex abhob.

Plötzlich senkte der vorderste Marsianer sein Rohr und feuerte eine Büchse schwarzen Gases auf das Panzerschiff ab. Sie traf es auf der Backbordseite und prallte in einem tintenartigen Strahl ab, der sich seewärts weiterwälzte als ein entfesselter Strom schwarzen Rauches, dem das Panzerschiff glück-lich entrann. Den Zuschauern auf dem tief im Wasser fahrenden Dampfer, welche überdies die Sonne im Gesicht hatten, schien es, als sei das Schiff schon mitten unter den Marsleuten.

Sie sahen, wie die ungeschlachten Gestalten sich trennten, sich immer hö-her aus dem Wasser hoben und sich ans Ufer zurückzogen. Einer von ihnen erhob jetzt den Hitzestrahlgenerator. Er hielt ihn schräg abwärts gerichtet, und sofort fuhr eine Dampfwolke auf, als der Strahl das Wasser berührte. Er musste durch das Eisen des Schiffskörpers gefahren sein, ähnlich wie weiß-glühendes Eisen durch Papier dringt.

Eine Flamme zuckte durch den aufsteigenden Dampf, und der Marsianer wankte und taumelte nach vorn. Im nächsten Augenblick war er niederge-schlagen, und eine große Menge Wasser und Dampf schoss hoch in die Luft auf. Die Geschütze der „Thunder Child“ donnerten durch den Qualm, eines nach dem andern; ein Geschoss klatschte dicht neben dem Dampfer ins Wasser, prallte in der Richtung der andern fliehenden Schiffe nordwärts und zersplitterte eine Fischerbarke in Zündhölzchen.

Niemand aber schenkte dem besondere Beachtung. Beim Anblick des zu-sammenbrechenden Marsmannes stieß der Kapitän auf der Brücke unarti-kulierte, gellende Laute aus, und die zu einem Haufen beim Steuerrad zu-sammengedrängten Reisenden schrieen wild durcheinander. Und noch ein-mal schrieen sie auf. Denn drüben, jenseits des weißen Tumults, tauchte ein langer schwarzer Rumpf auf; Flammen strömten aus seinen Mittelteilen, und die Ventilatoren und Schornsteine spieen Feuer. 87


Die „Thunder Child“ lebte noch; das Steuer schien noch unversehrt, und ih-re Maschinen arbeiteten. Sie schoss geradeaus auf einen zweiten Marsianer los und war noch hundert Yards von ihm entfernt, als der Hitzestrahl seine Wirkung tat. Mit einem heftigen Getöse und unter blendenden Blitzen flogen ihr Deck und ihre Rauchfänge in die Luft. Der Marsianer wankte bei der Hef-tigkeit des Zündschlages, und im nächsten Augenblick schoss das flammen-de Wrack mit der ganzen Wucht seines stürmischen Laufes vorwärts, warf den Marsianer nieder und zermalmte ihn wie ein Stückchen Papier. Mein Bruder schrie unwillkürlich auf. Kochende Dampfwolken hüllten alles wieder ein. "Zwei!“ jubelte der Kapitän.

Jedermann jubelte und schrie; der ganze Dampfer hallte von einem Ende bis zum andern von den wilden Freudenrufen wider, die zuerst vom nächsten und dann von allen den unzähligen Booten und Schiffen aufgenommen wur-den, die das offene Meer zu gewinnen suchten.

Der Dampf hing viele Minuten hindurch über dem Wasser und hüllte den dritten Marsianer und die Küste vollständig ein. Und während dieser ganzen Zeit arbeitete sich das Dampfboot stetig auf die hohe See hinaus, fort von dem Schauplatz jener Schlacht. Und als sich endlich der Dampf verzogen hatte, da traten die treibenden Wolken des schwarzen Rauches dazwischen, und von der „Thunder Child“ war nichts mehr zu sehen; auch der dritte Marsianer war verschwunden. Aber die Panzerschiffe, die seewärts lagen, waren jetzt ganz nahe und standen der Küste zugewandt hinter dem Dampf-boot.

Das kleine Fahrzeug fuhr fort, sich seinen Weg seewärts zu erkämpfen; die Panzerschiffe traten langsam gegen die Küste zurück, die noch immer von der gefleckten Rauchwand, halb Dampf, halb schwarzem Gas, in den aben-teuerlichsten Gestalten auf- und niederwallend, eingehüllt war. Die Flotte der Flüchtlinge zerstreute sich nach Nordosten; einige Fischerbarken segel-ten zwischen den Panzerschiffen und dem Dampfboot. Nach einiger Zeit, be-vor sie den sinkenden Wolkenzug erreichten, wandten sich die Kriegsschiffe nach Norden, und mit einer unvermuteten Schwenkung verschwanden sie in südlicher Richtung in dem sich immer mehr verdichtenden Abendnebel. Die Küste verblasste und verschwand endlich völlig in den langen Wolkenzügen, die sich um die sinkende Sonne lagerten.

Plötzlich scholl aus dem goldenen Nebelschleier des Sonnenuntergangs das Getöse von Geschützen; und schwarze Schatten tauchten auf und nieder. Alles stürzte wieder an das Geländer des Dampfers und spähte nach dem blendenden Feuerherd des Westens; aber es konnte nichts deutlich unter-schieden werden. Ein Schwall dichten Rauches stieg schräg auf und verbarg das Gesicht der Sonne. Das Dampfboot keuchte seinen Weg weiter; und auf allen lastete bange Erwartung.

Die Sonne versank in graue Wolken; der Himmel zuckte auf und verfinsterte sich erneut, und am Firmament zitterte der Abendstern. Es war schon dunk-les Zwielicht, als der Kapitän aufschrie und nach oben deutete. Mein Bruder 88


strengte seine Augen an. Aus dem Grau fuhr etwas hoch auf in die Luft, zuckte in reißender Schnelligkeit schief hinüber zu dem glänzenden Licht über den Wolken des westlichen Himmels, ein flacher, breiter und sehr gro-ßer Körper; er raste in einer ungeheuren krummen Linie weiter, wurde klei-ner, sank dann langsam und verschwand endlich in dem grauen Geheimnis der Nacht. Und während er so dahinflog, ergoss sich die Finsternis über das Land.

Zweites Buch. Die Erde unter den MarsianernEdit

1. UnterwegsEdit

Während der Ereignisse der letzten Abschnitte hielten ich und der Kurat uns in dem leeren Haus in Halliford versteckt, in das wir uns geflüchtet hatten und lagen auf der Lauer, um dem schwarzen Rauch zu entrinnen. Hier will ich den Faden der Erzählung wieder aufnehmen. Wir blieben während der ganzen Sonntagnacht und den ganzen nächsten Tag - dem Tage der Panik in London - in dem Haus, zwar der einzigen Insel voller Tageslicht, aber durch den schwarzen Rauch von der Welt im übrigen abgeschnitten. Während die-ser zwei trostlosen Tage konnten wir nichts tun, außer in schmerzlicher Un-tätigkeit warten.

Mein Gemüt war erfüllt von Sorgen um meine Frau. Ich stellte mir vor, wie sie voller Angst und in Gefahr in Leatherhead verweilte und mich bereits bei den Toten wähnte und beklagte. Ich schritt in den Zimmern auf und ab und weinte laut bei dem Gedanken, durch welche Abgründe ich von ihr getrennt war, und was ihr alles während meiner Abwesenheit zustoßen konnte. Ich wußte, mein Vetter würde jeder Gefahr, die drohte, mutig entgegentreten, aber er gehörte nicht zu den Männern, die Gefahren schnell begreifen und rechtzeitig danach handeln. Nicht Tapferkeit war jetzt gefragt, sondern Um-sicht. Mein einziger Trost war die Annahme, dass die Marsianer gegen Lon-don vorrückten, also fort von Leatherhead. Solche undeutlichen Angstgefüh-le machen mich reizbar und leidend. Die ständigen Klagerufe des Kuraten verärgerten und reizten mich, und der Anblick seiner selbstsüchtigen Ver-zweiflung wirkte auf mich ermüdetend. Nach ein paar nutzlosen Versuchen hielt ich mich fern von ihm und zog mich in ein Zimmer zurück, das Globen, Schulbücher und Hefte enthielt, also offensichtlich ein Schulzimmer war. Als er mir schließlich auch dahin folgte, floh ich in ein Kofferzimmer auf den Dachboden des Hauses, in welchem ich mich einschloss, um mit meinen Sorgen allein zu sein.

Durch den schwarzen Rauch waren wir den ganzen Tag und den Morgen des nächsten hoffnungslos eingesperrt. Am Abend des Sonntags gab es erste An- 89


zeichen, dass im Nachbarhaus noch Leute waren - ein Gesicht am Fenster, hin- und herflackernde Lichter, und später das Zuschlagen einer Tür. Aber ich weiß nicht, wer diese Leute waren, noch was ihr Schicksal war. Am nächsten Tag erblickten wir nichts mehr von ihnen. Der schwarze Rauch trieb langsam auf den Fluss zu, den ganzen Montagmorgen hindurch; er kroch näher und näher an uns heran und wälzte sich schließlich über die Landstraße vor unserem Haus.

Ein Marsianer kam gegen Mittag über die Felder und vernichtete den Rauch durch einen beißen Dampfstrahl, der gegen die Mauer zischte, alle Fenster, die er traf, zertrümmerte und die Hand des Kuraten verbrühte, als er aus dem Vorderzimmer flüchtete. Als wir schließlich durch die durchnässten Zimmer schlichen, sah das Land im Norden aus, als hätte ein schwarzer Schneesturm darüber hinweg gebraust. Als wir zum Fluss hinüberblickten, waren wir nicht wenig erstaunt, als dort eine unerklärliche Röte in den schwarz verbrannten Wiesen sichtbar wurde.

Eine Zeitlang verstanden wir nicht, ob diese Veränderung für unsere Situati-on günstiger war, wir sahen nur, dass wir von unserer Furcht vor dem schwarzen Rauch erlöst waren. Aber später wurde mir klar, dass uns nun nichts mehr aufhielt. Sobald mir deutlich wurde, dass der Weg zur Flucht offen stand, kam auch meine Handlungsfähigkeit zurück. Aber der Kurat war wie erstarrt und keinen Vernunftsargumenten zugänglich. „Wir sind hier ja sicher“, rief er ständig, „ganz sicher.“ Ich beschloss, ihn dort zu lassen, wo er war. Hätte ich es nur getan! Durch die Lehren des Artilleristen klüger ge-worden, durchsuchte ich jetzt das Haus nach Speis und Trank. Ich hatte Jod und Leinen für meine Brandwunden gefunden, auch nahm ich einen Hut und ein Flanellhemd mit; das ich in einem Schlafzimmer gefunden hat-te. Als der Kurat erkannte, dass ich entschlossen war, alleine fort zu gehen, und dass ich mich mit dem Gedanken, allein zu sein, angefreundet hatte, raffte er sich plötzlich auf, um mich zu begleiten. Und da während des gan-zen Nachmittags alles ruhig blieb, brachen wir gegen fünf Uhr auf, um auf der rauchgeschwärzten Straße den Weg nach Sunbury einzuschlagen.

In Sunbury und immer wieder längs der Straße lagen rote Körper in verzerr-ten Stellungen - Pferde sowohl wie Menschen; ferner umgestürzte Karren und Kisten, alles mit einer dicken Schicht schwarzen Staubes bedeckt, Ich erinnerte mich an das, was ich über die Zerstörung Pompejis gelesen hatte. Ohne einen weiteren Unfall gelangten wir nach Hampton Court, ganz erfüllt von den seltsamen und ungewohnten Bildern, die wir unterwegs erblickten. In Harapton Court wurden unsere Augen geradezu erlöst, als wir einen grü-nen Rasenfleck entdeckten, der dem erstickenden Qualm entgangen war. Wir gingen durch den Bushey Park, sahen das Wild unter den Kastanien-bäumen und einige Männer und Frauen, die von weither nach Hampton eil-ten. Das waren die ersten Menschen, die wir sahen. So erreichten wir Twi-ckenham.

Als wir über die Straße sahen, bemerkten wir, dass das Gehölz jenseits von Ham und Petersham noch brannte. Twickham war sowohl vom Hitzestrahl 90


wie auch vom schwarzen Rauch verschont geblieben, und so fanden wir hier schon mehr Leute, von denen uns aber niemand Neues mitteilen konnte. Zum größten Teil waren sie in derselben Lage wie wir; sie benutzten die mo-mentane Ruhe, um weiter vor den Marsleuten zu fliehen. Mir kam es so vor, dass viele Häuser noch von eingeschüchterten Menschen bewohnt waren, die zu erschreckt waren, um auch nur die Kraft zu einer Flucht aufzubrin-gen. Aber auch auf dieser Straße hatte anscheinend eine Massenflucht statt-gefunden. Um halb neun erreichten wir die Richmond - Brücke. Wir beeilten uns selbstverständlich, so schnell wie möglich über die ungedeckte Brücke zu gelangen, dennoch bemerkte ich einige rote Gegenstände, die ein paar Fuß entfernt von mir den Fluss hinabtrieben. Ich wusste nicht, welche Be-deutung diese Gegenstände hatten - ich hatte keine Zeit, sie genau zu unter-suchen - aber ich schrieb ihnen eine viel grauenhaftere Ursache zu, als sie verdienten. Hier auf der Surreyseite sah ich wieder den schwarzen Staub, der einmal Rauch gewesen war, und Leichen - einen großen Haufen beim Eingang zum Bahnhof - aber nirgends war ein Marsianer zu sehen, bis wir uns ziemlich nahe bei Barnes befanden.

Wir sahen in der verdüsterten Ferne eine Gruppe von drei Leuten, die eine Seitenstraße hinab dem Fluss zuliefen; aber sonst schien alles verödet. Im oberen Hügelviertel brannte die Stadt Richmond in hellen Flammen; außer-halb Richmonds war jedoch keine Spur vom schwarzen Rauch zu entdecken.

Auf einmal, als wir uns schon Kew näherten, liefen uns Leute entgegen, und nicht hundert Yards von uns entfernt sahen wir einen der Marsianer über die Hausdächer aufragen. Angesichts dieser Gefahr standen wir wie verstei-nert da, und hätte der Marsianer zu uns herübergeblickt, wir wären ret-tungslos verloren gewesen. Unser Entsetzen war so groß, dass wir es nicht wagten, weiterzugehen, sondern uns seitwärts abwandten und in einem Gar-tenverschlag versteckten. Leise vor sich hin weinend verkroch sich der Kurat und weigerte sich, auch nur einen Schritt zu tun. Aber ich hatte mich so darauf versteift, Leatherhead zu erreichen, dass ich mir keine Pause erlaub-te; und im Dämmerlicht wagte ich mich wieder hinaus. Ich schlug mich durch ein Gebüsch und dann entlang dem Grundstück eines großen Hauses und erreichte so die Straße, die nach Kew führte. Den Kuraten ließ ich im Verschlag, aber er hastete mir eilig nach.

Dieser zweite Aufbruch war das Unvernünftigste, was ich je unternahm. Denn es war offensichtlich, dass die Marsianer hier um uns herumschwärm-ten. Kaum hatte der Kurat mich eingeholt, als wir entweder dieselbe Kriegs-maschine, die wir früher gesehen hatten, oder eine andere in ziemlich großer Entfernung über die Wiesen auf Kew Lodge zu laufen sahen. Vier oder fünf kleine schwarze Gestalten flohen über die grünlichgraue Fläche und sofort war mir klar, dass sie vom Marsianer verfolgt wurden. Mit drei Schritten war er mitten unter ihnen und sie stoben nach allen Richtungen auseinander. Er gebrauchte nicht den Hitzestrahl, um sie zu vernichten, sondern las sie, ei-nen nach dem andern, auf. Ich meinte zu erkennen, wie er sie in den großen metallischen Behälter schleuderte, der hinter ihm vorragte, so wie ein Trag-korb über der Schulter eines Arbeiters hängt. 91



Zum ersten Male kam mir jetzt der Gedanke, dass die Marsleute noch ande-re Zwecke verfolgten als die Vernichtung der besiegten Menschheit. Einen Augenblick lang standen wir wie versteinert, dann kehrten wir um und flüchteten durch ein Tor in einen von Mauern umgebenen Garten. Glückli-cherweise fanden wir einen Graben, in den wir mehr hineinstürzten als hin-abstiegen, und hielten uns hier versteckt. Bevor nicht die Sterne am Himmel standen, wagten wir kaum, miteinander zu flüstern.

Ich glaube, dass es fast elf Uhr nachts wurde, ehe wir genug Mut fassten, um erneut aufzubrechen. Diesmal wagten wir uns nicht mehr auf die Straße hinaus, sondern schlichen an Hecken entlang oder durch Baumpflanzungen hindurch; dabei hielten wir ständig nach den Marsleuten Ausschau, die in der Dunkelheit rings um uns herum zu schwärmen schienen. Der Kurat wachte zur Rechten und ich zur Linken. Einmal stolperten wir über eine ver-sengte und rauchgeschwärzte Rasenfläche, die aus ausgekühlter Asche be-stand, und taumelten über eine Anzahl menschlicher Leichen, deren Köpfe und Leiber grauenhaft verbrannt, deren Beine und Stiefel aber in den meis-ten Fällen unversehrt geblieben waren; dann stießen wir auf tote Pferde, die etwa fünfzig Fuß hinter einer Gruppe von vier zertrümmerten Geschützen und zerschellten Lafetten lagen.

Das Dorf Sheen war offenbar von der Zerstörung verschont geblieben, aber der Ort lag still und verlassen dar. Hier trafen wir auf keine Toten, doch war die Nacht zu dunkel, um einen Einblick in die Seitengassen des Dorfes zu erhalten. In Sheen klagte mein Gefährte plötzlich über Schwäche und Durst; und so nahmen wir uns vor, in eines der Häuser einzudringen.

Das erste Haus, das wir, nach einigen Schwierigkeiten mit dem Fenster, betraten, war ein kleines, halb freistehendes Landhaus; aber im ganzen Ge-bäude war nichts Essbares übriggeblieben als etwas schimmeliger Käse. Wir fanden jedoch Wasser, um unsern Durst zu stillen. Ich nahm noch ein Beil an mich, das bei unserem nächsten Hauseinbruch nützlich sein konnte.

Nach einer Wegekreuzung kamen wir zu einem Platz, von dem die Straße nach Mortlake abbiegt. Hier befand sich ein weißes Haus in einem eingefrie-deten Garten. In der Speisekammer dieses Hauses fanden wir Essensvorräte - zwei Brotlaibe in einer Schüssel, ein rohes Steak und einen halben Schin-ken. Ich gebe dieses Verzeichnis deshalb so genau an, weil es sich ergab, dass wir in den nächsten zwei Wochen von diesem Vorrat unser Leben fris-ten mussten. Ein paar Bierflaschen standen in einem Fach, in welchem wir auch zwei Säcke grüner Bohnen und etwas welken Salat vorfanden. Diese Speisekammer führte in eine Art Waschküche, in der sich gespaltenes Holz fand; und in einem Verschlag entdeckten wir fast ein Dutzend Flaschen Bur-gunder, einige Zinnbüchsen mit Suppengewürzen und Lachs sowie zwei Do-sen Zwieback.

Wir saßen in der angrenzenden Küche ganz im Dunkeln - wir wagten es nicht, Licht zu machen - aßen Brot und Schinken und tranken Flaschenbier. 92


Diesmal war es der noch immer verschreckte und ratlose Kurat, der, er-staunlich genug, zum sofortigen Aufbruch drängte. Ich redete ihm dringend zu, durch eine Mahlzeit seine Kräfte zu sammeln, als sich der Vorfall ereig-nete, der uns zu Gefangenen machte.

„Es kann noch nicht Mitternacht sein“, sagte ich; und während ich noch sprach, zuckte ein blendender Schein auf, dem ein lebhaftes grünes Licht folgte. Jeder Gegenstand in der Küche trat blitzschnell und ganz deutlich grün und schwarz heraus, um sofort wieder zu verschwinden. Und dann er-folgte eine derartige Erschütterung, wie ich sie weder zuvor noch danach je erlebt habe. Fast im gleichen Moment hörte ich hinter mir einen Aufschlag, ein Klirren von Glas, ein Krachen und Scheppern rings um das einstürzende Mauerwerk; gleich darauf fiel der Mörtel der Decke auf uns herab und zer-schellte auf unseren Köpfen in eine Unzahl kleiner Bruchstücke. Ich stürzte der Länge nach auf den Boden, fiel mit dem Kopf gegen die Ofentür und wurde bewusstlos. Der Kurat erzählte mir später, dass ich lange Zeit besin-nungslos war, und als ich wieder zu mir kam, beugte sich mein Gefährte mit einem Gesicht, das, wie ich später merkte, durch eine Wunde an der Stirn blutverschmiert war, über mich und beträufelte mich mit Wasser.

Einige Zeitlang konnte ich nicht begreifen, was geschehen war. Aber allmäh-lich dämmerte es mir. Eine Beule an meiner Schläfe machte sich bemerkbar.

„Fühlen Sie sich besser?“ fragte der Kurat flüsternd.

Endlich konnte ich ihm antworten. Ich setzte mich auf.

„Rühren Sie sich nicht“, sagte er. „Der Boden ist mit Splittern von Geschirr bedeckt, das aus diesem Schrank fiel. Sie können sich auch unmöglich be-wegen, ohne Lärm zu machen. Und ich glaube, sie sind draußen.“

Wir saßen beide ganz still da, so dass wir uns kaum einander atmen hören konnten. Alles schien totenstill zu sein, nur einmal fiel etwas, vielleicht Mör-tel oder gebrochenes Ziegelwerk, neben uns mit einem ziemlich starkem Ge-räusch zu Boden. Draußen, aber ganz in unserer Nähe, hörten wir ein bis-weilen aussetzendes, metallisches Geklirre.

„Hören Sie es?“ flüsterte der Kurat, als es gleich wieder zu vernehmen war.

„Ja“, antwortete ich. „Aber was ist es?“

„Ein Marsianer!“ entgegnete der Kurat.

Ich horchte wieder.

„Es sah nicht wie der Hitzestrahl aus“, sagte ich; und eine Zeitlang gab ich mich der Vermutung hin, eine der großen Kriegsmaschinen wäre gegen das Haus angerannt, so ähnlich, wie ich eine gegen den Kirchturm von Shepper-ton anrennen gesehen hatte. 93



Unsere Lage war so merkwürdig, so unbegreiflich, dass wir uns drei oder vier Stunden lang, bis es dämmerte, kaum bewegten. Zögernd flutete das Licht herein, nicht durch das Fenster, sondern durch eine dreieckige Öffnung zwi-schen einem Balken und einem Haufen zerbröckelter Ziegel in der Mauer hinter uns. Zum ersten Mal sahen wir das Innere der Küche in der Dämme-rung.

Eine Masse Erde aus dem Garten hatte das Fenster eingedrückt. Sie rieselte auf den Tisch, auf dem wir saßen, herab und legte sich auf unsere Beine. Draußen war der Boden hoch gegen das Haus aufgetürmt. Am oberen Ende des Fensterrahmens bemerkten wir eine abgerissene Dachrinne. Der Boden war mit zerbrochenem Gerümpel aller Art übersät. Ein Teil der an die Hausmauer grenzenden Küchenwand war umgestürzt; und nun, da das Ta-geslicht voll hereinbrach, wurde uns bewusst, dass der größere Teil des Hauses zerstört war. Einen lebhaften Gegensatz zu dieser Verwüstung stellte der zierliche Anrichtetisch dar, der nach der Mode blassgrün gestrichen war und Kupfergeschirr und Zinnkrüge enthielt. Die Tapete war eine Imitation blauer und weißer Ziegel, und ein paar farbige Bögen hingen lose von den Wänden über dem Herd herab.

Als die Dämmerung voranschritt, erblickten wir durch den Mauerspalt die Gestalt eines Marsmannes, der, wie ich annahm, bei dem noch glühenden Zylinder Wache hielt. Bei diesem Anblick krochen wir so vorsichtig wie mög-lich aus dem Dämmerlicht der Küche in die Dunkelheit der Waschküche zu-rück.

Ganz plötzlich erfasste ich nun die Bedeutung der nächtlichen Vorfälle.

„Der fünfte Zylinder, das fünfte Geschoss vom Mars hat dieses Haus gestreift und uns unter seinen Trümmern begraben,“ flüsterte ich.

Einige Zeit blieb der Kurat still, dann flüsterte er: „Gott, erbarme Dich un-ser!“

Dann hörte ich, wie er still vor sich hinjammerte. Von diesen Lauten abgese-hen lagen wir ganz still in der Waschküche. Ich wagte kaum zu atmen und saß da, mit meinen Augen ständig auf das schwache Licht der Küchentür starrend. Ich konnte gerade noch das Gesicht des Kuraten in der Dunkelheit erkennen, eine undeutliche, ovale Fläche; daneben noch seinen Kragen und seine Manschetten. Draußen begann jetzt ein metallisches Hämmern, dann ein heftiges Geheul, und dann nach einer kurzen Stille ein Zischen wie das einer Dampfmaschine. Diese größtenteils rätselhaften Geräusche setzten sich mit geringen Unterbrechungen fort und schienen möglicherweise im Lauf der Zeit an Zahl zuzunehmen. Jetzt hörte man ein gemessenes Auf-schlagen, und die Erschütterung, die folgte, ließ alles um uns herum erbeben. Das Geschirr in der Speisekammer klirrte und tanzte. Das dauerte eine ganze Weile. Einmal erlosch das Tageslicht total, und der geisterhafte Kücheneingang tauchte in vollständiger Dunkelheit unter. Viele Stunden 94


lang müssen wir dort schweigend und frierend gekauert haben, bis endlich unsere ermattete Aufmerksamkeit erlahmte

Endlich wachte ich auf, von nagenden Hungergefühlen gequält. Ich nahm wohl an, dass inzwischen der größere Teil eines Tages vergangen war. Mein Hunger war auf einmal so heftig, dass er mich zum Handeln trieb. Ich sagte dem Kuraten, dass ich nach Lebensmitteln suchen wolle und tastete mich leise zur Speisekammer durch. Er gab keine Antwort, aber sobald ich zu es-sen begann, veranlasste ihn das leise Geräusch, das ich verursachte, aufzu-stehen und mir nachzukriechen.


2. Was wir von dem zerstörten Haus aus sehen konntenEdit

Nach der Mahlzeit krochen wir zurück in die Waschküche; dort muss ich wieder eingeschlafen sein, denn als ich erwachte, war ich allein. Das Auf-schlagen und die Erschütterungen dauerten mit ermüdender Hartnäckigkeit an. Mehrmals rief ich flüsternd nach dem Kuraten; endlich tastete ich mich zu der Küchentüre hin. Noch war es Tag, und ich erkannte meinen Gefähr-ten, wie er am anderen Ende der Küche vor dem dreieckigen Loch, das auf die Marsleute hinabsah, ausgestreckt auf dem Boden lag. Seine Schultern waren in die Höhe gezogen, so dass ich seinen Kopf nicht sah.

Ich vernahm ein Gewirr von Geräuschen, die fast an den Lärm aus einem Lokomotivschuppen erinnerten. Der Boden schwankte unter den massiven Schlägen. Durch die Maueröffnung konnte ich den von der Sonne vergolde-ten Baumwipfel und das warme Blau eines friedlichen Abendhimmels sehen. Ich blieb etwa eine Minute stehen und beobachtete den Kuraten, dann ging ich gebückt weiter und bemühte mich, mit äußerster Behutsamkeit durch die Scherben zu laufen, die den Boden bedeckten.

Ich berührte das Bein des Kuraten, und er schreckte so heftig zurück, dass sich draußen ein Haufen Mörtel löste und mit lautem Getöse zu Boden fiel. Aus Furcht, er könnte schreien, fasste ich seinen Arm und lange Zeit kauer-ten wir unbeweglich nebeneinander. Dann wandte ich mich, um zu sehen, wie viel von unserer Festung noch übriggeblieben war. An der Bruchstelle des Mörtels hatte sich ein senkrechter Spalt in der zerstörten Mauer gebil-det, und wie ich mich vorsichtig über einen Balken beugte, konnte ich von dieser Lücke aus erkennen, was vorige Nacht noch eine stille Vorstadtstraße gewesen war. Die Veränderung war tatsächlich erstaunlich.

Der fünfte Zylinder muss mitten in das Haus hinein gefahren sein, das wir zuerst betreten hatten. Das Gebäude war verschwunden, vollkommen zer-stört, durch die Wucht des Stoßes zermalmt und zerstoben. Der Zylinder lag nun weit unter den ursprünglichen Grundmauern, tief in einem Krater, der noch unendlich größer war, als die Grube, in die ich bei Woking hineinge-schaut hatte. Die Erde rings um den Zylinder war bei der ungeheuren Wucht des Aufpralls aufgespritzt wie Lehm unter dem Schlage eines mächtigen 95


Hammers, und die aufgetürmten Haufen hatten die Häuser in der Nachbar-schaft verschüttet. Unser Haus war nach rückwärts eingesunken, sein vor-derer Teil, selbst im Erdgeschoss, war vollständig zertrümmert; nur durch einen Zufall waren Küche und Waschküche unversehrt geblieben, lagen aber unterhalb des Erdbodens und waren, unter den Trümmern begraben, auf allen Seiten, außer der dem Zylinder zugewandten, von Erdmassen bedeckt. Wir hingen dicht am Rand der großen, kreisrunden Grube, die die Marsianer eifrig erweiterten. Das heftig stoßende Geräusch war offenbar hart neben uns, und dann und wann zog ein glänzender, grüner Dampf wie ein Schleier über unser Guckloch hin aufwärts.

Im Mittelpunkt der Grube lag der bereits geöffnete Zylinder, und am anderen Ende, mitten in einem zerrissenen und mit Kies bedeckten Gebüsch stand eine der großen Kriegsmaschinen. Sie war von ihrem Lenker verlassen und hob sich starr und hoch vom Abendhimmel ab. Anfangs bemerkte ich die Grube und den Zylinder kaum (ich hielt es nur für gut, sie zuerst zu be-schreiben). Mein Blick wurde besonders durch die ungewöhnlich glitzernden, mit der Entleerung beschäftigten Mechanismen und von den seltsamen Ge-schöpfen fasziniert, die langsam und schwerfällig über die Lehmhaufen kro-chen.

Die mechanischen Werkzeuge waren es, die meine Aufmerksamkeit zunächst fesselten. Das Werkzeug, das ich jetzt sah, war eines jener komplizierten Er-zeugnisse, die man seither Greifmaschinen genannt hat und deren Studium zu einem ungeheuren Antrieb für die irdische Erfindungskraft geworden ist.

Als es mir erstmals zu Gesicht kam, machte es den Eindruck einer metalle-nen Spinne mit fünf gegliederten und leicht beweglichen Beinen, mit einer außergewöhnlichen Anzahl zusammengefügter Hebel und Riegel und mit greifenden Fühlern an seinem Körper. Die meisten Arme der Maschine waren eingezogen, aber mit drei langen Fühlern fischte sie eine Anzahl Stäbe, Plat-ten und Riegel heraus, die offenbar die Innenwände des Zylinders verstärkt hatten. Sobald die Maschine diese Gegenstände herausgehoben hatte, legte sie alle auf eine mit dem Erdboden gleichlaufende Fläche hinter ihr.

Ihre Bewegungen waren so schnell, so gut ineinandergreifend, so vollkom-men, dass ich sie trotz ihres metallischen Gefunkels erst gar nicht für eine Maschine hielt. Die Kriegsmaschinen waren zusammengesetzt und bis zu einem außergewöhnlichen Grade belebt worden, aber mit dieser Maschine können sie nicht verglichen werden. Leute, die ihr Gefüge nie gesehen ha-ben, oder die keine andere Vorstellungshilfe besitzen als die mangelhaften Skizzen von Malern oder die unvollkommene Beschreibung von Augen-zeugen, wie ich es bin, können sich nur schwer ein Bild jenes Organismus-ses machen.

Ich erinnere mich besonders an eine der ersten Schriften, die eine zusam-menhängende Darstellung des Krieges enthielten. Der Zeichner hatte eine flüchtige Skizze von einer der Kriegsmaschinen gemacht und damit hörten seine Kenntnisse auf. Er stellte sie als schiefe, steife Dreifüße dar, ohne Biegsamkeit und Gewandtheit, was irreführend eintönig wirkte. Die Schrift, 96


welche diese Zeichnung enthielt, hatte einen bedeutenden Ruf, und ich er-wähne sie hier nur, um den Leser vor den Eindrücken zu warnen, die sie hervorgebracht haben mag. Dieses Bild glich den Marsleuten, die ich in Ak-tion sah, um kein Haar mehr als vielleicht eine Puppe einem menschlichen Wesen. Für meine Begriffe hätte diese Schrift ohne das Bild an Wert gewon-nen.

Anfangs erschien mir, wie gesagt, die Greifmaschine nicht als Maschine, sondern als ein krebsartiges Geschöpf mit einer funkelnden Deckhaut; der überwachende Marsianer, dessen zarte Fühlfäden ihre Bewegungen leitete, schien einfach der Ersatz der Gehirnteile eines Krebses zu sein. Aber dann fiel mir die Ähnlichkeit seiner graubraunen, öligen, lederartigen Oberhaut mit jener der unten umherkriechenden Körper auf, und jetzt erst erkannte ich die wahre Natur dieses geschickten Arbeiters. Nach dieser Feststellung widmete ich meine Aufmerksamkeit jenen anderen Geschöpfen, den eigent-lichen Marsbewohnern. Ich hatte ja schon einmal einen flüchtigen Eindruck von ihnen erhalten, und das ursprüngliche Ekelgefühl konnte meine Beo-bachtung nicht mehr beeinträchtigen. Außerdem hatte ich mich ja versteckt und war regungslos und nicht unter dem Zwang zu handeln.

Die Marsleute waren, wie ich jetzt sah, Geschöpfe, deren Bau allen irdischen Begriffen Hohn sprach. Sie hatten ungeheure runde Körper - oder besser ge-sagt, Köpfe – mit einem Durchmesser von etwa vier Fuß. Jeder dieser Körper hatte mitten auf seiner Vorderseite ein Gesicht. Dieses Gesicht hatte keine Nasenlöcher - den Marsianern scheint tatsächlich jeder Geruchssinn gefehlt zu haben - aber es hatte ein Paar sehr großer, dunkelgefärbten Augen und gerade darunter eine Art fleischigen Schnabels. Auf der Rückseite dieses Kopfes oder Körpers - ich weiß kaum, wie ich es bezeichnen soll - befand sich eine einzige straffe, trommelfellartige Fläche, die später anatomisch als Ohr identifiziert wurde, obwohl sie in unserer dichteren Atmosphäre fast nutzlos gewesen sein muss. Um die Mundöffnung herum hingen sechzehn zarte, fast peitschenartige Fühler herunter, auf jeder Seite zwei Büschel zu vier. Diese Büschel wurden seither von dem ausgezeichneten Anatomen Pro-fessor Howes sehr zutreffend „Hände“ genannt. Schon als ich diese Marsleu-te zum ersten Mal sah, hatte ich die Vermutung, als versuchten sie, sich mit Hilfe dieser Hände aufzurichten. Aber durch das erhöhte Gewicht in der Erdatmosphäre war es ihnen natürlich nicht möglich. Es gibt genug Grund für die Annahme, dass sie sich auf dem Mars mit ziemlich großer Leichtig-keit auf ihnen fortbewegen konnten.


Ihr Inneres - es sei mir gestattet, dies hier schon zu bemerken war, wie der anatomische Befund später zeigte, fast ebenso einfach. Den größten Teil nahm das Gehirn ein, das ungeheure Nervenstränge zu den Augen, den Oh-ren und den Tastwerkzeugen aussandte. Außerdem waren vollständige Lun-gen, in die sich die Mundhöhle öffnete, das Herz und seine Gefäße vorhan-den. Die Störung ihrer Atmung, die durch die dichtere Athmosphäre und die größere Anziehungskraft der Erde hervorgerufen wurde, konnte überdeutlich an den heftigen Bewegungen der äußeren Haut wahrgenommen werden. 97


Und damit ist die Aufzählung der Organe der Marsleute beendet. So merk-würdig es auch einem Menschen erscheinen mag, das verwickelte Gefüge der Verdauungswerkzeuge, das den Hauptbestandteil unseres Körpers bildet, war bei den Marsleuten überhaupt nicht vorhanden. Sie waren Köpfe, nichts als Köpfe. Sie hatten keine Eingeweide. Sie aßen nicht, brauchten also auch nicht zu verdauen. Statt dessen nahmen sie das frische, lebende Blut ande-rer Geschöpfe und führten es in ihre eigenen Adern ein. Ich selbst habe ge-sehen, wie das vor sich ging, und werde es an der geeigneten Stelle mitteilen. Es mag jämmerlich scheinen, aber ich kann es nicht über mich bringen, das ausführlich zu beschreiben, was ich nicht aushalten konnte, länger zu beo-bachten. Dies muss genügen: das einem noch lebenden animalischen We-sen, meistens einem Menschen, entzogene Blut wurde mittels eines kleinen Röhrchens in den Aufnahmekanal eingeführt.

Die bloße Vorstellung dieses Vorgangs erscheint uns zweifellos grauenvoll und abstoßend, aber wir sollten uns, so meine ich, zugleich erinnern, wie widerwärtig unsere fleischfressenden Gewohnheiten einem vernunftbegabten Kaninchen erscheinen würden.

Die physiologischen Vorteile dieses Brauches, Blut einzuführen, sind nicht von der Hand zu weisen, wenn man an die ungeheure Vergeudung mensch-licher Zeit und menschlicher Kräfte denkt, die durch den Nahrungs- und den Verdauungsprozess verursacht wird. Unser Körper besteht zur Hälfte aus Drüsen und Röhren und Werkzeugen, die damit beschäftigt sind, an-dersgeartete Nahrung in Blut umzuwandeln. Unsere Verdauung und ihre Rückwirkung auf unser Nervensystem saugen unsere Kräfte auf und beein-flussen unsere Stimmungslage. Die Leute sind glücklich oder elend, je nach-dem sie eine heile oder kranke Leber oder gesunde gastrische Drüsen besit-zen. Die Marsleute aber waren über alle diese organischen Stimmungswech-sel und Empfindungen erhaben.

Ihre unbestreitbare Vorliebe für Menschen mochte aus einer gewissen Ähn-lichkeit mit jenen Opfern herrühren, die sie als Wegzehrung vom Mars mit-gebracht hatten. Soweit man nach den eingeschrumpften Überbleibseln schließen kann, die in menschliche Hände fielen, waren diese Geschöpfe Zweifüßer mit brüchigen, verkiesten Knochengerüsten (ähnlich denen ver-kiester Schwämme), von schwacher Muskelbildung; sie waren im Durch-schnitt sechs Fuß hoch, besaßen runde, aufrechte Köpfe und große Augen in schieferartigen Höhlen. Zwei oder drei von ihnen scheinen in jedem Zylinder mitgebracht worden zu sein; alle wurden getötet, bevor sie die Erde erreich-ten. Für sie war es wohl ebenso gut, denn schon der bloße Versuch, auf un-serem Planeten aufrecht zu stehen, hätte ihnen jeden Knochen im Leibe gebrochen.

Weil ich schon dabei bin, diese Beschreibung zu machen, will ich noch an dieser Stelle einige weitere Einzelheiten hinzufügen, die, auch wenn sie uns damals noch unbekannt waren, doch den Leser, der mit dem Leben der Marsleute nicht vertraut ist, in die Lage versetzen werden, sich von diesen gefährlichen Eindringlingen eine klarere Vorstellung zu machen. 98



In drei anderen Punkten wich ihre Lebensweise seltsam von der unseren ab. Ihre Organismen schliefen ebenso wenig, wie das Herz des Menschen schläft. Da sie keinen großen Muskelapparat zu regenerieren brauchen, war ihnen dieses zeitweilige Erlöschen unbekannt. Sie wurden scheinbar selten oder gar nicht müde. Auf der Erde können sie sich nie ohne Anstrengung bewegt haben, und doch waren sie bis zum letzten Augenblick aktiv. Während vier-undzwanzig Stunden taten sie vierundzwanzigstündige Arbeit, wie es auf der Erde vielleicht bei den Ameisen der Fall ist.

Weiter, so wunderbar es in einer geschlechtlichen Welt erscheinen mag, wa-ren die Marsleute durchaus geschlechtslos und daher von all den heftigen Erregungen ledig, die aus diesem Unterschiede zwischen den Menschen her-rühren. Es kann heute nicht mehr bestritten werden, dass während des Krieges ein Marskind auf der Erde geboren wurde; man fand es mit seinem Erzeuger verwachsen, teilweise abknospend, genauso wie kleine Lilien-zwiebeln abknospen oder die Jungen eines Süßwasserpolypen.

Bei dem Menschen, wie bei allen höher organisierten irdischen Lebewesen, ist diese Art der Fortpflanzung verschwunden; aber selbst auf dieser Erde war sie sicherlich die ursprüngliche Art. In der niederen Tierwelt, selbst bei jenen ersten Verwandten der Wirbeltiere, den Tunikaten, kommen beide Vorgänge nebeneinander vor. Schließlich aber siegte doch die geschlechtliche Vermehrung über die konkurrierende Form. Auf dem Mars war offensichtlich das Gegenteil der Fall.

Es sollte an dieser Stelle hervorgehoben werden, dass ein findiger Kopf von angeblich wissenschaftlichem Ruf lange vor dem Einfall der Marsleute den Menschen ein künftiges System vorhergesagt hat, das jenem nicht unähnlich war, das tatsächlich auf dem Mars herrschte. Seine Prophezeiung erschien, wenn ich mich recht entsinne, im November oder im Dezember 1893 in einer längst eingegangenen Zeitschrift, dem „Pall Mall Budget“, und auch eine Ka-rikatur in dem prämarsianischen Witzblatt „Punch“ kommt mir jetzt ins Ge-dächtnis. Der Schreiber wies in einem albern witzelnden Tonfall darauf hin, dass die Vervollkommnung der angewandten Mechanik schließlich die Glie-der und die Vervollkommnung der Chemie die Verdauung überflüssig ma-chen würden; dass solche Organe wie Haare, Nasen, Zähne, Ohren, Kinn nicht länger wesentliche Teile des menschlichen Körpers darstellen würden, und dass in den kommenden Geschlechtern der Zug der natürlichen Zucht-wahl in der Richtung ihrer stetigen Verkümmerung liegen würde. Das Ge-hirn allein würde die Hauptnotwendigkeit bleiben. Nur noch ein Glied des menschlichen Körpers würde die übrigen überleben - und das sei die Hand, der „Lehrer und Lenker des Gehirns“. Während der übrige Leib verkümmern und verschwinden würde, würden die Hände immer größer.

In diesen Worten, wenn auch im Scherz niedergeschrieben, findet sich man-che Wahrheit; und hier bei den Marsleuten ist ohne Widerrede solch eine Unterdrückung der animalischen Seite des Organismus durch den Geist zu beobachten. Es erscheint mir ganz glaubwürdig, dass die Marsleute von We- 99


sen abstammen mögen, die uns nicht unähnlich waren, und zwar durch die allmähliche Weiterentwicklung ihrer Gehirnteile und Hände (die letzteren nahmen endlich die Gestalt jener zwei Büschel zarter Fühlfäden an) auf Kos-ten des übrigen Körpers. Ohne den Leib musste das Gehirn selbstverständ-lich ein bei weitem selbstsüchtigerer Geist werden als mit dieser Grundlage menschlichen Gefühls.

Der dritte springende Punkt, in dem die Lebensbedingungen jener Geschöpfe von den unseren abwichen, ist in einer Tatsache zu sehen, die manchem vielleicht als eine sehr nebensächliche Besonderheit erscheinen wird. Mikro-organismen, die so viel Krankheit und Schmerz auf Erden hervorrufen, ha-ben sich auf dem Mars entweder nie gezeigt oder sind durch die hygienische Wissenschaft der Marsbewohner schon vor langen Zeiten ausgerottet wor-den. Unsere Fieberarten und ansteckenden Krankheiten, Auszehrung, Krebs, Tumor und ähnliche Leiden, drängen sich niemals, ihr Dasein beein-trächtigend, in ihr Leben. Und da ich schon von den Unterschieden zwischen dem Leben auf dem Mars und dem irdischen spreche, möchte ich hier auch auf die seltsamen Vermutungen in der Frage des „roten Gewächses“ einge-hen.

Offenbar ist das Pflanzenreich auf dem Mars nicht vorwiegend grün, sondern stark blutrot gefärbt. Auf jeden Fall brachten die Samen, welche die Mars-leute absichtlich oder zufällig mitführten, ausnahmslos rotfarbige Pflanzen hervor. Jedoch konnte nur jene Pflanze, die im Volksmund als „rotes Kraut“ bekannt wurde, neben den irdischen Arten Fuß fassen. Die rote Schling-pflanze besaß nur ein vorübergehendes Wachstum und nur wenige Leute haben sie zu Gesicht bekommen. Eine Zeitlang aber wuchs das „rote Ge-wächs“ mit erstaunlicher Kraft und Üppigkeit Es breitete sich über die Rän-der der Grube am dritten oder vierten Tag unserer Gefangenschaft aus, und seine kaktusartigen Zweige legten sich wie Fransen um den Mauerrahmen unseres dreieckigen Fensters. Später sah ich es überall und vor allem dort, wo sich fließendes Wasser befand.

Die Marsleute hatten, wie gesagt, so etwas wie ein Ohr: eine einzige runde, trommelartige Fläche am Rücken ihres Kopf-Leibes, außerdem auch ein Sehvermögen, das unserem vergleichbar war, nur dass, nach Philipps, die Farben Blau und Violett ihnen als schwarz erschienen. Man vermutet allge-mein, dass sie durch spezielle Laute und Bewegungen ihrer Fühler mitein-ander kommunizierten; dies wird zum Beispiel in jener richtigen, aber ober-flächlichen Schrift behauptet (die offenbar von jemandem geschrieben wur-de, der kein Augenzeuge der Handlungen der Marsianer war); ich habe auf diese Schrift als die bisher verlässlichste Quelle für jene Ereignisse hinge-wiesen.

Wohl aber hat kein überlebender Mensch so viel von den in Aktivität begrif-fenen Marsleuten gesehen wie ich. Ich bin weit davor entfernt, mich dieses Zufalls zu rühmen, aber es ist wahr. Und ich darf wohl behaupten, dass ich sie von Zeit zu Zeit scharf beobachtet habe und dass ich vier, fünf und ein-mal sogar sechs von ihnen gesehen habe, wie sie mit äußerster Schwerfällig- 100


keit die allerfeinsten und mühsamsten Arbeiten gemeinsam verrichteten, ohne jeden Laut, ohne jede Gebärde. Ihr eigentümliches Geheul ging aus-nahmslos nur ihren Mahlzeiten voran. Es war durchaus eintönig und bedeu-tete, wie ich glaube, auf keinen Fall ein Signal, sondern einfach den Austritt von Luft, der den Vorgang der Bluteinführung einleitete. Ich kann einen ge-wissen Anspruch auf eine wenigstens oberflächliche Kenntnis von Psycholo-gie anmelden, und was diese Frage betrifft, so bin ich überzeugt - so sehr, wie man nur von einer Sache überzeugt sein kann - dass die Marsleute ohne jede physische Vermittlung ihre Gedanken austauschen konnten. Davon bin ich trotz einer starken Voreingenommenheit überzeugt. Vor dem Einfall der Marsleute habe ich nämlich, woran sich mancher Leser vielleicht erinnern wird, mit einiger Heftigkeit gegen die telepathische Theorie geschrieben.

Die Marsleute trugen keinerlei Bekleidung. Ihre Begriffe von Sitte und An-stand waren notwendigerweise unterschiedlich von der unseren. Auch waren sie offenbar gegen den Klimaumschwung viel weniger empfindlich, als wir es sind, und dieser scheint ihre Gesundheit überhaupt nicht ernsthaft gefähr-det zu haben. Aber wenn sie auch keine Kleider trugen, so waren es doch jene anderen künstlichen Zutaten ihrer körperlichen Fähigkeiten, in denen ihre große Überlegenheit über die Menschen bestand. Wir Menschen mit un-seren Fahrrädern und Schlittschuhen, unseren Flugmaschinen, Flinten und Stöcken und so weiter stehen gerade an der Schwelle jener Entwicklung, welche die Marsleute bereits hinter sich haben. Sie sind tatsächlich eine bloße Gehirnmenge geworden, besitzen Körper, die ihren Bedürfnissen ange-passt sind, genauso wie Menschen ihre Stoffanzüge tragen oder nach dem Fahrrad greifen, wenn sie in Eile sind, oder nach dem Regenschirm, wenn es regnet.

Im Hinblick auf die Hilfsmittel der Marsleute ist für die Menschen vielleicht nichts absonderlicher als die merkwürdige Tatsache, dass ihnen der Mecha-nismus, der der irdischen Technik so sehr das Gepräge verleiht, vollständig fehlt: das Rad. Unter allen den Dingen, die sie zur Erde mitbrachten, ist nicht die leiseste Spur zu entdecken, die auf den Gebrauch von Rädern hin-deutete. Man hätte es zumindest als Fortbewegungsmittel erwarten können. In diesem Zusammenhang fällt übrigens auf, dass auch auf unserer Erde die Natur niemals auf das Rad abzielte oder irgendwelche Voraussetzungen zu einer Entstehung schuf. Und die Marsleute kannten entweder das Rad nicht (was ich für unwahrscheinlich halte) oder sie benutzten es nicht. Jedenfalls ist in ihren Werkzeugen die fixe oder relativ fixe Achse mit den um sie herum kreisenden Bewegungen auffallend selten. Fast alle Glieder ihrer Maschinen stellen ein verwickeltes Gefüge von schleifenden Teilen dar, die sich auf klei-nen, aber prächtig geschwungenen Reibestützen bewegen.

Und da ich gerade bei diesen Einzelheiten bin, will ich noch hervorheben, dass die langen Hebelarme ihrer Maschinen in den meisten Fällen mittels einer Art Schein-Muskulatur von Scheiben in elastischen Scheiden in Bewe-gung gesetzt werden; diese Scheiben werden polarisiert und dicht und mäch-tig zusammengezogen, wenn ein elektrischer Strom durch sie geleitet wird. Auf diese Weise entstand die merkwürdige Ähnlichkeit mit animalischen 101


Bewegungen, die dem menschlichen Beobachter so auffallend und verwir-rend erschien. Solche Pseudomuskeln fanden sich besonders oft bei der krebsähnlichen Greifmaschine, die ich beobachtete, als sie den Zylinder auspackte. Diese Maschine glich unendlich mehr einem lebenden Wesen als die wirklichen Marsleute, die drüben im Licht der untergehenden Sonne la-gen, heftig keuchten, ihre kraftlosen Fühler regten und sich nach ihrer end-losen Reise nur mit Mühe zu bewegen in der Lage waren.

Während ich noch ihre schwachen Bewegungen im Sonnenlicht beobachtete und mir jede seltsame Einzelheit ihrer Erscheinung genau einprägte, erin-nerte mich der Kurat an seine Anwesenheit, indem heftig an meinem Arm zerrte. Ich drehte mich um und sah in sein mürrisches Gesicht und seine schweigend beredten Lippen. Er wollte jetzt wieder zur Spalte, die immer nur einem Platz bot; und so musste ich einige Zeit dem Kuraten weichen.

Als die Reihe wieder an mich kam, hatte die geschäftige Greifmaschine be-reits eine Reihe von Gegenständen aus dem Zylinder zu einem Gerät zu-sammengefügt, der eine unverkennbare Ähnlichkeit mit ihrer eigenen Form besaß. Und weiter unten zur Linken tauchte jetzt ein kleines spatenartiges Werkzeug auf, das Strahlen grünen Dampfes ausstieß und sich seinen Weg rund um die Grube bahnte, indem es planvoll und bedächtig Erde aushöhlte und aufschichtete.

Dieses Werkzeug war es, das jenes regelmäßige, stoßende Geräusch und die fast rhythmischen Erschütterungen verursacht hatte, die unseren in Trüm-mern liegenden Zufluchtsort erbeben ließ. Während es arbeitete, tutete und pfiff es unaufhörlich. Soweit ich sehen konnte, arbeitete das Ding ohne jede Unterstützung eines Marswesens.


3. Die Tage der GefangenschaftEdit

Die Ankunft einer zweiten Kriegsmaschine trieb uns von unserem Guckloch in die Waschküche zurück, denn wir hatten die Befürchtung, dass der Mar-sianer von seiner Höhe herab uns hinter unserer Schanze zu entdecken könnte. Mit der Zeit verloren wir aber wieder das Gefühl der Gefahr, erblickt zu werden; denn einem Auge im blendenden Sonnenlicht musste unser Ver-steck als tiefschwarze Nacht vorkommen. So schrecklich die Gefahren auch waren, die rings um uns lauerten, die Versuchung, durch die Mauerspalte zu blicken, war unwiderstehlich. Und noch heute wundere ich mich, wenn ich mich erinnere, wie wir trotz der drohenden Aussicht, entweder zu ver-hungern oder noch grauenvoller umzukommen, heftig miteinander um das schreckliche Vorrecht, hinaussehen zu dürfen, streiten konnten. Wir konn-ten um die Wette durch die Küche laufen, in einem abenteuerlichen Lauf-schritt, der zwischen Eifer und der Angst, Lärm zu machen, die Mitte hielt, wir konnten uns schlagen, mit Fäusten und Füßen stoßen - und das alles nur durch einige Zollbreit vor der Entdeckung gesichert. 102



Tatsächlich hatten wir beide ganz unvereinbare Veranlagungen und Ge-wohnheiten im Denken und Handeln, und die Gefahr und unsere Einge-schlossenheit verstärkte diese Unvereinbarkeit nur noch weiter. Schon in Halliford war mir des Kuraten alberne Eigenart, in tatenlose Klagen auszu-brechen, die blödsinnige Verbohrtheit seines Charakters, verhasst gewesen. Seine endlosen, im Murmeltone gesprochenen Selbstgespräche machten jede Mühe, die ich mir gab, um einen Fluchtplan zu entwerfen, zunichte und trieben mich, da ich durch die Gefangenschaft doppelt gereizt war, manch-mal an den Rande des Wahnsinns. Wie ein hysterisches Weib war er unfä-hig, sich den geringsten Zwang anzutun. Er konnte stundenlang vor sich hinweinen, und ich glaube wirklich, dass dieses vom Schicksal verzogene Kind seine elenden Tränen in irgendeiner Weise für wirksam hielt. Und ich saß in der Dunkelheit, durch seine Zudringlichkeiten außerstande, meine Gedanken von ihm abzulenken. Er aß mehr als ich. Und es war ganz hoff-nungslos, ihm verständlich zu machen, dass die einzige Chance zu Überle-ben darin bestand, so lange in diesem Hause zu bleiben, bis die Marsleute mit ihrer Grube fertig geworden wären; es war vergeblich, ihn zu warnen, dass während dieser langen Geduldsprobe wohl eine Zeit kommen würde, in der wir dringend der Nahrung bedürften. Er aß und trank, wann es ihm ge-rade zusagte, in sehr ausgiebigen Mahlzeiten, wenngleich auch mit langen Zwischenräumen. Auch schlief er wenig.

Als die Tage kamen und gingen, wurde unsere Notlage durch seine un-glaubliche Sorglosigkeit und seine Rücksichtslosigkeit derart verschärft, dass ich, sosehr ich es auch verabscheute, erst zu Drohungen, dann zu Schlägen greifen musste. Das brachte ihn eine Weile zur Vernunft. Aber er gehörte zu jenen von Tücke und Verschlagenheit erfüllten Schwächlingen, die ohne jeden Stolz, feige, fischblütig und gehässig, nicht Gott, nicht den Menschen, nicht einmal sich selbst gegenüber in der Lage waren, Rechen-schaft zu geben.

Es ist mir unangenehm, mir alle diese Dinge wieder ins Gedächtnis zurück-zurufen und sie aufzuzeichnen, aber ich muss es der Lückenlosigkeit meines Berichtes wegen tun. Jene, die von den düsteren und furchtbaren Seiten des Lebens verschont geblieben sind, werden schnell genug bei der Hand sein, meine Gewalttätigkeit und meine Wutausbrüche am Ende unseres Trauer-spieles zu richten; denn sie wissen besser als jedermann, was tadelnswert ist, aber nicht, wozu ein gefolterter Mensch fähig ist. Jene aber, die „gewan-dert sind im finsteren Tal“ und bis zum Elementaren hinabstiegen, werden mehr Verständnis haben.

Und derweil wir drinnen unseren düsteren, schattenhaften Kampf austru-gen, unter Schlägen, flüsternd und mit geballten Fäusten um Speise und Trank kämpften, waren draußen im unbarmherzigen Sonnenbrand jenes schrecklichen Juni die Marsleute bei ihrer seltsamen fremden Arbeit in der Grube am Werk. Man erlaube mir, zu diesen neuen Erlebnissen zurückzu-kehren. Nach längerer Zeit wagte ich mich wieder an das Guckloch und sah, dass die Besatzung von nicht weniger als drei Kampfmaschinen zu den Ein- 103


dringlingen gestoßen war. Sie hatten erneut eine Reihe neuer Werkzeuge mitgebracht, die wohlgeordnet um den Zylinder herumstanden. Die zweite Greifmaschine war jetzt fertiggestellt und eifrig damit beschäftigt, eine jener neuartigen Erfindungen zu bedienen, welche die große Maschine mitge-bracht hatte. Das neue Werkzeug glich in seinen Umrissen einer Milchkan-ne, über der ein schwingender, birnenförmiger Behälter angebracht war, von dem ein Strom weißen Pulvers sich in ein kreisrundes Becken ergoss.

Die schwingende Bewegung des Behälters wurde von einem Taster der Greifmaschine hervorgerufen. Mit zwei anderen spatenartigen Händen grub die Greifmaschine große Mengen Lehm aus und warf sie in das birnenförmi-ge Behältnis hinauf, während sie mit einem anderen Arm von Zeit zu Zeit eine Tür öffnete, die im Rumpf der Maschine angebracht war, und rostige und geschwärzte Schlacken daraus entfernte. Ein anderes stählernes Tast-werkzeug leitete das Pulver aus dem Becken durch einen gerippten Kanal in einen anderen Behälter, den ich durch eine Wolke bläulichen Staubes nicht sehen konnte. Aus diesem unsichtbaren Behälter stieg ein dünner Faden von grünem Rauch kerzengerade in die stille Luft. Während ich so hinschau-te, streckte die Greifmaschine unter einem leisen musikalischen Geklirr nach der Art eines Teleskops einen Taster aus, der mir noch einen Augen-blick vorher wie ein stumpfer Ausläufer der Maschine vorgekommen war. Sein Ende war nun hinter dem Lehmhaufen verschwunden. In der nächsten Sekunde hatte er eine Stange weißen Aluminiums herausgehoben, die fle-ckenlos leuchtete und glänzte, und legte sie auf einen deutlich wachsenden Haufen von Stangen, der sich neben der Grube befand. Zwischen Son-nenuntergang und Sternenlicht muss diese kunstvolle Maschine mehr als hundert solcher Stangen aus dem rohen Lehm verfertigt haben, und die Wolke bläulichen Staubes wuchs allmählich an, bis sie den Rand der Grube erreichte.

Der Gegensatz zwischen den raschen und wunderbar ineinandergreifenden Werkzeugen und der klotzigen und keuchenden Unbeholfenheit ihrer Meister war so verblüffend, dass ich mir tagelang immer wieder selbst sagen musste, dass es die letzteren seien, die in Wahrheit die lebenden Wesen von den bei-den vorstellten.

Der Kurat saß vor der Mauerspalte, als die ersten Menschen zur Grube ge-bracht wurden. Ich saß zusammengekauert unter ihm und horchte ange-spannt. Plötzlich fuhr er erschreckt zurück, und ich verfiel in eine Art Krampf, voller Angst, dass wir entdeckt worden seien. Er glitt nun das Geröll herab und verkroch sich neben mich in die Dunkelheit, gab einige verworre-ne Laute von sich, machte ein paar wilde Gebärden, und einen Augenblick lang teilte ich seinen Schrecken. Seine Gebärden deuteten seinen Verzicht auf die Mauerspalte an, und nach einer Weile machte meine Neugierde mir Mut; ich erhob mich, stieg über ihn hinweg und kletterte hinauf. Anfangs konnte ich keinen Grund für sein Entsetzen entdecken.

Die Dämmerung war nun angebrochen, oben schienen kleine, blasse Sterne, aber die Grube war erhellt von dem flackernden grünen Feuer, das von der 104


Aluminiumherstellung herrührte. Das Gemenge flackernder Strahlen und auf- und niedergleitender schwarzer Schatten war seltsam verwirrend für das Auge. Darüber hin und zwischen hinein flogen unbeirrt die Fledermäu-se. Die sich räkelnden Marsleute waren nicht mehr zu sehen, die Wolke blaugrünen Pulvers war schon hoch genug gestiegen, um sie unseren Bli-cken zu entziehen. Eine Kriegsmaschine stand mit zusammengeklappten, eingezogenen und verkürzten Beinen jenseits der Grube. Und mitten im Ge-töse des arbeitenden Maschinenwerks glaubte ich plötzlich, einen leisen Laut von menschlichen Stimmen zu hören, ein Verdacht, den ich freilich so-fort wieder aufgab.

Ich bückte mich, um die Kriegsmaschine schärfer ins Auge zu fassen, und überzeugte mich jetzt zum ersten Male, dass die Haube wirklich einen Mar-sianer enthielt. Als die grünen Flammen aufflackerten, konnte ich den öligen Glanz seiner Oberhaut und das Leuchten seiner Augen wahrnehmen. Plötz-lich hörte ich einen gellenden Schrei und sah einen ausgestreckten Fühler über die Schulter der Maschine in den kleinen Käfig langen, der auf ihrem Rücken lastete. Und dann wurde etwas - etwas sich heftig Sträubendes - hoch in die Luft emporgehoben, ein vom Sternenlicht sich dunkel und un-klar abhebendes, rätselhaftes Ding. Und als dieser schwarze Gegenstand wieder herunterkam, sah ich bei dem grünen Schein, dass es ein Mensch war. Einen Moment lang war er ganz deutlich sichtbar. Es war ein stämmi-ger, blühend aussehender, gutgekleideter Mann in mittleren Jahren; drei Tage vorher mochte er noch als Mann von beträchtlichem Ansehen durchs Leben gewandert sein. Ich sah seine starren Augen und bemerkte, wie die Lichtstrahlen in seinen Hemdknöpfen und seiner Uhrkette spielten. Er ver-schwand hinter dem Hügel, und einen Augenblick lang herrschte völliges Schweigen. Dann hörte man durchdringende Schreie und das langgezogene Freudengeheul der Marsleute...

Ich glitt das Geröll hinab, richtete mich mühsam auf, legte beide Hände an die Ohren und stürzte in die Waschkammer. Der Kurat, der, schweigend zu-sammengekauert dagesessen hatte, mit den Armen seinen Kopf umklam-mernd, schaute auf, als ich an ihm vorbeikam, schrie auf, als ich ihn verließ, und rannte hinter mir her.

In dieser Nacht, während wir in der Waschküche kauerten und unsere Emp-findungen zwischen Entsetzen und furchtbarer Neugier schwankten, stieg in mir der heftige Wunsch zu handeln auf. Aber ich versuchte vergeblich, ei-nen Plan zu unserer Rettung auszuarbeiten. Erst am zweiten Tag war ich in der Lage, unsere Situation mit großer Schärfe zu erfassen. Ich sah, dass der Kurat nicht einmal zu einer Besprechung zu brauchen war; ungekannte Schrecken hatten ihn in ein wildes, triebhaftes Geschöpf verwandelt und ihn seines Verstandes und seiner Denkfähigkeit beraubt. Er war tatsächlich schon zum Tier herabgesunken. Ich aber fasste, wie man sagt, mich selbst mit beiden Händen an. Nun, da ich der rauen Wirklichkeit ins Auge sah, er-hielt ich die Überzeugung, dass wir trotz unserer schrecklichen Lage doch noch nicht zu Recht völlig Verzweifeln mussten. Unsere naheliegendste Hoffnung und Erwartung war, dass die Marsianer hier nur vorübergehend 105


ihr Lager aufgeschlagen hätten. Sollten sie aber bleiben, so würden sie es doch wohl nicht für notwendig erachten, es ständig zu bewachen; und so könnte sich uns doch eine Fluchtmöglichkeit bieten. Ich zog auch ernsthaft in Betracht, uns von der Grube weg einen unterirdischen Gang zu graben, aber die Möglichkeit, beim Auftauchen einer wachestehenden Kriegsmaschi-ne zu begegnen, schien mir am Anfang doch zu erschreckend. Überdies hät-te ich die ganzen Ausschachtungen allein zu verrichten gehabt, denn der Kurat hätte mich gewiss im Stich gelassen.

Wenn mich mein Gedächtnis nicht im Stich lässt, war es am dritten Tag, als ich die Tötung jenes armen Teufels mit ansehen musste. Es war dies das einzige Mal, dass ich die Marsianer Nahrung aufnehmen sah. Nach diesem Erlebnis vermied ich das Loch in der Mauer während des größten Teils des Tages. Ich begab mich in die Waschküche, hängte die Tür aus und verbrach-te einige Stunden damit, so geräuschlos wie möglich mit meinem Beil zu graben; als ich ein etwa zwei Fuß tiefes Loch gegraben hatte, fiel die lockere Erde aber wieder polternd zusammen, und ich wagte nicht, die Arbeit fortzu-setzen. Ich verlor meinen ganzen Mut und legte mich für eine lange Zeit auf den Boden. Ich hatte nicht einmal die Kraft, mich zu bewegen. Und von da an gab ich den Gedanken, durch einen Tunnel zu entfliehen, auf.

Für den Eindruck, den die Marsleute auf mich gemacht hatten, ist es sehr bezeichnend, dass ich zunächst wenig oder im Grunde genommen gar nicht auf den Gedanken kam, dass unsere Feinde etwa durch einen menschlichen Angriff überwältigt werden könnten. Aber in der vierten oder fünften Nacht hörte ich so etwas wie starkes Geschützfeuer.

Es war sehr spät in der Nacht, und der Mond schien hell. Die Marsianer hat-ten die Aushöhlmaschine entfernt; und abgesehen von einer Kriegsmaschi-ne, die an dem entfernteren Rand der Grube stand, und einer Greifmaschi-ne, die in einer Ecke der Grube unmittelbar unter meinem Guckloch ge-schäftig arbeitete, war der Platz verlassen.


Von der Greifmaschine ging ein blasser Schimmer aus, und das Mondlicht schien auf die Stangen und auf einige Stellen des Erdreichs. Sonst war die Grube in Dunkelheit gehüllt und ganz still. Nur das Geräusch der Maschine war zu vernehmen. Es war eine wundervoll heitere Nacht; nur mit einem Planeten teilte der Mond seine Herrschaft über den Himmel. Ich hörte einen Hund heulen, und dieser vertraute Laut veranlasste mich, hinauszulau-schen. Da hörte ich ganz deutlich ein Dröhnen, wie vom Donner schwerer Geschütze. Ich zählte deutlich sechs Schüsse und nach einer langen Unter-brechung sechs weitere. Und das war alles. 106


4. Der Tod des KuratenEdit

Es war am sechsten Tag unserer Gefangenschaft. Zum letzten Male warf ich einen Blick durch das Guckloch, und als ich mich umdrehte, war ich allein. Statt sich dicht an mich zu halten und zu versuchen, mich von der Spalte wegzudrängen, war der Kurat in die Waschküche zurückgegangen. Ein Ver-dacht ging durch meinen Kopf. Ich folgte ihm schnell und leise. Im Dunklen hörte ich den Kuraten etwas trinken. Ich griff aufs Geratewohl in die Dun-kelheit und bekam eine Burgunderflasche zu fassen.

Gleich darauf rangen wir miteinander. Das dauerte wenige Minuten, dann fiel die Flasche zu Boden und brach entzwei. Ich ließ ihn los und erhob mich. Wir standen keuchend und drohend einander gegenüber. Schließlich pflanzte ich mich zwischen ihn und die Esswaren auf und teilte ihm meinen festen Entschluss mit, von nun an Mäßigung zu halten. Ich teilte unsere Le-bensmittel in der Speisekammer in Rationen ein, die für zehn Tage aus-reichen sollten. An diesem Tage erlaubte ich ihm nicht mehr, etwas zu es-sen. Am Nachmittag machte er einen schwachen Versuch, an die Esswaren zu gelangen. Ich war eingenickt, aber im Nu war ich wach. Den ganzen Tag und die ganze Nacht saßen wir uns Aug in Auge gegenüber, ich erschöpft, aber entschlossen, er weinend und über seinen großen Hunger klagend. Ich weiß, es war nur eine Nacht und ein Tag, aber mir schien es - und scheint mir noch heute - eine unglaublich lange Zeit.

Und so endete die Unverträglichkeit unserer Veranlagungen im offenen Streit. Zwei ewige Tage lang rangen wir flüsternd und erbittert. Es gab Zei-ten, in denen ich ihn mit Schlägen und Fußtritten wie toll bearbeitete, und Zeiten, während derer ich ihm schmeichelte und ihn zu überreden trachtete. Und einmal versuchte ich ihn mit der letzten Flasche Burgunder zu beste-chen, denn es war eine Regenwasserpumpe vorhanden, mit der ich mir Was-ser besorgen konnte. Aber da half weder Gewalt noch Güte: er war wirklich nicht mehr bei Verstand. Weder wollte er seine Angriffe auf die Nahrungsmit-telvorräte aufgeben, noch hörte er auf, laute Selbstgespräche zu führen. Die allernotwendigsten Vorsichtsmaßregeln, die unsere Gefangenschaft erträg-lich machten, wollte er nicht mehr beachten. Nach und nach wurde ich mir über den vollständigen Zusammenbruch seiner Geisteskräfte klar und beg-riff, dass mein einziger Gefährte in dieser dumpfen und widerlichen Finster-nis ein Wahnsinniger war.

Aus einigen unklaren Erinnerungen schließe ich allerdings, dass auch meine Gedanken sich beizeiten verwirrten. Ich hatte seltsame und furchtbare Träume, so oft ich einschlief. Es klingt sonderbar, aber ich möchte glauben, dass die Schwachheit und der Wahnsinn des Kuraten mich warnten, stähl-ten und vernünftig erhielten.

Am achten Tag begann er laut zu sprechen, statt zu flüstern, und was ich auch tat, nichts konnte ihn veranlassen, seine Sprache zu mäßigen. 107


„Es ist gerecht, o Gott!“ rief er immer wieder. „Es ist gerecht. Über mich und die Meinen komme Dein Grimm. Wir haben gesündigt, wir sind zu leicht be-funden worden. Da war Armut, da war Kummer; die Armen wurden in den Staub getreten, nichts aber störte meinen Frieden. Ich predigte einen schö-nen Unsinn -mein Gott, was für einen Unsinn! - als ich hätte aufstehen sol-len, und sollte ich dafür auch des Todes sein, und rufen sollen: Tut Buße, Buße! Ihr Bedrücker der Armen und Elenden. - Die Weinpresse des Herrn!“

Dann kehrten seine Gedanken unvermutet wieder zum Essen zurück, das ich ihm vorenthielt. Er bat, flehte, weinte, und zuletzt drohte er. Er begann seine Stimme zu erheben - ich bat ihn, es nicht zu tun; da sah er, dass er mich da fassen konnte - er drohte, dass er nun schreien und die Marsleute damit herbeirufen werde. Eine Zeitlang schüchterte mich das ein; aber jedes Zugeständnis hätte die Möglichkeit unserer Flucht unausdenkbar verringern müssen. Ich widerstand, obwohl mir durchaus nicht klar war, ob er seine Drohung nicht ausführen werde. An diesem Tage wenigstens tat er es nicht. Er sprach mit allmählich erhöhter Stimme während des größten Teils des achten und des neunten Tages. Drohungen und Bitten mischten sich mit einer wahren Sturzflut halbverrückter, aber immer heftigerer Reue, dass sein Gottesdienst nur eitel Wortgeplänkel gewesen sei. Ich konnte nicht umhin, ihn zu bemitleiden. Dann schlief er ein wenig, und dann begann er wieder mit erneuter Kraft, und zwar so laut, dass ich gezwungen war, ihn zurück-zuhalten.

„Schweigen Sie!“ flehte ich ihn an. Er erhob sich auf seine Knie, denn er hat-te bisher im Dunkeln neben dem Waschkessel gesessen.

„Ich habe schon zu lange geschwiegen“, sagte er in einem Ton, den man in der Grube hören musste. „Und jetzt muss ich Zeugnis ablegen. Wehe dieser ungetreuen Stadt! Wehe, wehe! Wehe, wehe! den Bewohnern der Erde, durch die anderen Stimmen der Posaune -“

„Hören Sie auf!“ sagte ich aufspringend, voll Angst, die Marsianer könnten uns hören. „Um Gottes willen -“

„Nein“, schrie der Kurat so laut er konnte. Er stand auf und breitete seine Arme aus. „Sprechen will ich! Das Wort des Herrn ist in mir!“

Mit drei Sätzen hatte er die Tür zur Küche erreicht. „Ich muss mein Zeugnis ablegen. Ich gehe. Zu lange schon habe ich gezögert.

Ich streckte meine Hand aus und tastete nach dem Hackmesser, das an der Wand hing. Wie ein Pfeil schoss ich dem Kuraten nach. Ich war ganz ver-rückt vor Angst. Noch bevor er in der Mitte der Küche war, hatte ich ihn ein-geholt. Mit einem letzten Funken von Menschlichkeit drehte ich die Schneide um und schlug mit dem Rücken des Messers nach ihm. Er stürzte kopfüber hin und lag ausgestreckt am Boden. Ich stolperte über ihn und blieb atemlos stehen. Er lag ganz still da. 108


Plötzlich hörte ich draußen ein Geräusch, das Rieseln und Stürzen gleiten-den Mörtels, und die dreieckige Öffnung in der Mauer verdunkelte sich. Ich blickte auf und sah, wie die untere Fläche einer Greifmaschine sich langsam am Loch vorbeischob. Eines ihrer ausgreifenden Glieder rollte sich im Schutt zusammen; nun erschien ein zweites Glied, das sich seinen Weg über die herabgestürzten Balken hin tastete. Ich starrte wie versteinert hin. Da sah ich durch eine Art Glasplatte das Gesicht, wenn ich so sagen darf, und die großen dunklen Augen eines Marsmannes spähten hinaus, und dann ringel-te sich die lange metallene Schlange eines Fühlers wir prüfend durch das Loch hinein.

Von diesem Anblick riss ich mich mit einiger Überwindungskraft los, stolper-te über den Kuraten und blieb an der Tür zur Waschküche stehen. Der Füh-ler war jetzt schon etwa zwei Yards oder mehr im Zimmer und fuhr züngelnd und schlängelnd in blitzschnellen Bewegungen hierhin und dorthin. Eine Weile beobachtete ich wie gebannt sein allmähliches, eigenartiges Näher-kommen. Endlich zwang ich mich mit einem leisen, heiseren Schrei, in die Waschküche zu laufen. Ich zitterte heftig und konnte mich kaum aufrecht halten. Ich öffnete die Tür des Kohlenkellers und stand da in der Finsternis, starrte nach der schwach beleuchteten Türe, die in die Küche führte, und lauschte. Hatte der Marsianer mich gesehen? Und was würde er jetzt tun?

Etwas bewegte sich dort sehr leise hin und her; jeden Moment tappte es ge-gen die Mauer oder setzte seine Bewegungen mit einem schwachen, metalli-schen Klirren, ähnlich dem Geräusche eines Schlüsselbundes, fort. Dann wurde ein schwerer Körper - nur zu gut wusste ich, welcher - über den Fuß-boden geschleift und zur Öffnung hinausgehoben. Unwiderstehlich angezo-gen, kroch ich zur Tür und spähte in die Küche. In dem von der Sonne hell beschienenen Dreieck sah ich den Marsianer, wie er in der Greifmaschine, einem wahrhaften Briareus (Briareus, der hundertarmige Titan der griechi-schen Göttersage), saß und den Kopf des Kuraten untersuchte. Ich zweifelte keinen Augenblick, dass er aus der Wunde, die mein Schlag jenem beige-bracht hatte, auf meine Anwesenheit schließen würde.

Ich kroch zum Kohlenkeller zurück, schloss die Tür und begann, so gut ich konnte, und so leise, wie es mir bei der Dunkelheit möglich war, mich unter dem Brennholz und den Kohlen zu verstecken. Jeden Augenblick horchte ich, starr vor Angst, ob der Marsianer seinen Fühler wieder durch die Öff-nung gesteckt hätte.

Und das leise metallische Klirren ertönte von neuem. Ich bekam mit, wie es sich allmählich durch die Küche tastete. Bald hörte ich es näherkommen - in der Waschküche, wie ich vermutete. Ich hoffte, dass es nicht lang genug sei, bis zu mir zu dringen. Ich sprach ein Stoßgebet nach dem andern. Da tastete das Ding unter leisem Kratzen über die Kellertür; und nun kam eine Ewigkeit von unerträglicher, banger Erwartung. Dann hörte ich es am Schloss herumfühlen. Es hatte die Türe gefunden! Der Marsianer konnte mit Türen umgehen! 109


Vielleicht eine Minute hantierte es am Verschluss, und dann ging die Türe auf. In der Dunkelheit konnte ich das Ding gerade noch sehen. Mehr als al-lem anderen glich es einem Elefantenrüssel - es züngelte nach mir und tas-tete prüfend an der Mauer, an den Kohlen, am Holz und an der Decke um-her. Es sah aus wie ein schwarzer Wurm, der seinen blinden Kopf hin- und herbewegt.

Und einmal berührte es die Ferse meines Stiefels. Ich war nahe daran aufzu-schreien; ich biss mir in die Hand. Eine Weile blieb es ruhig. Ich hätte glau-ben können, dass es sich schon entfernt habe. Plötzlich aber, mit einem un-vermuteten Vorstoß, griff es nach etwas - ich dachte zuerst, nach mir! - und schien wieder aus dem Keller hinauszugleiten. Eine Minute lang war ich meiner Sache nicht sicher. Offenbar hatte es ein Stück Kohle erfaßt, um es zu prüfen.

Ich benutzte die Gelegenheit, um meine Lage ein wenig zu verändern, denn ich hatte einen Krampf in den Füßen. Dann lauschte ich wieder und flüster-te heiße Gebete. Dann hörte ich das langsame, bedächtige Geräusch wieder. Mehlig und leise kam es dicht an mich heran und tappte die Mauer und die Einrichtungsgegenstände entlang.

Während ich noch zweifelte, sprang es rasch zur Kellertür und schloss sie. Ich hörte, wie es in die Speisekammer schlich. Die Zwiebackdosen klirrten, und eine Flasche brach in Stücke. Dann kam ein heftiger Schlag gegen die Kellertür. Dann war es still -und die Stille wurde mir eine nicht enden wol-lende Zeit höchster Anspannung.

War es fort? Endlich war ich davon überzeugt. Es kam nicht mehr in die Waschküche; aber den ganzen zehnten Tag lag ich in der stickigen Dunkel-heit unter Kohlen und Brennholz vergraben, und traute mich nicht, mir ei-nen Trunk zu holen, nach dem ich lechzte. Schon war der elfte Tag ange-brochen, als ich mich aus meinem Schlupfwinkel wieder hervorwagte.


5. Die StilleEdit

Meine erste Handlung, bevor ich in die Speisekammer ging, war, die Türe zwischen Küche und Waschküche zu schließen. Doch die Speisekammer war leer; jeder Essensrst war verschwunden. Offenbar hatte der Marsianer am vorhergehenden Tag alles mitgenommen. Bei dieser Entdeckung begann ich zum ersten Mal zu verzweifeln. Weder am elften noch am zwölften Tage hatte ich Speise und Trank.

Erst trockneten mir Mund und Kehle völlig aus, und meine Kräfte nahmen spürbar ab. Ich saß hilflos in der Dunkelheit in einem Zustand mutlosen E-lends. Meine Gedanken kreisten ständig um das Essen. Ich glaubte schon, taub geworden zu sein, denn die geschäftigen Geräusche, die ich von der 110


Grube her zu hören gewohnt war, hatten völlig aufgehört. Ich fühlte mich zu schwach, um geräuschlos zum Guckloch zu kriechen; sonst hätte ich es si-cher getan.

Am zwölften Tage hatte ich derartige Halsschmerzen, dass ich mich, selbst auf die Gefahr hin, die Aufmerksamkeit der Marsleute auf mich zu lenken, auf die knarrende Regenwasserpumpe stürzte, die neben der Senkgrube stand, und mir ein paar Glas voll geschwärzten und schmutzigen Regenwas-sers besorgte. Ich fühlte mich nun überaus erfrischt und war durch die Tat-sache ermutigt, dass kein suchender Fühler dem Geräusch folgte, das ich beim Pumpen machte.

In diesen Tage musste ich viel an den Kuraten und an die Art seines Todes denken; aber meine Gedanken waren unklar und hatten nur wenig Zusam-menhang.

Am dreizehnten Tage trank ich wieder etwas Wasser und machte mir aben-teuerliche Gedanken über Essen und alle möglichen und unmöglichen Fluchtpläne. Sooft ich einschlief, quälten mich furchtbare Wahnvorstellun-gen, einmal vom Tod des Kuraten, dann wieder von üppigen Gelagen. Aber wachend und schlafend empfand ich einen heftigen Schmerz, der mich zwang, immer wieder zu trinken. Das Licht, das jetzt in den Waschraum drang, war nicht mehr grau, sondern rot. Meiner verwirrten Einbildungskraft kam es vor, wie die Farbe des Blutes.

Am vierzehnten Tage ging ich in die Küche und sah zu meinem Erstaunen, dass die Zweige des roten Gewächses gerade über die Maueröffnung gewach-sen waren und so das Dämmerlicht des Raumes in eine karmesinrote Dun-kelheit verwandelt hatten.

Am frühen Morgen des fünfzehnten Tages hörte ich eine seltsame, aber ver-traute Aufeinanderfolge von Lauten in der Küche, und horchte auf, als ich das Schnüffeln und Scharren eines Hundes erkannte. Als ich in die Küche ging, sah ich die Nase eines Hundes, wie sie an einer Mauerlücke durch die rötlichen Zweige hereinschnüffelte. Das überraschte mich vollkommen. Als der Hund mich witterte, bellte er kurz auf.

Wenn ich ihn bewegen könnte, leise hereinzukommen, so konnte ich ihn vielleicht töten und verzehren. Auf alle Fälle aber war es ratsam, ihn umzu-bringen, damit seine Bewegung nicht die Aufmerksamkeit der Marsleute auf mich lenken konnte.

Ich schlich zu ihm und rief ihn schmeichelnd, aber er zog auf der Stelle sei-nen Kopf zurück und verschwand. Ich horchte - war also nicht taub - aber da war kein Zweifel möglich, die Grube war still. Ich vernahm Laute wie das Flattern von Vogelschwingen und ein heiseres Krächzen, und das war alles.

Lange Zeit lag ich dicht am Guckloch, aber ich wagte nicht, die roten Pflan-zen zur Seite zu drängen, die es verdunkelten. Ein- oder zweimal hörte ich 111


ein leises Getrippel von den Füßen des Hundes, der tief unter mir auf dem Sand hin- und herlief, dann wieder Geräusche, die von Vögeln herrührten, aber das war alles. Endlich, ermutigt durch die anhaltende Stille, blickte ich hinaus.

Außer in der Ecke, wo eine Menge von Krähen umherhüpften und sich um die Gerippe der Toten zankten, von welchen die Marsianer sich ernährt hat-ten, war kein lebendes Wesen in der Grube zu sehen.

Ich starrte in die Grube hinein und traute meinen Augen kaum. Sämtliche Maschinen waren verschwunden. Abgesehen von dem großen Hügel gräu-lichblauen Pulvers in einer Ecke, einer Anzahl Aluminiumstangen in einer anderen, den schwarzen Vögeln und den Skeletten, gab es nichts als die lee-re, kreisrunde Sandgrube.

Ich ließ mich langsam durch das rote Gestrüpp hinabgleiten und stand jetzt auf dem Schutthaufen. Außer hinter mich nach Norden, konnte ich in jede Richtung blicken. Und weit und breit war weder ein Marsianer noch das An-zeichen eines Marsmannes zu erblicken. Zu meinen Füßen fiel die Grube jäh ab; als ich etwas weiter ging, fand ich auf dem Geröll einen leidlichen Weg, auf dem ich bis zum Gipfel des Trümmerhaufens gelangen konnte. Die Gele-genheit zu fliehen war gekommen. Ich begann zu zittern.

Ich zögerte einige Weile, und in einer wilden Aufwallung von verzweifelter Entschlossenheit, mit heftig klopfendem Herzen, kletterte ich auf die Spitze des Schutthaufens, unter dem ich so lange begraben gewesen war. Wieder blickte ich rings um mich. Auch im Norden war kein Marsianer zu sehen.

Als ich zuletzt diesen Teil von Sheen im vollen Tageslicht gesehen hatte, war er eine Straße zerstreut liegender und gemütlicher weißer und roter Häuser gewesen, umpflanzt von üppigen, schattigen Bäumen. Jetzt stand ich auf einem Haufen aus zerschelltem Ziegelwerk, Lehm und Kiesel, über dem eine Unmenge roten kaktusartigen Gewächses wucherte. Es wuchs in Kniehöhe, und nicht eine einzige irdische Pflanze machte ihm den Platz streitig. Die Bäume in meiner Nähe waren abgestorben und braun, und etwas weiter ü-berzog ein Netzwerk roter Fäden die noch lebenden Stämme.

Die benachbarten Häuser waren alle zerstört, aber keines war abgebrannt. Die Mauern standen zum Teil noch bis zum zweiten Stockwerk, aber die Fenster waren alle zersplittert und die Tore zertrümmert. Das rote Gewächs wucherte üppig in den dachlosen Stuben. Unter mir waren die große Grube und die Krähen, die um die Abfälle zankten. Andere Vögel hüpften zwischen den Trümmern umher. Weiter weg sah ich eine ausgemergelte Katze, die eine Mauer entlang schlich, von Menschen war jedoch nirgendwo eine Spur zu entdecken.

Der Tag schien im Gegensatz zu meinem eben verlassenen Kerker gleißend hell, der Himmel strahlte in einem ungetrübten Blau. Ein sanftes Lüftchen 112


hielt das rote Gewächs, das jeden Stück freien Bodens bedeckte, in Bewe-gung. Und welches Entzücken, wieder frische Luft zu atmen!


6. Das Werk von fünfzehn TagenEdit

Eine Zeitlang stand ich wankend auf dem Hügel, ohne an meine Sicherheit zu denken. Als ich noch in jener widerwärtigen Höhle lag, hatte ich alle Sin-ne nur darauf konzentriert, mich überhaupt zu retten. Ich ahnte weder, was in der Stadt vorgegangen war, noch war ich auf den erschreckenden Anblick dieser fremdartigen Umgebung gefasst. Ich war darauf vorbereitet, Sheen in Trümmern zu sehen - was ich aber jetzt sah, war die unheimliche und düs-tere Landschaft eines anderen Planeten.

In diesem Augenblicke wurde ich von einer Empfindung bewegt, die sonst außerhalb des menschlichen Bewusstseins liegt, die aber die armen Tiere, die wir beherrschen, nur zu gut kennen. Mir war zumute wie einem Kanin-chen, das zu seinem Erdloch zurückkommt und sich plötzlich einem Dut-zend geschäftiger Arbeiter gegenübersieht, die den Grund zu einem Haus graben. Ich merkte die ersten Anzeichen eines Gefühls, das mir bald sehr deutlich werden und mich viele Tage lang bedrücken sollte: das Gefühl der Entthronung, die Überzeugung, dass ich nicht länger ein Herr, sondern ein Tier unter Tieren unter der Ferse der Marsianer sei. Uns würde es nun ge-hen wie jenen: wir mussten jetzt lauern und spähen, laufen und uns verste-cken; die Macht des Menschen und seine Furchtbarkeit waren ihm genom-men.

Aber diese Vorstellung verlor sich, sobald ich sie mir klargemacht hatte, und mein alles überragendes Gefühl wurde nach der langen, trostlosen Fasten-zeit der Hunger. In der Richtung, die von der Grube wegführte, erblickte ich jenseits einer rotbewachsenen Mauer ein Gartengrundstück, das nicht ver-schüttet war. Das war ein Fingerzeig, und ich arbeitete mich vorwärts, knie-tief, manchmal bis zum Hals in das rote Gewächs verstrickt. Die Dichte die-ses Gestrüpps gab mir das tröstliche Gefühl, mich im Notfall verstecken zu können. Die Mauer war etwa sechs Fuß hoch, und als ich versuchte, sie zu erklimmen, sah ich, dass ich mich nicht auf ihren Rand hinaufschwingen konnte. So ging ich nun an der Mauer entlang und gelangte zu einer Ecke, wo ein Steinhaufen mir die Möglichkeit gab, hinaufzusteigen und in den Garten hinabzugleiten. Ich fand einige junge Zwiebeln, ein paar Siegwurz-knollen und ein paar unreifer Rüben, die ich alle zusammenraffte. Dann ü-berstieg ich eine geborstene Mauer und verfolgte unter scharlach- und kar-mesinroten Bäumen meinen Weg weiter nach Kew. Es war mir, als ginge ich auf einer Straße von riesigen Blutstropfen. Ich war von zwei Gedanken er-füllt: mir mehr Essen zu verschaffen und so bald und so weit meine Kräfte es mir erlaubten, aus diesem verfluchten, unirdischen Bereich der Grube hinauszukommen. 113


Etwas weiter fand ich auf einem Grasplatz eine Anzahl Schwammpilze, die ich gleichfalls verschlang; aber diese karge Nahrung verstärkte nur mein Hungergefühl. Dann erreichte ich eine braune Fläche fließenden, seichten Wassers, dort, wo sonst Wiesen waren. Erst war ich über diese Über-schwemmung in einem heißen, trockenen Sommer überrascht, aber dann entdeckte ich, dass sie von der geradezu tropischen Üppigkeit des roten Ge-wächses herrührte. Sobald diese außerordentliche Wucherpflanze mit Was-ser in Berührung kam, wuchs sie ins Riesenhafte. Ihre Samen wurden ein-fach in das Wasser des Wey und der Themse geschüttet, und ihre zusehends wachsenden, titanischen Zweige ließen beide Flüsse sofort über die Ufer tre-ten.

In Putney war die Brücke, wie ich später sah, in diesem Unkraut ganz ver-borgen, und auch bei Richmond ergossen sich die Themsewasser in einem breiten und seichten Strom über die Wiesen von Hampton und Twickenham. Wie das Wasser sich ausbreitete, folgte das Kraut ihm nach, bis die zerstör-ten Landhäuser des Themsetals in diesem roten Moor, dessen Rand ich durchsuchte, verschwunden waren. Dadurch wurde vieles von dem Zerstö-rungswerk der Marsianer verhüllt.

Letztlich aber ging dieses rote Gewächs fast ebenso schnell ein, wie es sich ausgebreitet hatte. Eine krebsartige Krankheit, die, wie man annimmt, ge-wisse Bakterien als Auslöser hatte, erfasste und zerstörte es. Durch das Ge-setz der natürlichen Auslese haben alle irdischen Pflanzen eine gewisse Wi-derstandskraft gegen Bakterienkrankheiten gewonnen - wenigstens erliegen sie ihnen nie ohne einen heftigen Kampf. Aber das rote Gewächs verfaulte wie eine schon abgestorbene Pflanze. Die Zweige verblassten, schrumpften zusammen und wurden spröde. Bei der leisesten Berührung brachen sie ab, und das Wasser, das früher ihr Wachstum so angefeuert hatte, trug ihre letzten Spuren ins Meer hinaus.

Als ich zum Wasser kam, war es selbstverständlich das erste, meinen Durst zu löschen. Ich trank in vollen Zügen, und, einem plötzlichen Gedanken ge-horchend, zerbiss ich einige Zweige des roten Gewächses. Aber sie waren wässerig und hatten einen unangenehmen, metallischen Geschmack. Ich sah, dass das Wasser seicht genug war, um es sicher zu durchwaten, obwohl das rote Gewächs meine Füße oft daran hinderte, fest aufzutreten. Aber die Flut wurde gegen den Fluss zu sichtlich tiefer, und ich musste wieder in der Richtung nach Mortlake umkehren. Ich schaffte es dadurch, dass gelegentli-che Trümmer von Landhäusern und Hecken und Lampen mir den Weg wie-sen, halbwegs auf der Straße zu bleiben. So kam ich bald aus dem über-schwemmten Gebiet heraus, verfolgte meinen Weg zu dem Hügel, der nach Roehampton führt, und kam schließlich zur Gemeindewiese von Putney.

Hier fiel mir nicht mehr das Fremdartige und Seltsame auf, sondern die Zer-störung des Bekannten, Vertrauten; kleine Plätze sahen aus, als hätte ein Tornado sie verwüstet. Hundert Schritte weiter traf ich auf völlig unversehrte Häuser mit herabgelassenen Vorhängen und verschlossenen Türen, als hät-ten die Eigentümer sie nur für einen Tag verlassen oder als schliefen die Be- 114


wohner noch. Das rote Gewächs war hier nicht mehr so üppig; die großen Bäume auf den Grasplätzen waren frei von der roten Schlingpflanze. Ich suchte unter den Bäumen nach Nahrung, ohne etwas zu finden, dann brach ich in ein paar stille Häuser ein, aber sie waren bereits vor mir durchstöbert und ausgeplündert worden. Den restlichen Teil des Tages verbrachte ich in einem Gebüsch, da ich vor Schwäche nicht weitergehen konnte.

Während dieser ganzen Zeit sah ich weder ein menschliches Wesen, noch Anzeichen von Marsleuten. Ich begegnete zwei hungrig aussehenden Hun-den, aber beide liefen in weitem Bogen davon, als ich mich ihnen näherte. In der Nähe von Roehampton sah ich zwei menschliche Skelette - nicht Lei-chen, sondern reingenagte Skelette - und im Gehölz neben mir stieß ich auf gebrochene und verstreut liegende Knochen einiger Katzen und Kaninchen und einen Schafschädel. Aber als ich sie näher untersuchte, ließ sich nichts Genießbares daran entdecken.

Nach dem Sonnenuntergang schleppte ich mich auf der Straße nach Putney weiter, wo, so glaubte ich, aus irgendeinem Grund der Hitzestrahl verwendet worden sein musste. In einem Garten in Roehampton fand ich genügend un-reife Kartoffeln, um meinen Hunger zu stillen. Von diesem Garten aus konn-te man herüber nach Putney und auf den Fluss hinabsehen. In der Dämme-rung bot dieser Ort ein Bild trostlosester Verwüstung: verbrannte Bäume, geschwärzte, traurige Ruinen, und bergab die weiten Flächen des aus den Ufern getretenen Wassers, von dem Marsgewächs rot gefärbt. Und über al-lem - die große Stille. Ein unbeschreibliches Entsetzen kam über mich, als ich dachte, wie schnell diese trostlose Veränderung hereingebrochen war. Eine Weile lang glaubte ich, dass die Menschheit einfach ausgerottet und ich ganz allein übriggeblieben sei, der letzte lebende Mensch. Dicht am Gipfel des Putney Hill stieß ich wieder auf ein Skelett, dessen Arme abgetrennt und einige Yards vom Körper entfernt verstreut lagen.

Als ich weiterging, wurde mir immer mehr zur Gewissheit, dass die Ausrot-tung der Menschheit, von einigen Verirrten wie mir abgesehen, in diesem Teil der Erde bereits eine vollendete Tatsache war. Ich nahm an, dass die Marsleute fortgegangen seien, das Land hinter sich verwüstet hätten und jetzt irgendwo anders auf Nahrungssuche waren. Vielleicht waren sie eben daran, Berlin oder Paris zu zerstören, vielleicht hatten sie sich auch nach Norden gewendet.


7. Der Mann auf dem Purney HillEdit

Ich verbrachte diese Nacht in einem Gasthof auf dem Putney Hill. Seit mei-ner Flucht nach Leatherhead war es das erstemal, dass ich in einem ge-machten Bett lag. Ich will mich nicht mit der Beschreibung aufhalten, wie viel unnötige Mühe ich hatte, um in das Haus einzudringen - später fiel mir auf, dass das Tor nicht verschlossen war - und auch nicht damit, wie ich jeden Raum nach Lebensmitteln durchsuchte, bis ich endlich in höchster 115


Verzweiflung in einem Raum, der wohlein Dienstbotenzimmer war, eine von Ratten zernagte Brotkruste und zwei Ananaskonservendosen fand. Das Haus war offensichtlich bereits durchsucht und ausgeraubt worden. Im Schank-raum entdeckte ich später noch etwas Zwieback und Butterbrötchen, die übersehen worden waren. Diese konnte ich nicht mehr genießen, sie stillten aber nicht nur meinen Hunger, sondern füllten auch meine Taschen. Ich machte kein Licht, da ich fürchtete, ein Marsianer könne in der Nacht diesen Teil Londons nach Nahrung durchsuchen. Ehe ich zu Bett ging, lief ich un-ruhig von einem Fenster zum anderen, um nach einem Anzeichen jener Un-geheuer Ausschau zu halten. Ich schlief wenig. Als ich im Bett lag, verfiel ich in tiefes Nachdenken - was seit meinen Auseinandersetzungen mit dem Ku-raten nicht mehr der Fall gewesen war.

Während der ganzen Zwischenzeit bestand meine geistige Verfassung in ei-nem hastigen Wechsel von unbestimmten Gemütszuständen oder in einer Art stumpfer Aufnahmefähigkeit. In dieser Nacht gewann mein Hirn, durch die Nahrung wahrscheinlich gekräftigt, wieder seine frühere Klarheit zurück, und ich konnte wieder denken.

Drei Dinge wollten gleichzeitig bedacht sein: die Tötung des Kuraten, der Aufenthaltsort und die Tätigkeit der Marsianer und das Schicksal meiner Frau. Das erste rief in mir kein Gefühl von Entsetzen oder Reue wach; ich nahm es einfach als Tatsache hin, als eine unsäglich peinliche Erinnerung, aber völlig ohne die Merkmale der Reue. Ich beurteilte mich damals, wie ich mich jetzt beurteile, Schritt für Schritt zu jener schnellen Tat getrieben, dem unvermeidlichen Ergebnis einer Reihe von Zufällen. Ich fand mich nicht ver-dammenswert; dennoch lastete die Erinnerung daran auf mir, stetig und un-verrückbar. In der Stille der Nacht, mit jenem Gefühl der Nähe zu Gott, das einen manchmal in der Stille und der Dunkelheit überkommt, bestand ich mein Verhör, mein einziges Verhör wegen jenes Augenblickes der Wut und der Angst. Ich rief mir jedes Wort unserer Unterredung ins Gedächtnis zu-rück. Von jenem Augenblick an, als ich ihn zusammengekauert neben mir fand, als er, meinen Durst nicht achtend, nach dem Feuer und dem Rauch wies, der aus den Trümmern von Weybridge aufstieg, waren wir zu einer Zu-sammenarbeit unfähig gewesen - der grimmige Zufall jedoch hatte sich dar-um nicht gekümmert. Hätte ich in die Zukunft schauen können, ich hätte ihn in Halliford gelassen! Aber ich konnte nicht vorhersehen, was kam. Verbrechen aber ist, vorhersehen und doch tun. Und ich schreibe das nie-der, wie ich diese ganze Geschichte niedergeschrieben habe, so wie sie war. Ich hatte keine Zeugen - ich hätte alle diese Dinge auch verheimlichen kön-nen. Aber ich schreibe sie nieder, und der Leser mag sich sein eigenes Urteil darüber bilden.

Als ich mich dann aufraffte, um das Bild jenes hingestreckten Körpers bei-seite zu schieben, sah ich mich wieder vor den Fragen nach den Marsleuten und dem Schicksal meiner Frau. Für beides hatte ich keine Anhaltspunkte; ich konnte mir hundert verschiedene Vorstellungen machen, sowohl über die Marsleute, sowie auch, schlimm genug, über meine Frau. Und plötzlich wurde mir diese Nacht zu einer Schreckensnacht. Ich fand mich aufrecht in 116


meinem Bett und starrte in die Dunkelheit hinein. Ich hörte mich beten, dass der Hitzestrahl sie unvermutet und schmerzlos aus diesem Leben neh-me. Seit jener Nacht meiner Rückkehr aus Leatherhead hatte ich nicht mehr gebetet. Ich hatte Stoßgebete gestammelt, Fetischgebete, hatte gebetet, wie Heiden beschwörerische Zauberformeln murmeln, als ich in größter Gefahr schwebte. Jetzt aber betete ich wirklich, inbrünstig und bei voller Besin-nung, flehte von Angesicht zu Angesicht in der Dunkelheit Gottes. Welch seltsame Nacht! Am seltsamsten darin war, dass ich, der ich mit Gott ge-sprochen hatte, sobald der Tag herangraute, aus dem Hause schlich wie eine Ratte, die ihr Versteck verlässt - ein Geschöpf, kaum größer als sie, ein nied-riges Tier, ein Ding, das die flüchtige Laune unserer Meister jagen und töten konnte. Vielleicht beteten auch jene vertrauensvoll zu Gott. Wahrlich, wenn wir nichts anderes gelernt haben, dieser Krieg hat uns Erbarmen gelehrt, Erbarmen mit jenen vernunftlosen Geschöpfen, die unter unserer Herrschaft leiden.

Der Morgen war hell und schön; der östliche Himmel glühte rosenrot und war mit kleinen goldenen Wolken übersät. Auf der Straße vom Putney Hill nach Wimbledon sah ich viele jammervolle Spuren jenes Sturmes von Angst, der in der Sonntagnacht nach Beginn des Krieges in Richtung London gebraust war. Ich sah einen kleinen zweirädrigen Karren, auf dem der Name „Thomas Lobb, Gemüsehändler, New Malden“ stand, mit einem zertrümmer-ten Rad und einem im Stich gelassenen Blechkoffer. Dann sah ich einen Strohhut, der in den schon hartgewordenen Straßenschmutz hineinge-stampft worden war, und auf der Spitze des West Hill blutbeschmierte Glas-scherben neben einem umgestürzten Wassertrog. Ich ging nur langsam wei-ter, und über meine Pläne war ich mir völlig im Unklaren. Ich hatte den et-was unbestimmten Plan, nach Leatherhead zu gehen, obwohl ich wusste, dass ich gerade dort am wenigsten hoffen konnte, meine Frau wiederzufin-den. Wenn der Tod sie dort nicht plötzlich ereilt hatte, waren meine Ver-wandten sicherlich schon längst mit ihr geflohen. Aber ich redete mir ein, dass ich dort wenigstens in Erfahrung bringen könnte, wohin die Bevölke-rung von Surrey geflohen sei. Ich wusste, ich wollte meine Frau wiederfin-den, dass ich eine schmerzliche Sehnsucht nach ihr und nach Menschen empfand, aber ich hatte keine klare Vorstellung, wie ich es anfangen sollte, sie zu finden. Auch meiner trostlosen Vereinsamung war ich mir jetzt klar bewusst. Unter dem Schutz eines Dickichts von Bäumen und Gebüsch kam ich langsam an den Rand der Gemeindewiese von Wimbledon, die sich nun weit vor mir erstreckte.

Diese dunkle Fläche war stellenweise von gelben Ginstersträuchern erhellt; das rote Gewächs war nirgendwo zu sehen; als ich zögernd am Rande dieser freien Stelle hinschlich, ging die Sonne auf, und nun flutete alles von Licht und Leben. Ich stieß auf ein geschäftiges Volk kleiner Frösche, die auf einem sumpfigen Platz unter den Bäumen umhersprangen. Ich stand still, um sie zu betrachten, und nahm mir eine Lehre an ihrem kräftigen Entschluss, zu leben. Gleich darauf, als ich mit dem sonderbaren Gefühl, beobachtet zu werden, mich plötzlich umdrehte, sah ich etwas in einem Gestrüpp zusam-mengekauert liegen. Ich stand still und betrachtete es. Dann tat ich einen 117


Schritt voran, und es erhob sich ein mit einer Axt bewaffneter Mann. Lang-sam kam ich ihm näher. Er stand schweigend und regungslos da und blickte mich an.

Als ich näher trat, bemerkte ich, dass seine Kleider genauso staubbedeckt und von Schmutz starrend waren wie meine; er sah tatsächlich so aus, als sei er durch eine Gosse geschleift worden. Im Näherkommen konnte ich den grünen Schlamm von Pfützen unterscheiden, der sich mit dem Hellbraun von getrocknetem Lehm und glänzenden Kohlenflecken vermengte. Sein schwarzes Haar fiel über seine Augen, und sein Gesicht war dunkel und schmutzig und eingesunken, sodass ich ihn anfangs nicht wiedererkennen konnte. Mir fiel eine rote Narbe auf, die quer über den unteren Teil seines Gesichtes lief.

„Halt!“ rief er, als ich ihm auf zehn Yards nahe kam; ich blieb stehen. Seine Stimme war heiser. „Woher kommen Sie?“ fragte er mich.

Ich überlegte, während ich ihn mir näher ansah.

„Ich komme von Mortlake“, sagte ich. „Ich lag neben der Grube, die die Mars-leute um ihren Zylinder machten, begraben. Ich habe mich herausgearbeitet und bin entkommen.“

„Hier in der Nähe ist keine Nahrung zu finden“, sagte er. „Das ist mein Land. Alles, von diesem Hügel bis hinab zum Fluss, und zurück nach Clapham, und aufwärts bis zum Rand der Weide. Nur für einen gibt's hier Nahrung. Welchen Weg werden Sie einschlagen?

Ich antwortete zögernd. „Ich weiß es nicht“, sagte ich. „Ich lag in den Trüm-mern eines Hauses dreizehn oder vierzehn Tage lang vergraben. Ich weiß nicht, was inzwischen geschehen ist.

Er sah mich zweifelnd an, dann stutzte er und blickte mich mit verändertem Ausdruck an.

„Ich habe nicht die Absicht, in dieser Gegend zu bleiben“, sagte ich. „Ich denke, ich werde nach Leatherhead gehen, um meine Frau zu suchen.“

Er wies hastig mit dem Finger auf mich. „Sie sind es?“ rief er „Der Mann von Woking! Und Sie wurden nicht getötet in Weybridge?“

Und im gleichen Augenblick erkannte ich ihn. „Sie sind der Artillerist, der in meinen Garten kam!“

„Das nenne ich ein Glück!“ rief er. „Ja, wir sind Glückspilze! Nein, dass Sie es sind!“ Er streckte seine Hand aus, die ich ergriff. „Ich bin damals einen Wassergraben hinaufgekrochen“, fuhr er fort. Aber sie haben nicht alle um-gebracht. Und als sie wieder weg waren, kroch ich heraus, nach Waiton, ü-ber die Felder. Aber - es sind noch keine sechzehn Tage her - und Ihr Haar ist grau!“ Er blickte plötzlich über seine Schulter, „Nur eine Dohle“, sagte er. 118


„Man erfährt in Zeiten wie diesen, dass auch Vögel Scharten haben. Aber hier ist es ein wenig offen. Kriechen wir in jenes Gebüsch und tauschen wir unsere Erlebnisse aus.“

„Haben Sie etwas von den Marsleuten gesehen?“ fragte ich. „Seit ich heraus-kroch... -“

„Die sind jetzt über London hinweggegangen“, antwortete er. „Ich vermute, sie haben dort ein größeres Lager errichtet. Am Abend ist dort drüben, gegen Hampstead, der ganze Himmel hell von ihren Lichtern. Es ist wie eine große Stadt, und im Schein kann man noch ganz deutlich ihre Bewegungen sehen. Aber nicht bei Tag. Aber in der Nähe, habe ich sie nicht gesehen...“ Er zählte mit seinen Fingern. „Fünf Tage. Da sah ich zwei von ihnen durch Ham-mersmith hinübergehen und etwas Schweres schleppen. Und vorgestern nacht“ - er hielt inne, um in wichtigem Tone fortzufahren - „es waren freilich nur Lichter, aber es war etwas oben in der Luft. Ich glaube, sie haben eine Flugmaschine gebaut und lernen jetzt fliegen.“

Ich machte halt, mit Händen und Knien auf dem Boden, denn wir hatten das Gebüsch erreicht.

„Fliegen!“ „Ja“, sagte er, „fliegen.“

Ich kroch in einen kleinen Laubverschlag und setzte mich nieder.

„Dann ist es mit der Menschheit aus und vorbei“, sagte ich. „Wenn sie das können, dann werden sie ganz einfach um die ganze Welt gehen.“

Er nickte. „Das werden sie auch. Aber - unterdessen können wir hier ein wenig Atem schöpfen - „ Er sah mich an. „Sind Sie denn nicht zufrieden, dass es mit der Menschheit aus und vorbei ist? Ich bin's. Wir sind unterle-gen; wir sind geschlagen.“

Ich stutzte. So seltsam es scheinen mag, ich war noch nicht zu diesem Schluss gekommen, einem Schluss, der mir vollkommen einleuchtete, so-bald er ihn aussprach. Ich hatte noch immer leise zu hoffen gewagt; genau-er, ich hatte eine lebenslängliche Überzeugung behalten. Er wiederholte sei-ne Worte. „Wir sind geschlagen.“ Das war seine unverrückbare Überzeu-gung.

„Es ist alles vorbei“, sagte er. „Sie haben einen von ihnen verloren - nicht mehr als einen. Und sie haben festen Fuß gefasst und die größte Macht der Welt zum Krüppel geschlagen. Sie sind über uns hinweggegangen. Der Tod jenes einen bei Weybridge war ein Zufall. Und dazu sind diese da nur die Vorhut. Ununterbrochen kommen immer mehr. Diese grünen Sterne - ich habe jetzt wohl fünf oder sechs Tage lang keinen gesehen, aber ich habe kei-nen Zweifel daran, dass sie jede Nacht irgendwo niederfallen. Da ist nichts zu machen. Wir liegen unten! Wir sind geschlagen!“ 119


Ich antwortete ihm nicht. Ich saß da und starrte vor mich hin, indem ich vergeblich versuchte, ihn zu widerlegen. „Dies ist ja kein Krieg“, sagte der Artillerist. „Es ist nie ein Krieg gewesen, ebenso wenig, wie es zwischen Men-schen und Ameisen einen Krieg gibt.“

Plötzlich erinnerte ich mich an die Nacht auf der Sternwarte. „Nach dem zehnten Schuss feuerten sie keinen mehr ab - wenigstens nicht, bis der erste Zylinder kam.“ „Woher wissen Sie das?“ fragte der Artillerist. Ich erklärte es ihm. Er dachte nach.

„Mag sein, dass mit dem Geschütz etwas nicht ganz in Ordnung ist“, sagte er. „Aber wenn es sich auch so verhält, so haben sie das schon längst wieder zurechtgekriegt. Und selbst wenn es länger dauern sollte, an der Sache wird nichts geändert. Menschen und Ameisen, sage ich Ihnen. Da haben Sie die Ameisen, die bauen ihre Städte, leben ihr kleines Leben, führen Krieg, ma-chen Revolutionen, bis der Mensch sie aus dem Weg räumen will; und dann gehen sie eben aus dem Weg. So geht es uns jetzt - uns Ameisen. Nur - -“

„Ja?“ fragte ich. „Wir sind essbare Ameisen.“ Wir sahen uns in die Augen. „Und was werden sie mit uns anstellen?“ fragte ich.

„Darüber habe ich ja immer nachgedacht, erwiderte er, dar über habe ich immer nachgedacht. Nach Weybridge ging ich in Richtung Süden und über-legte. Ich sah, was los war. Die meisten Menschen waren eifrig bemüht, sich aufzuregen und zu quietschen. Ich aber bin kein Freund vom Quietschen. Ich habe schon ein oder zweimal dem Tod gegenübergestanden, ich bin kein Ziersoldat, und im besten und schlimmsten Fall ist Tod eben Tod. Und der Mann, der beharrlich nachdenkt, kommt überall durch. Ich sah, wie alle nach Süden drängten. Da sagte ich mir „Hier wird man über kurz oder lang nichts mehr zu essen bekommen„. Und so machte ich schnurstracks kehrt. Ich ging den Marsleuten hinterher, wie die Spatzen dem Menschen folgen „Rings um uns herum“, so fuhr er mit seiner Hand den Horizont entlang „hungern sie in Haufen reißen sie aus und treten aufeinander herum.“

Er sah mein Gesicht und hielt betroffen inne. „Zweifellos sind Massen von Leuten, die Geld besaßen, nach Frankreich gegangen“, sagte er. Er schien zu zögern, als ob er sich entschuldigen solle, begegnete meinen Augen und fuhr fort: „Hier herum gibt es genug zu essen. Gepökelte Waren in den Läden; Wein, Schnaps, Mineralwasser; aber die Wasserbehälter und Röhren sind leer. Aber ich wollte Ihnen sagen, worüber ich nachdachte. Es sind intelli-gente Geschöpfe, sagte ich mir, und es scheint, dass sie uns zu ihrer Nah-rung brauchen. Zuerst werden sie uns zerschmettern - Schiffe, Maschinen, Waffen, Städte, jede Ordnung, jede Vereinigung. Alles das wird verschwin-den. Hätten wir die Größe von Ameisen, dann könnten wir davonkommen. Aber wir haben sie nicht. Wir sind viel zu groß und zu plump. Das ist die erste Gewissheit. Was?“

Ich beiahte. „So ist es; ich habe nachgedacht. Also gut; was kommt dann? Zuerst werden wir gefangen, weil man uns nötig hat. Ein Marsianer braucht 120


nur ein paar Meilen zu gehen, um einen fliehenden Haufen zu erwischen. Und ich habe einen gesehen, eines Tages draußen bei Wandsworth, der Häuser in Stücke schlug und dann in den Trümmern umherstöberte. Aber dabei wird es nicht bleiben. Sobald sie mit unsern Geschützen und Schiffe aufgeräumt, unsere Eisenbahnlinien zerschmettert haben, und mit allem, was sie dort drüben tun, fertig geworden sind, dann werden sie anfangen, uns systematisch zu fangen, die Besten von uns auszusuchen und uns in Käfigen und ähnlichen Dingen aufzubewahren. Damit, verlassen Sie sich drauf, werden sie in kurzer Zeit beginnen. Mein Gott, sie haben ja noch gar nicht mit uns angefangen. Sehen Sie denn das nicht ein?“

„Noch nicht angefangen! „ rief ich. „Noch nicht angefangen“, sagte er. „Alles, was bisher geschehen ist, ist geschehen, weil wir nicht vernünftig genug wa-ren, stillzuhalten, und sie mit Kanonen und ähnlichen Dummheiten geärgert haben. Weil wir unseren Kopf verloren haben und rudelweise dorthin stürz-ten, wo wir nicht um ein Haar sicherer waren, als wo wir zuerst waren. Sie wollen uns ja nicht behelligen. Sie bringen einfach ihre Angelegenheiten in Ordnung - stellen alles her, was sie nicht mitbringen konnten, und bereiten nun alles für die Übersiedlung ihres Volkes vor. Es ist sehr leicht möglich, dass die Zylinder nur deshalb für einige Zeit ausgeblieben sind, aus Furcht, die zu treffen, die schon hier sind. Und statt blindlings umherzurasen und Dynamit zu sammeln, als könnte man sie in die Luft sprengen, täten wir viel besser daran, uns aufzuraffen und uns nach dem neuen Stand der Dinge einzurichten. So lege ich es mir zurecht. Es ist sicherlich nicht der Zustand, den der Mensch sich für seine Gattung wünscht, aber es ist der Zustand, auf den die Tatsachen hindeuten. Und es ist der Grundsatz, nachdem ich zu handeln gedenke. Städte, Völker, Gesinnung, Fortschritt - damit ist es vor-bei. Das Spiel ist ausgespielt. Wir sind geschlagen.“

„Aber wenn es so ist, wozu sollen wir dann überhaupt noch leben?“ Der Artillerist sah mich einen Moment lang an.

„Du lieber Himmel, Konzerte wird es freilich für eine Million Jahre oder so keine mehr geben; und Bilderausstellungen und kleine nette Mahlzeiten in Restaurants auch nicht. Wenn Sie es aufs Vergnügen abgesehen haben, dann, so glaube ich, ist das Spiel aus. Wenn Sie feine Manieren haben oder sich entsetzen, wenn einer seine Birnen mit dem Messer isst oder nicht so spricht, wie es in der Grammatik steht, dann geht's natürlich nicht. Solche Dinge werden Sie in Zukunft nicht mehr brauchen.

„Sie meinen - -“ „Ich meine, dass Männer wie ich fortleben sollten“ der Zucht wegen. Ich sage Ihnen, ich bin fest entschlossen, weiterzuleben. Und, wenn mich nicht alles täuscht, werden auch Sie zeigen müssen, was Sie wert sind, und zwar in kurzer Zeit. Wir lassen uns nicht ausrotten. Und ich habe nicht die Absicht, mich fangen zu lassen, weder gezähmt noch gemästet und gezüchtet zu werden wie ein fetter Ochse. Pfui! Denken Sie bloß an diese braunen Kriecher!“ - „Sie wollen doch nicht sagen-“ 121


„Ja, das will ich. Ich will weiterleben. Zu ihren Füßen. Ich habe mir schon den Plan gemacht; habe alles ausgedacht. Wir Menschen sind geschlagen. Wir wissen noch nicht genug. Wir haben noch tüchtig zu lernen, ehe die Reihe an uns kommt. Und wir haben zu leben und unabhängig zu sein, so-lange wir noch lernen. Verstehen Sie? Das ist jetzt an der Reihe.

Ich starrte ihn an, erstaunt und tief bewegt von der Entschlossenheit dieses Mannes.

„Großer Gott!“ rief ich. „Sie sind in der Tat ein Mann.“ Und ganz plötzlich ergriff ich seine Hand. „Nun?“ sagte er mit leuchtenden Augen. „Habe ich nicht nachgedacht?“

„Fahren Sie fort“, sagte ich. „Also schön. Wer sich nicht fangen lassen will, muss sich bereit machen. Ich mache mich bereit. Passen Sie auf: nicht alle unter uns sind für die wilden Tiere gemacht; und darauf kommt es an. Ich hatte meine Zweifel. Sie sind dünn und schlank. Wissen Sie, ich wusste ja nicht, dass Sie es waren, ebenso wenig, dass Sie so lange begraben lagen. Aber alle diese Leute - diese Gattung Menschen, die in diesen Häusern leb-ten und alle jene albernen kleinen Ladenschwengel, die dort bergab lebten - mit denen wird man nichts anzufangen können. Die haben die rechten Ge-sinnung nicht in sich - keine stolzen Träume und keine stolzen Gelüste; und ein Mensch, der beides nicht hat - Herrgott! was ist er anderes als ein Jam-merlappen? Sie kennen nichts anderes als sich zu ihrer Arbeit trollen.

Ich habe Hunderte von ihnen gesehen; ihr bisschen Frühstück in der Hand, schwitzen sie und keuchen sie, um ihren kleinen Saisonbillettzug zu errei-chen, aus Angst, entlassen zu werden, wenn sie zu spät kommen; dann ar-beiten sie in ihrem Beruf, an dem sie kein Interesse haben; dann trollen sie sich wieder schnell nach Haus, aus Furcht, nicht zur rechten Zeit beim A-bendessen zu sein; nach dem Essen bleiben sie fein zu Hause, aus Angst vor den Hintergassen; dann schlafen sie mit den Frauen, die sie geheiratet ha-ben, nicht weil sie sie gern hätten, sondern weil diese Frauen ein Stück Geld hatten, das ihrem jämmerlichen Durch-das-Leben-Keuchen einen kleinen Rückhalt bot. Sie haben ihr Leben versichert und ein bisschen gespart aus Furcht vor möglichen Unfällen. Und an Sonntagen - Furcht vor dem Jen-seits. Als ob die Hölle für Kaninchen gebaut worden wäre. Nun, für diese Leute sind die Marsleute eine wahre Gottesgabe. Saubere geräumige Käfige, Mastfutter, sorgfältige Züchtung, keine Plage. Nachdem sie eine Woche oder so mit leerem Magen durch Felder und Wiesen gejagt sind, werden sie an-kommen und sich mit Vergnügen fangen lassen. Bereits nach kurzer Zeit werden sie ganz fröhlich sein. Sie werden sich verwundert fragen, was denn die Leute früher taten, als es noch keine Marsianer gab, die sich um sie kümmerten. Und die Kneipenhelden und die Pflastertreter und die Sänger - die kann ich mir ordentlich vorstellen. Die kann ich mir vorstellen“, sagte er mit einer Art düsterer Genugtuung.

„Jede Art von Gefühlsduselei und Glauben wird dann massenhaft frei wer-den. Es gibt hundert Dinge, die ich mit diesen meinen Augen gesehen habe und die ich erst in diesen letzten paar Tagen zu verstehen begonnen habe. 122


Da wird es Massen geben, die, fett und dumm, die Dinge so nehmen werden, wie sie sind. Und wieder andere Massen, die irgendwie gequält sein werden, dass nichts mit reellen Dingen zugeht und dass sie etwas dagegen tun soll-ten. Nun aber, sobald die Dinge so stehen, dass eine Menge von Leuten das Gefühl hat, etwas dagegen tun zu müssen, dann werfen sich die Schwachen und jene, die vor lauter verwickeltem Denken schwach werden, einer Religi-on des Nichtstuns in die Arme, die sehr fromm und erhaben ist und sich je-der Verfolgung als dem Willen des Herrn gemäß unterwirft. Sehr sicher ha-ben Sie genau dasselbe beobachtet. Das ist die Energie der feigen Angst, die jetzt zum Vorschein kommen wird. Diese Käfige werden von Psalmen und Lobgesängen und Frömmigkeit erfüllt sein. Und die Leute von weniger einfa-cher Gesinnung werden sich einem - wie sagt man? - Sinnlichkeitskult hin-geben.

Er machte eine Pause.

„Es ist leicht möglich, dass die Marsleute einige Lieblinge unter ihnen haben werden, sie in ihre Schlichen und Kniffe unterweisen und - wer weiß? - viel-leicht sentimental werden wegen des Lieblingsknaben, der aufwuchs und getötet werden musste. Und es mag sein, dass sie einige auch abrichten werden, auf uns andere Jagd zu machen.“

„Nein, rief ich, „das ist unmöglich! Kein menschliches Wesen-„

„Was nützt es denn, heute noch solche Lügen aufrechtzuerhalten? sagte der Artillerist. „Es gibt Menschen, die das mit Vergnügen tun werden. Ein Un-sinn, zu behaupten, solche Menschen gebe es nicht!“

Und ich erlag seiner Überzeugung. „Wenn die mir in die Nähe kommen wer-den“, sagte er -

„Herrgott! wenn die mir in die Nähe kommen werden!“ und er verfiel in eine Art von grimmigem Brüten.

Ich saß da und dachte über alle diese Dinge nach. Und mir fiel nichts ein, womit ich den Gedankengang dieses Mannes hätte widerlegen können. In den Tagen vor dem Einbruch der Marsleute hätte wohl niemand meine geis-tige Überlegenheit in Frage gestellt - ich, ein erfahrener und anerkannter Schriftsteller philosophischer Werke, und er, ein gemeiner Soldat - und den-noch hatte er unsere Lage schon beschrieben, während ich sie mir kaum noch vorstellte.

„Und was wollen Sie tun?“ fragte ich nach einiger Zeit. „Was für Pläne haben Sie?“

Er zögerte.

„Nun, ich stelle mir das etwa so vor“, sagte er. „Was müssen wir tun? Wir müssen uns eine Art Leben ersinnen, in dem die Menschen leben und sich vermehren können und genug Sicherheit haben, ihre Kinder aufzuziehen. 123


Warten Sie nur ein wenig, ich werde Ihnen erläutern, was nach meiner Mei-nung geschehen muss. Die Zahmen werden gedeihen wie alle gezähmten Tie-re; nach einigen Generationen werden sie dick, schön, vollblütig, dumm sein - mit einem Worte: Schund! Es besteht nur die Gefahr, dass wir, die Wilden, mit der Zeit verwildern - und entarten zu einer Art großen, wilden Ratten. Sie sehen schon, wie unser Leben sein wird: unterirdisch.

Ich habe dabei an die Abwasserkanäle gedacht. Natürlich, wer diese Kanäle nicht kennt, stellt sie sich nur als etwas Scheußliches vor; aber unter die-sem London gibt es Meilen und Meilen - Hunderte von Meilen - solcher Ka-näle; und wenn es ein paar Tage regnet und London entvölkert ist, sind sie rein und angenehm. Die Hauptkanäle sind groß und luftig genug für alle. Dann haben wir Keller, Gewölbe, Vorratsräume, von denen Notausgänge in die Kanäle hergestellt werden können. Und dann die Eisenbahntunnels und Untergrundbahnen. Was? Sie beginnen zu verstehen? Und wir bilden eine Gruppe, Männer mit starkem Körper und klarem Kopf. Wir werden nicht je-den Unrat, der uns zutreibt, auflesen. Schwächlinge müssen wieder hinaus.“

„So wie Sie mich wegstoßen wollten?“ „Oh, ich unterhandelte doch mit Ih-nen? Oder nicht?“

„Nun, wir wollen darüber nicht streiten. Aber fahren Sie bitte fort.“

„Wer bleibt, muss gehorchen. Frauen mit starkem Körper und klarem Kopf brauchen wir nicht weniger - als Mütter und Lehrerinnen. Keine schmach-tenden Püppchen, keine albernen Augenversdreherinnen. Schwache und Dämliche benötigen wir nicht. Das Leben wird ernst sein, und die Nutzlosen und Lästigen und Böswilligen müssen sterben. Sie haben einfach zu sterben. Sie müssen einsehen, dass sie zu sterben haben. Es ist eine Art von Hoch-verrat, dann noch zu leben und die Rasse zu verschlechtern. Und sie können auch nie glücklich sein. Überdies, Sterben ist nicht so schrecklich - es ist nur die Angst, die es so übel macht. - Und an allen jenen Orten werden wir uns versammeln.

Unser Sammelplatz wird London sein. Und vielleicht werden wir sogar im-stande sein, Wachen aufzustellen und im Freien umherzulaufen, wenn die Marsianer nicht in der Nähe sind. Vielleicht Kricket spielen. Auf die Weise werden wir die Rasse erhalten. Was? Aber mit dem Erhalten der Rasse ist es noch nicht getan. Wie ich sagte, das heißt nur Ratten zu züchten. Unsere Kenntnisse zu erhalten und zu vermehren, darauf kommt es an. Da müssen Männer wie Sie her. Da gibt es Bücher, da gibt es Modelle. Wir müssen gro-ße, sichere Räume tief unten errichten und so viele Bücher suchen, wie wir können; nicht Romane und dichterisches Gewäsch, sondern Gedanken, wis-senschaftliche Bücher. Da wird es Zeit für Männer wie Sie. Wir müssen ins Britische Museum gehen und alle die Bücher, die dort sind, durchforschen. Besonders aber müssen wir unsere Kenntnisse auf der Höhe halten und mehr dazulernen. Wir müssen diese Marsianer beobachten. Einige von uns werden zu Spionen werden. Wenn einmal alles eingerichtet sein wird, werde ich es vielleicht tun. Und als Hauptsache müssen wir die Marsleute unge-schoren lassen. Wir dürfen nicht einmal stehlen. Wenn sie in unsere Nähe 124


kommen, müssen wir uns davonmachen. Wir müssen ihnen zeigen, dass wir nichts Böses im Schilde führen. Ja, ich weiß. Aber sie sind ja sehr kluge Ge-schöpfe, und sie werden uns nicht zu Tode jagen, wenn sie alles haben, was sie brauchen, und glauben, dass wir nur harmloses Gewürm sind.

Der Artillerist hielt inne und legte seine gebräunte Hand auf meinen Arm.

„Schließlich ist es vielleicht gar nicht so viel, was wir noch dazulernen müs-sen. Stellen Sie sich nur einmal vor, vier oder fünf ihrer Kriegsmaschinen gingen mit einmal los - Hitzestrahlen rechts und links, aber kein Marsianer in ihnen drin. Kein Marsianer in ihnen, sondern Menschen - Menschen, die gelernt haben, wie man's macht. Vielleicht erlebe ich das noch. Stellen Sie sich das doch bloß vor, eines von diesen tollen Dingern zu haben, mit dem Hitzestrahl weit und frei!

Stellen Sie sich das bloß vor: damit umgehen zu können! Was läge denn daran, nach einem solchen Lauf, nach einem solchen Hochgenuss in Staub zermalmt zu werden? Ich denke, die Marsleute werden ihre schönen Augen aufreißen! Sehen Sie sie nicht, Mann? Sehen Sie nicht, wie sie hin- und her-laufen, wie sie um ihre andern mechanischen Geschichten blasen und Pfei-fen und tuten werden? Aus dem Häuschen werden sie auf jeden Fall sein. Und hütt, bumm, bumm, hütt! Gerade dann, wenn sie umherschweifen, hütt, kommt der Hitzestrahl, und sehen Sie nur! Der Mensch hat wieder, was ihm gehört.

Lange Zeit beherrschten die kühne Einbildungskraft des Artilleristen und der sichere Ton und der Mut, mit dem er seine Pläne vorbrachte, völlig meine Gedanken. Ich setzte sowohl in seine Prophezeiung der menschlichen Be-stimmung wie in die Ausführbarkeit seiner kühnen Pläne einen unbedingten Glauben. Und der Leser, der mich für leichtgläubig und einfältig hält, muss sich nur den Gegensatz zwischen seiner und meiner Situation vor Augen halten. Er liest alles nach und nach und hat Muße, über alles in Ruhe nach-zudenken, und ich kauerte in einer furchtbaren Lage in einem Gebüsch und hörte ihm zu, nicht selten durch Angstvorstellungen verwirrt.

Wir sprachen dergestalt während der frühen Morgenstunden und krochen dann aus dem Gebüsch heraus; nachdem wir uns vorsichtig nach Anzeichen der Marsleute umgeschaut hatten, stürzten wir Hals über Kopf zu dem Haus auf dem Putney Hill, in welchem er seine Höhle eingerichtet hatte. Es war der Kohlenkeller; und als ich das Werk sah, für das er eine volle Woche be-nötigt hatte - eine kaum zehn Yards tiefe Höhlung, durch die er den Haupt-kanal des Putney Hill erreichen wollte - da kam mir zum erstenmal der Ge-danke, welche Kluft zwischen seinen Träumen und seinen Kräften gähnte. Ein derartiges Loch hätte ich an einem einzigen Tage gegraben.

Aber mein Vertrauen zu ihm war stark genug, um ihm den ganzen Morgen bis kurz nach Mittag bei seinem Graben zu helfen. Wir hatten einen Garten-schubkarren und schütteten die Erde gegen den Küchenherd. Dann stärkten wir uns mit einer Mock-turtle-Echse und mit etwas Wein aus der nahen 125


Speisekammer. In dieser pausenlosen Arbeit fand ich eine seltsame Erho-lung von meinen qualvollen Erlebnissen. Während wir arbeiteten, beschäftig-ten sich meine Gedanken mit den Plänen des Mannes, und früh genug stie-gen Einwände und Zweifel in mir auf; aber ich arbeitete doch den ganzen Vormittag weiter, denn ich war so froh, wieder ein Ziel zu haben. Nachdem ich wieder eine Stunde lang gegraben hatte, begann ich, über die Entfernung nachzudenken, die zurückzulegen war, bis der Kanal erreicht werden konnte - und über die Möglichkeit, ihn komplett zu verfehlen. Meine unmittelbarste Sorge war die Frage, wozu wir eigentlich diesen langen Gang gruben, wenn es möglich war, durch die Abzuglöcher sofort in den Kanal zu kommen und sich dann zum Hause zurück den Weg zu bahnen. Auch kam es mir vor, als sei das Haus sehr unglücklich gewählt, da es einen Durchstich von so unnö-tiger Länge erforderte. Gerade als ich anfing, diese Umstände zu erwägen, hörte der Artillerist mit dem Graben auf und schaute mich an.

„Wir arbeiten gut“, sagte er und legte seinen Spaten hin. „Ruhen wir jetzt ein bisschen aus“, sagte er. „Ich glaube, es ist Zeit, dass wir vom Dach aus Um-schau halten.“

Ich war fürs Weiterarbeiten, und nach einigem Zögern griff er wieder nach seinem Spaten; und da erfasste mich ganz plötzlich ein Gedanke. Ich hielt inne, und er folgte sofort meinem Beispiel.

„Warum waren Sie eigentlich auf der Weide draußen, statt hier?“ fragte ich ihn.

„Wegen der frischen Luft“, antwortete er. „Ich kehrte gerade zurück. Es ist sicherer bei Nacht.“ „Aber die Arbeit?“

„Oh, man kann nicht immer arbeiten“, sagte er. Und wie in einer plötzlichen Erleuchtung erkannte ich den Mann, wie er war. Er zögerte, den Spaten in der Hand. „Wir sollten jetzt Umschau halten“, sagte er. „Sie könnten in die Nähe kommen, das Geräusch unserer Spaten hören und uns unversehens überfallen.“

Ich war nicht mehr in der Stimmung, ihm zu widersprechen. Wir stiegen beide aufs Dach hinauf und stellten uns auf eine Leiter, von der aus wir durch die Dachluken spähten. Von den Marsianern war nichts zu sehen, und so wagten wir uns auf die Dachziegel hinaus und glitten unter dem Schutze des Dachvorsprungs hinab.

Von dieser Stellung aus verdeckte ein Gebüsch den größeren Teil Putneys, aber wir konnten den Fluss unten sehen, eine gurgelnde Fläche roten Ge-wächses; auch die niedrigen Teile Lambeths waren überschwemmt und blut-rot. Die rote Schlingpflanze bedeckte die Bäume, die um das alte Schloss standen, und ihre Zweige dehnten sich morsch und absterbend, von vergilb-ten Blättern bedeckt, aus den wuchernden Büschen hervor. Es war seltsam, wie das Gedeihen der Marspflanzen so völlig vom fließenden Wasser abhän-gig war. Um uns herum konnte keine von ihnen Wurzel fassen; Goldregen, roter Hagedorn, Schneeball und eine Gruppe von Lebensbäumen wuchsen 126


aus Lorbeer und Hortensien in leuchtenden Farben und frischem Grün zum Sonnenlicht auf. Hinter Kensington stieg ein dichter Qualm in den Himmel, der zusammen mit einem blauen Rauchschleier die nördlichen Hügel ein-hüllte.

Der Artillerist begann, mir von dem Menschenschlag zu erzählen, der in London zurückgeblieben war. „Vergangene Woche“, sagte er, „bemächtigten sich eines Nachts ein paar Narren der elektrischen Beleuchtung, und die ganze Regent Street und der Circus waren taghell beleuchtet und von einer Menge geschminkter und zerlumpter Trunkenbolde, Männer und Frauen, dicht besetzt. Die tanzten und johlten bis zur Morgendämmerung. Ein Mann, der dabei war, hat es mir erzählt. Und als der Tag anbrach, sahen sie eine Kriegsmaschine, die hart neben ihnen auf dem Langham-Platz stand und auf sie herabsah. Der Himmel weiß, wie lange sie schon dort gestanden war. Der Marsianer, der sie lenkte, fuhr jetzt die Straße hinab auf sie zu und las fast hundert von ihnen auf. Sie waren zu sinnlos betrunken oder zu entsetzt, um die Flucht zu ergreifen.“

Wunderlicher Lichtstrahl auf eine Zeit, die keine Geschichte je völlig be-schreiben können wird!

Dann kam der Artillerist, meine Fragen beantwortend, wieder auf seine großartigen Pläne. Er steigerte sich in eine wahre Begeisterung hinein. Er sprach mit solcher Beredsamkeit von der Möglichkeit, sich einer Kriegsma-schine zu bemächtigen, dass ein guter Teil meines Glaubens an ihn wieder zurückkehrte. Aber da ich jetzt anfing, etwas von dem Wesen dieses Mannes zu verstehen, erriet ich auch, warum er sosehr Wert darauf legte, nichts zu überstürzen. Auch fiel mir auf, dass jetzt nicht mehr die Rede davon war, dass er sich persönlich der großen Kriegsmaschine bemächtigen werde.

Nach einiger Zeit gingen wir wieder in den Keller hinunter. Keiner von uns schien begeistert zu sein, die Grabesarbeit wieder aufzunehmen. As er dann vorschlug, ein Essen einzunehmen, hatte ich dagegen nichts einzuwenden. Er wurde plötzlich sehr freigebig, und nach unserem Mahl ging er hinaus und kehrte mit ein paar vorzüglichen Zigarren wieder. Wir zündeten sie an, und dabei kehrte auch wieder seine hoffnungsvolle Stimmung wieder. Er war geneigt, meine Ankunft als eine großartige Gelegenheit zu einem Fest anzu-sehen.

„Im Keller gibt's auch etwas Champagner“, sagte er.

„Es ist vielleicht besser, wenn wir bei unserem Burgunder weitergraben“, sagte ich.

„Nein“, entgegnete er; „heute bin ich der Wirt. Champagner! Großer Gott, die Aufgabe, die vor uns liegt, ist schwer genug. Ruhen wir aus und sammeln wir Kräfte, solange es Zeit ist. Sehen Sie doch diese schwieligen Hände!“

Und da er bei seiner Vorstellung, dass es ein Feiertag sei, blieb, bestand er darauf, dass wir nach dem Essen Karten spielten. Er lehrte mich „Euchre“, 127


das amerikanische Whist, und da wir London schon zwischen uns verteilt hatten - ich nahm die nördliche, er die südliche Seite - spielten wir um Kirchspiele. So albern und närrisch das auch dem nüchternen Leser er-scheinen mag, so ist es durchaus wahr, und was noch bemerkenswerter ist, ich fand dieses Kartenspiel und noch einige andere, die wir spielten, äußerst anziehend.

Wie seltsam ist doch der Mensch! Wir, deren Gattung am Rande der Ver-nichtung oder doch vor einer erschreckenden Entartung stand, mit keiner anderen Aussicht als der Möglichkeit eines grauenhaften Todes, wir konnten so dasitzen und den Glückslaunen dieser bunten Karten folgen und mit ei-nem lebhaften Entzücken unsere Stiche zählen. Dann brachte mir der Artil-lerist „Poker“ bei, und ich besiegte ihn in drei zähen Schachpartien. Als die Dunkelheit anbrach, waren wir in einem derartigen Eifer, dass wir uns ent-schlossen, es auf eine Entdeckung ankommen zu lassen und eine Lampe anzuzünden.

Nach einer endlosen Reihe von Spielen nahmen wir unser Abendessen ein, und der Artillerist trank den Champagner aus. Wir fuhren fort, Zigarren zu rauchen. Nun jedoch war er nicht mehr der tatkräftige Erneuerer unserer Gattung, den ich am Morgen in ihm gesehen hatte. Er war zwar noch immer ein Optimist, aber es war kein umstürzender, es war ein bedächtiger Opti-mismus. Ich entsinne mich, wie er letztlich mit mir anstieß und in einer Re-de mit geringer Abwechslung und zahlreichen Pausen auf meine Gesundheit trank. Ich nahm mir eine Zigarre und stieg hinauf, um nach den Lichtern zu sehen, von denen er gesprochen hatte und die so grünlich längs den Hügeln von Highgate leuchten sollten.

Zuerst starrte ich ziemlich geistesabwesend über das Londoner Tal. Die nördlichen Hügel waren in tiefes Dunkel gehüllt, die Feuer in der Nähe von Kensington schienen rötlich herüber, und hier und da zuckte eine orange-farbene Feuerzunge auf, um in der tiefblauen Nacht gleich wieder zu ver-schwinden. Das ganze übrige London war schwarz. Näher am Hause fiel mir jetzt ein seltsames Licht auf, ein blasser, blauvioletter, schillernder Schein, der in der Nachtluft hin- und herzitterte. Eine ganze Weile konnte ich ihn mir nicht erklären, bis mir einfiel, dass es das rote Gewächs sein musste, von dem dieser schwache Strahlenglanz ausging. Mit dieser Wahrnehmung erwachte auch wieder mein Gefühl des Staunens, meine Empfindung für das Verhältnis der Dinge. Ich blickte hinauf zum Mars, der rot und klar hoch im Westen glühte, und dann sah ich lange und nachdenklich in die Dunkelheit von Hampstead und Highgate.

Ich verweilte sehr lange auf dem Dach und wunderte mich über die seltsa-men Wechselfälle des Tages. Ich erinnerte mich meiner geistigen Verfassung, von dem mitternächtlichen Gebet an bis zu dem albernen Kartenspielen. Et-was in mir sträubte sich heftig. Ich erinnere mich, wie ich in einer Art ver-schwenderischer Symbolik meine Zigarre wegschleuderte. Meine Unvernunft wurde mir grell bewusst. Ich kam mir als Verräter an meiner Frau und an meiner Gattung vor und war erfüllt von Reue. Ich kam zu dem Entschluss, 128


diesen sonderbaren unbeherrschten Träumer großer Taten seiner Flasche und seinen Gelagen zu überlassen und nach London weiterzugehen. Dort könnte ich wohl am ehesten erfahren, was die Marsianer und meine Mit-menschen jetzt taten. Ich war noch auf dem Dach, als der späte Mond auf-ging.

8. Das tote LondonEdit

Nachdem ich mich von dem Artilleristen verabschiedet hatte, ging ich den Hügel hinab und durch die High Street über die Brücke nach Fulham. Das rote Gewächs war hier besonders üppig und versperrte fast den Weg zur Brücke; aber seine Zweige waren bereits von der immer weiter um sich grei-fenden Krankheit, die es so bald und so rasch vernichten sollte, aus-gebleicht.

An der Ecke des Weges, der zur Putney - Brücke Station führt, sah ich einen Mann liegen. Der schwarze Staub ließ ihn aussehen wie einen Schornstein-feger; er lebte, war jedoch sinnlos betrunken und hilflos. Ich brachte aus ihm nichts heraus außer Flüchen und wütenden Stößen gegen meinen Kopf. Ich glaube, dass ich bei ihm geblieben wäre, hätte der rohe Ausdruck seines Gesichtes mich nicht so abgeschreckt.

Auf der Straße, die von der Brücke weiterlief, lag überall der schwarze Staub, der in Fulham noch dichter wurde. Die Straßen waren grauenhaft still. In einem Bäckerladen fand ich etwas zu essen; das Brot war sauer, hart und schimmelig, aber noch essbar. Etwas weiter Richtung Walham Green waren die Straßen frei von dem Pulver; ich kam an einer lichterloh brennen-den Häuserreihe hinter einem terrassenartigen Vorsprung vorüber. Der Lärm des Feuers schien mir geradezu eine Erleichterung. Weiter nach Brompton fand ich die Straßen wieder ganz still.

Hier stieß ich erneut auf das schwarze Pulver und auf menschliche Leichen. Ich sah auf der Fulham Road insgesamt etwa ein Dutzend. Der Tod hatte diese Leute schon vor vielen Tagen ereilt, so dass ich schleunigst an ihnen vorüberging. Das schwarze Pulver bedeckte sie über und über und milderte ihre Züge. Einer oder zwei waren schon von Hunden entstellt worden.

Wo sich kein schwarzes Pulver fand, hatte die Stadt ein merkwürdig sonn-tägliches Aussehen: die geschlossenen Läden, die festversperrten Häuser, die heruntergelassenen Vorhänge, die Verödung, die Stille. In einigen Häusern hatten schon die Plünderer herumgesucht, wenn auch fast nur nach Essba-rem und Wein. In einem Haus fand ich das Schaufenster eines Gold-schmieds zerbrochen, aber der Dieb war anscheinend gestört worden, denn eine Anzahl goldener Ketten und Uhren lagen verstreut auf dem Pflaster. Ich hielt mich nicht auf, die Dinge zu berühren. Etwas weiter fand ich eine zer-lumpte alte Frau zusammengekauert auf einer Türstufe sitzen, an der Hand, 129


die über ihr Knie herabhing, eine klaffende Wunde und Blut auf dem rost-braunen Kleid; eine zerbrochene Champagnerflasche hatte eine Lache auf dem Straßenpflaster gebildet. Die Frau schien zu schlafen, sie war aber tot.

Je weiter ich in London eindrang, desto tiefer wurde die Stille. Aber es war nicht so sehr die Stille des Todes - es war die Stille des Bangens, der Erwar-tung. Jeden Augenblick konnte die Zerstörung, die schon die Nordwestgren-ze der Hauptstadt in Brand gesteckt und Ealing und Kilburn zerstört hatte, auch diese Häuser treffen und sie in einen rauchenden Trümmerhaufen ver-wandeln. Es war eine zum Tode verurteilte, im Stich gelassene Stadt.

In South Kensington waren weder Leichen noch das schwarze Pulver zu se-hen. Es war in der Nähe von South Kensington, als ich das Geheule zum ersten Male hörte. Es schlich sich fast unmerklich in meine Sinne. Es war ein schluchzender Wechsel zweier Töne: „Ulla, ulla, ulla, ulla“, schall es un-aufhörlich.

Als ich durch Straßen kam, die nach Norden führten, wurde es lauter und lauter, und Häuser und Mauern schienen es abzuschwächen und endlich zum Schweigen zu bringen. In der Exhibition Road schwoll es zur vollen Kraft an. Verwundert blieb ich stehen, starrte nach den Kensington Gardens und verstand nicht, was dieses ferne Klagegeheul zu bedeuten hatte. Es kam mir vor, als hätte die gewaltige Häuserwüste eine Stimme für ihre Furcht und ihre Einsamkeit gefunden.

„Ulla, ulla, ulla, ulla“, klagte dieser übermenschliche Ton - große Schallwo-gen fluteten die breiten, sonnenerleuchteten Straßen zwischen den hohen Häusern auf beiden Seiten hinab. Mit Erstaunen wandte ich mich nach Nor-den gegen die schmiedeeisernen Tore des Hyde Park. Mir kam schon die Ü-berlegung, ob ich in das naturhistorische Museum eindringen und auf seine Turmspitze klettern sollte, um über den Park hinüberzusehen. Aber ich traf den Entschluss, auf der Straße zu bleiben, wo ich mich im Notfall besser verstecken konnte, und so ging ich die Exhibition Road weiter. Die großen Miethäuser beiderseits der Straße waren verlassen und still, und das Echo meiner Schritte hallte zwischen den Mauern. Am Ende der Straße, in der Nähe des Parkeingangs bot sich mir ein seltsamer Anblick - ein umgestürzter Omnibus und das sauber abgenagte Gerippe eines Pferdes. Das machte mich eine Weile stutzig, dann aber ging ich über die Brücke des Serpentine. Die Stimme wurde lauter und lauter, obwohl ich jenseits der Häuserdächer auf der Nordseite des Parkes nichts sehen konnte außer einem Rauchschlei-er im Nordwesten.

„Ulla, ulla, ulla, ulla“, heulte die Stimme, deren Ursprung vom Bezirk um den Regent's Park herkam, wie mir schien. Der trostlose Schrei lastete auf meiner Seele. Die mutige Stimmung, die mich bisher aufrechtgehalten hatte, schwand wieder. Das Klagegeheul wirkte ansteckend. Ich fühlte mich unend-lich elend, ermattet, hungrig und durstig. 130


Es war schon die Mittagsstunde vorüber. Warum nur wanderte ich allein umher in dieser Stadt des Todes? Warum blieb ich allein zurück, jetzt, da ganz London, in schwarzes Leichentuch gehüllt, auf der Bahre lag? Ich fand meine Vereinsamung unerträglich. Ich erinnerte mich an alte Freunde, an die ich jahrelang nicht gedacht hatte. Ich dachte an die Giftstoffe in den Apo-theken, an den Trank, den die Weinhändler aufgespeichert hatten; ich dach-te an die zwei weinseligen Geschöpfe der Verzweiflung, die, soweit ich wuss-te, den Besitz der Stadt mit mir teilten.

Ich kam durch Marble Arch zur Oxfordstreet; hier fand ich wieder schwarzes Pulver und Leichen vor; ein abscheulicher und verdächtiger Geruch stieg aus den Kellerfenstern einiger Häuser auf. Die Hitze und mein langer Marsch hatten mich sehr durstig gemacht. Nach unendlicher Mühe gelang es mir, in einen Gasthof einzudringen und fand etwas zu essen und zu trinken. Nach dem spärlichen Mahl wurde ich müde, ging in einen Raum hinter dem Aus-schank und schlief auf einem schwarzen Rosshaarsofa, das ich dort vorfand, ein.

Ich erwachte, um jenes schauerliche Geheule noch immer in den Ohren klingen zu hören. „Ulla, ulla, ulla, ulla.“ Die Abenddämmerung setzte schon ein, und nachdem ich noch einige Zwiebackstücke und ein wenig Käse im Schankzimmer zusammengerafft hatte - das Fleisch war wohl unberührt, aber es bestand fast nur aus Maden - wanderte ich über die ruhigen Wohn-quartiere der Baker Street - der Portman Square ist der einzige, dessen Na-me mir einfiel - und gelangte endlich an den Regent's Park. Und als ich aus der Baker Street heraustrat, sah ich in weiter Ferne hinter den Bäumen im klaren Licht des Sonnenuntergangs die Haube eines Marsungetüms, das die Quelle des Geheuls war. Ich empfand keinerlei Furcht. Ich schritt auf ihn zu, als wäre dies ganz natürlich. Eine Weile beobachtete ich ihn, aber er rührte sich nicht. Er stand nur da und heulte aus einem Grund, den ich nicht ent-decken konnte.

Ich versuchte, mir einen Plan zu machen. Dieses ständige Geheul, dieses „Ulla, ulla, ulla, ulla“, verwirrte meinen Geist. Vielleicht war ich auch zu müde, um Furcht zu haben. Jedenfalls war die Begierde, die Ursache für dieses eintönigen Geheuls zu ergründen, stärker als meine Furcht. Ich schlug mich in die Park Road in der Absicht, den Park zu umgehen, ging dann unter dem Schutz der Terrassen immer weiter und bekam nun diesen ständig heulenden Marsianer aus der Richtung von St. John's Wood zu Ge-sicht. Etwa zweihundert Yards von der Baker Street entfernt hörte ich ein vielstimmiges, wütendes Gekläff und sah erst einen Hund mit einem Stück fauligem, rotem Fleisch in den Zähnen blitzschnell auf mich zurennen und dann eine Meute halbverhungerter Köter, die ihm hinterher jagten. Er mach-te einen weiten Bogen, um mir auszuweichen, als fürchtete er, in mir einen neuen Konkurrenten zu finden. Als das Gekläff die breite Straße hinunter erstarb, scholl der klagende Laut des „Ulla, ulla, ulla, ulla“ mit doppelter Kraft. 131


Auf dem halben Wege zum Bahnhof von St. John's Wood stieß ich auf eine zerstörte Greifmaschine. Erst glaubte ich, dass ein Haus über die Straße ge-stürzt sei, aber als ich unter seinen Trümmern umherkletterte, sah ich, fast zurückprallend, diesen niedergestreckten mechanischen Simson, dessen Tastwerkzeuge verbogen, zerschmettert und verdreht unter den Trümmern umherlagen, die es verursacht hatte. Der vordere Teil der Maschine war zer-schellt. Es schien, als sei sie geradezu blindlings gegen das Haus gerannt und durch die eigene Wucht geborsten. Ich konnte nur vermuten, dass die-ser Greifmaschine die Leitung eines Marsmannes gefehlt haben musste. Ich konnte nicht genug unter ihren Trümmern umherklettern, um sie genau zu überprüfen, aber die Dämmerung war mittlerweile so weit vorgeschritten, dass das Blut, mit dem ihr Sitz beschmiert war, und die benagten Knorpel des Marsmannes, welche die Hunde übriggelassen hatten, meinen Blicken verborgen blieben.

Erstaunt über alle die Dinge, die ich gesehen hatte, drang ich bis zum Prim-rose Hill vor. Weit entfernt sah ich durch eine Öffnung in den Bäumen einen zweiten Marsianer, der schweigend und regungslos wie der erste im Park vor dem Zoologischen Garten stand. In der Nähe der Trümmer, die um die zer-schmetterte Greifmaschine lagen, stieß ich wieder auf das rote Gewächs und sah, dass der Regent's Canal in eine schwammige Masse dunkelroter Wu-cherpflanzen verwandelt worden war.

Auf einmal, als ich gerade über die Brücke schritt, hörte der Ton des „Ulla, ulla, ulla“ auf. Es war, als sei er entzweigeschnitten. Die Stille brach über mich herein wie ein Donnerschlag.

Die Häuser in der Dämmerung rings herum standen unklar und hoch und verschwommen da; die Bäume des Parks hüllten sich in Finsternis. Von al-len Seiten kroch das rote Gewächs an mich heran, als wollte es mich in sei-ne Fänge verstricken. Die Nacht, die Mutter der Angst und der Geheimnisse, brach über mich herein. Solange jene Stimme noch ertönte, waren die Ein-samkeit, die Verlassenheit noch zu ertragen gewesen; solange sie da war, schien London noch zu leben, und das Bewusstsein des Lebens um mich hatte mich aufrechterhalten. Und jetzt plötzlich ein Umschlag, das Aufhören von etwas - ich wusste nicht was - und dann eine Stille, die man geradezu fühlen konnte. Nichts als diese unheimliche Stille.

London schien mir ein geisterhaftes Wesen. Die Fenster in den weißen Häu-sern erschienen wie die Augenhöhlen von Totenschädeln. Um mich herum fühlte ich eine Bewegung wie von tausend geräuschlosen Feinden. Das Ent-setzen erfasste mich, ein Grauen vor meiner Vermessenheit. Vor mir wurde die Straße pechschwarz, als sei sie von Teer erfüllt, und eine verkrümmte Gestalt versperrte mir den weiteren Weg. Ich konnte mich nicht dazu zwin-gen, weiterzugehen. Ich kehrte wieder zur St. John's Wood Road zurück und rannte wie besessen vor dieser unerträglichen Stille nach Kilburn. Ich ver-steckte mich vor der Nacht und der Stille in einer Kutscherherberge in der Harrow Road. Es war spät nach Mitternacht. 132


Aber noch ehe der Morgen graute, kehrte mein Mut zurück, und während die Sterne noch am Himmel standen, wandte ich mich wieder dem Regent's Park zu. In dem Straßengewirr verlor ich den richtigen Weg; bald aber sah ich weit unten, am Ende einer langen Straßenzeile, im Halblicht der frühen Morgendämmerung die runden Linien des Primrose Hill. Auf seiner Spitze stand, sich hoch gegen die blasser werdenden Sterne auftürmend, ein dritter Marsianer, aufrecht und regungslos wie die anderen.

Ein wahnwitziger Entschluss hatte sich meiner bemächtigt. Ich wollte dem allen ein Ende machen und sterben. Und ich wollte mir die Mühe sparen, mich selbst zu töten. Mit Gleichmut ging ich auf den Titanen zu; aber als ich näher kam und es dabei immer heller wurde, sah ich, dass ein Schwarm schwarzer Vögel flatternd seine Haube umkreiste. Bei diesem Anblick stand mein Herz fast still, und ich begann, die Straße hinunterzulaufen.

Ich arbeitete mich durch das rote Gewächs hindurch, das die St. Edmund's Terrace dicht umsponnen hatte. Bis zur Brust im Wasser watete ich durch einen Kanal, der von den Wasserwerken zur Albert Road hinrauschte. Noch vor Sonnenaufgang erreichte ich den Grasplatz. Auf dem Kamm des Hügels waren große Erdhaufen aufgeworfen, die aus ihm eine mächtige Schanze machten: es war das letzte und größte der Kriegslager, die die Marsleute auf-geschlagen hatten. Hinter diesen Erdhaufen stieg ein dünner Rauchschwa-den zum Himmel auf. Weit entfernt sah ich einen gierigen Hund laufen und verschwinden. Der Gedanke, der mir durch den Kopf zuckte, wurde zur Wirklichkeit, wurde glaubhaft. Ich empfand keine Angst mehr, nur ein wil-des, zitterndes Jubelgefühl, als ich den Hügel aufwärts auf das regungslose Ungetüm zustürmte. Aus seiner Haube hingen dünne braune Lappen herab, an denen die hungrigen Vögel pickten und zerrten.

Einen Augenblick später hatte ich die Erdschanze erklommen und stand auf dem Kamm des Hügels, das Innere des Lagers tief unter mir. Ein mächtiger Platz war es, da und dort standen riesige Maschinen, ungeheure Lager von Werkzeugen und seltsame Schutzvorrichtungen. Und dort, überall zerstreut, einige in den umgestürzten Kriegsmaschinen, einige in den jetzt ruhigen Greifmaschinen, und ein Dutzend steif und still, in einer Reihe hingestreckt, lagen die Marsleute - tot! - erwürgt von fäulnis- und krankheitserregenden Bakterien, gegen die ihre körperliche Beschaffenheit widerstandslos war; er-würgt, wie das rote Gewächs erwürgt worden war; erwürgt, nachdem alle Anschläge der Menschen fehlgeschlagen hatten, von den „niedrigsten We-sen“, die Gott in seiner Weisheit erschaffen hat.

Und so war es gekommen, was ich und viele andere Menschen hätten vor-hersehen können, hätten nicht Schrecken und Unglück unseren Verstand verblendet. Diese Krankheitskeime hatten seit Anbeginn der Dinge ihren Tri-but von der Menschheit gefordert - bereits von unseren vormenschlichen Ahnen, seitdem Leben auf unserm Planeten bestand. Aber durch die natürli-che Auslese unserer Gattung hatten wir die Widerstandskraft gegen sie ent-wickelt; wir unterliegen keinem dieser Keime ohne Kampf, und gegen viele - zum Beispiel jene, welche in toten Körpern Fäulnis hervorrufen - sind unsere 133


Körper überhaupt immun. Aber auf dem Mars gibt es keine Bakterien, und von jenem Moment an, als diese Eindringlinge auf der Erde anlangten, als sie aßen und tranken, machten unsere mikroskopischen Verbündeten sich ans Werk, um sie zu vernichten. Schon damals, als ich sie beobachtete, wa-ren sie unwiderruflich dem Tode geweiht, starben und siechten sie dahin, während sie noch hin- und hergingen. Es war unvermeidlich. Durch den Tod von Millionen Menschen hat sich der Mensch sein Erstgeburtsrecht auf der Erde erkauft, und trotz aller fremden Eindringlinge ist sie sein; sie ist sein, und wären die Marsleute auch zehnmal so mächtig, als sie sind. Denn die Menschen leben weder vergeblich, noch sterben sie vergeblich.

Hier und dort lagen sie verstreut, fast fünfzig Marsleute zusammen in der großen Schlucht, die sie sich gegraben hatten, überwältigt von einem Tod, der ihnen so unfassbar gekommen sein muss, wie ein Tod es nur sein kann. Auch ich konnte diesen Tod damals kaum fassen. Alles, was ich wusste, war, dass diese Wesen, die lebend ein solcher Schrecken für die Menschheit waren, nun tot waren. Einen Augenblick lang glaubte ich, dass das Gericht des Sennacherib sich wiederholt, dass Gott bereut und seinen Todesengel ausgesandt hätte, der sie in der Nacht erschlug.

Ich stand nur da und starrte in die Grube, und mein Herz empfand eine seli-ge Erleichterung, gerade als die aufgehende Sonne mit ihren Strahlen die Welt um mich herum in Glanz tauchte. In der Grube herrschte noch Fins-ternis; die riesigen Maschinen, so groß und wunderbar in ihrer Kraft und Vollendung, so unirdisch in ihren gewundenen Formen, ragten unheimlich und verschwommen und abenteuerlich aus dem Schatten in das Licht auf. Ich hörte ein Rudel Hunde tief unter mir sich um die Leichen balgen. Hinter der Grube, an ihrem fernsten Rande, lag flach und riesenhaft und seltsam die große Flugmaschine, mit der die Marsleute in unseren dichteren Luft-schichten Versuche angestellt hatten, bevor Verfall und Tod sie stoppte Der Tod war nicht einen Tag zu früh gekommen. Ein Krächzen über mir ließ mich nach oben blicken auf die ungeheure Kriegsmaschine, die nun niemals wieder kämpfen würde, auf die zerfetzten roten Fleischlappen, die auf die umgestürzten Bänke auf der Spitze des Primrose Hill niederfielen.

Ich drehte mich um und sah den abschüssigen Hügel hinab, wo jene ande-ren beiden Marsleute standen, die ich in der vorigen Nacht gesehen hatte, gerade als der Tod sie ereilte, von einem Schwarm Vögel eingehüllt. Der eine war verendet, als er gerade nach seinen Gefährten geschrieen hatte; viel-leicht war er zuletzt gestorben und hatte seine Stimme unaufhörlich erschal-len lassen, bis die Kraft seines Lebens zur Gänze erschöpft war Die Maschi-nen schimmerten nun im Glanz der aufsteigenden Sonne, harmlose dreifü-ßige Türme leuchtenden Metalls.

Und rings um die Grube herum und wie durch ein Wunder vor der ewigen Zerstörung gerettet, breitete sich die große Mutter der Städte aus. Wer Lon-don nur in die düsteren Schleier des Rauches gehüllt gesehen hat, wird sich die nackte Klarheit und Schönheit der schweigenden Wildnis seiner Häuser kaum vorstellen können. 134



Ostwärts, jenseits der rauchgeschwärzten Trümmer der Albert Terrace und des zersplitterten Kirchturms, strahlte die Sonne auf dem wolkenlosen Himmel; und hier und da fing eine glitzernde Fläche in dem großen Gewirr von Dächern das Licht auf und glühte in schimmerndem Weiß. Das Licht berührte selbst die runden Weinspeicher bei der Chalk Farm Station und die weitgedehnten Höfe des Bahngebäudes, die sonst durch die zahllosen Strän-ge schwarzer Schienen kenntlich waren, heute aber, durch die vierzehntägi-ge Pause schon verrostet, fast in geheimnisvoller Schönheit rot glänzten.

Nordwärts lagen Kilburn und Hampstead, blau und mächtig in ihrem Ge-dränge von Häusern; westwärts lag die große Stadt im Nebel; aber südwärts der Marsleute traten die grünen Wellen des Regent's Park, das Langham Ho-tel, die Kuppel der Albert Hall, das Reichsinstitut und die riesigen Mietshäu-ser der Brompton Road klar und winzig im Lichte des Sonnenaufgangs her-aus, und die zackigen Türme von Westminster ragten nebelhaft im Hinter-grund auf. In weiter Entfernung sah ich die blauen Surreyhügel, und die Türme des Crystal Palace schimmerten wie zwei Silberstäbe. Die Kuppel von St. Paul hob sich düster vom Glanz der aufgehenden Sonne ab und war, wie ich erst jetzt sah, durch einen großen, klaffenden Spalt an der Westseite be-schädigt.

Und als ich auf diese stille und verlassene Fläche von Häusern, Fabriken und Kirchen blickte - als ich an die unendlichen Hoffnungen und Mühen, die zahllosen Scharen von Menschenleben dachte, die der Bau dieses Rie-senwerkes gekostet hatte, und an die pfeilschnelle und rohe Zerstörung, die wie ein Gewitter über allem gehangen hatte - als ich nun die Gewissheit hat-te, dass die schweren Schatten wieder gewichen waren und dass die Men-schen wieder in diesen Straßen leben konnten und diese meine teure, riesi-ge, tote Stadt wieder zum Leben und zur Macht zurückkehren würde - da ging ein Gefühl durch meine Seele, das mich fast zum Weinen brachte.

Die Qual war vorbei. Noch heute sollte mit der Heilung begonnen werden. Die über das ganze Land zerstreuten Überlebenden - die führerlos, rechtlos, ohne Nahrung, wie Schafe ohne ihren Hirten umherirrten - die Tausende, die zu Schiff entflohen waren - alle sollten sie nun zurückkehren. Der Puls des Lebens sollte nun wieder in den leeren Gassen schlagen, immer stärker und stärker anschwellend, und sich über die verlassenen Plätze ergießen. Was die Zerstörung auch betroffen hatte, die Hand des Zerstörers war verdorrt. Die Hand des Zerstörers war verdorrt! Alle diese elendigen Trümmer, diese schwarzen Gerippe von Häusern, die so unheimlich auf das sonnenbeglänzte Gras des Hügels starrten, sie werden bald widerhallen von den Hämmern der Wiedererbauer und fröhlich erklingen unter dem Klatschen der Kellen. Bei diesem Gedanken breitete ich meine Hände zum Himmel aus. In einem Jahr, dachte ich - in einem Jahr...

Und dann kam mit überwältigender Kraft der Gedanke an mich selbst, an meine Frau und an das alte Leben voll Hoffnung und zarter Hilfe, das für immer geschwunden war. 135



9. Die VerwüstungEdit

Und nun kommt das Merkwürdigste in meiner Geschichte. Und doch ist es eigentlich gar nicht so seltsam. Klar und kühl und lebhaft erinnere ich mich an alles, was ich an jenem Tage tat, bis zu der Zeit, da ich auf der Spitze des Primrose Hill stand.

Jedoch von den nächsten drei Tagen weiß ich nichts. Später erfuhr ich, dass ich nicht der erste Entdecker des Zusammenbruchs der Marsinvasoren war, sondern dass auch einige andere Überlebende, die ähnlich wie ich selbst in der Irre umherwanderten, ihn in der vorigen Nacht entdeckt hatten. Ein Mann - der erste von ihnen - war nach St. Martins-le-Grand gegangen; und während ich in der Kutscherherberge Zuflucht fand, war es ihm gelungen, ein Telegramm nach Paris zu senden. Von dort verbreitete sich die freudige Botschaft in Windeseile über den ganzen Erdball; Tausende von Städten, die von grauenvollen Vorstellungen erschüttert waren, gaben sich nun der wil-desten Begeisterung hin; man wusste zu jener Zeit, da ich noch zweifelnd am Rand der Grube stand, schon in Dublin, Edinburgh, Manchester und Bir-mingham. Schon rüsteten die Menschen, die angeblich ihre Arbeit unter-brachen, nur um sich die Hände zu schütteln und zu jubeln, Eisenbahnzüge aus, um nach London zu gelangen. Die Kirchenglocken, die vierzehn Tage lang verstummt waren, fingen die Nachricht auf, und ganz England war ein Glockenläuten. Heruntergekommene Menschen mit eingefallenen Zügen ra-delten geschwind alle Wege entlang, um die unverhoffte Erlösungsbotschaft den hageren, wild starrenden Geschöpfen der Verzweiflung zuzurufen. Und die Lebensmittel! Über den Kanal, über die Irische See, über den Atlanti-schen Ozean brachte man Getreide, Brot und Fleisch, um unsere Not zu lin-dern. In diesen Tagen schien es, als steuerten die Schiffe der ganzen Welt auf London zu. Aber von dem Ganzen wusste ich nichts. Ich irrte umher - ein seines Verstandes beraubter Mann. In einem Hause gütiger Menschen, die mich aufgegriffen hatten, als ich weinend und rasend in den Straßen von St. Johns Wood umherstreifte, kam ich wieder zu mir. Sie erzählten mir, dass ich pausenlos einen sinnlosen Gassenhauer sang, so ähnlich wie „Der letzte, der am Leben blieb, hurra! Der letzte, der am Leben blieb!“ So sehr sie auch von ihren eigenen Angelegenheiten bekümmert waren, belasteten diese Menschen, deren Namen ich nicht nennen darf, so gerne ich ihnen auch meine Dankbarkeit zeigen möchte, sich dennoch auch mit mir, sie gaben mir ein Obdach und beschützten mich vor mir selbst. Offensichtlich hatten sie während der Tage meines Irreseins manches von meinen Erlebnissen von mir erfahren.

Als ich wieder zur Besinnung kam, brachten sie mir sehr sanft das wenige bei, das sie vom Schicksal Leatherheads in Erfahrung bringen konnten. Zwei Tage nach meiner Einkerkerung war das Dorf mit jeder lebenden Seele darin von einem Marsianer zerstört worden. Er hatte es dem Erdboden gleichge- 136


macht, ohne jeden Grund, wie es schien, ganz so, wie etwa ein Junge aus bloßer Lust, seine Macht fühlen zu lassen, einen Ameisenhaufen zertritt.

Ich war ein einsamer Mann, und sie waren sehr gütig zu mir. Ich war einsam und traurig, und dennoch duldeten sie mich bei sich. Nach meiner Erholung blieb ich noch vier Tage bei ihnen. Während dieser ganzen Tage fühlte ich eine unbestimmte, wachsende Sehnsucht, noch einmal, ein letztes Mal, ei-nen Blick auf das wenige zu tun, was von dem kleinen Leben übrig geblieben war, das so hell und glücklich in meiner Vergangenheit geleuchtet hatte. Es war nur eine hoffnungslose Sehnsucht, noch einmal in meinem Jammer schwelgen zu können. Meine Wirtsleute rieten mir ab. Sie taten alles, was sie konnten, um mich von diesem krankhaften Verlangen abzubringen. Aber letztlich konnte ich dieser Eingebung nicht länger widerstehen; ich ver-sprach ihnen fest, zu ihnen zurückzukehren, und verabschiedete mich, wie ich zugeben muss, mit Tränen von diesen Menschen, die mir innerhalb von vier Tagen zu Freunden geworden waren, dann ging ich wieder auf die Stra-ße hinaus, die noch vor kurzem so düster, seltsam und öde gewesen war.

Bereits jetzt aber waren die Straßen wieder erfüllt von zurückströmenden Menschen; hier und da hatten schon wieder Läden geöffnet, und ein Spring-brunnen spendete wieder frisches Wasser.

Ich erinnere mich noch an den fast höhnend schönen Tag, an dem ich meine traurige Pilgerfahrt nach dem kleinen Hause in Woking antrat, wie geschäftig die Straßen waren, wie frisch das Leben sich wieder rings um mich regte. Es war eine solche Unzahl von Menschen, die sich in tausend Beschäftigungen in den Straßen ergingen, dass es kaum zu glauben war, dass ein erwäh-nenswerter Bruchteil der Bevölkerung getötet worden sein konnte. Aber dann fiel mir auf, wie gelb die Haut der Menschen war, wie zerrauft ihr Haar, wie fiebrig glänzend ihre Augen; jeder zweite hatte noch schmutzige Fetzen an. Ihre Gesichter schienen nur zwei Mienen zu kennen - entweder über-schäumenden Jubel und feste Tatkraft oder grimmige Entschlossenheit.

Von dem Ausdruck der Gesichter abgesehen, schien London eine Stadt von Landstreichern zu sein. Die Bezirksämter verteilten wahllos das Brot, das die französische Regierung geschickt hatte. Den wenigen Pferden, die man sah, traten die Rippen unheimlich heraus. Abgemagerte Schutzleute mit weißen Abzeichen waren an jeder Straßenecke postiert. Von dem Schaden, den die Marsleute angerichtet hatten, sah ich nur wenig, bis ich zur Wellington Street kam; dort sah ich wieder das rote Gewächs, das sich an die Strebebö-gen der Waterloo - Brücke anklammerte.

An der Ecke der Brücke nahm ich auch ein Bild wahr, das in jener an krau-sen Gegensätzen überreichen Zeit zum Alltäglichen gehörte. Gegen ein Di-ckicht des roten Gewächses flatterte ein Blatt Papier, festgehalten durch ei-nen Stab, der es durchlöcherte. Es war der Reklamebogen der ersten Zei-tung, die ihren Betrieb wieder aufgenommen hatte: der „Daily Mail“. Für ei-nen geschwärzten Shilling, den ich in meiner Tasche fand, kaufte ich mir ein Blatt. Der größte Teil des Blattes war leer; aber der einsame Verfasser, der es 137


herausbrachte, hatte sich damit vergnügt, das stereotype Schema eines „Kleinen Anzeigers“ auf die Rückseite zu drucken. Der eigentliche Inhalt be-stand aus Empfindungen; der Nachrichtendienst hatte noch nicht seinen Weg zurückgefunden. Ich erfuhr nichts Neues, außer dass schon binnen ei-ner Woche die Prüfung der Werkzeuge der Marsianer zu erstaunlichen Er-gebnissen geführt hatte.

Unter anderem versicherte die Zeitung, dass das Geheimnis des Fluges ent-deckt worden sei, was ich damals noch nicht glaubte. Im Bahnhof Waterloo fand ich schon die kostenlosen Züge bereitstehen, welche die Leute in ihre Heimatorte bringen sollten. Der erste Ansturm war schon vorbei. Es saßen nur wenige Leute im Zug, und ich war nicht in der Stimmung, hin und wie-der Gespräche anzuknüpfen. Ich erhielt ein Abteil des Wagens für mich al-lein und blickte mit verschränkten Armen trüb auf die vom Sonnenlicht er-hellten Bilder der Verwüstung, die an den Fenstern vorbeijagten. Gerade au-ßerhalb des Bahnhofes polterte der Zug über provisorisch gelegte Schienen, und auf jeder Seite des Bahndammes lagen die Häuser in rauchgeschwärz-ten Trümmern. Bis Clapham Junction war das Antlitz Londons von schwar-zem Rauch verdunkelt, trotz zweier Tage heftigen Gewitterregens; und in Claphani Junction war die Bahnstrecke wieder zerstört. Ich sah Hunderte von arbeitslosen Schreibern und Ladenburschen, die sich Seite an Seite mit den einfachen Arbeitern mit der Ausbesserung der schadhaften Stellen be-schäftigten; wir polterten lange Zeit über eilig angelegte Dämme.

Die ganze Bahnlinie entlang bot das Land einen trostlosen, fremdartigen An-blick. Besonders Wimbledon hatte schwer gelitten. Dank des Widerstandes seiner Fichtenwälder schien von allen Ortschaften an der Bahnlinie Walton am wenigsten von der Verwüstung getroffen worden zu sein. Der Wandle, der Mole, jeder kleine Bach war nichts als eine aufgetürmte Menge roten Ge-wächses, dessen Farbe in der Mitte zwischen frischgeschlachtetem Fleisch und Rotkohl lag. Die Nadelwälder von Surrey aber waren zu trocken für die Gehänge des roten Schlinggewächses. Hinter Wimbledon sah man mitten in einem Blumengarten die großen Erdhügel, die der sechste Zylinder aufge-worfen hatte. Eine Reihe von Leuten stand um die Grube herum, und einige Pioniere waren in voller Tätigkeit. Direkt daneben hatte man die britische Fahne aufgepflanzt, die lustig im Morgenwind flatterte. Die Baumschulen waren rot vom roten Gewächs, eine weitgedehnte Fläche schreienden Rots, von Schatten aus Purpur unterbrochen; diese Farbenmischungen taten den Augen geradezu weh. Meine Blicke wandten sich mit größter Erleichterung von dem versengten Grau und dem düsteren Rot des Vordergrundes dem sanften Blaugrün der östlichen Hügel zu.

Der Fahrdamm der nach London gerichteten Seite des Wokinger Bahnhofs war noch nicht völlig wiederhergestellt; daher musste ich in Byfleet ausstei-gen. Ich schlug den Weg nach Maybury ein, an der Stelle vorbei, an der ich und der Artillerist mit den Husaren gesprochen hatten, und weiter den Weg, an dem ich mitten im Gewitter dem Marsianer begegnet war. Neugierig ging ich zur Seite und fand in einem Gewirre roten Geästes einen verbogenen und zerbrochenen Wagen und die weißen zernagten Knochen des Pferdes, die 138


verstreut herumlagen. Eine Weile blieb ich stehen, in den Anblick dieser Spuren versunken.

Dann kehrte ich, oft halstief im roten Gewächs watend, durch den Fichten-hain zurück und bemerkte, dass der Wirt vom „Geflechten Hund“ bereits be-stattet worden war. Und so kam ich am „College-Wappen“ vorbei zu meinem Haus. Ein Mann, der an der offenen Tür seines Häuschens stand, grüßte mich mit Namen, als ich vorüberging.

Ich sah auf mein Haus, von einem jähen Hoffnungsstrahl durchzuckt, der sofort wieder schwand. Das Tor war aufgesprengt worden; es war nur ange-lehnt und öffnete sich langsam, als ich näher kam.

Das Tor fiel wieder zu. Die Vorhänge des Arbeitszimmers flatterten durch das offene Fenster, hinter dem ich und der Artillerist den Anbruch des Tages er-wartet hatten. Niemand hatte seitdem das Fenster geschlossen. Das zertre-tene Gebüsch war noch genauso, wie ich es vor fast vier Wochen verlassen hatte. Ich stolperte in den Flur, und die Leere des Hauses bedrückte mich. Der Treppenläufer war überall verschoben und verfärbt, wo ich in jener Nacht des Schreckens vor dem Gewitter flüchtend, gekauert hatte, durch-nässt bis auf die Haut. Ich verfolgte die lehmigen Fußtritte die ganze Stiege hinauf.

Ich folgte ihnen bis zu meinem Arbeitszimmer und fand auf meinem Schreib-tisch unter dem selenitenen Briefbeschwerer noch einen Bogen der Arbeit, die ich am Nachmittag der Öffnung des ersten Zylinders liegengelassen hat-te.

Eine Zeitlang stand ich da und las in dieser im Stich gelassenen Arbeit. Sie bestand in einer Abhandlung über die wahrscheinliche Übereinstimmung der Entwicklung sittlicher Vorstellungen mit der Entwicklung der Zivilisati-on; der letzte Satz war der Anfang einer Prophezeiung: „In etwa zweihundert Jahren“, hatte ich geschrieben, „dürften wir erwarten - -“ Der Satz brach plötzlich ab. Ich erinnerte mich an mein Unvermögen, an jenem Morgen, seit dem kaum ein Monat verstrichen war, meine Gedanken zusammenzuhalten; ich erinnerte mich, wie ich plötzlich abgebrochen hatte, um mir mein „Daily Chronicle“ von dem Zeitungsjungen zu holen. Ich erinnerte mich, wie ich zur Gartentür hinunterging, als der Junge herankam, und wie ich seinen son-derbaren Bericht von den „Männern vom Mars“ anhörte.

Ich ging wieder hinab und kam ins Esszimmer. Dort lagen der Hammelbra-ten und das Brot, beides nun längst verdorben, und eine umgeworfene Bier-flasche, genau so, wie ich und der Artillerist dies alles verlassen hatten. Mein Heim war verödet. Ich begriff nun, wie unsinnig die leise Hoffnung war, der ich mich so lange hingegeben hatte. Und jetzt geschah etwas Seltsames. „Es ist umsonst“, hörte ich eine Stimme sagen. „Das Haus ist verlassen. In den letzten zehn Tagen ist niemand hier gewesen. Du sollst nicht länger hier bleiben und dich quälen. Niemand ist entkommen als du.“ 139


Ich fuhr zurück. Hatte ich in Gedanken laut gesprochen? Ich kehrte mich um und sah, dass die Glastüre offen stand. Ich trat einen Schritt vor und blickte hinaus.

Und da standen, erstaunt und erschreckt, so wie ich erstaunt und er-schreckt dastand, mein Vetter und meine Frau - meine Frau, bleich und oh-ne Tränen. Sie stieß einen schwachen Schrei aus.

„Ich kam“, sagte sie. „Ich wusste es - ich wusste -“

Sie griff mit der Hand nach ihrem Hals und schwankte. Ich trat einen Schritt vor und fing sie in meinen Armen auf.


SchlusswortEdit

Nun, da ich meinen Bericht abschließe, bedauere ich es sehr, dass ich so wenig in der Lage bin, zur Klärung der vielen strittigen und bis heute unge-lösten Fragen beizutragen. In einer Beziehung werde ich ohne Zweifel Wider-spruch hervorrufen. Mein eigentliches Wissensgebiet ist die spekulative Phi-losophie. Meine Kenntnisse in vergleichender Physiologie beschränken sich nur auf ein paar Bücher; aber ich glaube, dass die Vermutungen Carvers bezüglich der Ursache des plötzlichen Todes der Marsleute so wahrschein-lich sind, dass sie nahezu den Wert erwiesener Schlussfolgerungen besitzen. Ich habe sie bereits im Laufe meines Berichtes erwähnt.

Das eine zumindest steht fest, dass in keinem einzigen Körper der Marsleu-te, die nach dem Krieg untersucht wurden, andere Bakterien gefunden wur-den als jene, deren irdische Herkunft zweifellos war. Die Tatsache, dass sie nicht einen ihrer Toten beerdigten, und die rücksichtslosen Schlächtereien, die sie veranstalteten, deuteten ebenfalls darauf hin, dass der Vorgang der Fäulnis ihnen vollständig unbekannt war. Aber so wahrscheinlich dies ist, erwiesene Tatsachen sind diese Annahmen noch nicht.

Ebenso kennen wir die Zusammensetzung des schwarzen Rauches noch nicht, dessen sich die Marsianer mit so furchtbarer Wirkung bedienten, und auch der Hitzestrahlgenerator bleibt weiter rätselhaft. Die furchtbaren Un-glücke in den Laboratorien von Ealing und South Kensington haben die Chemiker vor genaueren Untersuchungen des Hitzestrahls zurückschrecken lassen. Die Spektralanalyse des schwarzen Pulvers deutet unverkennbar auf ein unbekanntes Element mit einer leuchtenden Gruppe dreier Linien in Grün hin; es ist möglich, dass es sich mit Argon verbindet, um ein Gemenge zu bilden, das auf irgendeinen Bestandteil des Blutes eine absolut tödliche Wirkung ausübt. Aber diese unbewiesenen Mutmaßungen werden für den großen Leserkreis, an den sich dieser Bericht wendet, kaum interessant sein. Von den braunen Schlammengen, die nach der Zerstörung Shepper-tons die Themse hinabtrieben, wurde damals nichts untersucht; und heute sind sie nicht mehr zu finden. 140



Die Ergebnisse einer anatomischen Prüfung der Marsleute, soweit die he-rumstreichenden Hunde eine solche Prüfung möglich machten, habe ich be-reits mitgeteilt. Aber ein jeder ist mit dem wunderbaren und fast unversehr-ten Exemplar vertraut, welches das Naturhistorische Museum in Spiritus aufbewahrt hat, und mit den zahllosen Zeichnungen, die nach ihm angefer-tigt worden sind. Darüber hinaus aber gehört das Interesse an der Physiolo-gie und der Anatomie der Marsleute auf ein rein wissenschaftliches Gebiet.

Eine weitaus ernstere und allgemeiner interessierende Frage jedoch ist die Möglichkeit eines zweiten Angriffs der Marsleute. Ich glaube nicht, dass die-ser Seite der Frage nur halbwegs ausreichende Beachtung geschenkt wird. Derzeit befindet sich der Planet Mars in der Konjunktion; aber mit jeder Rückkehr in die Opposition sehe ich für meinen Teil eine Wiederholung des Abenteuers voraus. Auf alle Fälle sollten wir vorbereitet sein. Es erscheint mir doch sehr leicht möglich, die Lage des Geschützes, aus dem die Ge-schosse abgefeuert wurden, genau zu bestimmen und eine ständige Bewa-chung dieses Teils des Planeten einzurichten, um so die Möglichkeit eines zweiten Angriffs ins Auge zu fassen.

In diesem Fall könnte der Zylinder durch Dynamit oder mittels Artillerie zer-stört werden, ehe er genügend abgekühlt wäre, um den Marsleuten das Ver-lassen des Zylinders zu ermöglichen; oder sie könnten mit Geschützen sofort niedergemacht werden, sobald die Schraube zu Boden fällt. In meinen Augen haben die Marsleute dadurch, dass ihre erste Unternehmung fehlschlug, ei-nen sehr großen Vorteil eingebüßt. Vielleicht sehen sie es in derselben Wei-se.

Lessing hat einige ausgezeichnete Gründe für die Annahme vorgebracht, dass es den Marsleuten tatsächlich gelungen ist, auf dem Planeten Venus eine Landung zu bewerkstelligen. Es sind sieben Monate her, dass Venus und Mars sich in einer Linie mit der Sonne befanden. Das soll bedeuten: vom Standpunkt eines Beobachters auf der Venus befand sich der Mars in Opposition. In der Folge tauchte ein sonderbar leuchtendes und wellen-förmiges Zeichen auf der unbeschienenen Hälfte des mittleren Planeten auf, und fast zur gleichen Zeit wurde ein schwaches dunkles Zeichen einer ähn-lich wellenförmigen Art auf einem Lichtbild der Marsscheibe wahrgenom-men. Man muss die Zeichnungen dieser Erscheinungen sehen, um die be-merkenswerte Ähnlichkeit wirklich zu würdigen.

Auf jeden Fall aber, ob wir nun einen zweiten Einfall erwarten können oder nicht, mussten unsere Begriffe von der Zukunft der Menschheit durch diese Ereignisse eine totale Änderung erfahren. Wir sehen heute ein, dass wir un-seren Planeten tatsächlich nicht als einen sozusagen eingezäunten und si-cheren Wohnort für die Menschheit betrachten können; wir können das un-erhörte Heil oder Unheil, das unvermutet aus dem Weltraum auf uns he-reinbrechen kann, nie vorhersehen. Es kann sein, dass nach den gewaltige-ren Plänen des Weltalls dieser Überfall vom Mars nicht ohne einen letztend-lichen Segen für die Menschheit stattgefunden hat. 141



Er hat uns jener heiteren Vertrauensseligkeit in die Zukunft beraubt, welche die fruchtbarste Quelle des Verfalles ist; die Bereicherungen, die er der menschlichen Wissenschaft brachte, sind unermesslich; und er hat viel dazu beigetragen, das Gefühl des Gemeinwohles der Menschheit zu befördern. Es mag sein, dass die Marsbewohner über die Unendlichkeit des Weltraumes hinüber das Schicksal ihrer ersten Vorboten beobachtet, dass sie daraus ei-ne Lehre gezogen und auf der Venus eine sicherere Ansiedlung gefunden ha-ben. Doch wie auch immer, das eine steht fest, dass auf viele Jahre hinaus der Eifer, mit dem die Scheibe des Mars beobachtet wird, nicht nachlassen wird. Und jene feurigen Geschosse des Himmels, die Sternschnuppen, wer-den in ihrem Niedergang für alle Erdenkinder stets und unausbleiblich erns-te Mahnzeichen darstellen.

Die Erweiterung des menschlichen Horizontes, die der Marseinfall zur Folge hatte, kann kaum überschätzt werden. Ehe die Zylinder niederfielen, herrschte allgemein die Überzeugung, dass es in den ungeheuren Tiefen des Weltraumes außerhalb der winzigen Oberfläche unseres kleinen Sterns kein Leben geben könne. Heute aber sehen wir weiter. Wenn die Marsleute auf die Venus gelangen können, so ist jeder Grund für die Annahme, dass das den Menschen nicht auch möglich sei, hinfällig. Und wenn die langsame Abküh-lung der Sonne unsere Erde unbewohnbar gemacht haben wird, was schließlich nicht ausbleiben wird, dann kann es sein, dass der Faden des Lebens, der hier seinen Ausgang nahm, sich ausdehnen und unseren Schwesterplaneten in sein Netz ziehen wird. Würden wir siegreich sein?

Schattenhaft und wunderbar ist das Traumgesicht, das ich im Geiste he-raufbeschworen habe: wie das Leben sich allmählich über unser kleines Sa-menbeet des Sonnensystems hinausdehnen wird, hinaus in die unendlichen Weiten des Firmaments. Aber das ist ein ferner Traum. Und wer kann wis-sen, ob die Vernichtung der Marsleute nicht nur einen kurzen Aufschub un-seres endlichen Untergangs bedeutet? Vielleicht gehört ihnen und nicht uns die Zukunft.

Ich muss zugeben, dass die Aufregung und die Not der Zeit in meiner Seele einen bleibenden Zweifel und ein Gefühl der Unsicherheit zurückgelassen haben. Ich sitze in meinem Arbeitszimmer und schreibe beim Lampenschein. Und auf ein mal sehe ich das wieder auflebende Tal unten erneut von zün-gelnden Flammen erfüllt und fühle das Haus hinter mir und um mich herum leer und verödet. Ich gehe hinaus in die Byfleet Road, Fahrzeuge eilen an mir vorbei, ein Metzgerjunge mit seinem Karren, ein Wagen voll Besucher, ein Arbeiter auf seinem Fahrrad, Kinder, die zur Schule gehen; und plötzlich wird alles verschwommen und unwirklich, und wieder keuche ich mit dem Artilleristen durch die heiße, brütende Stille. Und nachts sehe ich das schwarze Pulver, wie es die schweigenden Straßen verdunkelt, und sehe die verzerrten Leichen im Staube liegen; sie steigen vor mir auf, zerlumpt und von Hunden zerfleischt. Sie lallen und drohen mir, werden blasser, abscheu-licher, wahnwitzige Spottgeburten menschlicher Gebilde - und ich wache auf, in kalten Schweiß gebadet und elend in der Schwärze der Nacht. 142



Ich gehe nach London und sehe das geschäftige Volk in der Fleet Street und am Strand, und nun lastet es mir stets auf der Seele, dass sie alle nur Geis-ter der Vergangenheit seien, die in den Straßen spuken, die ich schweigend und mit Jammer gesehen habe. Dass sie hin- und hergehen, Scheingebilde einer toten Stadt, in einem künstlich belebten Körper, ein Hohn auf das Le-ben. Und merkwürdig ist es, auf dem Primrose Hill zu stehen, wie ich es erst gestern tat, diese riesige Menge von Häusern trüb und blau durch den Schleier von Rauch und Nebel zu erblicken, der endlich in weite Fernen ver-schwindet; alle die Leute zu sehen, die zwischen den Blumenbeeten des Hü-gels hin- und hergehen; die Menschen zu sehen, die gekommen sind, sich die Marsmaschine anzuschauen, die noch immer hier steht; den Lärm der spielenden Kinder zu hören - und sich dann die Zeit wieder ins Gedächtnis zu rufen, als ich das alles hell und scharfgeschnitten, grausam und still in der Dämmerung jenes letzten, großen Tages gesehen habe.

Und seltsamer als das alles ist es für mich, wieder die Hand meiner Frau zu halten und zu denken, dass ich sie, wie sie auch mich, schon zu den Toten gerechnet hatte. 143


Nachwort:


Der Krieg der Welten von H.G. Wells und seine Folgen

Ungeheuer vom Planeten Mars greifen die Erde an! Sie sind uns Menschen überlegen, “un-geheure, kalte und unheimliche Geister", sie beobachten unsere blühende Erde “mit neidi-schen Augen"; die “grauenvolle Hässlichkeit" ihrer Erscheinung erfüllt die Menschen “mit Abscheu und Grauen". Die Zerstörungswut der Marsianer ist “wahllos und allumfassend", unter den Menschen verbreitet sich “eine brüllende Woge der Angst”, und eins ist klar: diese Ereignisse bedeuten den “Anfang vom Ende der Zivilisation". Die Marsianer, die sich zudem noch von menschlichem Blut ernähren, gehen zwar schließlich an irdischen Bakterien zu-grunde, weil der marsianische Organismus keine Widerstandskräfte gegen sie bilden kann, man sollte jedoch mit der “Möglichkeit eines zweiten Angriffs" rechnen, und: “Auf alle Fälle sollten wir vorbereitet sein". So steht es in Herbert George Wells Roman “Der Krieg der Wel-ten", der 1897 zuerst in Fortsetzungen publiziert, 1898, also vor 100 Jahren, erstmals in London in Buchform erschien. Bereits im gleichen Jahr bringen zwei amerikanische Zeitun-gen eine blutrünstig zurechtgestutzte und von London nach Amerika verlegte Version des Romans wiederum in Fortsetzungen. 1902 erschien der Roman erstmals (in Wien) in deut-scher Sprache; er wurde auch in zahlreiche andere Sprachen übersetzt.


Die Bedrohung von Außen als Schema

Seit seinem Erscheinen ist nicht nur dieser Roman so rezipiert worden, sondern er hat auch Hunderte von Nachfolgern und Nachahmern gefunden. Das Schema ist einfach: Außerirdi-sche Wesen, Fremdlinge also (“Aliens”), fast immer von grauenvoller äußerer Erscheinung, mindestens aber von roboterhaft kalter Art, greifen die Erde an, um sie zu unterwerfen, richten zuerst unermessliche Zerstörungen an, bis sie schließlich durch einen kühnen Held, durch das tapfere Militär oder durch einen blinden Zufall vertrieben oder vernichtet werden. Die Bedrohung jedoch bleibt, und darum muss man sich auf die mögliche Wiederkehr der bösen Außerirdischen vorbereiten - durch Wohlverhalten bei staatlichen Anordnungen, durch Wachsamkeit und stetes Misstrauen gegenüber allem Andersartigen, durch konse-quente Aufrüstung und andere „Sicherheitsmaßnahmen”.

Das Schema ist nicht nur einfach, sondern leicht übertragbar auf alle möglichen anderen “Eindringlinge” ganz irdischer Art: Neger, Juden, Kommunisten, Ausländer, Asylanten. Und genau diese Übertragungsmechanismen gehören zur Rezeptionsgeschichte und zur Wieder-verwendung dieser Story dazu, diese Kontinuität erst hob den “Krieg der Welten" aus der literarischen Einmaligkeit heraus und machte ihn zum Mythos - dem Mythos der Bedro - hung von außen, der sich nahtlos in diverse politische Strategien des 20. Jahrhunderts einpassen ließ.


Hat Herbert George Wells das gewollt?

Nun, es steht außer Frage, dass Wells es so jedenfalls nicht wollte. Dem 1866 in Bromley, Kent, geborenen und 1946 gestorbenen humanistischen Schriftsteller und Sozialisten Wells, dessen bekannteste Romane “Die Zeitmaschine” und “Die ersten Menschen auf dem Mond” neben dem “Krieg der Welten” waren, lag alles andere am Herzen, nur nicht die Propagie-rung eines reaktionären Zusammenstehens gegenüber allem Fremdartigen und Neuen, und dies ist nicht nur aus seiner allgemeinen Lebensgeschichte und der Summe seines literari-schen Nachlasses von mehr als 100 Romanen und Erzählungen zu rekonstruieren, sondern geht auch aus dem Text des vorliegenden Romans selbst klar hervor. Dass die so plasti-schen und anatomisch penibel genauen Bilder seines Romans ihm geradezu davonlaufen 144


würden, hinein in ein Zeitalter der sich explodierend ausbreitenden optischen Medien und der grenzenlosen optischen Reproduzierbarkeit, hinein auch in ein Zeitalter massivster poli-tischer Indoktrination auch durch Bilder, das konnte er nicht voraussehen. Oder doch?

Die Gefahr der “Auf einen Blick" -Wirkung von Bildern zumindest hat er gesehen, wenn er - in der Gestalt des in der Ichform berichtenden Chronisten des “Kriegs der Welten”- eine fiktive wissenschaftliche Darstellung jener Ereignisse deshalb kritisiert, weil dort ein markt-schreierisch verfälschendes Bild der Marsianer zu finden sei: “Für meine Begriffe hätte die Schrift ohne das Bild an Wert gewonnen.” Und tatsächlich geht aus vielen Formulierungen des Romans sehr deutlich hervor, dass die grauenvolle Bildlichkeit der Marsinvasion und aller ihrer Begleiterscheinungen lediglich Mittel zum Zweck waren, um psychologische Dis-positionen und gesellschaftliche Widersprüche der Menschheit um die Jahrhundertwende darzustellen - als ein warnendes Beispiel.

Schon nach der Landung des ersten Marsgeschosses, als sich Gaffer an der Absturzstelle des ersten Flugzylinders, der Horsell-Weide zu schaffen machen, wird eine Kompanie Solda-ten aufgeboten, “welche jene fremdartigen Geschöpfe vor Gewalttätigkeit schützen sollte". Als es dann aber doch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt, fragt der Begleiter des Erzählers entsetzt: ,,Wer sind diese Marsleute?", worauf dieser vieldeutig zurückfragt: “Wer sind wir?” Ja selbst die Tatsache, dass die Nahrungsaufnahme der Marsianer mittels einer lnfusion frischen menschlichen Blutes in ihre eigenen Adern vor sich geht, wird von Wells nicht zu einem Gruselspektakel ausgewalzt, sondern sogleich selbstkritisch reflek-tiert: “Die bloße Vorstellung dieses Vorgangs erscheint uns ohne Zweifel grauenhaft und abstoßend, aber wir sollten uns, denke ich, zugleich erinnern, wie widerwärtig unsere fleischfressenden Gewohnheiten einem vernunftbegabten Kaninchen erscheinen würden.”

Als schließlich “unsere mikroskopischen Verbündeten”, die Bakterien und Viren, den Mar-sianern den Garaus machen - der Erzähler verhehlt auch hier sein Mitleid angesichts dieses grauenvollen Dahinsiechens nicht -, ist dies Anlass einer geradezu appellhaften Bemer-kung: wenn es eine Lehre aus der glücklich überstandenen Marsinvasion gebe, dann diese, gegenüber den dem Menschen und seiner Herrschaft ausgelieferten Tieren Barmherzigkeit walten zu lassen, auf dass es nicht uns dereinst, als Ungeziefer unter dem Tritt einer ande-ren “Herrenrasse", ebenso ergehe wie jenen.

Selbst die äußere Erscheinung der Marsianer und ihr Verhalten ist nicht Horror an sich, sondern Parabel: “Sie waren Köpfe, nichts als Köpfe” heißt es da, ihre menschenverachten-de Kälte und auch ihr schließlicher Untergang werden als logische Konsequenz der Unter-drückung der animalischen und emotionalen Seite des Menschseins durch einen sich verselbständigten Geist gesehen. Zwar hält Wells auch eine rein physikalische Begründung für die Aggression der Marsianer bereit - alles ist bei ihm logisch begründet, im Gegensatz zu den meisten seiner Nachahmer-, aber auch dies ist Baustein einer eher weltanschaulich motivierten Plausibilität: die Menschen sind nicht von Natur aus böse, sie werden durch die Umstände dazu gemacht, in diesem Fall den Umstand der fortschreitenden Erkaltung des Heimatplaneten. Den Menschen wird dieses Schicksal dereinst auch blühen; wie werden sie sich verhalten? Das Aufwerfen dieser Frage durch Wells ist Warnung genug. Kein Horror-, sondern ein antiutopischer Warnungsroman also?

Hierzu muss man sehen, wie die Situation und die Kenntnisse von H.G.Wells vor 100 Jah-ren aussahen. Der Autor ist durch seine Vielzahl von Veröffentlichungen dafür bekannt, dass er seinen Büchern eine möglichst genaue wissenschaftliche Grundlage gab. Glaubte Wells vielleicht selbst an ein Leben auf dem Mars?


Die wissenschaftliche Situation vor 100 Jahren

Mit der Erfindung des Teleskops im Jahre 1608 wurde es schnell klar, dass der Mond und die Planeten Welten waren, wie es die unsere ist. Der erste Gedanke war, diese müssten 145


auch bewohnt sein, sie müssten u.U. intelligentes, quasi menschliches Leben beherbergen. Hätte Gott seine Zeit damit verschwendet, leere und tote Welten zu schaffen?

Die nächste dieser anderen Welten war der Mond und es wurde Mitte des 17. Jahrhunderts klar, war ohne Atmosphäre und Wasser und deshalb eine tote Welt. Nichtsdestotrotz er-schien noch 200 Jahre später, im Jahre 1835 in der New York Sun eine Serie von Artikeln, die das Leben auf dem Mond darstellten und weitgehend akzeptiert wurden.


Leben auf dem Mars?

Von den anderen Planeten erschien der Mars als der Erde am ähnlichsten. Da der Mars kleiner und weiter von der Sonne entfernt ist, musste es dort auch kälter als bei uns sein und die Anziehungskraft beträgt gerade 2/5 der Erdanziehung. Dennoch: Mars rotiert in 24,6 Stunden um seine Achse, gegenüber 24 Stunden bei der Erde; die Achsenneigung des Mars beträgt 25 Grad gegenüber 23,5 Grad bei der Erde, was bedeuten musste, dass der Mars Tage wie die Erde kennt und genau solche Jahreszeiten, die allerdings doppelt so lan-ge dauern, wie auf der Erde. Außerdem hat Mars eine Atmosphäre sowie Wasser, das sich an den Polkappen als Eis sammelt. Weiterhin waren dunklere und hellere Stellen erkennbar und Astronomen versuchten sich an einer Kartographierung der Marsoberfläche, konnten jedoch nicht klar genug etwas erkennen. Die Teleskoptechnik entwickelte sich jedoch weiter und 1878, als der Mars seine größte Erdnähe erreichte, zeichnete der italienische Astronom Giovanni Virginio Schiaparelli eine Marskarte, die für rund 100 Jahre Gültigkeit behielt. Schiaparelli notierte auch, dass dünne dunkle Linien auf der Marsoberfläche zu erkennen waren; er dachte, sie seien Wasserwege und nannte sie Kanäle. Ein amerikanischer Astro-nom, Percival Lowell, gründete ein Observatorium in Arizona und widmete sich der Marser-forschung. Er sah viele „Kanäle“ und entwarf sorgfältige Pläne. Es schien ihm, dass diese Kanäle von hochentwickelten Wesen auf dem Mars konstruiert worden waren. Seine Vor-stellung war etwa die folgende: da der Mars kleiner als die Erde und die Gravitation deshalb geringer ist, kann es die Atmosphäre und Feuchtigkeit nicht so gut wie die Erde halten und droht daher auszutrocknen. Die intelligenten Marsbewohner, die für ihre Agrikultur Wasser benötigten, bauten deshalb große Kanäle zur künstlichen Bewässerung des Landes, ausge-hend von den Wassermassen an den Polkappen. 1894 veröffentlichte Lowell seine Vorstel-lungen in einem Buch mit dem Titel „Mars“.

H.G.Wells hat dieses Buch sicherlich gelesen und entwickelte diese Vorstellungen weiter. Wenn die marsianische Technik weit genug war, weltumspannende Kanalnetze zu bauen, war sie sicher auch weit genug, um Methoden zum interplanetaren Flug zu entwickeln. Und wenn ihr eigener Planet des Wassers dringend bedarf, was lag dann näher als der sehn-süchtige Blick auf die an Wasser reiche Erde.

Natürlich haben sich diese Vorstellungen letztlich als unrichtig herausgestellt. Auf dem Mars leben keine intelligenten Wesen, auch die „Kanäle“, die Lowell zu sehen glaubte, stell-ten sich nach den ersten Reisen unbemannten Sonden zum Mond als Illusion heraus. Und die Polkappen bestanden tatsächlich überwiegend aus gefrorenem Kohlendioxid. Selbst die amerikanische Marssonde Pathfinder fand im Jahre 1997 keine neuen bestandskräftigen Beweise für Leben auf dem Mars, selbst in seiner existenziellsten Form.


Wollte Wells den Menschen einen Spiegel vorhalten?

Nichtsdestotrotz, der Roman bleibt eine Geschichte mit einem immensen Horrorpotential. Wollte Wells vielleicht der Menschheit des ausgehenden 19. Jahrhunderts einen Spiegel vorhalten?

Dass es hier nicht um eine schlichte Sensationsgeschichte ging, zeigt schon die Tatsache der Vorwegnahme des glücklichen Endes der Invasion: der Leser weiß von Anbeginn an, 146


dass die Heimsuchung vorübergehen wird und der Autor hält auch die Gefühle seiner Leser im Zaume: “Und bevor wir sie (die Marsianer) zu hart beurteilen, müssen wir uns erinnern, mit welcher schonungslosen und grausamen Vernichtung unsere eigene Gattung nicht nur gegen Tiere wie den verschwundenen Bison und den Dodo, sondern gegen unsere eigenen eingeborenen Rassen gewütet hat... Sind wir solche Apostel der Gnade, dass wir uns bekla-gen dürfen, wenn die Marsleute uns in demselben Geist bekriegen?”

Erinnern wir uns an die Weltlage zum ausgehenden 19. Jahrhundert. Bis in das 15. Jahr-hundert hinein spielte Europa nur eine untergeordnete Rolle in der Welt. Die asiatischen Zivilisationen waren weiter entwickelt, stärker und reicher. China war während des Mittelal-ters die am weitesten entwickelte Nation, hatte zahlreiche Erfindungen gemacht, einschließ-lich des Marinekompasses, des Schwarzpulvers und der Druckkunst. Als diese Erfindungen in die Hände der Europäer fielen, benutzten sie diese u.a. für lange Seereisen und zur Her-stellung von Waffen, die die ersten Massenvernichtungswaffen wurden. Beginnend mit dem 15. Jahrhundert segeln die Schiffe von Portugal und Spanien, später auch von Frankreich, England und Holland durch die Ozeane, um neue Welten zu entdecken. Was immer sie vor-fanden, waren eingeborene Rassen, die der Beweglichkeit der Schiffe der „Weißen“ und ih-ren Waffen nicht standhalten konnten. Und dank der Druckkunst wurde der technologische Abstand zwischen den Europäern und Nichteuropäern ständig größer. Das Ergebnis ist be - kannt: die Europäer übernahmen die englischen Kontinente, die Zivilisationen von Mexiko und Peru, die Azteken und Inkas wurden ausradiert. In den Regionen Amerikas, in denen die englischsprachigen Siedler einfielen, wurden die Indianer zuerst vertrieben, dann nahe-zu ausgerottet. Die heute in Nordamerika lebenden Indianer sind zwar zahlenmäßig größer als sie vor 500 Jahren waren, aber sie sind die verelendeten Nachkommen weniger südwestlicher Stämme; die meisten der ehemals 500 Nationen wurden ausgerottet.

Dem Rest der Welt ging es nicht besser. Die Europäer errichteten Handelsposten rund um die Küsten Afrikas und Asiens und bezeichneten die Eingeborenen als minderwertig. Die Portugiesen und andere europäische Nationen betrieben einen für sie einträglichen, für die dort lebenden Völker katastrophalen Sklavenhandel in Westafrika. Australien wurde „ent-deckt“ und durch die Briten übernommen, ohne Rücksicht auf die dort lebenden Aborigi-nals. Wells selbst erwähnt in seinem Buch die Ausrottung der Aboriginal in Tasmanien, einer Insel im Süden des australischen Kontinents. Indien wurde Kolonialgebiet der Briten und die ostindischen Inseln wurden von den Holländern übernommen. China wurde ge-zwungen, abenteuerliche Bedingungen gegenüber den Europäern, den „fremden Teufeln“ zu akzeptieren.

Mitte des 19. Jahrhunderts waren die europäischen Staaten in der Lage, das Innere von Afrika unter sich aufzuteilen, ohne Rücksicht auf die schwarzafrikanischen Völker. 1898, im Jahr der Buchveröffentlichung von H.G.Wells, waren in Afrika nur 2 Staaten unabhän-gig, Liberia und Äthiopien, und diese waren ohne echte Macht. China und Lateinamerika waren nominal unabhängig, aber unter europäischer Kontrolle. Die einzig wirklich unab-hängige Nation waren die USA, und diese war dominiert von Menschen, die aus Europa stammten.

Für die nichteuropäischen Menschen und Völker, insbesondere die afrikanischen, muss das 19. Jahrhundert so erschienen sein, dass Geister, ihnen gegenüber so überlegen wie sie den Tieren, ungeheure, kalte und unheimliche Geister, mit neidischen Augen auf ihr Land blick-ten und langsam und sicher ihre Pläne gegen sie schmiedeten. Sicher erschien diesen Be-wohnern das Ankommen der europäischen Schiffe und ihrer Soldaten wie eine Marsinvasi-on uns heute erscheinen würde. Sie hatten den Europäern nichts getan, sie nicht bedroht, und plötzlich wurden sie überrannt, ihr Land wurde ihnen weggenommen und sie selbst in den Staub getreten, unterdrückt, ohne jedes Recht.

Wells muss sein Buch in einer Weise geschrieben haben wollen, die Bösartigkeit dieses Ver-haltens darzustellen. Er muss gerade seinen eigenen Landsleuten demonstriert haben wol-len, was sie mit der Welt anstellten. Am Ende des 19. Jahrhunderts herrschte Großbritan- 147


nien über ein Viertel der Landfläche und Weltbevölkerung und hatte auch darüber hinaus dominierenden Einfluss.

Wie sonst ist es zu verstehen, dass gerade England zum Ziel der Invasoren wurde, als ein Zeichen ausgleichender Gerechtigkeit für die Verbrechen des Kolonialismus?


Der Krieg der Welten in Nacherzählungen (sog. Pastiches)

Die Mitte der 70er Jahre erschienene Kurzgeschichte von Manly W. und Wade Weinbaum “Sherlock Holmes kontra Mars”, führt die literarischen Universen von H.G. Wells und Ar-thur Conan Doyle, dem Schöpfer von Sherlock Holmes wie auch Professor Challenger zu-sammen. Sie beantwortet endlich die Frage, was eigentlich während der Marsinvasion mit dem großen Detektiv geschah, der damals schließlich auf dem Höhepunkt seines Schaffens stand, sowie, was aus dem verschwundenen Kristallei aus der gleichnamigen Kurzgeschich-te von H.G. Wells wurde. Schließlich ließ sich auch Dr. John Watson, der Chronist von Sherlock Holmes es sich nicht nehmen, Mr. Wells auf einige seiner Ansicht nach unkorrek-ten Einzelheiten in dessen Bericht des Kriegs der Welten hinzuweisen.

Kevin Anderson veröffentlichte 1996 in den USA eine Anthologie mit dem Titel „War of the Worlds - global dispatches“ (Krieg der Welten - weltweite Begebenheiten) mit 19 Kurzge-schichten, die die Ereignisse, die H.G.Wells schildert, aus der Perspektive anderer Personen der Zeitgeschichte darstellt, z.B. Jules Verne, Mark Twain, Albert Einstein, Pablo Picasso, Percival Lowell, Leo Tolstoy u.a. Hier wird in Form von Pastiches, Nacherzählungen im Stile früherer Autoren berichtet, wie die Marsianer auch an anderen Stellen der Welt einfielen und wie die Ereignisse dort wahrgenommen wurden. Hierbei kommen bisweilen recht kurz-weilige Stücke zusammen, z.B. wenn die Witwe des chinesischen Kaisers die Ankunft der neuen „fremden Teufel“, der Marsianer schildert, die die anderen fremden Teufel, die euro-päischen Eindringlinge in China, auslöschen und nach ihrer eigenen Vernichtung letztlich China (wie im übrigen auch Afrika und Indien) einen von den Kolonialmächten befreiten eigenen Entwicklungsweg in die Jetztzeit ebenen. Auch recht lustige Begebenheiten, wie der Kampf der Texasrangers gegen die dort eingefallenen Marsianer (mit Hilfe von Dynamit) sind in der Sammlung enthalten.

Das Buch enthält in seiner zahlreichen Geschichten von der Landung der Marsianer, die hiernach auf dem ganzen Globus einfielen, einen interessanten Entwurf einer alternativen Entwicklung der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, als Folge der Bedrohung von außen die Vereinigung der Menschheit in einer nie gekannten Art und Weise stattfand, einer Welt, die die beiden Weltkriege nie kannte, in der Russland einen frühen Weg in die Demokratie fand, in der die Vereinten Nationen bereits Anfang des 20. Jahrhunderts die Weltregierung übernahmen, in der die erbeutete Marstechnologie der Entwicklung der Raumfahrt wie auch der Technik im allgemeinen einen großen Fortschritt brachte.

Auch in mehreren Comics wurden die Geschehnisse der Marsinvasion in optisch aufreizen-der Art dargestellt, z.B. 1955 in der Reihe “Illustrierte Klassiker”.

Der Krieg der Welten als Hörspiel

Eine der bekanntesten Adaptionen des Kriegs der Welten erfolgte am 30. Oktober 1938 in der amerikanischen Radiostation CBS, als die inzwischen berühmte Funkfassung von Ho-ward Koch in der Regie des damals 23jährigen Orson Welles, die als Hörspiel angekündigt, aber wie ein Tatsachenbericht mit lnterviews und anderen „O -Tönen” aufgezogen wurde und eine Massenhysterie verursacht haben soll. Die Landung der Marsianer war in dieser Hör-spielfassung nach New Jersey verlegt worden. Seinerzeit soll es in New York zu tumultarti-gen Szenen gekommen sein; Kinos brachen ihre Vorstellung ab, Tausende riefen die Polizei, die Zeitungen und die Rundfunkstationen an. Mit Lautsprecherwagen hätten die Polizeibe- 148


hörden versucht, die Panik zu unterbinden. Diese Hysterie beruhte, wir auch damals schon Leitartikler feststellten, auf der Atmosphäre des in Europa befürchteten Kriegsausbruches, nur hierdurch war es möglich geworden, dass Abertausende unter Ausschaltung aller Rati-onalität an eine phantastische Bedrohung glaubten und dementsprechend reagierten.

Spätere Untersuchungen dieser Vorfälle haben diese jedoch etwas relativiert: die angebliche Massenhysterie war selbst wiederum eine vom Massenmedium Rundfunk produzierte Show, die sich gleichsam aus der eigenen Fiktion heraus gebar und dann zu einer begrenzten Wirklichkeit wurde. Im Jahre 1976 erschien ein Fernsehfilm über das Hörspiel und seine (angeblichen oder tatsächlichen) Wirkungen, der unter dem Titel “Die Nacht, als die Mars-menschen Amerika angriffen” auch über die deutschen Fernsehschirme flimmerte. Auch Woody Allen adaptierte 1987 das Hörspiel von Orson Welles, als er zwei der Akteure seines Spielfilms “Radio Days” im Nebel in der Nähe von New Jersey infolge eines leeren Benzin-tanks stranden lässt und der Verführungsversuch seitens eines Vorstadtcasanovas durch die am Radio mitgehörte “Marsinvasion” kläglich scheitert, da sich der Verführer in Panik in den Nebel stürzt. Die Sitzengelassene lässt dem Anrufer Tage später ausrichten, sie könne ihn nicht mehr treffen, denn sie habe einen Marsmenschen geheiratet.


Der Krieg der Welten im Film

Hollywood brauchte rund 55 Jahre nach Erscheinen des Buches, bis 1953 die Verfilmung unter der Regie von Byron Haskin unter dem Titel “The war of the worlds”, in der deutschen Übersetzung “Kampf der Welten” erschien. Die gefilmte Version ging mit dem Originalstoff noch etwas ruppiger um als die legendäre Hörspielfassung, die Orson Welles 1938 auf die Bewohner New Yorks losließ: Hatte Welles die Invasion der Marsianer aus der Gegend von London nach New Jersey verlegt, wählte der Produzent George Pal für seinen Film Kalifor-nien. Er machte aus den dreibeinigen marsianischen Kampfmaschinen rochenähnliche flie-gende Untertassen mit schwanenhälsigen Strahlenwerfern, und aus den Marsianern selbst, die ursprünglich schwabbelige Oktopoden waren, Geschöpfe, die wie Kröten aussahen. Flie-gende Untertassen waren zu Anfang der Fünfziger Jahre ein beliebtes Gesprächsthema (“A-rea 51”, der Roswell-Zwischenfall usw.) und George Pal empfand es wohl als gute Idee, dem Film einen zusätzlichen Aufhänger zu geben. Der Film enthält einige ziemlich angsterzeu-gende und manche beeindruckend destruktive Szenen.

Die Filmhandlung in kurzer Zusammenfassung: In der Nähe einer kalifornischen Kleinstadt landet ein außerirdisches Raumschiff, das offenbar vom Planeten Mars kommt. Als eine kleine Abordnung dem Raumschiff entgegentritt, wird sie prompt von einem aufblitzenden Todesstrahl vernichtet. Auch ein gutgläubiger Prediger, der den Fremden eine Friedensbot-schaft überbringen will, erleidet das gleiche Schicksal. Nun weiß man, dass die Besucher nichts Gutes im Schilde führen. Recht bald schwärmen Beiboote aus und vernichten alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Die Armee ist machtlos. Nicht einmal die gefürchtete A-tombombe kann den Vormarsch der Invasoren aufhalten. Der Atomphysiker Forrester und die junge Sylvia van Buren versuchen, wie der Rest der Menschheit, irgendwo einen siche-ren Unterschlupf zu finden. Sie finden schließlich ein altes Kirchengemäuer, in dem eine Gruppe ängstlicher Überlebender betend auf das Ende wartet. Während um sie herum die Welt in Scherben fällt und jede Hoffnung auf Rettung hat fahren lassen, verstummen uner-wartet die Motorengeräusche der angreifenden Marsschiffe. Der Krieg ist zu Ende: Die au-ßerirdischen Invasoren sind einer gewöhnlichen irdischen Infektionserkrankung zum Opfer gefallen.


1996: dies war das Jahr, in dem wir zurückschlugen. Der US-Spielfilm “Independence Day”, unter der Regie von Roland Emmerich, ist der Kassenschlager des Jahres und der Invasi-onsfilm überhaupt. Obwohl anders als in dem Spielfilm aus dem Jahre 1953 die Literatur-vorlage von H.G. Wells nicht erwähnt wird, sind die Parallelen unverkennbar; die außerirdi-schen Invasoren sind ähnlich grauenhaft, sie sind immun gegen alle Waffen der Menschheit (einschl. der Atombombe - eine Rezeption des Spielfilmmotivs von George Pal) und die Ret- 149


tung der Menschheit ist schließlich auch hier ein Virus, zeitgemäß natürlich ein Computer-virus, der vom Helden des Films mittels eines Apple-Laptops unter Verwendung des repa-rierten, 1947 havarierten Alienschiffes aus der geheimen Basis Area 51 bei Roswell, in die Zentralanlage der Außerirdischen eingespeist wird. Eine gehörige Portion Patriotismus und eine geschickte Zeitplanung waren Teile des kommerziellen Erfolgs der inhaltlich eher dürf-tigen, aber optisch herausragend inszenierten Story.


Der Krieg der Welten als Musical

1978 kam der ,,Krieg der Welten” als ”Popoper” heraus: Jeff Wayne (Moody Blues) kompo - nierte dieses vergleichsweise harmlose und melodische Opus in einer englischen Fassung mit Richard Burton als Sprecher/Erzähler und 1980 in einer deutschen mit Curd Jürgens; beide erschienen als CD-Doppelalben. 1995 gab es eine technisch aufpolierte Neuauflage mit 4 zusätzlichen neu gemixten Bonustracks. Diese Musicalversion wurde zu einem großen kommerziellen Erfolg, was nicht nur mit der Ohrwurm-Qualität des Titelsongs “the eve oft the war” und des melodischen Stückes “forever autumn” zu tun hatte, sondern auch mit der äußeren Aufmachung des Albums mit fotorealistischen Darstellungen der Romansze-nen, insbesondere des Titelbildes, das den Kampf einer marsianischen Kampfmaschine mit dem Kanonenboot “Thunderchild” darstellt.


Die Ursachen der Sensationsmache

Was die meisten nicht in Buchform erschienenen Adaptionen auszeichnet, ist die Reduzie-rung auf den optischen bzw. akustischen Effekt. Wells doppelbödiges Erzählen, seine Zwei-fel an den seinerzeitigen Fähigkeiten der Menschheit, aus einer solchen Auseinanderset-zung anders denn als Barbaren hervorzugehen, seine humanistischen Appelle - all dies fällt unter den Tisch; es blieb die grelle, prickelnde und Schauer produzierende Bildlichkeit der blutrünstigen Eindringlinge, gegen die - optisch präsent oder ideologisch verdeckt - nur eine starke und wehrhafte Menschheit obsiegen könne, falls nicht ohnehin der Sieg der stär-keren Fremden aus dem Bild heraus und in die horrorgierigen Köpfe hineinsprang, und dann war natürlich die vorher allzu verweichlichte Menschheit selber schuld an ihrem Un-tergang.

Was ist hier geschehen? Haben die diversen Autoren und Bearbeiter den Roman von Her-bert George Wells schlicht absichtlich verfälscht um der puren Sensationsmache willen? Haben sie den philosophischen Kern des Romans einfach gekappt und die oberflächlichen Ruder “laufen lassen"? Oder hat vielleicht doch Wells selbst durch die Wahl dieser Bildlich-keit, die eingangs zitiert wurde, zu eben dieser Entwicklung beigetragen, ja sie regelrecht initiiert?

Die von Wells verwendeten, ja größtenteils sogar von ihm erfundenen und erstmals in der Literatur verwendeten Bilder lassen sich in fünf Komplexe bündeln:

- Die menschenunähnlichen und menschenfeindlichen Monster vom anderen Planeten;

- Der von diesen als Waffe verwendete ,,Hitzestrahl" und ähnliche Lichterscheinungen;

- Giftgas als Kampf- und Ausrottungsmittel;

- Die Menschen als Opfer und/oder Nahrung der Außerirdischen;

- Die Panik der Menschen.

Für alle diese Komplexe gibt es direkte oder übertragbare Erfahrungen im Leben der meis-ten Menschen des 20. Jahrhunderts; insofern haben selbst die zur Trivialisierung geeigne-ten Bilder Wells doch auch eine ganz erhebliche prophetische Qualität. Die Übertragbarkeit resultiert nicht nur auf dem Fortschritt der Technik, vor allem auch der Waffentechnik, die das bei Wells noch Unrealistische bereits innerhalb weniger Jahrzehnte zur alltäglichen Realität werden ließ ferner aus der Tatsache, dass Fotografie und Film das Unerreichbare 150


und Exotische plötzlich hautnah ins Wohnzimmer oder doch in nahe Le-benszusammenhänge (Kino, Wochenschau, Pressefotografie) heranholten. Die Bilder, die Wells ebenso wie andere Schriftsteller zunächst quasi ”rein literarisch", d.h. in den Kopf des Lesers projizierte, sie liegen plötzlich real auf dem Tisch, flimmern beliebig wiederholbar über die Leinwand oder später den Fernsehschirm. Das Fiktive erhält zumindest epische Realität.

Der ,,Hitzestrahl" als bloßes Lichtzeichen oder auch als tatsächliche Waffe - Mündungs-feuer, Flakscheinwerfer, “Weihnachtsbäume" am Himmel bis hin zum Atompilz - ist den Menschen des 20. Jahrhunderts optisch vertraut. Lichtwirkungen sind in allen optischen künstlerischen Medien nicht nur realisierbar, sondern gehören zur Sache selbst. Die Szene-rie der aus ihren Zylindern kriechenden und an ihren Geräten werkelnden, mit Licht- und Hitzestrahlen um sich schießenden Marsianer ist von Wells geradezu für den Film erdacht worden, auch wenn er das natürlich nicht ahnte.

Das Giftgas kann man zwar nicht sehen und auch nicht optisch vergegenwärtigen, aber seine Wirkung war anderthalb Jahrzehnte nach Publikation des Romans bereits offenbar; und eben diese Wirkung springt den Zuschauer aus dem Bild, vor allem dem beweglichen, an. Verzerrte Gesichter, Atemnot, grauenvoll sich windende Sterbende und Berge von Lei-chen - Wochenschau, Fotografie und Horrorfilme haben es gezeigt.

Der Mensch als Opfer oder gar Nahrung andersgearteter oder höherer Lebewesen - dieses Bild gab es auch schon vor Wells. Und es ist ja durchaus irdisch: Haie, Krokodile oder der Kannibalismus haben dieses Schreckbild dem Bewusstsein des Menschen schon lange ein-geprägt. Allerdings hat Wells dieses Bild vom bloßen Betriebsunfall des Lebens auf ein sozi-ales Niveau gehoben, wo es zur unabänderlichen Lebenskonstante wird: Opferdasein, Ver-sklavung oder Ausrottung sind seitens der neuen Herrscher beabsichtigt und unwi-derruflich. Diese Endgültigkeit ist damit nicht nur soziale Perspektive für den Rest des Le-bens (falls es das wenigstens noch gibt), sondern auch bildkräftig genug, um von den opti-schen Medien ausgeschlachtet zu werden: von der Unterdrückung der ”Masse Mensch" bis zum Verspeisen durch den ”Weißen Hai" sind derartige Bilder zu Vorreitern der optischen Trivialkunst geworden, und die technischen Möglichkeiten, mit denen in den letzten Jahr-zehnten Science-fiction- und Horrorfilme produziert wurden, hat das bei Wells fast ver-schämt und eher widerwillig Angedeutete - viktorianische Zensurschere im Kopf des Erzäh-lers - auf die Breitwand geknallt, jegliche Reflexion darüber, was da wirklich passiert, ver-schüttend und durch neue Bilder aus den Köpfen herausfegend.

Ist es also gerechtfertigt, Herbert George Wells als Vorläufer oder gar Initiator kriegerischer Trivialmythen zu sehen? Ja und Nein. Man könnte ihm durchaus vorwerfen, er sei mit der Bildlichkeit seiner Geschichte etwas sorglos umgegangen. Mussten die grauenvollen Mons-ter in Krakengestalt nicht das Missverständnis geradezu provozieren? Und es ist auch merkwürdig, dass während des ganzen Romans nicht einmal der Versuch einer rationalen Kontaktaufnahme erfolgt. Denn der vom Autor selbst fast lächerlich gemachte Versuch des Häufleins mit der weißen Fahne kann ja wohl kaum als ein solcher ernsthafter Kon-taktversuch gelten.

Doch was im Zeitalter der laufenden Bilder aus dem „Krieg der Welten" gemacht wurde, ist nur zum Teil den Ideen Wells zuzuschreiben. Es ist die Tatsache der Visualisierung unseres gesamten kulturellen und ideologischen Zustandes, deren vielfältige Ursachen hier nicht zu diskutieren sind, die aber das Bilderangebot des Wells'schen Romans begierig aufgreifen konnte. Die lmaginationskraft von Wells wurde ins Unermessliche gesteigert, gleichsam zu sich selbst gebracht, zum Höhepunkt ihrer eigenen Kraft - und kippte in ihr Gegenteil um: die literarisch-philosophische Grundlage blieb auf der Strecke.

Was den „Krieg der Welten" von Herbert George Wells betrifft, so ist es nach den ver-schiedenen optischen und akustischen Reproduktionen dieses Kunstwerkes und seiner Nachfolgestücke durchaus sinnvoll, den Text wieder einmal im Original zu lesen. Wells Ap-pell an die Barmherzigkeit gegenüber den Tieren als irdischen Mitbewohnern, sein Tonfall milder Vergebung im Angesicht der grauenvoll und wehrlos verendenden Marsianer, seine 151


bewegenden Schilderungen einer sich nach dem Todessturm wieder regenerierenden Natur - sie klingen uns heute aktuell in den Ohren. Eine Menschheit in idealer Harmonie mit Tie-ren und Pflanzen bis hin zu “unseren mikroskopischen Verbündeten", den Bakterien, konn-te den Angriff der “Marsianer" -“Köpfe, nichts als Köpfe", im Grunde menschliche Köpfe, ideologisch verblendete und versteinerte Machtfiguren - überstehen. Ob sie es ohne diese von Wells postulierte Harmonie schaffen könnte, ist eine Frage, die nicht literarisch oder in visuellen Medien zu beantworten ist, sondern nur durch die Schaffung menschenwürdiger Lebensbedingungen auf diesem Planeten.


Daten zu den Büchern:

Herbert George Wells: Der Krieg der Welten, detebe Taschenbuch, 1974, ISBN 3-257-20171-1 Englischsprachige Ausgabe: The war of the worlds, Penguin Books 1986, ISBN 0-451-52276-1, $ 5,95

Kevin Anderson (Hrsg.:): War of the worlds - global dispatches, Bantam Books 1996, ISBN 0-553-10353-9, $ 22,95; als Taschenbuch: ISBN 0-553-57598-8, $ 6,50

Daten zum Film:

Der Kampf der Welten; USA 1953., Paramount Pictures, 85 Minuten Regie: Byron Haskin. Buch: Barre Lyndon; Darsteller: Gene Barry (Clayton Forrester), Ann Robinson (Sylvia van Buren), Les Tremayne (General Mann), Bob Cornthwaite (Dr. Pryor), Sandro Giglio (Dr. Bilderb-eck), Lewis Martin (Pastor Collins) u.a.; als Videocassette erhältlich bei CIC.

Daten zum Musical: The war of the worlds; Großbritannien 1978, Komponist, Produzent und Dirigent: Jeff Wayne; Texte von Garry Osborne, Jeff Wayne und Paul Vigrass; Spre-cher/Sänger (der englischen Fassung): Richard Burton, Julie Covington, Davis Essex, Justin Hayward, Phil Lynott, Jo Partridge, Chris Thomson; Erschienen als Doppel-CD bei SONY - Columbia;CDX 96000

Deutsche Fassung: Der Krieg der Welten, Sprecher: Curt Jürgens, Doppel-CD SMM 4838592.

Das Hörspiel von Orson Welles aus dem Jahre 1938 ist im Original als CD und Musikkassette erhältlich.

Der Comic „Der Krieg der Welten“ aus dem Jahre 1955 ist in einer deutschen Übersetzung in der Reihe „Illustrierte Klassiker“ im Verlag Illustrierte Klassiker, Hamburg, erschienen.


Zeittafel:

Der Krieg der Welten (War of the worlds)

1898 Herbert George Wells schreibt den Roman „Der Krieg der Welten“ (im Original „War of the worlds“), der die Invasion von Marsbewohnern auf der Erde (speziell in England) am Ende des 19. Jahrhunderts beschreibt.

1938 Orson Welles adaptiert den Romanstoff für ein Hörspiel, welches in den USA zu einer Massenpanik führt.

1947 Eine angebliche Landung Außerirdischer in der Nähe von Roswell, USA, führt zu einer Legendenbildung um einen geheimen US-Stützpunkt „Area 51“, die auch für den Spielfilm „Independence Day“ ausgeschlachtet wird.

1953 Verfilmung des Romanstoffes in den USA. Die Romanhandlung wird für den Film in die USA und die Mitte des 20. Jahrhunderts verlegt. Ein Atombombeneinsatz gegen die Marsianer bleibt erfolglos (diese Szenerie wird ebenfalls 1996 in Roland Emmerichs „Independence Day“ adaptiert). 152


1975 Manly und Wade Weinbaum schreiben eine Kurzgeschichte „Sherlock Holmes vs Mars“ (deutsch: „Sherlock Holmes kontra Mars“), die die Ereignisse aus der Sicht von Sher-lock Holmes kommentiert.

1978 Jeff Waynes (Moody Blues) Musicalfassung des Kriegs der Welten (auf 2 Schallplatten, später 2 CDS). Sprecher ist Richard Burton. Die Titelmelodie „The eve of the war“ wird, da ein echter Ohrwurm, ein großer Hit.

1980 Deutsche Fassung des Musicals mit Curd Jürgens als Sprecher (1997 als Doppel-CD wiederveröffentlicht)

1989 US-Fernsehserie „War of the Worlds“, die an den Spielfilm aus dem Jahre 1953 an-knüpft und die Erlebnisse der damals überlebenden Marsinvasoren darstellt.

1996 Roland Emmerichs US- Spielfilm „Independence Day“ schlägt alle Kassenrekorde. In diesem Spielfilm werden eine außerirdische Invasion kurz vor dem amerikanischen Unab-hängigkeitstag und der erfolgreiche Kampf der Menschheit dagegen gezeigt. Anleihen bei H.G. Wells sind deutlich erkennbar. Anstelle eines Grippe-Viruses (wie bei Wells) sorgt ein Computervirus für den Sieg der Menschen über die Invasoren.

1996 Kevin Anderson veröffentlicht in den USA eine Anthologie mit dem Titel „War of the Worlds - global dispatches“ (Krieg der Welten - weltweite Begebenheiten) mit 19 Kurzge-schichten, die die Ereignisse, die H.G.Wells schildert, aus der Perspektive anderer Personen der Zeitgeschichte darstellt, z.B. Jules Verne, Mark Twain, Albert Einstein, Pablo Picasso, Percival Lowell, Leo Tolstoy u.a.

1997 US-Spielfilm „Mars attacks“, (mit Jack Nicholson als US-Präsident), der sowohl die Geschichte nach H.G. Wells, als auch den Spielfilm „Independence Day“ in absurder Form karikiert.

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